Work Not In Progress (WiP)

Es ist schon wieder eine ganze Weile her, dass ich euch über die Fortschritte an meinem Romanmanuskript auf dem Laufenden gehalten habe. Das hat einen ganz einfachen Grund: Das Ding macht zurzeit keine Fortschritte. Nicht in quantitativer und schon gar nicht in qualitativer Hinsicht. Ich müsste nachsehen, aber ich glaube, ich habe das Dokument seit gut einem Monat nicht angerührt. Gefühlt seit einem halben Jahr.

So langsam aber sicher gehen mir die Erklärungsansätze aus, an denen das liegen könnte. Es liegt nicht daran, dass ich mir in Bezug auf die Geschichte unsicher wäre. Die finde ich nach wie vor gut, wichtig und richtig. Es liegt nicht daran, dass ich keine Zeit dafür hätte. Die habe ich, aber ich nutze sie nicht.

Ich schreibe im Moment nicht. Abgesehen von einem Blogbeitrag ab und an, zu denen ich mich auch selber überreden muss. Auch hier nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, sondern, weil das alles irgendwie so banal und unwichtig zu sein scheint.

Ich kenne diese Gefühle und Gedanken. Ich kenne die verdammten Miststücke nur zu genau! Sie waren schon mehrfach in der Vergangenheit dafür verantwortlich, dass ich das Schreiben für Monate und Jahre einfach ausgesetzt und dran gegeben habe. Nicht als eine bewusste Entscheidung, jedenfalls nicht, soweit ich mich erinnere, sondern einfach nur so. Weil es eben einfach nicht mehr funktionierte.

Es ist nicht einmal so, dass ich eine Schreibblockade hätte. Eine Blockade, das wäre ja, dass ich krampfhaft versuche, mir irgendwas abzuringen, aber die Worte nicht finde. So ist es nicht. Es scheint einfach im Moment nicht wichtig zu sein.

Dabei ist es das eben doch, denn sonst wäre es mir ja egal. Aber das ist es nicht. Ganz und gar nicht. Es ist belastend und störend. Wie eine offene Wunde, auf der sich kein Schorf bilden mag. Und an der man dauernd herumkratzen möchte.

Tatsache ist aber, dass ich nicht bereit bin, diesem sumpfigen Zustand einfach nachzugeben. Das ist anders, als es früher gewesen ist. Auch wenn es bedeutet, dass mir die Schmerzen, welche diese Wunde verursacht, fast ständig bewusst sind und es auch bleiben. Solange es weh tut, solange ist es nicht in Ordnung. Und solange es nicht in Ordnung ist, solange kann es nicht heilen.

Und vielleicht weiß ich, wenn es irgendwann geheilt ist, auch endlich, was genau es eigentlich ist. Das, was mich vom Arbeiten abhält, oder es mir so oft unmöglich macht. Das, was alles phasenweise unwichtig erscheinen lässt.

Damit mein Roman irgendwann doch wieder „Work in Progress“ sein kann.

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Linktipp: Warum Übersetzungen eigentlich Originale sind

Über eine Empfehlung des Online-Portals „Krautreporter“ bin ich auf einen Artikel bei ze.tt aufmerksam geworden, den ich sehr interessant und darüber hinaus auch noch zutreffend finde.

In diesem Artikel geht es darum, dass viele Übersetzerinnen und Übersetzer, deren Arbeit wir beinahe täglich vor den Augen haben, nicht in dem Maße gewürdigt werden, wie sie es eigentlich verdient hätten. Ausnahmen, wie etwa der fantastische Harry Rowohlt, der selber zu einer Marke wurde, bestätigen die Regel.

Der Artikel nennt Namen und Verdienste, was sich nicht nur auf die Literatur im engeren Sinne beschränkt. So wird auch der Einfluss von Erika Fuchs darauf, wie man Comic übersetzen sollte, bzw. der von Rolf Kauka, wie man es eben nicht machen sollte, gewürdigt.

Ich muss gestehen, dass ich zu beinahe 100% Übersetzungen lese. Wahrscheinlich wäre ich zwar durchaus in der Lage, mir zumindest auch ein englischsprachiges Buch vorzunehmen, aber es entscheidet dann doch meistens die Bequemlichkeit.

Puristen würden sagen, dass ich auf diese Weise eigentlich nie den tatsächlichen Autor lese, sondern immer das, was ein Übersetzer daraus gemacht hat. Und eine gute Übersetzung ist ja so viel mehr, als eine pure 1:1-Übertragung der fremdsprachigen Worte. Sie wird selber Teil der Popkultur, sei es nun „Ein Ring, sie zu knechten“, „Möge die Macht mit dir sein“ oder „Die Welt hat sich weitergedreht“.

Auf der einen Seite ist es sicherlich schade, dass Originale dadurch an Verbreitung verlieren. Man muss aber auch anerkennen, dass es ohne die in Deutschland etablierte Übersetzungskultur wohl nie Bestseller gegeben hätte, die etwa aus den skandinavischen Ländern stammen, oder gar aus Fernost. Märkte, auf denen es weniger häufig zu Übersetzungen kommt, allen voran der amerikanische Markt, sind in dieser Hinsicht oft ärmer und kreisen mehr um sich selbst.

Ähnlich ist es ja im Film- und Fernsehgeschäft, wo es in Form der Synchronisierung zu einer vergleichbaren Gemengelage kommt. Hier hören wir deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern dabei zu, wie sie die Arbeit ihrer amerikanischen Kolleginnen und Kollegen in unsere Sprache übertragen – was schon mal dazu führen kann, dass man bei zwei aufeinander folgend gesehenen Produktionen denselben Sprecher in vollkommen unterschiedlich angelegten Rollen findet. Was dann schon mal verwirrend sein kann.

