Wieso die Pause wichtig für mich ist

Je länger meine Pause vom Autorenleben dauert, die je nach Sichtweise noch gar nicht so lange oder, für meine Verhältnisse, schon ewig anhält, desto deutlicher wird für mich, wieso sie so wichtig ist. Und weil es mir deutlich geworden ist, unterbreche ich die Stille für diesen einen Blogeintrag.

Einige unter euch haben mir schon zu verschiedenen Anlässen gesagt, dass ich es in Hinsicht auf die Häufigkeit meiner Beiträge oder die Selbstverpflichtung, dieses und jenes zu schreiben, ein wenig übertreiben könnte.

Ich habe immer Schwierigkeiten gehabt, mich dieser Sichtweise anzuschließen. Das hat viel damit zu tun, dass ich oft auf das stoße und es mir dann auch genau ansehe, was andere Autoren den lieben langen Tag so treiben. Und dann schaue ich auf mein vergleichsweise geringes Arbeitspensum und denke mir, dass ich scheinbar das, was ich mir als Hobby, als Berufung ausgesucht habe, nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit oder Zielstrebigkeit behandle.

Daraus entsteht Druck. Und wenn ich auch unter Druck alles in allem ziemlich gut arbeite, wird es doch ab einer gewissen Stärke schwer, diesen Druck in Produktivität umzumünzen und ihn nicht als Belastung wahrzunehmen.

Druck mag gut sein, Belastung kann es nicht sein – unter keinen Umständen.

Während der Beendigung des Vertragsverhältnisses mit dem Scylla Verlag bin ich durch einige teils sehr heftig widersprechende Emotionen und Haltungen durchgegangen. Während ich nie daran gezweifelt habe und auch nicht daran zweifle, dass mein Weg als Autor auch jenseits dieses Vertrags weitergehen wird, gab es doch Tage, an denen ich einfach das Gefühl hatte, dass ich jetzt vielleicht erst einmal verarbeiten sollte, was da eigentlich gerade passierte.

Doch das Gegenteil war der Fall. Ich habe mich umso stärker in die Arbeit gestürzt und weitergemacht, als sei alles wie es immer gewesen ist. Das hat auch eine ganze Weile so funktioniert.

Bis dann, irgendwann Ende Mai, das Gefühl stärker wurde, dass ich so nicht mehr weitermachen konnte. Jedenfalls nicht mehr sehr lange. Kurz gesagt gelangte ich an einen Punkt, an dem ich bei einigen der Dinge, die ich tat, nicht mehr wusste, ob ich sie jetzt tue, weil ich gerade Lust darauf hatte, weil sie das waren, was ich tun wollte, oder ob ich sie nur tat, weil irgendwer, ein völlig unspezifiziertes fremdes Gesicht, von mir erwartete, dass ich diese Dinge tue.

Ich fing an, mechanisch zu werden. Meine Tagesziele zu erarbeiten und dann, wie bei einer ungeliebten Zwangsarbeit, einen Haken dahinter zu setzen. Mehr Schweiß als Fleiß, mehr Transpiration denn Inspiration.

Eines kam zum anderen. Ich merkte, dass es für mich immer schwerer wurde, einerseits produktiv zu sein, zu schreiben, andererseits meinen „sozialen Verpflichtungen“ nachzukommen. Entweder schrieb ich, oder ich beantwortete E-Mails, Blogkommentare, sonstige Kommunikation. Und egal, was ich nicht tat, es sorgte für ein schlechtes Gewissen.

Und ich stelle mir die Frage: Tue ich das, was ich tue, weil es wirklich mein Interesse ist, oder nur, um das schlechte Gewissen zu beruhigen!?

Gerade eben stecke ich darin, diese Frage für mich zu beantworten, diese Antworten zu bewerten und mich neu zu sortieren. Daran zu arbeiten, ohne tatsächlich zu arbeiten, dass sich dieser Knoten wieder entwirrt und alles klar und deutlich vor mir liegt.

