Doomsday!

Wer die letzten paar Wochen nicht unter einem Stein verbracht hat, der weiß, was heute die Stunde geschlagen hat. Heute tritt die neue Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union inkraft.

In den letzten Tagen wurde jeder, der sich im Internet bewegt und irgendwo auch nur mal einen Newsletter bestellt hat, mit den Ankündigungen zu Änderungen und dergleichen bombardiert. Auch diese kleine Seite hier hat eine angepasste Datenschutzerklärung, einen Hinweis auf Cookies und dergleichen bekommen.

Aber eine nicht kleine Anzahl von überwiegend privat geführten Websites und Blogs hat auch die Waffen gestreckt und entweder mit entsprechender Info oder auch heimlich, still und leise, den Stecker gezogen. Hierfür hat jeder Betreiber, jede Betreiberin, höchst individuelle Gründe, die es zu akzeptieren und zu respektieren gilt.

In meiner Wahrnehmung erleben wir gerade das größte Sterben kleiner privater Seiten, seit seinerzeit die Plattformen von Compuserve/AOL und Geocities abgeschaltet wurden. Relikte einer vergangenen Zeit, an die sich heute vielleicht nur noch die wenigsten erinnern können.

Ich, für mich, habe mich entschieden, zu bleiben. Zwar mit kleinen Anpassungen, aber ohne die große Panik. Weil ich nach wie vor glaube, dass wir, die Blogger, nie wirklich Ziel dieser DSGVO gewesen sind. Und ich hoffe, dass irgendwann, irgendwer, sich irgendwo mal hinstellt und das wirklich, wahrhaftig und rechtssicher verlässlich klar stellt.

Heute ist Doomsday. Aber morgen ist ein neuer Tag mit neuen Chancen und neuen Möglichkeiten.

Ich freue mich darauf, euch alle dort wiederzusehen!

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Leer geschrieben

Irgendwie fällt es mir im Moment schwer, diesen Blog kontinuierlich mit Leben zu füllen. Vorbei die Zeiten, in denen es jeden Tag einen neuen Beitrag gab. Gut, das wurde von nicht wenigen meiner Leser sowieso als „Wahnsinn“ und kaum nachzuhalten betrachtet.

Aber auch der Vorsatz, jeden zweiten Tag, oder so, einen neuen Artikel zu schreiben, hält im Moment nicht vor. Dabei mangelt es nicht an Dingen, über die ich schreiben könnte. Tatsächlich fange ich an, mir über einen neuen Beitrag Gedanken zu machen und stelle dann schnell fest, dass ich mich, momentan, nicht in der Lage sehe, ihn auch wirklich zu schreiben.

Unbefriedigend.

Aber ich schreibe. Das ist die positive Nachricht. Und „wir“ hatten uns ja hier schon mal darauf geeinigt, dass es in Ordnung ist, wenn ich Prioritäten setze. Die liegen im Moment auf meiner täglichen Dosis meines aktuellen Romanprojekts.

Ich habe mir vorgenommen, dass ich an jedem Tag, an dem ich arbeiten gehe, wenigstens 500 Wörter schreibe. Das ist in etwa 20 Minuten erledigt und damit eigentlich immer einzuschieben. An Tagen, an denen ich frei habe, sollen es 1.000 Wörter sein. Bis jetzt, das sind knapp zwei Wochen, klappt das auf diese Weise ziemlich gut.

Aber irgendwie fühle ich mich danach auch leer geschrieben. Ich schreibe die 500 Wörter und merke richtig, wie der Schreibmuskel abschlafft. Als ob er überanstrengt worden sei. Aber davon kann in letzter Zeit nun wirklich keine Rede sein.

Nun gut, ich muss mit dem leben, was ich im Moment zustande bringe. Aber so ein kleines Jammern zwischendurch, sei mir dann doch vielleicht erlaubt 😉 .

Warum es wichtig ist, Sympathieträger für seine Geschichten zu entwickeln

Es gibt da eine Sache, an der erstaunlich viele Geschichten kranken. Und zwar, dass man sich als Leser oder Zuschauer schwer damit tut, für irgendeine der handelnden Personen so etwas wie Sympathie aufzubringen.

Wir kennen das aus dem richtigen Leben: Wenn uns jemand sympathisch ist, dann nehmen wir Anteil an dem, was ihm passiert. Wir freuen uns mit ihm, wenn er etwas schönes erlebt und wir leiden mit ihm, wenn er wieder einmal einen Schicksalsschlag zu erleiden hat.