Tatsache ist aber, dass ohne die Arbeit der Übersetzerinnen und Übersetzer unser literarischer Markt wesentlich eindimensionaler wäre. Deswegen ist es durchaus angemessen, diesen Textarbeitern im besten Sinne eine kleine Aufmerksamkeit in Form von Anerkennung zukommen zu lassen. Und das tut dieser Artikel, den ihr hier finden könnt.

Eine Inspiration – Tausend Möglichkeiten für eine Geschichte

Am Anfang stand die nackte Realität. Durch einen Zufall war ich in der Wikipedia auf den Artikel über das Luftschiff LZ 120 gestoßen. In diesem wurde von einem Zwischenfall am 02.11.1919 berichtet, bei dem es zu einem Beinaheabsturz des Zeppelins und dem tragischen Tod eines Mitglieds der Haltemannschaft gekommen war.

Dieser Artikel berührte mich auf seltsame Weise. Besonders der, im typisch-nüchternen Stil eines Enzyklopädieartikels abgefasste, Satz: „Der Zwischenfall hatte ein Todesopfer gefordert: Ein Mitglied der Haltemannschaft in Berlin hatte das Schiff nicht rechtzeitig losgelassen und war aus 50 Meter Höhe abgestürzt.“

Mehr stand dort nicht geschrieben. Aber durch diese kleine Begebenheit am Rande erhielt der Zwischenfall von LZ 120 „Bodensee“ für mich eine zusätzliche Dimension, die mein Interesse weckte und meine Fantasie in Gang setzte. Was war da eigentlich geschehen, an jenem Wintertag in Berlin-Staaken?

Die Frage wanderte in mein kleines gedankliches Notizbuch und blieb dort für eine kurze Zeit. Doch schnell war mir klar, dass ich hier den Stoff für eine Geschichte hatte, die sich zwar an den historischen Tatsachen orientieren musste, aber dennoch genügend Raum für eigene Variationen bot.

Das fing schon mit der Frage nach der Erzählperspektive und der Herangehensweise an die Geschichte an. Durch die Geschehnisse waren drei Gruppen von Personen denkbar, aus denen ich mir einen Protagonisten aussuchen konnte: Die Besatzung von LZ 120, die Passagiere und die Mitglieder der Bodenmannschaft. Letztere bot sogar noch dahingehend Optionen, wahlweise einen unbeteiligten Beobachter oder aber jenen Arbeiter auszuwählen, der den Zwischenfall nicht überleben sollte.

Nun, da ich die Geschichte geschrieben und ihr sie gelesen habt, ist es ja kein Geheimnis, wie ich mich entschied. Aber ich denke, es ist schon lohnenswert, einmal darauf zu schauen, ob die Erzählung nicht auch mit einer der anderen Perspektiven funktioniert hätte.

Ich kann mir nur vorstellen, was in der Steuergondel von LZ 120 los gewesen ist, als das Schiff auf einmal anfing, unberechenbare Kapriolen zu schlagen. Die Besatzung war, soweit ich weiß, routiniert. Aber einen solchen Vorfall hatte es vorher nicht gegeben und daher gab es keine Erfahrungswerte. Während der Landung war ein Luftschiff in der Tat auf Hilfe von außen angewiesen und ich stelle es mir als sehr mulmiges Gefühl vor, die unmittelbare Gefahr zu sehen und nicht eingreifen zu können.

Auch der Entschluss, das Luftschiff wieder freizugeben, barg einiges an Risiken. Durch die Schäden, die LZ 120 erlitten hatte, war fraglich, ob eine halbwegs sichere Landung zu einem späteren Zeitpunkt durchführbar war. Tatsächlich war der Zeppelin, als er Staaken verließ, Wind und Wetter ausgeliefert. Kein Wunder, dass ob dieser Dramatik niemand an Bord das Drama, das sich unter dem Schiff an einem der Halteseile abspielte, mitbekam.

Selbiges gilt für die Passagiere an Bord, für die das dramatische Ende ihrer Reise ein Höllenritt gewesen sein muss. Man muss sich nur vor Augen halten, dass das Fliegen an sich damals noch eine ganz andere Sache war, als es das heutzutage ist. Heute steigt man für 29 Euro in einen Flieger und ist in drei Stunden an einem Mittelmeerstrand. Damals war eine Flugreise nicht nur teurer, sondern auch noch mit einem Hauch des Abenteuers und der Exklusivität versehen. Dementsprechend dürfte die Zusammensetzung der Passagiere gewesen sein.

Dass sich aus den persönlichen Geschichten der Reisenden vor dem Hintergrund eines Unglücks ein gutes Garn spinnen lässt, hat das Genre des Katastrophenfilms seit seinen Anfängen mit „Airport“ oder „Der Untergang der Poseidon“ immer wieder bewiesen. Was trieb die Menschen an, die im Angesicht des drohenden Absturzes ihr Heil im Sprung aus der Kabine sahen? Was geschah in jenen Minuten in der Gondel unter dem Walfischbauch?

Über die Passagiere von LZ 120 schweigt sich der Artikel, der für mich den Anstoß zu „Der Traum vom Fliegen“ lieferte, aus. Was kann einem Schriftsteller besseres passieren, als ganz viele Blaupausen, die er mit Leben füllen kann?

Und dennoch habe ich mich dazu entschlossen, dorthin zu gehen, wo die Aktion ist, wo für mich das eigentliche Drama dieses Tages liegt, auch wenn es in der offiziellen Geschichtsschreibung nur eine Randbemerkung sein mag.

Auch über die Hintergründe der Personen der Haltemannschaft kann man viel herbei spekulieren. Sicher ist, dass es sich hierbei zwar um eine verantwortungsvolle, nichts desto trotz aber um eine Hilfsarbeit gehandelt hat. Etwas für den typischen Arbeiter, dessen Muskeln ihm bessere Dienste leisten mussten als sein Verstand.