Und deswegen brauche ich diese Pause. Deswegen schreibe ich im Moment nicht. Deswegen finde ich in den sozialen Netzwerken nicht statt. Deswegen keine neuen Blogbeiträge.

Es tut mir leid, wenn einige von euch auf Antworten warten, oder wenn ich mich mit Kommentaren und dergleichen rar mache. Aber ich brauche diese Zeit jetzt, um gestärkt daraus hervor zu gehen. Ich tue im Moment Dinge, die ich länger nicht getan habe. So, wie zum Beispiel einfach mal in der Mittagspause in einem Buch zu lesen, als krampfhaft zu versuchen, originell an einem zu schreiben, nur um diesen Punkt von der Tagesordnung streichen zu können.

Ich gebe keine Prognose dazu ab, wie lange dieser Zustand noch andauern wird. Aber ich weiß, was eintreten muss, damit er endet:

Ich muss wieder Bock darauf haben, mein Garn zu spinnen. Es muss mir eine Herzensangelegenheit sein, meine unmaßgebliche Meinung in die Welt zu setzen. Und es muss mich ernstlich in den Fingern jucken, was auch immer zu schreiben. Nicht, weil mich ein schlechtes Gewissen oder ein Gefühl von Verpflichtung dazu antreibt, sondern weil ich schlicht nicht anders kann.

Weil ich eben ein Autor bin.

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Beendigung des Vertragsverhältnisses mit dem Scylla Verlag

Ihr Lieben,

hiermit gebe ich bekannt, dass meine Zusammenarbeit mit dem Scylla Verlag mit dem heutigen Tage einvernehmlich beendet wurde. Dies bezieht sich auf die geplante Veröffentlichung meines Romans „Der Morgen danach“.

Ich bedanke mich beim Verlag und allen seinen Mitarbeitern für die gute Zusammenarbeit und wünsche dem Team für die Zukunft viel Erfolg.

Bitte seht mir nach, dass ich zu Einzelheiten keine Stellung nehmen werde. Ebenso möchte ich euch bitten, von Mutmaßungen, Nachfragen oder dergleichen abzusehen. Deswegen habe ich die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ausnahmsweise deaktiviert. Aber ich bin mir sicher, dass ihr meinen Wunsch respektieren werdet und ich nicht gezwungen bin, irgendwelche diesbezüglichen Kommentare unter anderen bestehenden oder zukünftigen  Beiträgen zu entfernen. Vielen Dank dafür!

Gleichzeitig nehme ich dies zum Anlass, auch wenn es nicht der alleinige Grund ist, in den kommenden Tagen ein wenig kürzer zu treten, was mein Autorenleben angeht. Ich habe das Gefühl, dass mir eine kleine Pause vom Schreiben, vom Bloggen, vom „Autor sein“ gut tun wird. Wie lange diese Pause ausfallen wird, weiß ich noch nicht. Aber ihr kennt mich: Es kann sein, dass mir schon in wenigen Tagen wieder etwas bloggenswertes unter den Nägeln brennt.

Wir hören voneinander!

Solange tut nichts, was ich nicht auch tun würde 😉 .

Euer Michael

Es blutet einem das Herz

Gestern Abend saß ich bei meinen Eltern, als mein Bruder mich plötzlich fragte, ob meine Familie und ich dieses Jahr eigentlich noch in den Europa Park fahren wollen. Ich frage ganz unbedarft zurück, wieso, und er sagt mir, dass der Skandinavische Themenbereich brennen würde.

Das war ein echter Schlag in die Magengrube. Sofort habe ich mein eigenes Smartphone gezückt und versucht, mir einen Überblick zu verschaffen, was da gerade vor sich geht. Ich habe eine enge persönliche Bindung zu diesem Park, auch wenn ich ihn erst vor zwölf Jahren zum ersten Mal besucht habe. Aber immer, wenn wir bei der Familie meiner Frau im Schwarzwald waren, waren wir (oder auch mal ich alleine) mindestens einen Tag lang in Deutschlands größtem Freizeitpark.

