Wieso ich das Bauchgrummeln besiegte

Ja, ich gebe zu, dass ich wieder einmal bis zur letzten Minute gewartet habe. Bis gestern musste sich melden, wer von den Mitgliedern der BartBroAuthors Lust hat, auf der Vereinslesung in Leipzig anzutreten.

Ich habe lange Vorteile und Nachteile gegeneinander abgewogen. Es mir nicht leicht damit gemacht. Aber am Ende überwogen eindeutig die Vorteile, denn als Nachteil blieb letztlich nur eines wirklich übrig: Ich könnte mich bis in die Grundmauern blamieren.

Das ist ein großes Wort und sicherlich auch nichts, womit ich leichtfertig umgehe. Denn wer blamiert sich schon gerne? Aber um die Realität dessen zu hinterfragen, musste ich wieder mit mir in Klausur gehen und, siehe da, es sah gar nicht so gefährlich aus, wie ich es rein instinktiv und in meiner ersten Reaktion eingeschätzt hatte.

Denn im Endeffekt bewege ich mich doch auf freundlichem Terrain. Dadurch, dass ich nicht der einzige Autor bin, der aus seinen Texten lesen wird, habe ich einen Rahmen, in dem ich mich bewegen und an dem ich mich auch festhalten kann. Ich bin kein Einzelkämpfer, mit dem der Gesamteindruck des Abends steht oder fällt. Und da jeder der anderen sicher ebenso aufgeregt sein wird, wie ich es bin, haben wir schon einmal eine nette Gemeinsamkeit. Gemeinsamkeiten schweißen zusammen. Zumal ich alle, die mit mir lesen, schon kenne – sei es real oder „nur“ virtuell.

Dann habe ich mir überlegt, was das Schlimmste sein könnte, was mir passieren kann. Das Schlimmste wäre, wenn mir einfach die Sprache weg bliebe. Nun, in Hinblick auf meine Krankengeschichte könnte das sogar passieren. Aber ich denke nicht, dass es passieren wird. Ich muss nur aufpassen (und ganz lieb bitte-bitte machen), dass ich nicht der Erste sein werde, der auf die Bühne „muss“. Denn dann liegt es nicht an mir, die Veranstaltung in Gang zu bringen und den Flow für die anderen vorzubereiten.

Und realistisch betrachtet sollte ich eigentlich eine komplette Sprachlosigkeit vermeiden können. Denn ich lese ja „nur“ aus einem meiner Texte. Ich muss nichts verkaufen, außer mir selbst. Und ich muss niemandem irgendwas eintrichtern, sondern „nur“ die Leute möglichst gut unterhalten.

Jetzt bin ich nicht der geborene Entertainer, aber ich halte mich für souverän genug, um mich auf eine Bühne stellen (oder setzen) zu können und zumindest das Mindestmaß an Kontaktaufnahme mit dem Publikum hinzubekommen. Ich habe das schließlich im Rahmen meiner Ausbildung und in diversen Fortbildungen sogar gelernt! Klar, da ging es um Wissensvermittlung, um eine Ausbildung zum Trainer. Aber wenn man es schafft, einen Kurs mit 20 mehr oder weniger gelangweilten Kollegen über zwei Tage hinweg zu jonglieren, dann schafft man auch eine Lesung von vielleicht zwanzig Minuten.

Meine Lesestimme wurde von denen, die sie bis jetzt zu hören bekommen haben, als angenehm eingeschätzt. Ich selber bin da ja notorisch anderer Ansicht, aber ich werte das erst einmal als positives Zeichen.

Ich weiß noch nicht, wie lange meine Redezeit sein wird. Deswegen kann ich mir auch nur unzulänglich Gedanken darüber machen, welchen Textausschnitt ich wählen soll. Was bringt es also, sich jetzt schon damit verrückt zu machen? Gar nichts.

Es überwogen also eindeutig die Gründe dafür, dieses Wagnis einzugehen. Denn ein viel besseres und entspannteres Setting kann es, denke ich, für eine erste Leseerfahrung gar nicht geben.