Der Gedanke liegt nahe, dass 1919 eine große Zahl dieser Männer noch vor kurzem im Feld gestanden hat. Der Krieg war zum Zeitpunkt des „Bodensee“-Vorfalls noch kein Jahr beendet und Deutschland steckte in den Anfängen einer Republik, die sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt ihrer Feinde von innen und außen erwehren musste. Auch hier hätten sich viele Projektionsflächen auf die Arbeiter angeboten.

Ich habe mich entschieden, gezielt die Person zu beschreiben, die am Ende als einziges Opfer dieses Tages zu beklagen war – falls ihn jemand beklagt hat, heißt das. Auch hierzu erfährt man aus dem Artikel nichts, nur, dass die Passagiere von LZ 120 bester Laune waren, als man sie nach der schlussendlich erfolgreichen Notlandung zurück nach Berlin kutschierte.

Mein Friedel hätte also so gut wie alles sein können. Ein grantiger Ex-Soldat, der mit sich und der Welt hadert, weil er, als gefeierter Kriegsheld, dazu gezwungen ist, sich seinen Lebensunterhalt durch diese stupide und niedere Arbeit zu verdienen. Oder er hätte ein Student sein können, der auf der Suche nach körperlichem Ausgleich für die harte Denkarbeit, diese Stellung angenommen hat.

Dass Friedel der geworden ist, als der er sich nun dem Leser vorstellt, hat er dem Satz zu verdanken, der mir als erster der Geschichte durch den Kopf gegangen ist und der sich, leicht variiert, auch jetzt noch an ihrem Ende befindet: „Ich werde mich nicht mehr lange halten können, aber vielleicht werde ich fliegen.“

So etwas kann nur ein Mensch denken, dessen Traum vom Fliegen so groß und mächtig ist, dass er nicht einmal durch die Gefahr und das nahe Lebensende völlig ausgelöscht werden kann. Damit stand fest, dass Friedel liebt, was er tut und dass er alles dafür geben wird, um seine Tätigkeit zum Wohle des Luftschiffs auszufüllen.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, meine und seine Geschichte.

Ich freue mich, dass „Der Traum vom Fliegen“ bei vielen meiner treuen Kommentatoren und Leser gut angekommen ist. Ich hatte Zweifel, weil die Prämisse der Geschichte nun einmal eine historische Begebenheit ist. Aber davon ausgehend hätte die Geschichte so vieles sein können, was sie letztlich nicht wurde. Die Möglichkeiten waren da, wie ich in diesem Beitrag schildern wollte.
Manchmal kommt es nur darauf an, aus tausend Möglichkeiten die richtige zu wählen.

Danach muss man nur noch schreiben.

Wer suchet, der … (2) Eine nackte Frau, die im Moor Pornos dreht

Der Moment, in dem, teilweise nach Wochen, doch mal wieder eine Anzeige darüber erscheint, mit welchen Suchbegriffen mein kleiner Blog so aufgerufen wurde, ist der Moment, in dem mir wieder siedend heiß einfällt, dass ich keine Ahnung davon habe, wie man das mit den Keywords so gestaltet, dass Jan, Mann und sämtlicher Anhang gar nicht anders können, als hier regelmäßig aufzuschlagen.

Allerdings bin ich bei manchen dieser Suchbegriffe auch dankbar, dass ich weder Jan, noch Mann, noch sonst einen aus der Bagage fragen kann oder gar muss, was er sich bei diesen Suchbegriffen, bitteschön, gedacht hat.

Das neuste Kleinod aus den Suchbegriffen lautet:

nackte frau geht im moor sumpf unter porno

Ich finde, das regt zu Fragen geradezu an. Eine nackte Frau, die durch ein Moor flaniert, kann ich mir ja noch durchaus ästhetisch vorstellen. Es gibt ja reizvolle Moorlandschaften, die durch das Zufügen einer solchen Nymphe noch an Mystik, Ausdruckskraft und Geheimnis zulegen können.

Ob ich es nun brauche, dass diese Frau im nächsten Moment anfängt, wild mit irgendeinem (wahrscheinlich mal wieder potthässlichen) von der Seite hinzu-kommenden (na, habt ihr’s gemerkt?) Darsteller zu kopulieren, das lassen wir mal dahingestellt sein. Mit Ruhe und Frieden und Mystik ist es dann aber auf jeden Fall vorbei, fürchte ich. Wenigstens könnte der eine oder andere komische (Gesichts-)Ausdruck dabei abfallen.

Wie jetzt aber dazu passt, dass diese Frau, samt ihrem „Begleiter“, dann auch noch untergehen soll, das ist mir ein Rätsel. Wäre das dann nicht eine besonders üble Form des Coitus interruptus? Andererseits ist ja hoffentlich allgemein bekannt, dass man, wenn man schon im Sumpf steckt, nicht allzu hektische Bewegungen machen sollte. Sonst wird aus „rein-raus“ schnell ein „runter und drunter“.

Ich hoffe doch stark für die Damen und Herren der Darstellerzunft, dass es da eine Gewerkschaft gibt, die sich erfolgreich gegen solche Produktionsideen zur Wehr setzen kann. Auch wenn die Halbwertzeit als Pornosternchen naturgemäß eher kurz sein dürfte, gibt es ja keinen Grund, sie auf diese Weise dramatisch abzukürzen, nicht wahr?

Falls eine/r meiner Leser/innen irgendeine Ahnung hat, wo Jan, Mann und Co. ein solches Lichtspielwerk beziehen können, möchte ich darum bitten, es mir nicht zu sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals wieder unbelastet durch ein Moor laufen könnte.

Vielen Dank.

Linktipp: Kleiner Test zum Tag der deutschen Sprache

Der 08. September ist der Tag der deutschen Sprache. Also so etwas wie ein kleiner, inoffizieller Feiertag für einen Menschen, der sich seine Freizeit damit füllt, Sätze und Geschichten in dieser Sprache zu Papier zu bringen.

Dennoch hätte ich das Datum nicht auf den Schirm gehabt, wenn ich nicht gerade per Newsletter der hiesigen Zeitung darauf aufmerksam gemacht worden wäre.

Bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung gibt es aus Anlass des Tages ein kleines Quiz, mit dem ihr euer Rechtschreib-Wissen testen könnt, falls ihr mögt.

Ich habe aber Verständnis für jeden, für den sich das ein wenig zu sehr wie Deutschunterricht anfühlt.

Übrigens muss ich gestehen, dass ich nicht alle der 16 Fragen fehlerfrei beantworten konnte. Das zeigt wieder mal deutlich, wie gut es ist, dass einem Autor Instanzen wie ein Lektor, ein Korrektor, eine funktionierende Rechtschreibprüfung oder auch Testleser zur Seite gestellt werden.

Ihr findet den Test hier. Wer traut sich, sein Ergebnis mit uns anderen zu teilen? 🙂

Neue Kurzgeschichte: Der Traum vom Fliegen

Lange angekündigt – und jetzt fertig. Ich habe es nach zähem Ringen geschafft, diese schon länger in mir rumorende Kurzgeschichte zu zähmen. Sie ist mit fast 3.400 Wörtern recht lang geworden, aber ich hoffe, euch dennoch gut damit unterhalten zu können.

Die Geschichte ist für mich in gewisser Weise eine Premiere, basiert sie doch auf realen Geschehnissen, wie sie sich am 02. November 1919 zugetragen haben. Insofern hatte ich Unterstützung beim Plot, nicht aber bei der Figur, die ich schildere und bei der ich mir schriftstellerische Freiheit erlaubt habe.

Aber genug der Vorrede, die Geschichte ist schließlich lang genug. Ich wünsche euch viel Spaß mit


Der Traum vom Fliegen

Manchmal wünschte ich, ich könnte fliegen. Frei wie ein Vogel, die Schwingen ausgebreitet, dahin segelnd auf den Luftwirbeln. Mit freiem Blick in die unendliche Weite und auf das, was unter mir zurückgeblieben ist. Auf die Erde, die mich gefangen hält und mich an sich bindet.

Dann stelle ich mir vor, wie ich über der Welt schwebe, mal hierhin und mal dorthin treibe. Nach oben steige und nach unten hinab stoße. Die Ruhe genießend und die Sonne jagend.

Heute ist die Sonne nicht zu sehen. Und die Last der Schwerkraft liegt auf mir. Ergänzt durch den Schnee, der aus den dichten Wolken fällt und mich ebenso wie meine Kollegen bedeckt. Die Schirmmütze möchte mir durch das zusätzliche Gewicht dauernd in die Augen rutschen und ich komme kaum damit nach, den Schnee herunter zu wischen.

»Das ist doch ein Wahnsinn«, sagt Mäxchen Meier neben mir. Eine dicke Wolke Atemluft strömt zusammen mit den Worten aus seinem Mund. »Die müssen doch längst umgekehrt sein.«

»Geht nicht«, sagt Baumann, der Chef unseres kleinen Trupps. »Dafür reicht deren Treibstoff nicht. Konnte ja keiner ahnen, dass sich direkt über unseren Köpfen ein Schneesturm zusammenbrauen würde.«

»Nee, ist klar. Sprechen die Wetterfrösche ja auch erst seit einer Woche von.«

»Schnauze, Brand. Ist das erste Mal, dass die Frösche recht gehabt haben.«

»Trotzdem«, mault Brand, der etwas vierschrötige Pankower. »Wir haben November, da kann man schon mal mit schlechtem Wetter rechnen.«

»Du solltest dich im Büro melden«, sage ich. »Du bist für den Posten hier überqualifiziert.«

Brand lacht, dass seine Wampe heftig ins Wackeln gerät. »Sagt meine Olle auch immer. Was halten Sie davon, Chef?«

»Was du machst, nachdem wir den Vogel sicher in den Käfig gebracht haben, ist mir herzlich egal. Aber jetzt zieht gefälligst eure Handschuhe an. Ich glaube, ich höre was.«

Eigentlich ist es unmöglich, bei dem heftigen Brausen des Windes irgendetwas zu hören, aber wenn Baumann sagt, dass er etwas hört, dann stimmt das. Er hat die meiste Erfahrung von uns allen. Und er kennt, als einziger, soweit ich weiß, die Angelegenheit von oben und von unten. Ich kann bis jetzt nur vom Fliegen träumen. Aber Baumann war schon da oben.

»Friedel träumt schon wieder mit offenen Augen«, sagt Mäxchen und wirft mir einen leicht anzüglichen Blick zu. »Blond oder brünett?«

»Ach, halt doch dein Maul.«

Ich ärgere mich darüber, dass ich mich über Meier ärgere. Schweigend ziehe ich die Spezialhandschuhe aus der Tasche meines Overalls. Schon wieder will mir die Mütze vom Kopf rutschen, aber ich kann sie noch einfangen. Mit den Dingern an den Händen wird das schwierig. Aber ohne die Mütze geht es nicht. Ich muss klare Sicht auf das Geschehen haben.

Plötzlich höre ich das, was Baumann schon vor allen anderen gehört hat: Ein leises Brummen, das rasch lauter wird. Der Vogel ist im Anflug.

»Gut, gut, er ist trotz des Wetters fast pünktlich!«

Ich habe keine Ahnung, wie er das geschafft hat, aber ein Blick auf die große Uhr am Hauptgebäude überzeugt mich davon, dass Baumann recht hat. Wieder einmal.

»Los, meine Herren! Dann wollen wir mal.«

Das Brummen klingt so, als ob irgendwo über uns ein ganzer Bienenschwarm stehen würde. Ein riesiger Schwarm aus wütenden Drohnen, der sich nun langsam zu uns herab senkt.

Aber ich habe keine Zeit mehr, mich in meinen Gedanken zu verlieren. Zusammen mit den anderen renne ich los, auf das freie Feld. Jetzt merke ich erst, wie stark der Wind wirklich weht. Der Schnee scheint von überall und nirgends zu kommen. Er bedeckt den Boden und ich bin mir sicher, dass ich ausrutschen und fallen werde.

