Leipzig ja, Frankfurt nein – einfach so ein Gefühl

Gestern ist es über mich gekommen, als ich im internen Forum der BartBroAuthors ein Thema zur Leipziger Buchmesse gelesen habe. Es ist jetzt ziemlich genau ein halbes Jahr her, dass ich dort gewesen bin und es dauert noch ziemlich genau ein halbes Jahr, bis die Messe wieder ihre Tore öffnen wird. Und bis jetzt hatte ich mir, offen gestanden, noch nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht.

Das lag natürlich an Frankfurt. Frankfurt, die wesentlich größere Messe. Frankfurt, die Messe mit der weltweit größeren Strahlkraft. Frankfurt, das so ganz allmählich anfängt, in aller Munde zu sein.

Frankfurt, das in diesem Jahr auf mich verzichten muss.

Ich hatte ja schon einmal einen Artikel geschrieben und darin zum Ausdruck gebracht, dass ich sehr mit mir gehadert habe, ob ich zur Buchmesse in die Stadt am Main fahren soll, oder ob ich es lieber bleiben lasse. Am Ende kann ich keine plausiblen Gründe benennen, die für mich dagegen sprechen. Ich kann nur sagen, dass ich kein besonders gutes Gefühl dabei habe.

Vielleicht liegt es genau an diesem großen, an diesem ehrfurchtgebietendem. Könnte ja sein, oder? Immerhin bin ich ja nur der klitzekleine Autor, der auf einer Buchmesse wie dieser so gar nichts zu suchen hätte.

Ich weiß, dass das ein eigentlich ziemlich doofes Gefühl ist. Denn ich gehe auf eine Buchmesse ja nicht, weil ich mich da unbedingt zeigen und promoten will (jedenfalls noch nicht, ähem), sondern zuvorderst als Besucher, der sich für Bücher interessiert, der sich vielleicht mit Gleichgesinnten austauschen mag und der, wenn es gut läuft, die eine oder andere Veranstaltung mitnehmen kann, die ihn interessiert.

Aber mein Bauch sagte ganz deutlich „nein“ zu Frankfurt. Und ich bin in den meisten Fällen nicht allzu schlecht damit gefahren, wenn ich auf mein Bauchgefühl gehört habe. Vielleicht kommt Frankfurt auch gefühlt einfach zu schnell auf mich zu, um mich mit der Größe zu arrangieren.

Ganz anders Leipzig. Auch Leipzig ist eine beeindruckende Veranstaltung, wie ihr sicherlich anhand meiner Berichterstattung vom Frühjahr gemerkt haben werdet. Aber es ist so, wie viele es mir vorher prophezeit hatten: Leipzig fühlt sich irgendwie intimer an, selbst wenn man sich die Stände der ganz Großen ansieht.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist natürlich auch, dass ich Leipzig nun schon kenne und weiß, was auf mich zukommt. Okay, das wusste ich vor einem halben Jahr noch nicht und es hat mich trotzdem nicht abgehalten. Aber zweimal den Gang ins Unbekannte, das ist vielleicht ein wenig viel für mich und mein Bauchgefühl.

Nachdem ich also gestern auf dieses Thema im Forum gestoßen war, habe ich mich aus der momentanen Laune heraus auf der Seite von Airbnb nach einer geeigneten Unterkunft umgesehen und hatte das Glück, ein sehr zentral gelegenes Zimmer/Apartment für einen wirklich sehr guten Preis zu finden. Die App von Airbnb hat zwar ein wenig herumgesponnen, aber ich konnte dann doch meine Buchung abschließen, so dass mich die zwei Übernachtungen im kommenden März nur in etwa die Hälfte von dem kosten, was ich dieses Jahr bezahlt habe.

Und wenn ich eins gemerkt habe, dann war es, dass man sich in der Unterkunft sowieso nicht lange aufhält. Und die kurze Zeit verbringt man mit Schlafen, weil man völlig platt vom Messetag ist.

Jetzt muss ich nur noch eine Bahnfahrkarte günstig schießen, was aber erst ab Mitte Oktober geht, weil die Bahn dann erst ihren Winterfahrplan scharf stellt. Und natürlich Urlaub einreichen. Ich könnte meiner Chefin ja bei nächster Gelegenheit schon mal einen entsprechenden Antrag reinreichen 😉 .

Wie dem auch sei, ich freue mich schon mal vorsichtig auf die Veranstaltung im kommenden Jahr. Bis dahin kann ich mir in aller Ruhe überlegen, was ich anders machen will als dieses Jahr, was sich optimieren lässt, was gut war. Und, wer weiß? Vielleicht ergeben sich ja durch die Messe ganz neue Möglichkeiten, Kontakte oder sonst irgendwas, was meinen schriftstellerischen Weg wieder in neue Wege leitet.

Man wird doch träumen dürfen – solange das Bauchgefühl mitspielt.