Die Bilder und Informationen, auf die ich stieß, ließen mir das Herz bluten. Nicht nur, dass Skandinavien in Flammen stand, der Brandherd war die Themenfahrt „Piraten in Batavia“. Auf YouTube fanden sich schnell Videos, wie die Flammen meterhoch aus der Halle empor schlugen und im Inneren alles verzehrten, was ihnen in die Quere gekommen ist.

Gott sei Dank hat es weder Verletzte (von einigen Fällen leichter Rauchvergiftung abgesehen) gegeben, noch ist im Park eine Panik ausgebrochen. Das Krisenmanagement hat hervorragend funktioniert.

Was bleibt ist der materielle und vor allem der emotionale Schaden. Ich kann nicht nachfühlen, wie es der Betreiberfamilie gehen muss, deren (erwachsene) Kinder, die heute die Parkspitze stellen, im wahrsten Sinne des Wortes im Park aufgewachsen sind.

Aber mir blutet auch auf schriftstellerischer Ebene das Herz. Haben mich die „Piraten in Batavia“ doch zu einem meiner Romanmanuskripte inspiriert.

Ich habe die Geschichte hier im Blog garantiert schon einmal erzählt, aber aus dem traurigen Anlass heraus erzähle ich sie einfach noch einmal. In der Themenfahrt gab ( 😦 ) es eine Szene in einer batavischen Stadt, durch die man mit den Booten hindurch fuhr. In dieser Szene waren eine Vielfalt von bewegten und auch unbewegten Figuren. Eine dieser unbewegten Figuren lag auf einer kleinen Insel in ihrer Hängematte.

Irgendwann einmal fuhr ich wieder an dieser Figur vorbei und ich stellte mir aus heiterem Himmel die Frage: Wie lange würde es wohl dauern, bis irgendjemand mitbekommt, dass statt einer Kunststofffigur eine menschliche Leiche in dieser Hängematte liegt?

Aus diesem Einfall wurde dann „Darkride“, das auch generell dem Europa Park sehr viel verdankt. Denn auch wenn der Roman in einem imaginären Freizeitpark spielt, so sind natürlich ganz viele Einflüsse aus diesem viel besuchten und heiß geliebten Park mit aufgenommen worden.

Nun gibt es die „Piraten in Batavia“ nicht mehr. Es gibt weite Teile des Holländischen und des Skandinavischen Themenbereichs nicht mehr. Die Bilder, die man im Internet (unter anderem bei looopings.nl) sehen kann, lassen das Ausmaß der Katastrophe erkennen.

Ich möchte mich auf diesem Wege bei allen bedanken, die mitgeholfen haben, die weitere Ausbreitung des Großbrandes zu verhindern, in erster Linie natürlich den vielen Feuerwehren aus der näheren und weiteren Entfernung des Parks. Und ich bedanke mich bei allen, die daran mitarbeiten, die Hintergründe für dieses Unglück aufzuarbeiten und die Ursache zu finden. Damit es in Zukunft nicht wieder zu so einem Feuer, das wirklich rasend schnell um sich gegriffen haben muss, kommen kann.

Gebäude kann man wieder aufbauen. Fahrgeschäfte kann man ersetzen. Aber es wird nie wieder so sein, wie es einmal gewesen ist. Was bleibt, sind Erinnerungen und dank des Internet-Zeitalters Videos wie das folgende, das zumindest eine Ahnung davon übermittelt, wie es in Batavia einmal ausgesehen hat:

Ganz ehrlich: Ich könnte gerade mehr als nur ein Tränchen verdrücken.

Doomsday!

Wer die letzten paar Wochen nicht unter einem Stein verbracht hat, der weiß, was heute die Stunde geschlagen hat. Heute tritt die neue Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union inkraft.

In den letzten Tagen wurde jeder, der sich im Internet bewegt und irgendwo auch nur mal einen Newsletter bestellt hat, mit den Ankündigungen zu Änderungen und dergleichen bombardiert. Auch diese kleine Seite hier hat eine angepasste Datenschutzerklärung, einen Hinweis auf Cookies und dergleichen bekommen.