Wie, in drei Teufels Namen, soll ich den ›Bodensee‹ festhalten, wenn ich nicht einmal selbst einen sicheren Stand habe?

Aber zum Glück bin ich ja nicht alleine. Insgesamt sind wir dreißig Mann. Das hat bis jetzt noch immer ausgereicht, den Vogel in den Käfig zu bringen, wie Baumann es nennt.

Mein Blick geht suchend nach oben, aber ich sehe nur die tief über dem Feld hängenden Wolken. Wenn das Geräusch nicht wäre, würde ich beinahe glauben, dass wir paar Männer ganz alleine auf der Welt sind. Nicht einmal mehr das Hauptgebäude ist deutlich zu sehen. Am anderen Ende des Feldes ist die Halle, der Käfig.

»Männer!«, brüllt Baumann. »Das könnte ein bisschen holprig werden. Aber ihr wisst ja, wie es gemacht wird. Vertraut auf die Handschuhe und auf eure Erfahrung. Dann wird das ein Kinderspiel!«

Auf die Handschuhe vertrauen. Ja. Die Lederdinger, die so dick sind, dass sie meinen Tastsinn beinahe vollständig ausschalten. Aber sie müssen so sein, weil ich ansonsten die ungute Erfahrung machen würde, wie mir meine Haut von den Knochen geschält wird, wenn ich den ›Bodensee‹ packe. Manchmal bockt er ein wenig und bei diesem Wetter steht uns mit Sicherheit ein holpriger Ritt bevor.

»Das gefällt mir nicht«, sagt Brand. Ich verkneife mir einen Kommentar. Und ich verkneife mir die Gedanken, die ihm zustimmen wollen. Nein, mir gefällt das hier auch nicht sonderlich.

»Da!«

Wieder ist es Baumann, der es zuerst sieht. Er hat wirklich einen sechsten Sinn dafür. Wenn es hier jemanden gibt, der eigentlich eine Beförderung verdient hat, dann ist er es. Aber bis jetzt hat man ihn bei uns von der Bodenmannschaft gelassen.

Die anderen und ich starren in die Richtung, die er uns anweist. Und tatsächlich fällt in diesem Moment etwas durch die Wolken, schlägt auf dem Boden auf und wird dann von den Windböen hin und her geschleudert.

Wir sind zu weit gerannt und müssen nun ein Stück weit zurück. Mich packt die Aufregung, wie immer. Näher als in diesen Momenten komme ich dem Fliegen nicht.

Ich bin bei den ersten, die auf das Seil, das aus den Wolken gekommen ist, zu stürmen. Wie eine Schlange wirbelt es kreuz und quer über den Boden. Halb rutsche ich aus, halb ist es ein bewusstes Hinhocken. Doch dann habe ich das Seil. Ich habe den Vogel gepackt.

Nach und nach greifen auch die anderen Männer zu. So widrig auch das Wetter ist, wir halten ihm stand. Das Wichtigste ist jetzt, den ›Bodensee‹ nicht wieder ausbrechen zu lassen. Er mag ein Kind der Lüfte sein, aber unsere Aufgabe ist es, ihn am Boden zu halten.

Das Dröhnen und Brummen wird lauter. Wir halten das Seil fest. Für den Moment haben wir nicht mehr zu tun, als das. Der Rest muss nun von oben kommen.

»Gut so!«, ruft Baumann. Er lacht. Das alles macht ihm einen gewaltigen Spaß. Ich merke, dass ich mit lache. Dass ich dabei den Schnee schlucke, der mir in den weit geöffneten Mund fliegt, während ich den Kopf in den Nacken lege, stört mich nicht.

Ich warte auf den Moment, in dem ich ihn sehen kann. Auf diesen immer wieder erhebenden Augenblick.

»Achtung!«, ruft einer der Männer. Ich habe nicht verstanden, wer es war, aber den Grund bemerke ich sofort. Der ›Bodensee‹ driftet zur Seite und zieht uns mit sich. Da ist man einen Moment nicht aufmerksam und schon passiert so etwas. Ich halte das Seil fest und versuche, auf dem seifigen Boden genügend Halt zu finden, um ihn einzufangen. Neben mir legt sich Grunert auf die Nase. Aber auch er lässt das Seil nicht los. Wir sind eine gute Truppe.

»Da kommt er!«

Ich schaue wieder nach oben und ja, jetzt kann ich ihn sehen. Ein dunkler Schatten, dunkler als die Schlechtwetterwolken, senkt sich auf uns herab. Schlagartig ist unser Standort in Schwärze getaucht. Der Schatten setzt sich bis weit nach hinten fort. Circa einhundert Meter weit, wie ich weiß.

»Aufteilen, Männer!«

Auf Baumanns Ruf hin löst sich ein Teil unserer Schar und läuft weiter unter den Schatten. Ein weiteres Seil wird herunter gelassen. Dann fällt noch ein weiteres aus den Wolken.

Wir halten ihn fest, als ob es um unser Leben ginge. Ich halte ihn fest, als ob es um mein Leben geht.

Jetzt bricht der ›Bodensee‹ durch. Ich weiß, dass viele bei diesem Anblick an eine Zigarre denken. Für mich besaßen diese Giganten immer schon die Anmut eines riesigen Walfisches: Kraft gepaart mit Eleganz.

Das Luftschiff LZ 120 ›Bodensee‹ senkt sich auf das Flugfeld von Staaken nieder, angetrieben von seinen gigantischen Motoren und doch auf uns, die Männer von der Bodenmannschaft, angewiesen, um seinen Platz am Anlegemast zu finden, der dort drüben, unmittelbar vor der großen Halle, steht.