Und, noch einmal wer weiß? Vielleicht sieht man sich ja, in einem halben Jahr, in Leipzig …

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Das Schreiben der Anderen: „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi

Man könnte glauben, dass im Moment Depressions-Festspiele auf „Mein Traum vom eigenen Buch“ ausgebrochen sind. Aber ich schwöre, dass ich von ganz, ganz anderen Dingen ausgegangen war, als ich mich an den Roman „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi begeben habe. Mehr dazu könnt ihr in der folgenden Rezension lesen.


Im Normalfall gehöre ich zu den Menschen, die sich nicht gerne von Klappentexten dazu animieren lassen, einen Roman zu kaufen. Viel zu oft habe ich schon erlebt, dass das Blaue vom Himmel herunter versprochen wurde und am Ende dann doch in der Hauptsache ein Ballon mit heißer Luft daraus wurde.

„Ballons“ sind ein gutes Stichwort für diesen Roman, denn ausnahmsweise war es eben doch der Klappentext, der die Kaufentscheidung zu 100% angeregt hat.

Da ist also eine Frau, eine trauernde Witwe, die sich in sich selbst vergräbt. Bis eines Tages ein Clown bei ihr erscheint, eine Hüpfburg aufbläst und auch sonst allen möglichen und unmöglichen Schabernack anstellt. Ich gebe zu, als ich das gelesen hatte, war ich auf einen möglicherweise witzigen Fantasyroman eingestellt. Ich meine: Ein Clown? Hüpfburg im Wohnzimmer? Regenbogen?

Aber nein, ich sah mich getäuscht. Zwar merkt man dem Roman von Sarah Ricchizzi an, dass sie eine große Fantasie besitzt, aber er ist zu jedem Zeitpunkt in der Realität verankert. In einer nicht ganz alltäglichen Realität.

Wir lernen Amelie Red kennen, kurz bevor der Clown in ihr Leben tritt. Ihr Mann Mathiew hat sich vor einiger Zeit das Leben genommen und dies hat sie vollkommen aus der Bahn geworfen. Sie geht nirgendwo mehr hin, sie lässt niemanden mehr zu sich ein, sie spricht mit niemandem. Und dann steht eines Tages auf einmal der Clown in ihrem Badezimmer – als sie gerade nackt ist.

Der Clown ist ein älterer Mann, der sich allerdings alle kindliche Infantilität bewahrt hat, die man sich so vorstellen kann. Er bringt Farbe in Amelies leben, indem er die Wände mit Farbeimern bespritzt. Er bläst besagte Hüpfburg auf und schläft darin. Er nutzt den Swimmingpool hinter dem Haus dafür, um die überall herumliegende dreckige Wäsche zu waschen.

Kurz: Er treibt Amelie an allen möglichen und unmöglichen Fronten an ihre Grenzen und ein gutes Stück darüber hinaus. Und im Laufe der Zeit, als sich Clown und Amelie immer besser kennen lernen, stellt sich heraus, dass eine Absicht dahinter steckt.

„Einmal im Jahr für immer“ ist kein Buch, das es seinem Leser einfach macht. Eigentlich ist es sogar ein stellenweise tieftrauriges Buch und wenn die Geschichte nicht immer wieder humoristisch gebrochen würde, wäre es keine leichte Lektüre.

Das war allerdings auch nicht das, was Sarah Ricchizzi vorgeschwebt hat, als sie es schrieb. Schon die Art, in der hier Sprache verwendet wird, deutet darauf hin. Das macht es an manchen Stellen andererseits auch etwas mühselig, der Geschichte zu folgen.

Zumal die Geschichte insgesamt keine ist, der man allzu leicht folgen kann, weil sie zwar überwiegend linear erzählt wird, allerdings etwas hoch Fragmentarisches hat. Es werden einzelne – wichtige – Streiflichter aus dem veränderten Leben Amelies und des Clowns gezeigt. Den übergeordneten Bogen über all das spielt eine gewisse Zeitspanne, die für den Roman Wichtigkeit hat.

Besonders deutlich wird dieses in sich Zerrissene, wenn ab einem gewissen Punkt in der Handlung umfangreiche Briefe Amelies an ihren verstorbenen Mann Teil der Handlung werden. Hier verschwimmen dann teilweise auch die Zeitformen und es ist nicht ganz klar, ob wir uns in einer soeben erlebten Gegenwart aufhalten, oder ob eine schon etwas länger zurückliegende Vergangenheit thematisiert wird.

Aber umso seltsamer war es für mich zu erleben, dass ich eine stringente Geschichte, die ohne Umschweife von A nach B erzählt wird, überhaupt nicht vermisst habe. Denn in „Einmal im Jahr für immer“ geht es um Gefühle, die einfach hervorragend geschildert werden. Es geht um Trauer, es geht um Liebe, es geht um Verlust. Immer wieder nimmt Ricchizzi die verschiedenen Sichtweisen auf ein Kernproblem ein, beziehungsweise lässt ihre Charaktere dies tun.