Aber eine nicht kleine Anzahl von überwiegend privat geführten Websites und Blogs hat auch die Waffen gestreckt und entweder mit entsprechender Info oder auch heimlich, still und leise, den Stecker gezogen. Hierfür hat jeder Betreiber, jede Betreiberin, höchst individuelle Gründe, die es zu akzeptieren und zu respektieren gilt.

In meiner Wahrnehmung erleben wir gerade das größte Sterben kleiner privater Seiten, seit seinerzeit die Plattformen von Compuserve/AOL und Geocities abgeschaltet wurden. Relikte einer vergangenen Zeit, an die sich heute vielleicht nur noch die wenigsten erinnern können.

Ich, für mich, habe mich entschieden, zu bleiben. Zwar mit kleinen Anpassungen, aber ohne die große Panik. Weil ich nach wie vor glaube, dass wir, die Blogger, nie wirklich Ziel dieser DSGVO gewesen sind. Und ich hoffe, dass irgendwann, irgendwer, sich irgendwo mal hinstellt und das wirklich, wahrhaftig und rechtssicher verlässlich klar stellt.

Heute ist Doomsday. Aber morgen ist ein neuer Tag mit neuen Chancen und neuen Möglichkeiten.

Ich freue mich darauf, euch alle dort wiederzusehen!

Leer geschrieben

Irgendwie fällt es mir im Moment schwer, diesen Blog kontinuierlich mit Leben zu füllen. Vorbei die Zeiten, in denen es jeden Tag einen neuen Beitrag gab. Gut, das wurde von nicht wenigen meiner Leser sowieso als „Wahnsinn“ und kaum nachzuhalten betrachtet.

Aber auch der Vorsatz, jeden zweiten Tag, oder so, einen neuen Artikel zu schreiben, hält im Moment nicht vor. Dabei mangelt es nicht an Dingen, über die ich schreiben könnte. Tatsächlich fange ich an, mir über einen neuen Beitrag Gedanken zu machen und stelle dann schnell fest, dass ich mich, momentan, nicht in der Lage sehe, ihn auch wirklich zu schreiben.

Unbefriedigend.

Aber ich schreibe. Das ist die positive Nachricht. Und „wir“ hatten uns ja hier schon mal darauf geeinigt, dass es in Ordnung ist, wenn ich Prioritäten setze. Die liegen im Moment auf meiner täglichen Dosis meines aktuellen Romanprojekts.

Ich habe mir vorgenommen, dass ich an jedem Tag, an dem ich arbeiten gehe, wenigstens 500 Wörter schreibe. Das ist in etwa 20 Minuten erledigt und damit eigentlich immer einzuschieben. An Tagen, an denen ich frei habe, sollen es 1.000 Wörter sein. Bis jetzt, das sind knapp zwei Wochen, klappt das auf diese Weise ziemlich gut.

Aber irgendwie fühle ich mich danach auch leer geschrieben. Ich schreibe die 500 Wörter und merke richtig, wie der Schreibmuskel abschlafft. Als ob er überanstrengt worden sei. Aber davon kann in letzter Zeit nun wirklich keine Rede sein.

Nun gut, ich muss mit dem leben, was ich im Moment zustande bringe. Aber so ein kleines Jammern zwischendurch, sei mir dann doch vielleicht erlaubt 😉 .

Warum es wichtig ist, Sympathieträger für seine Geschichten zu entwickeln

Es gibt da eine Sache, an der erstaunlich viele Geschichten kranken. Und zwar, dass man sich als Leser oder Zuschauer schwer damit tut, für irgendeine der handelnden Personen so etwas wie Sympathie aufzubringen.

Wir kennen das aus dem richtigen Leben: Wenn uns jemand sympathisch ist, dann nehmen wir Anteil an dem, was ihm passiert. Wir freuen uns mit ihm, wenn er etwas schönes erlebt und wir leiden mit ihm, wenn er wieder einmal einen Schicksalsschlag zu erleiden hat.