Ich kenne alle Daten und alle Details zu diesem Giganten der Lüfte. Wenn ich schon nicht wirklich am eigenen Leib erleben kann, wie es ist, damit zu fliegen, dann will ich wenigstens alles darüber wissen. Aber eine Passage zu buchen, das kann ich mir mit meinem Hungerlohn niemals erlauben.
Doch hier bin ich ihm nahe. Dem Traum vom Fliegen.

»Der kommt verdammt schnell runter«, sagt Kriminski neben mir. Ich wende mich ihm kurz zu und sehe, dass der alte Mann besorgt die Augen zusammen kneift. Kriminski ist am längsten von uns allen hier. Abgesehen von Baumann.

Ich schaue wieder nach oben und tatsächlich, es scheint, als ob sich der hundert Meter lange Körper des Luftschiffs viel schneller als sonst in Richtung Boden bewegen würde. Natürlich, der Wind. Wenn es hier unten schon so ungemütlich zugeht, muss es da oben noch wesentlich schlimmer sein.

Baumann kommt von weiter hinten angelaufen. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass er mit den anderen weggegangen war.

»Zeichen von der Kabinencrew!«, ruft er gegen den Schneesturm an. »Sie haben Probleme!«

Ich kann die Kabine sehen, die unterhalb der Außenhaut des Giganten angebracht ist. Alles weitere ist zu weit entfernt, aber ich weiß, dass sich die Besatzung mit einer Flüstertüte verständlich machen kann.

»Was soll das heißen?«, ruft Grunert zurück.

Doch schon im nächsten Moment erfahren wir am eigenen Leib, was diese Meldung zu bedeuten hat.

Mit einem so nicht zu erwartendem Rucken werden wir von den Beinen geschleudert und finden uns im nächsten Moment auf dem eisharten Boden wieder. Ich habe das Seil losgelassen und sehe, dass es fast allen anderen auch so gegangen ist. Es wurde uns förmlich aus den Händen gerissen.
Wenn ich nicht die Handschuhe gehabt hätte, wäre mir glatt die Hand in der Mitte durchtrennt worden.

Der ›Bodensee‹ schlägt eine Kapriole in der Luft, als sei er ein Kunstflieger auf einer Ausstellung. Sein Bug wird nach oben gerissen, gleichzeitig senkt sich sein Heck herab.

»Verdammte Scheiße!«

Ich kann die Worte nicht hören, aber die Lippenbewegungen von Baumann waren eindeutig. Er ist schon wieder auf dem Weg nach hinten.

Ich sehe das Seil in einigen Metern Entfernung hin und her schwingen. Schnell bin ich wieder auf den Beinen und hänge mich daran, als ob mein Gewicht auch nur ein wenig ausmachen würde. Das Luftschiff wiegt mindestens zwanzig Tonnen. Und doch können wir es unter normalen Umständen leiten und sichern.

Aber das sind heute keine normalen Umstände.

»Hierher!«, rufe ich den anderen Männern, die bis gerade noch sprichwörtlich mit mir an einem Strang gezogen haben, zu.

Hinter mir ertönt ein lautes Krachen, wie ich es noch nie zuvor gehört habe. Erschrocken wende ich mich um und traue meinen Augen nicht: Ich kann gerade noch sehen, wie die Steuergondel ein paar Meter über den Boden des Landefelds gezogen wird. Der Zeppelin hat sich fast auf den Boden geworfen.

Mein Gott, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen!

Der Walfischbauch dreht sich zur Seite, als er von einer neuen Böe gepackt wird. Wenn sie ihn nun wieder zu Boden drückt, dann wird der Leib des Luftschiffs die kleine Gondel einfach unter sich zerquetschen.

Aber die Passagiere und die Männer der Besatzung haben Glück. Ein starker Aufwind packt den ›Bodensee‹ und hebt ihn wieder in die Luft. Rasend schnell wird das Heck nach oben gezogen. Dafür kommt der Bug nun wieder herab – genau auf mich zu!

»Nichts wie weg hier!«, ruft Kriminski neben mir. Ich weiß, dass ich das Seil loslassen und machen sollte, dass ich mich in Sicherheit bringe. Aber ich halte es weiter fest. Ich werde nicht klein beigeben. Solange ich hier stehe, wird dieses Luftschiff nicht einfach machen, was es will!

»Er hebt sich schon wieder!«

Mein Ruf bewegt einige der Männer, sich wieder umzudrehen und ans Seil zu hängen. Ich sagte ja, wir sind ein guter Trupp.

Für einen Moment liegt der Zeppelin waagerecht in der Luft und ich fange gerade an zu glauben, dass wir ihn doch noch werden normal landen können, als das Heck wieder gen Boden stürzt. Erneut schlägt die Gondel auf und …

Mein Gott, sind das Menschen, die da abspringen!? Es ist ziemlich weit entfernt und bei dem Sturm werden die Augen getrogen, zumal es mir irgendwann, ohne dass ich es recht bemerkt habe, die Mütze vom Kopf gerissen hat. Aber doch, da sind kleine Schatten, die sich von der Gondel lösen und wie Sandsäcke zu Boden stürzen. Ich verliere sie aus den Augen, sobald sie aufgekommen sind. Überhaupt habe ich gar keine Zeit, um mich davon ablenken zu lassen. Ich muss den ›Bodensee‹ festhalten!

Meine Arme schmerzen bis in die Schultern hinauf. Ich kann spüren, wie mich die Kraft langsam verlässt. Lange darf das hier nicht mehr dauern, ansonsten werde ich, ob ich will, oder nicht, aufgeben müssen.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sich die meisten Männer absetzen. Ohne sich noch einmal umzublicken, laufen sie auf die große Halle zu. Habe ich gerade noch gedacht, dass wir alle nur an einem interessiert sind, nämlich den Zeppelin zu sichern? Nun, ich habe mich geirrt.