Dieses Kernproblem lautet Depression und es ist ein Thema, dem man gerade in einem Roman, der ja seiner Natur nach erst einmal unterhalten soll, sehr schwer gerecht werden kann, ohne sich in Allgemeinplätzen zu verlieren. Ganz gelingt dies der Autorin nicht, aber es sind sehr wenige Stellen an denen man gedanklich ins Stolpern gerät und sich fragt, ob das nun „richtig“ ist, was man gerade liest.

Auch dies ist eine Lehre, die man aus dem Roman ziehen kann: Es gibt kein ultimatives Richtig und es gibt kein ultimatives Falsch. Amelie Red stellt sich diesen Dämonen und macht damit im Laufe des Romans eine Entwicklung durch, die absolut nachvollziehbar und glaubhaft ist.

Und irgendwann geht es einem als Leser wie Amelies Eltern im Buch: Der Clown ist einfach anwesend und wird als solches akzeptiert. Ja, es ist geradezu schockierend, wenn an mehreren Stellen zu Tage tritt, dass der Clown eben keine Fantasygestalt sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut ist.

Alles in allem war ich lange der festen Überzeugung, dass ich diesem Roman die Höchstwertung geben würde, aber die wurde leider ganz zum Schluss noch um einen Punkt gedrückt. Denn leider konnte Sarah Ricchizzi der Versuchung nicht wiederstehen, den Beteiligten so eine Art „wrap-up“ zu geben, in dem bis weit in die Zukunft hinein ihr weiterer Lebensweg gezeichnet wird.

Dies tut sie zwar sehr kurz und knapp, aber für mich hat es einiges von der Magie des Augenblicks zerstört, den das eigentliche Ende auf mich ausgeübt hat. Die Geschichte beginnt mit dem Erscheinen und dem Einzug des Clowns und sie sollte daher auch mit seinem Auszug enden. Was danach passiert fügt der Handlung nichts mehr hinzu, es ist ein abarbeiten von Daten auf einem Kalender.

In einem anderen Roman hätte mich dies vielleicht nicht derart gestört, dass ich gleich einen ganzen Punkt abziehe, aber hier ist der emotionale Impact der Szenen, die ich als das eigentliche Ende ansehe, so groß, dass für mich ein bitterer Beigeschmack bleibt. Andere Leser wird dies vermutlich weniger stören als mich, diese können also unbedenklich auf die volle Punktzahl aufrunden.

So oder so ist „Einmal im Jahr für immer“ ein Roman, dessen Lektüre ich empfehlen möchte. Man sollte nur keine Angst vor großen Gefühlen haben!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Die Sümpfe der Traurigkeit

Denjenigen, denen beim Lesen der Überschrift sofort ein Kerzenlicht aufgegangen ist, muss ich nicht lange erzählen, worum es heute geht. Allen anderen muss ich wohl zumindest ein ganz klein wenig auf die Sprünge helfen – wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass sich viele Leser auf meinen Blog verirren, die noch nie von Michael Endes vielleicht schönstem Buch (was man allerdings über fast jedes seiner Bücher sagen kann) „Die unendliche Geschichte“ gehört haben.

„Die unendliche Geschichte“ berichtet von zwei Jungen von etwa zehn Jahren, die viele Gefahren auf sich nehmen, sich selbst und einander gegenübertreten müssen, um am Ende über sich selbst hinauszuwachsen. Einer von ihnen ist eine Figur aus einer Geschichte, der andere ein ganz normaler Junge aus der Menschenwelt.

Eben dieser Junge, der dicke, unsportliche und unbeliebte Bastian Balthasar Bux, raubt einem Antiquar das Buch „Die unendliche Geschichte“, weil er genau auf so eine Geschichte immer schon gewartet hat – eine Geschichte, die niemals zu Ende geht. In ihr liest er von dem gewaltigen Reich Phantásien, das von einem unheimlichen Nichts bedroht wird und sich in Auflösung befindet. Die Herrscherin dieses Reiches, die Kindliche Kaiserin, ist krank und es scheint, dass diese Krankheit der Grund für das Verderben ist, das sich über Phantásien ausbreitet.

Als alle ärztliche Heilkunde versagt hat, wird der weiseste aller Ärzte, der alte Cairon, ausgeschickt, um Atréju aufzusuchen und ihn auf die Große Suche nach einem Heilmittel zu schicken. Atréju ist der andere der beiden Jungen.

Im Laufe der Geschichte erlebt Atréju viele Abenteuer, an denen Bastian immer mehr Anteil nimmt, bis schließlich die Grenzen zwischen der Realität und dem Buch aufbrechen und Bastian selbst nach Phantásien reist, wo er gleichfalls viel erlebt um am Ende doch festzustellen, dass er die ganze Zeit über auf einer Reise zu sich selbst gewesen ist.

Ich kann nicht sagen, wie oft ich diesen Roman gelesen habe. Mit Sicherheit öfter als zehn Mal. Und noch viel häufiger habe ich das gleichnamige Hörspiel gehört, das in den 80ern vom Label Karussell auf drei Kassetten vertrieben wurde. Auch den Film habe ich gesehen, wenn der auch mit dem Buch nicht ganz so viel zu tun hat.