Wenn uns jemand egal ist, dann ist uns meistens auch egal, wie es ihm ergeht. Und ganz schlechte Karten hat jeder, den wir nicht leiden können. Denn dann kann er, zusätzlich zu seinem Missgeschick, noch darauf zählen, dass wir uns insgeheim vielleicht sogar darüber freuen. Weil es ihm, aus unserer Sicht, recht geschieht.

Was im richtigen Leben zwar auch eine Rolle spielt, aber nicht entscheidend ist, weil wir uns die Menschen, mit denen wir zu tun haben, nur bis zu einem gewissen Grad aussuchen können, ist für Geschichten von geradezu elementarer Wichtigkeit. Denn wenn jemandem die Figuren, über die er liest, egal sind, dann gibt es eine große Wahrscheinlichkeit dafür, dass er oder sie das Buch bei nächster Gelegenheit einfach zuschlagen und nie wieder anrühren wird. Und auch die Fälle, in denen man ein Buch liest, bei dem alle Charakter einem unsympathisch sind, sind wohl eher rar gesät.

Ich habe mir dieser Tage einen Film angesehen, der ziemlich gut erkennen lässt, wie sich diese Problematik äußern kann. Aber wie gesagt, es hat auch schon Bücher gegeben, bei denen ich mir dasselbe gedacht habe. Der Film, von dem ich spreche, stammt aus dem Jahr 1980 und heißt „Urban Cowboy“. Die Hauptrollen spielen John Travolta und Debra Winger.

Travolta spielt Bud Davis, der vom Land nach Houston kommt, um dort Arbeit zu finden. Von seinem Onkel wird er in die größte lokale Country- & Westernbar geführt, wo praktisch jeden Abend High-Life ist, Countrybands spielen und mit allerlei typischem Amüsement wie einer Maschine zur Messung der Schlagkraft oder auch (nicht ganz unwichtig für die Geschichte) einem mechanischen Bullen aufgewartet wird.

Aber lassen wir, für diesen Blog etwas untypisch, die Geschichte mal weitgehend beiseite und konzentrieren wir uns auf die Figuren. Da haben wir Bud (Travolta), der innerhalb der ersten zwanzig Filmminuten die junge Sissy (Winger) kennen- und lieben lernt und sie Knall auf Fall heiratet. Ganz stilecht mit Wohnsitz im Trailerpark.

Dazu kommen der auf Bewährung entlassene Bankräuber Wes (Scott Glenn) und die elegante Pam (Madolyn Smith), die als Tochter aus gutem Hause auf der Suche nach einem „echten Cowboy“ ist.

Im Laufe der etwas über zwei Stunden passiert mit diesen Figuren nun folgendes (Spoiler lassen sich hier nicht vermeiden):

Bud behandelt Sissy mies, ist herrisch ihr gegenüber, kommandiert sie herum und verbietet ihr zum Beispiel, auf dem elektrischen Bullen zu reiten. Er wird sogar handgreiflich. Sissy schmeißt sich daraufhin an Wes heran, der ihr beibringt, den Bullen zu bändigen. Bud wird mega-eifersüchtig und lässt sich, um es Sissy zu zeigen, nur zu bereitwillig von Pam abschleppen, mit der er Sissy betrügt. Die zieht, nachdem sie vergeblich auf Bud gewartet hat, aus dem gemeinsamen Trailer aus und bei Wes ein, mit dem sie nun ihrerseits Bud betrügt. Sie demütigt ihn des Weiteren vor aller Augen, indem sie eine laszive Show auf dem Bullen hinlegt.

Dennoch will sie Bud eigentlich zurück haben, putzt (zum ersten Mal) den Trailer und hinterlässt Bud einen Brief. Der wird von Pam entdeckt und, natürlich, vernichtet. Weil Sissy nun glaubt, dass Bud nichts mehr von ihr wissen will, kommunizieren die beiden nur noch via abfälliger Gesten miteinander (by the way: Selten zeigte eine Frau so grazil ihren Mittelfinger wie Debra Winger in diesem Film).