Wenn uns jemand egal ist, dann ist uns meistens auch egal, wie es ihm ergeht. Und ganz schlechte Karten hat jeder, den wir nicht leiden können. Denn dann kann er, zusätzlich zu seinem Missgeschick, noch darauf zählen, dass wir uns insgeheim vielleicht sogar darüber freuen. Weil es ihm, aus unserer Sicht, recht geschieht.

Was im richtigen Leben zwar auch eine Rolle spielt, aber nicht entscheidend ist, weil wir uns die Menschen, mit denen wir zu tun haben, nur bis zu einem gewissen Grad aussuchen können, ist für Geschichten von geradezu elementarer Wichtigkeit. Denn wenn jemandem die Figuren, über die er liest, egal sind, dann gibt es eine große Wahrscheinlichkeit dafür, dass er oder sie das Buch bei nächster Gelegenheit einfach zuschlagen und nie wieder anrühren wird. Und auch die Fälle, in denen man ein Buch liest, bei dem alle Charakter einem unsympathisch sind, sind wohl eher rar gesät.

Ich habe mir dieser Tage einen Film angesehen, der ziemlich gut erkennen lässt, wie sich diese Problematik äußern kann. Aber wie gesagt, es hat auch schon Bücher gegeben, bei denen ich mir dasselbe gedacht habe. Der Film, von dem ich spreche, stammt aus dem Jahr 1980 und heißt „Urban Cowboy“. Die Hauptrollen spielen John Travolta und Debra Winger.

Travolta spielt Bud Davis, der vom Land nach Houston kommt, um dort Arbeit zu finden. Von seinem Onkel wird er in die größte lokale Country- & Westernbar geführt, wo praktisch jeden Abend High-Life ist, Countrybands spielen und mit allerlei typischem Amüsement wie einer Maschine zur Messung der Schlagkraft oder auch (nicht ganz unwichtig für die Geschichte) einem mechanischen Bullen aufgewartet wird.

Aber lassen wir, für diesen Blog etwas untypisch, die Geschichte mal weitgehend beiseite und konzentrieren wir uns auf die Figuren. Da haben wir Bud (Travolta), der innerhalb der ersten zwanzig Filmminuten die junge Sissy (Winger) kennen- und lieben lernt und sie Knall auf Fall heiratet. Ganz stilecht mit Wohnsitz im Trailerpark.

Dazu kommen der auf Bewährung entlassene Bankräuber Wes (Scott Glenn) und die elegante Pam (Madolyn Smith), die als Tochter aus gutem Hause auf der Suche nach einem „echten Cowboy“ ist.

Im Laufe der etwas über zwei Stunden passiert mit diesen Figuren nun folgendes (Spoiler lassen sich hier nicht vermeiden):

Bud behandelt Sissy mies, ist herrisch ihr gegenüber, kommandiert sie herum und verbietet ihr zum Beispiel, auf dem elektrischen Bullen zu reiten. Er wird sogar handgreiflich. Sissy schmeißt sich daraufhin an Wes heran, der ihr beibringt, den Bullen zu bändigen. Bud wird mega-eifersüchtig und lässt sich, um es Sissy zu zeigen, nur zu bereitwillig von Pam abschleppen, mit der er Sissy betrügt. Die zieht, nachdem sie vergeblich auf Bud gewartet hat, aus dem gemeinsamen Trailer aus und bei Wes ein, mit dem sie nun ihrerseits Bud betrügt. Sie demütigt ihn des Weiteren vor aller Augen, indem sie eine laszive Show auf dem Bullen hinlegt.

Dennoch will sie Bud eigentlich zurück haben, putzt (zum ersten Mal) den Trailer und hinterlässt Bud einen Brief. Der wird von Pam entdeckt und, natürlich, vernichtet. Weil Sissy nun glaubt, dass Bud nichts mehr von ihr wissen will, kommunizieren die beiden nur noch via abfälliger Gesten miteinander (by the way: Selten zeigte eine Frau so grazil ihren Mittelfinger wie Debra Winger in diesem Film).