„Die unendliche Geschichte“ hat also immer schon einen gewissen Eindruck auf mich gemacht, kann man sagen. Es ist eines von wenigen Büchern, die sowohl für Kinder als auch für Erwachsene funktionieren – auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

Das habe ich gestern Abend wieder einmal festgestellt.

Im Augenblick lese ich nämlich „Die unendliche Geschichte“ meiner jüngeren Tochter vor. Das kam eher zufällig, weil sie eigentlich bislang kein großes Interesse daran hatte, dass man ihr vorliest. Und so lange Bücher schon gar nicht. Aber gut, jetzt sind wir seit vier Tagen dabei und sie freut sich jeden Abend auf die halbe Stunde, die wir uns so vor dem Schlafengehen abknapsen können.

Gestern nun erreichten wir in der Geschichte zusammen mit Atréju die Sümpfe der Traurigkeit, die diesem Beitrag ihren Namen gaben. Atréju sucht diese Sümpfe auf, weil in ihnen das älteste Geschöpf Phantásiens leben soll, die Uralte Morla. Zusammen mit seinem treuen Pferdchen Artax betritt er die Sümpfe, doch Artax wird bald immer langsamer und bewegt sich irgendwann gar nicht mehr.

Das Pferd bleibt einfach stehen und lässt geschehen, dass es immer weiter in den Morast einsinkt. Atréju, der durch ein Kleinod der Kindlichen Kaiserin geschützt wird, versucht, Artax zu helfen, aber das Pferd sagt ihm, dass es die Traurigkeit einfach nicht mehr aushalten kann und dass es die Traurigkeit ist, die es so schwer gemacht hat, dass es untergeht. Es ist so traurig, dass es nur noch sterben möchte.

Während ich die Szene las, bildete sich in meinem Hals ein Kloß. Denn ich stieß hier, vollkommen unerwartet, auf die vielleicht beste literarische Darstellung des Zustands einer schweren Depression, die ich je gelesen habe. Auf jeden Fall ist es die beste kindgerechte Darstellung dieses Zustands.

Jetzt kann man fragen, wieso es wichtig sein könnte, dass Kinder sich mit solchen Dingen auseinander setzen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zum einen gibt es Kinder, die mittelbar betroffen sind, weil ihnen nahe stehende Bezugspersonen an Depressionen erkranken. Für diese ist es manchmal sehr schwer zu begreifen, was da gerade passiert und wieso Mama, Papa oder sonst jemand auf einmal ganz anders ist als noch zuvor.

Aber es gibt auch genügend Kinder, die, leider, unmittelbar betroffen sind. Denn Depression ist keine Erkrankung, die nur Erwachsene betrifft. Bei manchen Kindern fängt sie leider schon im Grundschulalter an. Sie wird oft nur nicht erkannt, weil sie sich hinter Begleiterkrankungen wie ADHS oder ähnlichem versteckt.

Ich habe mir ein wenig Zeit genommen, um zu recherchieren und bin dabei darauf gestoßen, dass ich vermutlich der Letzte bin, dem diese Zusammenhänge noch nicht klar geworden waren. Aber auch das kann ich erklären. Als ich „Die unendliche Geschichte“ das letzte Mal las, muss das so 2009 gewesen sein. Ich las das Buch damals nämlich meiner älteren Tochter vor.

Und 2009 war das Thema Depression für mich noch keins. Damals lagen diese ganzen Schübe von Traurigkeit, von Selbstzweifeln und allem anderen (ersparen wir uns die Details) wahlweise in einer lange weg geschobenen und vergessenen Vergangenheit, oder in einer viel zu nahen Zukunft.

Mir ist es schlicht und ergreifend nicht aufgefallen. Die Szene in den Sümpfen war für mich eine traurige Szene in einem Kinderbuch, wie es auch anderswo traurige Szenen gab. Sie gehörte eben dazu. Einen tieferen Sinn dahinter habe ich nicht gesucht und entsprechend auch nicht gefunden.

Gestern dann also der Kloß und die plötzliche Erkenntnis. Mir muss niemand sagen, dass gerade die Romane von Michael Ende immer nur so von mehreren Ebenen der Handlungsdeutung wimmeln. Auch nicht, dass es immer einen Subtext gibt. Dass er diese mit einer mitreißenden Handlung verknüpfen konnte, die eben auch „nur“ als Abenteuergeschichte funktioniert, das ist die große Kunst seiner Erzählweise.

Wisst ihr, was meiner Meinung nach dennoch die große Kunst von uns als denen sein muss, die solche Bücher lesen? Wir müssen uns davon frei machen, jetzt nur noch nach Bedeutung zu forschen. Es darf nicht sein, dass wir kollektiv in das Verhalten von Deutsch-LK-Schülern verfallen, die hinter einer großartigen Erzählung immer auf der Suche nach dem sind, was der Autor uns eigentlich sagen wollte.