Nun wird Sissy aber ihrerseits von Wes betrogen, der, als die bei ihm ausziehen will, grob gewalttätig wird und Sissy nunmehr vollends unterdrückt. Bud ist seinerseits eigentlich immer noch scharf auf Sissy und benutzt Pam weiterhin nur, um diese doch bitte irgendwann so sehr eifersüchtig zu machen, dass sie zu ihm zurückkehrt.

Am Ende passiert, was in Hollywood passieren muss. Es gibt einen Schicksalsschlag, der, wieso auch immer, Pam als erste zur Vernunft bringt. Sie beichtet Bud das mit dem Brief, der kann Sissy gerade noch vor dem prügelnden und wieder straffällig werdenden Wes retten und nach 120 von 129 Minuten schafft Bud es dann endlich, Sissy zu erklären, wieso er, der Cowboy vom Land, mit seinem Stolz nicht anders handeln konnte, als er es tat. Ende.

Das Problem ist nur, dass es mir zu diesem Zeitpunkt schon vollkommen egal war, was Bud oder Sissy oder irgendeiner zu seiner Verteidigung vorzubringen hatte. Denn die Figuren dieses Quartetts, jede einzelne von ihnen, hatte bis dahin so viele Hände-vor-den-Kopf-schlag-Momente abgeliefert, dass ich mehrfach kurz davor war, den Film einfach auszumachen.

Denn wenn man ehrlich ist, dann verhält sich Bud über den ganzen Film hinweg wie ein arroganter Arsch (mit Verlaub). Und das als unsere nominelle Hauptfigur. Bei wirklich jeder möglichen Ausfahrt, bei jeder Situation, wo man sich denkt, dass er die Kurve kriegen könnte, biegt er falsch ab und untermalt das meistens noch mit derben Sprüchen und starrem Blick. Mag sein, dass Travolta mit seiner Vita bis dahin einiges von dieser Wirkung bei den (weiblichen) Fans abmildern konnte, aber 38 Jahre später wirkt das einfach nur unsympathisch und in manchen Szenen geradezu widerlich.

Sissy, die man eigentlich für das Opfer des Ganzen halten könnte, ist aber auch nicht besser. Sie ist die erste, die mit einem anderen kokettiert und auch wenn sie nicht die erste ist, die den Betrug wirklich vollzieht, setzt sie das Spiel erst in Gang. Wenn Debra Winger nicht eine so verletzliche Ausstrahlung hätte, wäre es wirklich ein leichtes, Sissy die ganzen Demütigungen zu gönnen, die sie sich später noch zuzieht, weil sie als erste demütigt und verletzt.

Wes, der von Scott Glenn gespielt wird, als sei er eine Reinkarnation von Clint Eastwood mit Sodbrennen, wird vom Drehbuch gleich gar nichts weiter mitgegeben als eine erst unterschwellig und dann immer deutlicher zu Tage tretende Brutalität. Der Satz, der mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, charakterisiert ihn am besten: „Von einem Mann wir mir kannst du nicht erwarten, dass er einer Frau treu ist. Das ist doch wohl klar.“

Und Pam ist, so leid es mir tut, das sagen zu müssen, nicht mehr als das Klischee eines Töchterchens, das sich einen Arbeiter von der Straße aufliest, um sich auch mal als Teil des Milieus zu fühlen. Sie spielt die Eheleute bewusst gegeneinander aus und versucht wahlweise, Bud zu domestizieren, oder ihn als Deckhengst zu gebrauchen. Sie ist zwar nett anzusehen, aber mehr als kühle Berechnung verbirgt sich nicht hinter der angemalten Fassade.

Nun – nachdem ich viel mehr über diese Menschen geschrieben habe, als ich es eigentlich wollte, sagt mir eines: Wen soll man denn aus diesem Quartett als Sympathieträger ansehen? Wessen Schicksal soll einen am Ende berühren?