Nun wird Sissy aber ihrerseits von Wes betrogen, der, als die bei ihm ausziehen will, grob gewalttätig wird und Sissy nunmehr vollends unterdrückt. Bud ist seinerseits eigentlich immer noch scharf auf Sissy und benutzt Pam weiterhin nur, um diese doch bitte irgendwann so sehr eifersüchtig zu machen, dass sie zu ihm zurückkehrt.

Am Ende passiert, was in Hollywood passieren muss. Es gibt einen Schicksalsschlag, der, wieso auch immer, Pam als erste zur Vernunft bringt. Sie beichtet Bud das mit dem Brief, der kann Sissy gerade noch vor dem prügelnden und wieder straffällig werdenden Wes retten und nach 120 von 129 Minuten schafft Bud es dann endlich, Sissy zu erklären, wieso er, der Cowboy vom Land, mit seinem Stolz nicht anders handeln konnte, als er es tat. Ende.

Das Problem ist nur, dass es mir zu diesem Zeitpunkt schon vollkommen egal war, was Bud oder Sissy oder irgendeiner zu seiner Verteidigung vorzubringen hatte. Denn die Figuren dieses Quartetts, jede einzelne von ihnen, hatte bis dahin so viele Hände-vor-den-Kopf-schlag-Momente abgeliefert, dass ich mehrfach kurz davor war, den Film einfach auszumachen.

Denn wenn man ehrlich ist, dann verhält sich Bud über den ganzen Film hinweg wie ein arroganter Arsch (mit Verlaub). Und das als unsere nominelle Hauptfigur. Bei wirklich jeder möglichen Ausfahrt, bei jeder Situation, wo man sich denkt, dass er die Kurve kriegen könnte, biegt er falsch ab und untermalt das meistens noch mit derben Sprüchen und starrem Blick. Mag sein, dass Travolta mit seiner Vita bis dahin einiges von dieser Wirkung bei den (weiblichen) Fans abmildern konnte, aber 38 Jahre später wirkt das einfach nur unsympathisch und in manchen Szenen geradezu widerlich.

Sissy, die man eigentlich für das Opfer des Ganzen halten könnte, ist aber auch nicht besser. Sie ist die erste, die mit einem anderen kokettiert und auch wenn sie nicht die erste ist, die den Betrug wirklich vollzieht, setzt sie das Spiel erst in Gang. Wenn Debra Winger nicht eine so verletzliche Ausstrahlung hätte, wäre es wirklich ein leichtes, Sissy die ganzen Demütigungen zu gönnen, die sie sich später noch zuzieht, weil sie als erste demütigt und verletzt.

Wes, der von Scott Glenn gespielt wird, als sei er eine Reinkarnation von Clint Eastwood mit Sodbrennen, wird vom Drehbuch gleich gar nichts weiter mitgegeben als eine erst unterschwellig und dann immer deutlicher zu Tage tretende Brutalität. Der Satz, der mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, charakterisiert ihn am besten: „Von einem Mann wir mir kannst du nicht erwarten, dass er einer Frau treu ist. Das ist doch wohl klar.“

Und Pam ist, so leid es mir tut, das sagen zu müssen, nicht mehr als das Klischee eines Töchterchens, das sich einen Arbeiter von der Straße aufliest, um sich auch mal als Teil des Milieus zu fühlen. Sie spielt die Eheleute bewusst gegeneinander aus und versucht wahlweise, Bud zu domestizieren, oder ihn als Deckhengst zu gebrauchen. Sie ist zwar nett anzusehen, aber mehr als kühle Berechnung verbirgt sich nicht hinter der angemalten Fassade.

Nun – nachdem ich viel mehr über diese Menschen geschrieben habe, als ich es eigentlich wollte, sagt mir eines: Wen soll man denn aus diesem Quartett als Sympathieträger ansehen? Wessen Schicksal soll einen am Ende berühren?

Der Film macht auf so viele erdenkliche Arten alles falsch, dass es schwer ist, es aufzuzählen. Dabei hilft ihm auch nicht, dass er formal wirklich gut gespielt und gedreht ist. Eine Parallele zu einem Buch mit Charakteren, die einen nicht berühren. Die Sprache kann noch so gewählt, der Satzbau so geschliffen und die Handlung so gut geplottet sein – wenn die Figuren einer schlimmer als der nächste sind, dann hilft das alles nichts.