Michael Ende war jemand, der stets Abstand davon genommen hat, einen moralischen Zeigefinger zu erheben. Das hat er gesagt und das kaufe ich ihm ab. Dass wir dennoch in seinen Romanen eine Moral, eine Bedeutung, einen Subtext, eine zweite und dritte Handlungsebene finden können, das zeigt die Größe seiner Erzählkunst und es zeigt, dass es sich manchmal lohnt, die Sichtweise für einen Moment von den gedruckten Worten aufzuziehen – um dann schnell wieder den Fokus umzuswitchen und einfach ein gutes Buch zu lesen.

So wie meine Tochter gestern im einen Moment traurig war über Artax‘ Tod, um im nächsten Moment über die Redeweise der Uralten Morla zu lachen und dann ein ganz klein wenig Angst zu haben, weil Gmork, der Werwolf, sich auf Atréjus Spur gesetzt hat.

Aber wer weiß, was sie eines Tages in diesem Roman finden wird, wenn sie ihn vielleicht ihren eigenen Kindern vorliest?

Das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden 🙂 .


PS: Wer ganz viel Langeweile Zeit hat und sich richtig in die Deutungsvielfalt der „Unendlichen Geschichte“ eingraben will, dem empfehle ich als Startpunkt diesen Wikipedia-Eintrag.

Der Sonntagsreport vom 17.09.2017 – Noch ein wenig Prokrastination

Hallo zusammen!

Na, habt ihr ein schönes Wochenende gehabt? Das würde mich freuen, denn mit meinem eigenen bin ich nur so halbwegs zufrieden. Nein, streng genommen bin ich mit den vergangenen zwei Wochen nur so halbwegs zufrieden. Wobei – eigentlich ist es totaler Bullshit (entschuldigt mein Französisch), so zu empfinden. Aber was man auch immer mit Empfindungen anfangen kann: Steuern oder gar abschalten kann man sie nur sehr schlecht.

Was also ist passiert?

Eine sehr profane Sache und noch dazu eine, in die ich sehenden Auges und mit bestem Wissen, was geschehen würde, hinein getappt bin.

In der Autorenblase bei Twitter kursiert in den letzten zwei Tagen ein Selbsttest zum Thema Prokrastination, der von einer wissenschaftlichen Ambulanz der Uni Münster entwickelt wurde. Dieser Test soll es ermöglichen, einen Aufschluss darüber zu geben, wie sehr man von verschiedenen, zumeist psychisch bedingten, Charakteristika betroffen ist. Dabei geht es neben der klassischen Prokrastination, von der ich ja hier schon einmal berichtet hatte, auch um Werte wie Depressivität oder Aufmerksamkeitsdefizit.

Also alles Themen, die dazu geeignet sind, einem so richtig den Tag zu vermiesen, wenn die falschen Ergebnisse bei diesem Test herauskommen.

Aber was bin ich auch so bescheuert und mache diesen Test! Ich meine, ich wusste doch im Vorfeld selbst, wie ich wahrscheinlich aus der Auswertung herauskommen würde. Ich kenne mich selbst gut genug und bin es inzwischen seit Jahren gewohnt, mich selbst zu reflektieren und im Rahmen meiner vorhandenen Probleme an mir zu arbeiten. Oder eben auch zu erkennen, wenn es mal nicht ganz so gut läuft.

Und in den letzten zwei Wochen ist es nicht so gut gelaufen. Wobei es dafür einen handfesten Grund gab: Die körperliche Erschöpfung im Zuge meiner Viruserkrankung hat dazu geführt, dass ich generell nicht unbedingt immer für irgendwas zu gebrauchen war. Wie das eben so ist, wenn man sich krank fühlt. Eben aus diesem Grund wurde ich ja schließlich auch arbeitsunfähig geschrieben.

Aber diese körperliche Krankheit bekommt immer schnell eine zweite, nichtkörperliche Ebene, bei der es sich in der einfachsten Manifestation um eine Art gesteigertes schlechtes Gewissen handelt. Nach oben hin sind dann keine Grenzen gesetzt.

Und in einer solchen Situation fülle ich also einen Selbsttest aus, dessen Ergebnis mich in etwa so überrascht hat, wie es einen frisch von seiner Freundin Verlassenen überraschen dürfte, wenn er in einem Selbsttest über Liebeskummer die volle Punktzahl erreicht.

Ich will nicht in die Details gehen, aber mir sind alle meine „Sünden“ wieder eingefallen. Dass ich in den letzten zwei Wochen so gut wie gar nichts geschrieben habe, zum Beispiel. Dass ich wieder einmal nur mit großer Verspätung auf E-Mails reagiert habe, die mich erreichten, zum zweiten Beispiel. Und dass ich Aufgaben, die ich mir selbst gestellt habe, mit allen möglichen Ausflüchten vor mir her schiebe, zum dritten Beispiel.

Die Ergebnisse sind am Ende so, dass ich mir auf jeden Fall Gedanken darüber machen muss. Ich habe in den vergangenen zwei Wochen gemerkt, wie schnell es geht, in alte Verhaltensmuster zu fallen. Ja, sie sind durch die körperliche Schwäche teils gerechtfertigt. Aber teils ist es einfach auch eine Null-Bock-Stimmung, die aus einer ganz anderen Ecke kommt. Eine Ecke, die ich im Auge behalten und gegen die ich aktiv angehen muss.