Für einen Moment tritt fast so etwas wie Ruhe ein. Der Sturm lässt ein wenig nach und gönnt mir eine Ruhepause. Ich nutze sie, um zu versuchen, einen Blick auf die Menschen zu erhaschen, die abgesprungen sind. Da hinten liegen dunkle Punkte auf dem weißen Boden und es ist absolut unmöglich, zu erkennen, ob sie sich noch regen, oder nicht.

Doch der Augenblick vergeht viel zu schnell und schon zerrt der Wind wieder am ›Bodensee‹, der wiederum an mir reißt.

Ich sehe, dass sich das Heck wieder hebt. Und nicht nur das, es gewinnt rasch an Höhe. Ich brauche eine Sekunde, bis mir der Grund dafür einfällt. Natürlich: Die Menschen, die gesprungen sind, haben das Gewicht des Luftschiffs verringert! Und dass es leichter geworden ist, bedeutet, dass es steigt. Verdammt, wir bräuchten genau jetzt jeden Mann an den Seilen!

Der Walfisch über mir setzt sich in Bewegung. Er wird auf die Halle zu getrieben. Ja, wirklich, es sieht nicht so aus, als ob die Besatzung noch die Kontrolle hätte.

Erschrocken sehe ich mich um. Zwar ist der ›Bodensee‹ gestiegen, aber es reicht nicht aus. Wenn er die gegenwärtige Höhe behält, dann wird er dagegen stoßen. Das gibt ein riesiges Unglück!

Verzweifelt klammere ich mich an das Seil, als ob allein mein Gewicht es schaffen könnte, den Giganten weiter nach unten zu ziehen. Doch selbst wenn es so wäre, wie soll ich dafür sorgen, dass der Zusammenstoß verhindert wird?

Gedanken an die möglichen Folgen schießen mir durch den Kopf. Kann der Wasserstoff, mit dem das Luftschiff gefüllt ist, durch den Aufprall explodieren? Vielleicht durch einen Funkenschlag?

Ich weiß es nicht, aber der Gedanke macht mich kribblig. Ich greife noch fester zu und überhöre das Kreischen meiner Muskeln.

Aber noch etwas anderes überhöre ich. Ich merke es erst, als sich das Besatzungsmitglied, das gerade noch mit dem Oberkörper und der Flüstertüte am Mund aus dem Fenster gelehnt hat, schon wieder verschwunden ist.

Ich suche Baumann, kann ihn aber nicht entdecken. Er ist immer noch irgendwo hinten am Heck. Vielleicht kümmert er sich auch um die Springer.

Aber – was ist das? Das Hinterteil hebt sich schnell in die Höhe, so als ob … ja, tatsächlich, da hängt niemand mehr an den Seilen! Wieso haben die denn alle losgelassen?

Als Reaktion packe ich nur noch fester zu. Das Seil und ich werden eins miteinander. Ich lasse nicht los. Da kann passieren, was will. Und wenn ich der Einzige bin, der diesen verdammten Zeppelin am Boden hält!

»Friedel!«, schreit es auf einmal aus dem Schneegestöber. Ich brauche eine Sekunde um zu realisieren, dass es mein Name ist, der da gebrüllt wird.

Ich schaue nach oben, wo der riesige Leib des ›Bodensee‹ Anstalten macht, wieder in die Wolken zu verschwinden. Was ist denn da los?

»Friedel!«

Erst beim zweiten Ruf sehe ich mich nach dem Verursacher um. Es ist Baumann. Er kommt auf mich zu gerannt und brüllt wieder und wieder meinen Namen. Und noch etwas anderes, das ich nicht verstehen kann. Der Wind rupft ihm die Wörter von den Lippen.

Ein Ruck geht durch das Seil und ehe ich es mich versehe, mache ich einen Satz in die Luft. Nur kurz währt die Berg- und Talfahrt, dann habe ich wieder Berliner Boden unter den Füßen. Aber der kleine Lupfer hat ausgereicht, um mir ein Hochgefühl in den Magen zu zaubern.

Fühlt es sich so an, wenn man fliegt?

»Verdammte Scheiße, Mann, lass das Seil los!«

Jetzt habe ich Baumann genau verstanden. Zumindest seine Worte. Aber was der Sinn darin sein soll, dass ich loslasse, das begreife ich nicht. Wenn ich den Zeppelin nicht halte, dann könnte ja wer weiß was passieren.

Ich binde mir das Seil in einer Schlaufe um das Handgelenk. Das ist riskant, falls ich wieder von einem plötzlichen Krängen des Luftschiffes überrascht werde. Aber so habe ich einfach einen besseren Halt.

Den Schnee um mich bemerke ich kaum noch. Auch nicht, dass sich zu Baumanns Rufen nun auch andere Stimmen gesellen. Ich sehe dem Truppführer entgegen, der nur noch, vielleicht, zehn Meter von mir entfernt ist. Wieder schreit er meinen Namen und streckt nun beide Arme aus. Will er mir helfen, das Seil zu packen?

Ehe er mich oder das Seil erreichen kann, gibt es wieder einen Ruck und ich verliere die Bodenhaftung. Ich blicke hinauf und sehe, dass der Walfischleib nun fast vollständig verschwunden ist. Da ist nur noch sein Schatten – und auch der wird fadenscheinig.

Endlich verstehe ich. Alle anderen haben den Zeppelin losgelassen, der daraufhin, frei von jedem Halt, wieder aufsteigt. Das muss es gewesen sein, was der Mann von der Besatzung herunter gerufen hat. Sie brechen die Landung ab und …

Ja, was eigentlich?

Ich packe das Seil fester und wage mich dann erst, einen Blick nach unten zu werfen. Unter mir stehen, sitzen und kauern die Männer meines Trupps. Baumann hat die Hände zu einem Trichter geformt und ruft mir irgendetwas zu, das ich nicht verstehen kann. Hier oben ist es zu laut. Der Wind heult und jammert – oder ist es das gepeinigte Schiff?