Denn dann ärgert man sich und wenn man sich ärgert, dann macht man als Leser die Schotten dicht. Einen Film kann man eher durchstehen, auch wenn er über zwei Stunden dauert, als ein Buch, mit dem man viele Tage verbringt und das irgendwann anfängt, sich wie Kaugummi zu ziehen.

Deswegen kann ich nur an die Autor/innen unter euch appellieren (und es mir selbst hinter die Ohren schreiben): Sorgt dafür, dass ihr wenigstens eine Figur unter euren Protagonisten habt, mit denen der Leser sympathisieren kann. Eine Person, die ihm nahe geht. Ihr tut ihm und damit auch euch einen großen Gefallen. Denn wenn der Leser sich positiv emotional berührt fühlt, dann wird er viel mehr Anteil an eurer Geschichte nehmen. Er wird sich eher dazu veranlasst sehen, sie anderen Lesern zu empfehlen. Und er wird gerne an das Leseerlebnis zurückdenken.

Das ist es doch, was wir eigentlich möchten. Wir möchten unsere Leser unterhalten und ihnen ein paar schöne Stunden schenken. Gründe, sich zu ärgern, haben sie wahrscheinlich in ihrem Leben ohnehin genug.

Meldung und Meinung: 24-Stunden-Buchnotdienst

Das Boersenblatt berichtet von einer netten Idee der Mayerschen Buchhandlung am Standort Aachen. Dort wurde jetzt ein Automat aufgestellt, an dem man 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche, ein Buch erwerben kann, wenn man es mal wieder nicht während der Geschäftszeiten geschafft hat.

Das wirklich interessante daran ist, dass es sich bei einem Gutteil der Bücher um Überraschungen handelt. Die Cover sind neutralisiert und es gibt nur eine kurze Inhaltsumschreibung. Was einen wirklich dahinter erwartet, erfährt man als Leser erst, wenn man das Buch erworben hat.

Nun ist die Idee von Buchüberraschungen ja nicht neu. Im Internet gibt es inzwischen einige Anbieter von Buchboxen, die, nach Themen sortiert, den Leser auf die Folter spannen, was er denn da schönes zu lesen bekommt. Aber meiner Kenntnis nach ist dieser Automat der erste Versuch, so etwas auch für ein breiter aufgestelltes Publikum zu versuchen.

Denn, machen wir uns nichts vor, der normale Leser ist eher nur so mittelprächtig risikobereit. Oft wird zu dem gegriffen, was bereits bekannt oder sowieso in aller Munde ist. Dieses Prinzip wird hier ausgehebelt.

Ob sich genügend Leser finden werden, die sich auf das spannende Experiment einlassen werden?

Das liegt, nicht zuletzt, auch am Mut der den Automaten betreuenden Buchhändler. Wenn sich am Ende des Tages doch wieder nur derselbe Einheitsbrei hinter dem neutralen Einband findet, dann wird sich die Idee, meines Erachtens, schnell totlaufen. Denn bei Bestsellern ist die Wahrscheinlichkeit, dass der interessierte Leser diese bereits auf „normalem“ Wege erworben hat, sicherlich größer, so dass es hierbei zu Umtäuschen kommen wird. Und wie oft sich ein Leser spätabends ein Buch am Automaten zieht, um es dann doch am nächsten Tag in der Filiale wieder umtauschen zu müssen, darüber gebe ich mal keine Prognose ab.

Als Konzept finde ich die Sache aber auf jeden Fall sehr spannend und könnte mir auch selbst durchaus vorstellen, hin und wieder mein Glück zu versuchen.

Wie sieht es bei euch aus – würdet ihr euch auf das Buch in der neutralen Packung einlassen?

Ein schönes Bild

Manchmal finde ich es hochbedauerlich, dass man nicht einfach wild in der Gegend herumknipsen und Fotos von anderen Leuten machen kann. Denn das hätte heute ein sooo schönes Bild abgegeben!

Jetzt kann ich euch leider die Situation nur beschreiben und hoffen, dass ihr euch die Szene vor eurem geistigen Auge ausmalen könnt.

Ich war heute Nachmittag, wie immer, in der völlig überfüllten Regionalbahn von Duisburg Hbf nach Duisburg Rheinhausen unterwegs. Drei Haltestellen, die in dem überfüllten Zug aber lang genug werden können.