Ich habe den Test gestern Abend gemacht und ich denke, es überrascht niemanden, dass ich heute in blanken Aktionismus ausgebrochen bin. Ich habe eine große Runde an „Das Kind“ geschrieben, ich habe auf meiner Festplattenpartition, wo ich alles und nichts speichere, Ordnung geschaffen, ich habe an dem Roman weiter gelesen, für den ich zugesagt habe, den Testleser zu machen.

Das alles sind Übersprungshandlungen, die jetzt in die Normalität zurück sickern müssen. Ich hoffe, dass sie das ab morgen tun werden, wenn ich wieder arbeiten gehe. Unnötig zu erwähnen, dass sich auch diese Tatsache anfühlt wie eine ganz, ganz schwer zu bewältigende Aufgabe. Ich sag’s ja: alte Verhaltensmuster.

Letztlich hat der Test mir nichts Neues offenbart. Das ist gut. Er hat mir allerdings viel vor den Latz geknallt, was, wenn auch aus Gründen, aktuell ist. Das ist schlecht.

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Panik und Gelassenheit, zwischen Aktionismus und geplantem Vorgehen.

Ich glaube, das könnte eine spannende Woche werden.

Euch jedenfalls wünsche ich, dass ihr eine entspannte Woche haben werdet. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich den erwähnten Test verlinken soll, aber letztendlich bekommt ihr ihn mit einer Minute Suchmaschinenarbeit ohnehin zu sehen. Deswegen gibt es hier den Link.

Aber denkt daran: Was bei so einem Test herauskommt, ist nicht das Amen in der Kirche. Es muss im Zweifel abgeklärt werden. Geht also verantwortungsbewusst damit um.

Habt eine gute Zeit!

Euer Michael

Manche Szenen fallen beim Schreiben einfach schwer

Manche Stellen fallen beim Schreiben einfach schwer. Entsprechend lange versucht man, ihnen aus dem Weg zu gehen, sie immer wieder zu umschiffen oder die Szene hinaus zu zögern. Aber da muss man irgendwann durch, wenn man die Geschichte nicht verlieren oder, noch schlimmer, ihre Wahrhaftigkeit komplett vernichten will.

Nichts ist schlimmer, als wenn man als Autor versucht, sich davor zu drücken, die Konsequenzen aus dem, was man sich aufgehalst hat, zu tragen. Wir treffen Entscheidungen, die für die Personen, die wir beschreiben, mehr oder weniger gute, schlechte oder katastrophale Auswirkungen haben. In unseren Geschichten sind wir zwar wie Götter, aber auch unserer Macht sind Grenzen gesetzt. Durch die Regeln der Glaubwürdigkeit.

Stephen King hat einmal erzählt, wie er beim Schreiben seines Romans „Cujo“ von dieser Tatsache überrollt wurde. In diesem Roman ist ein kleiner Junge über viele, viele Stunden in einem Auto eingeschlossen, weil ein tollwütiger Bernhardiner jeden Ausbruchsversuch der Mutter abwehrt. Am Ende ist das Kind vollkommen dehydriert und, so leid es mir tut, es stirbt in der Geschichte.

King berichtete nun davon, dass das eigentlich gar nicht so geplant war. Eigentlich sollte der Junge leben. Aber dann kam er an die Stelle, an der seine Mutter versucht, ihn zu reanimieren. Und auf einmal stellte er fest, dass gute zehn Minuten vergangen waren und sie immer noch dabei war, ihn zu beatmen – oder was auch immer sie genau tat.

Und so sei der arme kleine Junge ihm einfach weggestorben.

Ich finde diese Geschichte wichtig und interessant, weil sie zeigt, dass es manchmal einfach passiert. Und wenn es passiert, dann sollte man sich nicht dagegen wehren, sondern es akzeptieren.

Bei mir liegt die Sache noch ein wenig anders, denn ich gestehe, ich habe aus Vorsatz gehandelt. In meiner Geschichte, die ich eigentlich nur am Wochenende schreibe, habe ich heute eine Szene gehabt, die sich anfühlte, als ob ich sie nicht zu einem Abschluss bringen wollte. Dabei war klar, was zu passieren hatte. Und es war klar, dass es schnell passieren musste. Weil ansonsten die Glaubhaftigkeit der Geschichte dahin gewesen wäre.

Also habe ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und es dann hinter mich gebracht: Ich habe gerade einen dreijährigen Jungen faktisch zu einem Waisenkind gemacht und ihn in der Wildnis ausgesetzt. Ich bin nicht stolz darauf und es hat mir keinen Spaß gemacht, auch wenn die Szene am Ende, so glaube ich, richtig gut geworden ist. Es musste sein und deshalb ist es passiert.