Wenn es einen Moment gegeben hat, in dem ich noch gefahrlos hätte abspringen können, dann ist er unbeachtet vorbeigegangen. Meine Höhe beträgt jetzt bestimmt schon zwanzig Meter und der ›Bodensee‹ steigt schnell. Ich höre seine Motoren nicht mehr. Vielleicht sind sie bei dem Aufprall beschädigt worden. Vielleicht steigen das Schiff und ich gemeinsam und nur von den Winden angetrieben hinauf.

Mit ein wenig Verspätung wird mir klar, was das bedeutet. Selbst wenn ich es schaffen sollte, an diesem Seil hinauf zu klettern, dann gibt es keinen Weg für mich in die Gondel. Außerdem würde ich es sowieso nicht schaffen. Die Strecke ist zu weit und das Wetter zu unnachgiebig.

Jetzt wäre wohl der passende Augenblick, um Todesangst zu bekommen. Um über all das nachzudenken, was ich verliere, weil ich an diesem Seil sterben werde.

Nur habe ich nichts zu verlieren. Familie habe ich nicht, meine Eltern sind an der Grippe gestorben und mein Bruder ist vor Verdun geblieben. Eine Braut gibt es nicht. Und meine Wirtin wird mehr der Miete als mir hinterher weinen.

Ich atme tief durch und schaue mich erneut um. Wir sind jetzt in den Wolken und unter mir ist nichts als eine undurchdringliche weiße Wand. Irgendwo dort unten ist Berlin, das weiß ich. Aber in diesem Augenblick könnte es Welten entfernt sein.

Über mir, majestätisch und unglaublich schön, schwebt der Zeppelin. Ich glaube nicht, dass man dort an Bord überhaupt meine Anwesenheit bemerkt. Es ist mir nur recht so. Nichts soll diesen Moment des Friedens stören.

Ich spüre meine Hände kaum noch. Die Kälte, hier oben noch beißender als auf dem Boden, kriecht in jede Faser meiner Haut.

Es ist schön hier oben. So schön, wie ich es mir in meinen Träumen vorgestellt habe.

Meine Kräfte schwinden rapide. Ich fühle nichts mehr vor Kälte und Erschöpfung. Nur eine wohltuende Leichtigkeit. Ich denke nicht, dass ich mich noch lange werde festhalten können.

Aber, vielleicht, nur vielleicht …

Vielleicht werde ich fliegen.

Von der Schwierigkeit, eine Kurzgeschichte zu schreiben

Wenn ich einen Parameter dafür finden müsste, um auszudrücken, wie schwer mir das Schreiben in den letzten Monaten phasenweise fällt, dann könnte ich die Anzahl der geschriebenen Kurzgeschichten anführen. Oder, nein, eigentlich weniger die Anzahl der geschriebenen, sondern die der nicht geschriebenen. Und das wären eine ganze Menge.

Wie ihr wisst, habe ich hier im Blog schon eine ganze Reihe von Short Stories veröffentlicht. Die ganz überwiegende Mehrheit von ihnen hat gemeinsam, dass ich eine Idee ausgebrütet habe, die vielleicht auf eine Momentaufnahme, eine Wahrnehmung oder manchmal auch einfach auf die Nennung eines Titels zurückging. Danach war es meistens bis immer überhaupt kein Problem, die Geschichte, teils in kürzester Zeit, zu Papier zu bringen.

Dass dabei nicht immer große Kunst entstanden ist, ist klar. Aber dafür sind diese Geschichten ja auch nicht gedacht, sondern dafür, euch zwischendurch einfach mal etwas zum Lesen zu präsentieren. Wenn der komische Typ, der hier schreibt, schon der Ansicht ist, er sei ein Autor 😉 .

Tja – und nun stehe ich da und habe mir in letzter Zeit viel zu viele Gedanken gemacht, ob ich die Idee, die mir durch den Kopf geschossen ist, nun wirklich umsetzen soll. Und wenn ich dann zu dem Schluss kam, es doch einfach zu machen, dann ist es in die Hose gegangen.

Wer mir auf Twitter folgt (oder hier mal rechts auf die entsprechende Anzeige schaut) hat mitbekommen, dass ich im Moment an einer Kurzgeschichte schreibe. Eine der Geschichten, deren Idee mich schon vor einer ganzen Weile angesprungen hat.

Im ersten Anlauf habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, genau drei Sätze geschrieben. Dann habe ich sie wieder gelöscht und drei bis vier neue Sätze geschrieben. Danach habe ich auch die wieder gelöscht und die ganze Sache zu den Akten gelegt.

Ich habe es also ernsthaft probiert und bin daran gescheitert, dass es einfach nicht geklappt hat. Ich würde gerne sagen, dass es bestimmt daran gelegen hat, dass ich gleichzeitig so unheimlich viele andere Dinge geschrieben habe. Habe ich aber nicht. Weder hier im Blog, noch am Roman, noch irgendwas anderes.

Wenn ich ehrlich sein soll, dann war genau dieser Umstand die Motivation dafür, die Idee nun doch noch einmal aufzugreifen und mich dazu zu zwingen, diese Kurzgeschichte aufzuschreiben. Aber es zieht sich und quält sich. Wo ich früher eine Kurzgeschichte von 2.000 Wörtern in einer Stunde herausgeholzt habe, brauche ich nun mehrere Tage. Weil ich Pausen brauche. Weil Erschöpfung einsetzt.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob die Qualität der Geschichte davon profitieren oder darunter leiden wird. Aber wenigstens bin ich mir einigermaßen sicher, dass ich es schaffen werde, sie zu vollenden. Und dann stelle ich sie hier online und schaue mal, ob sie mir gefällt – oder nicht.

Nagelt mich aber nicht darauf fest, wann genau die Geschichte kommt. Wie ich schon sagte – oder zu sagen versuchte – ich bin da im Moment nicht ganz Herr meiner Entscheidungen. Und ob sie dann noch was taugt … nun, das werden wir dann ja sehen, nicht wahr? 🙂