Wie immer hielt ich mich in direkter Nähe der Ausgänge, weil ich keine Lust hatte, den Zug nicht passend verlassen zu können. Ich war froh, dass ich ausreichend Platz hatte, mein aktuelles Buch aufgeschlagen vor mir zu halten und mich dennoch festhalten zu können. Ich habe heute angefangen, den ersten Teil der Tagebücher von Victor Klemperer zu lesen, die dieser zwischen 1933 und 1945 geführt hat. Irgendwie ist das Thema für mich einfach mal wieder verstärkt „dran“. Ich weiß auch nicht, wieso.

Umgeben war ich von lauter Smartphones. Mal wurde darin (darauf?) gelesen, mal telefoniert. Ein Mädchen zu meiner Linken stieß mich fortwährend mit dem Kopf an, weil sie nicht in der Lage war, gleichzeitig zu sprechen und still zu stehen.

Irgendwann, kurz vor der Einfahrt in den heimatlichen Bahnhof, ließ ich dann meinen Blick noch einmal schweifen. Und so sah ich auf dem nächstgelegenen Vier-Personen-Sitz, das Bild, das ich gerne als Foto festgehalten hätte:

Ein Mann und eine Frau, beide vielleicht in ihren Zwanzigern, beide vielleicht oder vielleicht auch nicht ein Paar, lasen in einem Buch. Gemeinsam im selben. Er hielt das Buch so, dass auch sie hineinschauen konnte. Leider hatte ich keine Chance, zu erkennen, um was für ein Buch es sich handelte. Aber es war, am Schriftsatz erkennbar, ein Roman.

Während er las, warf er zwischendurch immer wieder kurze Seitenblicke zu ihr hinüber, vielleicht um festzustellen, wie weit sie schon gekommen war. Da lachte sie auf einmal kurz auf und wies dann mit dem Finger auf eine Stelle im Buch. Die beiden steckten die Köpfe zusammen – und ich bin mir im Nachgang eigentlich sehr sicher, dass sie eben doch ein Paar waren – und sie erklärte ihm, was sie an der bezeichneten Stelle so toll fand. Dann lachten beide und lasen weiter.

An dieser Stelle musste ich, leider, aussteigen. Mich hätte wirklich interessiert, um welches Buch es sich hier gehandelt hat. Aber alleine die Szene als solche, im großen Kontrast zu den ganzen Bildschirmen um mich herum, hat für mich ein Stück die Sonne aufgehen lassen. Solange das Lesen noch diese Wirkung auf Menschen haben kann und solange Menschen dieses Erlebnis noch in dieser Form miteinander teilen, so lange ist das gedruckte Buch noch nicht verloren 🙂 .

Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen

Dieser, in der Überschrift genannte, prophetische Satz geht auf Heinrich Heine zurück. Er stammt aus einer Zeit weit vor dem Dritten Reich. Und doch ist er gerade in diesem Zusammenhang zu einer schauerlichen Bedeutung gelangt.

Heute, genau vor 85 Jahren, fand im Deutschen Reich die große, von den Nationalsozialisten organisierte, Bücherverbrennung statt. Verbrannt wurden Werke all jener Autoren, die als undeutsch im Geist der neuen Machthaber angesehen wurden, die sich durch zu laute Kritik oder durch zu humanistische Tendenzen unbeliebt und unerwünscht gemacht hatten.

Meine erste richtige Auseinandersetzung mit dem Thema Bücherverbrennung fand zu Schulzeiten statt. Ich war gerade dabei, eine Arbeit über den Schriftsteller Erich Maria Remarque anzufertigen, der in der Weimarer Republik mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ für Aufsehen, aber auch für Empörung bei ehemaligen Soldaten des Ersten Weltkriegs, gesorgt hatte.

Sowohl sein Roman als auch die zeitgenössische Verfilmung des Stoffs fiel, man möchte sagen natürlich, bei den Nazis in Ungnade. Vor allem der Gauleiter von Berlin und spätere Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels hatte ein besonderes Interesse daran, Remarque mundtot zu machen. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch seine Werke im Rahmen der Bücherverbrennungen auf den Scheiterhaufen landeten:

Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.

Mein Interesse war, nicht nur wegen meiner Hausarbeit, geweckt. Und so informierte ich mich weiter über diese Verbrennungen und die Autoren, welche zu ihren Opfern wurden. Darunter finden sich Namen wie Erich Kästner, Tucholsky, Heinrich Mann und natürlich Karl Marx. Und ich begann mich ganz im Allgemeinen damit zu beschäftigen.