Der Film macht auf so viele erdenkliche Arten alles falsch, dass es schwer ist, es aufzuzählen. Dabei hilft ihm auch nicht, dass er formal wirklich gut gespielt und gedreht ist. Eine Parallele zu einem Buch mit Charakteren, die einen nicht berühren. Die Sprache kann noch so gewählt, der Satzbau so geschliffen und die Handlung so gut geplottet sein – wenn die Figuren einer schlimmer als der nächste sind, dann hilft das alles nichts.

Denn dann ärgert man sich und wenn man sich ärgert, dann macht man als Leser die Schotten dicht. Einen Film kann man eher durchstehen, auch wenn er über zwei Stunden dauert, als ein Buch, mit dem man viele Tage verbringt und das irgendwann anfängt, sich wie Kaugummi zu ziehen.

Deswegen kann ich nur an die Autor/innen unter euch appellieren (und es mir selbst hinter die Ohren schreiben): Sorgt dafür, dass ihr wenigstens eine Figur unter euren Protagonisten habt, mit denen der Leser sympathisieren kann. Eine Person, die ihm nahe geht. Ihr tut ihm und damit auch euch einen großen Gefallen. Denn wenn der Leser sich positiv emotional berührt fühlt, dann wird er viel mehr Anteil an eurer Geschichte nehmen. Er wird sich eher dazu veranlasst sehen, sie anderen Lesern zu empfehlen. Und er wird gerne an das Leseerlebnis zurückdenken.

Das ist es doch, was wir eigentlich möchten. Wir möchten unsere Leser unterhalten und ihnen ein paar schöne Stunden schenken. Gründe, sich zu ärgern, haben sie wahrscheinlich in ihrem Leben ohnehin genug.

Meldung und Meinung: 24-Stunden-Buchnotdienst

Das Boersenblatt berichtet von einer netten Idee der Mayerschen Buchhandlung am Standort Aachen. Dort wurde jetzt ein Automat aufgestellt, an dem man 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche, ein Buch erwerben kann, wenn man es mal wieder nicht während der Geschäftszeiten geschafft hat.

Das wirklich interessante daran ist, dass es sich bei einem Gutteil der Bücher um Überraschungen handelt. Die Cover sind neutralisiert und es gibt nur eine kurze Inhaltsumschreibung. Was einen wirklich dahinter erwartet, erfährt man als Leser erst, wenn man das Buch erworben hat.

Nun ist die Idee von Buchüberraschungen ja nicht neu. Im Internet gibt es inzwischen einige Anbieter von Buchboxen, die, nach Themen sortiert, den Leser auf die Folter spannen, was er denn da schönes zu lesen bekommt. Aber meiner Kenntnis nach ist dieser Automat der erste Versuch, so etwas auch für ein breiter aufgestelltes Publikum zu versuchen.

Denn, machen wir uns nichts vor, der normale Leser ist eher nur so mittelprächtig risikobereit. Oft wird zu dem gegriffen, was bereits bekannt oder sowieso in aller Munde ist. Dieses Prinzip wird hier ausgehebelt.

Ob sich genügend Leser finden werden, die sich auf das spannende Experiment einlassen werden?

Das liegt, nicht zuletzt, auch am Mut der den Automaten betreuenden Buchhändler. Wenn sich am Ende des Tages doch wieder nur derselbe Einheitsbrei hinter dem neutralen Einband findet, dann wird sich die Idee, meines Erachtens, schnell totlaufen. Denn bei Bestsellern ist die Wahrscheinlichkeit, dass der interessierte Leser diese bereits auf „normalem“ Wege erworben hat, sicherlich größer, so dass es hierbei zu Umtäuschen kommen wird. Und wie oft sich ein Leser spätabends ein Buch am Automaten zieht, um es dann doch am nächsten Tag in der Filiale wieder umtauschen zu müssen, darüber gebe ich mal keine Prognose ab.

Als Konzept finde ich die Sache aber auf jeden Fall sehr spannend und könnte mir auch selbst durchaus vorstellen, hin und wieder mein Glück zu versuchen.

Wie sieht es bei euch aus – würdet ihr euch auf das Buch in der neutralen Packung einlassen?