Ohne blasphemisch sein zu wollen, in solchen Momenten verstehe ich, wieso Gott sich im großen und ganzen aus seiner Schöpfung heraushält. Jeden Tag möchte ich mich mit solchen Dingen auch nicht auseinandersetzen müssen.

Manchmal ein schwieriger Spagat

Es gibt Beiträge, die schreibe ich herunter und habe sie praktisch schon in der Sekunde, in der ich auf „Veröffentlichen“ klicke, vergessen – bis sich Kommentare dazu einstellen und ich mich mit den Kommentatoren unterhalte.

Und es gibt Beiträge, bei denen weiß ich schon, während ich sie schreibe, dass sie mir im Magen liegen werden. So ein Beitrag ist der von gestern, der sich mit der Präsenz von Neonazis auf der Frankfurter Buchmesse beschäftigt hat. Ich habe darin, ohne es zu wissen, genau das Dilemma geschildert, das auch die Verantwortlichen der Messe inzwischen noch einmal eingeräumt haben: Meinungsfreiheit vs. persönliche Präferenzen.

In der Hauptsache war es natürlich der Kommentar von Nora Bendzko, der mich sehr nachdenklich gemacht hat. Es geht zum einen um ihren Standpunkt, den ich sehr beachtenswert, nachvollziehbar und richtig finde. So schwer habe ich es mir mit einer Antwort, glaube ich, noch nie gemacht. Zum anderen hat es für mich aber auch eine Frage aufgeworfen, bzw. wieder aufgeworfen:

Ist ein Blog wie dieser, in dem es sich in der Hauptsache um meine schriftstellerische Arbeit drehen soll, eigentlich der passende Ort für Statements wie das, das ich gestern rausgehauen habe?

Es geht mir nicht um Selbstzensur. Wäre ja auch geradezu idiotisch, wenn ich für Meinungsfreiheit plädiere und dann gerade bei mir selbst die Schere im Kopf ansetze. Nein, es ist mehr die Frage, ob ein solches Thema hier reinpasst. Und da wir es kürzlich auch mit der Frage nach dem Marketing hatten, müsste ich mich wohl auch dem Problem stellen, ob ich mir mit der Darstellung meiner Meinung nicht in manchen Fällen einen Bärendienst erweise.

Es ist für mich sehr schwer, diese Punkte klar zu bekommen. Jedenfalls wäre es für mich heute nicht möglich gewesen, einfach wieder irgendeine lustige Anekdote über meine Schreiberei zu veröffentlichen.

Der Spagat liegt zwischen dem Schildern eines Themas und der Darstellung einer Meinung dazu – und der nachträglichen Aufarbeitung. Ich meine, ich hätte heute ohne Probleme irgendeinen Artikel verlinken können, in dem die Messeleitung genau das sagt, was ich auch gesagt habe, nämlich dass es keine Handhabe gibt, die Neonazis draußen zu halten. Aber das ist weder Sinn und Zweck meiner Meinungsäußerung, noch ist es der Stil, den ich mir und euch hier antun will.

Jetzt könnte der eine oder die andere von euch sagen, dass ich hier letztendlich Hausrecht habe und schreiben kann, über was und wie ich es möchte. Ja, da ist auch etwas dran. Aber dann komme ich wieder zurück zu Noras Kommentar und dem, was ich daraus mitgenommen habe: Nämlich, dass man manchmal vielleicht viel zu leicht reden hat.

Dieser kleine Text hier soll dokumentieren, dass ich es mir nicht leicht machen möchte und dass ich auch nicht einfach nur leicht daher rede. Aber dennoch muss ich, glaube ich, bei meiner Meinung bleiben und im Zweifel einfach schauen, dass ich sie so begründe, dass ich niemanden vor den Kopf stoße. Jedenfalls nicht unbeabsichtigt.

Ich weiß nicht, ob das deutlich geworden ist, oder ob ihr jetzt alle kopfschüttelnd vor den Bildschirmen sitzt und euch denkt, dass ich jetzt vollkommen konfus werde. Wenn dem so sein sollte, dann kann ich euch beruhigen. In meinem Kopf sieht das schon immer so aus.

Aber ich musste es jetzt einmal aufschreiben, um ab morgen wieder weitermachen zu können. Am besten wie zuvor – nur vielleicht ein wenig reflektierter. Oder doch zumindest im Bewusstsein des Spagats, den ich mit manchen Themen eingehe.

Meldung und Meinung: Neonazis kommen zur Buchmesse

Die Meldung geht gerade in den einschlägigen Newsportalen und der Presse rund: Die Stiftung „Europa Terra Nostra“ plant, auf der kommenden Buchmesse in Frankfurt zwei Bücher zu präsentieren, die sowohl der Urheberschaft als auch des Inhalts nach in die neonazistische Ecke einzuordnen sind. An einem von ihnen hat unter anderem der NPD-Politiker Udo Voigt mitgewirkt.

Die Meinungen auf den Webseiten, auf denen ich mich im Allgemeinen herumtreibe, sind relativ einhellig:

  • Können die das einfach so machen?
  • Muss die Messeleitung da nicht einschreiten?
  • Wie wäre es mit einem Boykott der anderen Verlage?
  • Kann man diese Gesinnung nicht einfach ausschließen?