Aus unserer heutigen Sicht können wir leicht auf dieses Ereignis schauen und es einen Akt der Barbarei nennen. In der damaligen Zeit war die Lage differenzierter. Zwar waren die neuen Machthaber der Antrieb hinter den Verbrennungen. Aber es gab auch genügend andere, eher gemäßigte Elemente, die im stillen oder ganz öffentlich mit diesen Aktionen überein stimmten. Selbst eine Institution wie der Börsenverein hat damals, wie man selber schreibt, aus opportunistischen Gründen aktiv mit den Brandstiftern kollaboriert.

Und wie sieht es heute aus?

Nun, in unserem Land, das kann man sagen, hat man aus der Vergangenheit gelernt. Auch wenn es für viele Menschen unverständlich erscheint, wieso zum Beispiel extremes Gedankengut in Buchform erscheinen darf: Es ist, unter anderem, eine direkte Folge aus den Erfahrungen und den kulturellen Hinterlassenschaften der damaligen Zeit. Nicht umsonst heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes: Eine Zensur findet nicht statt.

Für viele Menschen ist es selbstverständlich, dass auch die Meinungen Andersdenkender, seien sie in Form von Artikeln oder Büchern oder auch Blogbeiträgen ausgesprochen, nicht unterdrückt werden dürfen. Immer mit der sinnvollen Einschränkung, dass sie nicht gegen geltendes Recht und Gesetz verstoßen dürfen. Aber das taten die damals der Bücherverbrennung anheim gefallenen Autoren auch nicht. Nicht einmal nach der damaligen Gesetzeslage.

Doch in anderen Teilen der Welt wird bis heute zensiert. Es werden Menschen verfolgt, inhaftiert und teilweise sogar mit dem Tode bedroht, weil sie ihre Meinung schreiben oder sagen. An einem Tag wie heute, der vor allem auch eine Mahnung für die Meinungsfreiheit darstellt, sollten wir gerade auch an diejenigen denken, denen es heute noch so geht, wie denn Manns, den Kästners und den Remarques vor 85 Jahren.

Die Bücherverbrennung markiert den Beginn der öffentlichen Gleichschaltung der deutschen Kultur. Und was sich nicht gleichschalten ließ, das wurde, auf vielfältige Weise, ausgeschaltet. Wer damals konnte, der ging ins Exil. Und wer es nicht konnte oder wollte, dem wurde so gut wie jede Möglichkeit der Publikation genommen, es sei denn, er arrangierte sich mit den Machthabern. Erich Kästner, zum Beispiel, lieferte unter Pseudonym viele Vorlagen für erfolgreiche Kinofilme der Nazizeit, etwa für „Münchhausen“ mit Hans Albers. Doch das wussten nur wenige Eingeweihte.

Andere, allen voran Thomas Mann, wurden in ihrem Exil zu einer mahnenden und nicht nachlassenden Stimme der Kritik an den Machthabern im Dritten Reich, das unaufhaltsam der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und der Vernichtung der europäischen Juden zusteuerte.

Und so sollte sich das, was Heinrich Heine bereits 1821 schrieb, auf schrecklichste Weise erfüllen.

Ich bin froh, dass wir heute in unserem Land in der Lage sind, für unsere Ansichten und Meinungen einzustehen. Dass wir Autoren publizieren können, was wir wollen, wie wir es wollen und wo wir es wollen. Und ich bin dankbar dafür, dass es Institutionen gibt, die sich für die Meinungsfreiheit auf der ganzen Welt einsetzen.

Daran denke ich am heutigen Tag.

Kurz und schmerzlos (28) Das Gute an der DSGVO

Wisst ihr, was das Gute daran ist, wenn die neue Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) kommt und deswegen immer mehr Blogger ihre Seiten auf Privat stellen oder gleich ganz vom Netz nehmen?

Man braucht nicht mehr so viel Zeit, um alle interessanten Blogs halbwegs aktuell zu verfolgen. Das bedeutet viel mehr Zeit zum Schreiben.

Ihr wisst schon, Spuren, Ironie, behalten und so …

Nee, ihr bleibt mir alle schön da, verstanden? Damit ich auch im Juni noch genügend nette Menschen habe, bei denen es sich zu lesen und zu kommentieren lohnt. Ich zähle auf euch!