Lasst mich beim letzten Punkt einhaken, denn „einfach“ finde ich das ganz und gar nicht. So leid es mir persönlich auch tut.

Ich habe eine recht eindeutige Meinung zu rechtem Gedankengut, wie ich an dieser Stelle schon mehr als einmal dokumentiert habe. Als mir kürzlich ein „Infozettel“ der NPD ins Haus geflattert kam, war der schneller ein Puzzle, als ich mir die einzelnen Begriffe darauf merken konnte. Aber eine Meinung ist eine Meinung – und eine Meinung darf, so lange wir uns im Rahmen der reinen Meinungsäußerung befinden, nun einmal jeder haben.

Denn neben der eindeutigen Meinung zu rechtem Gedankengut habe ich auch eine eindeutige Meinung zur Meinungsfreiheit. Über diese ist abgesichert, dass Dinge, die nicht offen rassistisch, verfassungswidrig oder kriminell sind, geäußert werden dürfen. Wenn gegen diese Regeln verstoßen wird, dann ist es Aufgabe des Staates und seiner Instanzen, entsprechende Verstöße zu ahnden.

Wohlgemerkt: Das ändert gar nichts daran, dass mir persönlich die Aussagen der Damen und Herren Neonazis gewaltig gegen die Hutschnur gehen. Und bei Licht betrachtet die der Funktionäre noch viel mehr als die des Brüllvolks, das tumb irgendwelche Aufmärsche abhält.

Aber eine Buchmesse steht wie kaum etwas anderes eben auch für die Meinungsfreiheit. Wir leben in Zeiten, in denen in der Türkei Autoren, Journalisten und andere Intellektuelle verfolgt und inhaftiert werden, nur weil sie eine Meinung vertreten, die der dortigen Regierung (eigentlich wollte ich ein anderes Wort schreiben, aber dann darf meine Familie bis in die vierte Generation nicht in die Türkei reisen) nicht in den Kram passt. Aus Sicht der Regierungspartei sind diese Leute die Extremisten!

Und wir leben in Zeiten, in denen es in Asien durch den Staat gelenkte Buchmärkte gibt, auf denen publiziert wird, was genehm ist. Mal restriktiver, mal offener. Aber trotzdem vom Staat gelenkt.

Wahrscheinlich habt ihr alle schon einmal das wundervolle Zitat gehört, dass regelmäßig Voltaire in den Mund gelegt wird, aber eigentlich von seiner Biographin Evelyn Beatrice Hall stammt:

Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.

(Die verschiedenen Übersetzungen variieren ein wenig.)

Dieser Satz bringt gut auf den Punkt, wie ich in Bezug auf die Teilnahme von Neonazis auf der Frankfurter Buchmesse eingestellt bin. Wenn die Bücher, die dort zur Ausstellung kommen sollen, nicht offen und nachweislich verfassungsfeindlich sind – und davon muss ich ausgehen -, dann haben sie ein Recht, dort zu sein. Jedenfalls dasselbe Recht, das auch jeder links-, oben- oder untenradikale auch hat.

Was gebraucht wird, ist eine Auseinandersetzung mit diesen Büchern. Und die darf durchaus so aussehen, dass niemand Notiz von ihnen nimmt. Lasst sie auf der Buchmesse links liegen, schenkt ihnen keine Aufmerksamkeit! Denn mit dem ganzen Tamtam, das jetzt schon gemacht wird, stärkt ihr nur die Position der Urheber. Sie sind im Gespräch. Und wo das Gespräch ist, wird Aufmerksamkeit erzeugt. Wo Aufmerksamkeit ist, kommen Neugierige. Und wo Neugierige sind, werden neue Sympathisanten abgefischt.

Ich bin der Meinung, dass eine Messe, die sich selbst als überparteilich, als freiheitlich, als weltoffen sieht, mit dieser Bedrohung von Außen umgehen können muss. Lasst uns als Besucher ihr dabei helfen.

Und bevor die Frage kommt: Wenn es sich um eine Buchhandlung handeln würde, sähe ich die Sache anders, denn eine Buchhandlung bewegt sich auf dem Markt und kann im Markt agieren, wie sie, beziehungsweise der/die Buchhändler/in, es für richtig hält. Buchhandlungen vertreten und formen Meinungen. Eine Messe gibt Meinungen Raum.

Wir als Individuen können genau so handeln: individuell. Und das gibt mir das Recht, die Meinung von Herrn Voigt und Konsorten aufs Schärfste zu kritisieren und zu verachten. Und es gibt mir das Recht, Wahlflyer, die in meinem Briefkasten landen, auf Schnipselgröße zu stutzen.

Aber im großen und ganzen gilt das angebliche Zitat von Voltaire. Sollen sie ihre Meinung sagen dürfen. Aber zuhören, das muss und sollte nun wirklich keiner.


Einen Bericht über die Thematik hat unter anderem die Frankfurter Rundschau.