Klar, die Nervosität wird kommen und sie wird in den nächsten Wochen, wenn ich darüber nachdenke, noch häufiger kommen. Aber ich werde versuchen, sie zu beherrschen und vielleicht sogar daran zu wachsen.

Ich denke, es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich zu dem Thema was zu schreiben habe. Ich halte euch gerne auf dem Laufenden 🙂 .

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Nur eine kleine Pille

Ich habe euch ja schon häufiger mal auf Comicstrips von Clays fantastischer Seite Depressioncomix aufmerksam gemacht. Im Normalfall binde ich einfach den jeweiligen Strip hier als Reblog ein und sage nur ein oder zwei Sätze dazu. Nun, in diesem Fall sollen es dann vielleicht vier oder fünf sein. Einfach weil der Anblick in mir Erinnerungen ausgelöst hat, die ich mit euch teilen mag.

Aber werfen wir zunächst gemeinsam einen Blick auf den Comic, um den es mir heute geht. In diesem bekommt eine junge Frau ein Rezept ihres Arztes. Er verschreibt ihr Antidepressiva, aber sie hat Angst, die Tabletten zu nehmen. Sie befürchtet, dass ihre Persönlichkeit dadurch verändert wird, dass sie sich selbst nicht mehr erkennen könnte. Und sie fürchtet, dass sie ihre Kreativität abtöten.

Ihr Freund oder Bekannter sagt ihr daraufhin, dass sie im Augenblick immer nur down sei, sogar davon spreche, sterben zu wollen. Und nicht zuletzt habe sie seit Monaten nicht mehr gemalt. Im letzten Panel sitzt die junge Frau an einem Tisch und sagt, frei übersetzt: »Okay, ihr Pillen, bitte nehmt nur die Dunkelheit von mir. Nehmt nichts von mir von mir.«

Ich kenne viele Menschen, die sich auf die eine oder die andere Art in dieser Art Gedanken wiederfinden oder wiedergefunden haben. Kaum eine Sorte Medikamente steht in so großem Verruf, wie es Antidepressiva tun. Tatsächlich gibt es Leute, die glauben, dass diese Pillen den Menschen, der sie nimmt, zu jemand ganz anderem macht.

Nun, in mancherlei Beziehung mag das sogar so sein, denn es gibt Patienten, die durch die Einnahme solcher Mittel die Möglichkeit gefunden haben, sich selbst in einer Art und Weise zu verändern, wie sie es sich vielleicht schon lange gewünscht, es sich aber nicht getraut haben. Solche Änderungen gefallen nicht jedem. Zum Beispiel in solchen Fällen, in denen aus einem grauen Mäuschen, das man immer schön unterbuttern konnte, auf einmal ein selbstbewusster Mensch wird, der sich zu wehren weiß.

Natürlich bewirken das nicht Tabletten alleine. Es ist eine Menge harte Arbeit nötig, um Prozesse in Gang zu setzen, die zu solchen Veränderungen führen. Die Pillen können über die Startschwierigkeiten hinweg helfen. Ich selber sage immer, dass sie mich in die Lage versetzen, an meinen Themen zu arbeiten.

Und doch war auch ich skeptisch und von Vorurteilen befallen, als ich vor ungefähr sieben Jahren das erste Mal ein entsprechendes Rezept in der Hand hielt. Und es ging mir ganz genau so wie der jungen Frau in dem Comic. Am meisten sorgte ich mich darum, dass durch eine sich wie auch immer äußernde Veränderung meine Fähigkeiten, mich kreativ zu betätigen, endgültig der Vergangenheit angehören würden.

Ich hatte damals keinen Freund, der mich darauf hinwies, dass in dieser Hinsicht sowieso schon lange nichts mehr lief, wie es sollte. Aber ich brauchte auch keinen. Das wusste ich nämlich selber besser, als es mir lieb sein konnte. Zwar hatte ich im Sommer 2009 ein kurzes Kinderbuch geschrieben, aber mein letzter „richtiger“ Roman lag bereits fünf Jahre in der Vergangenheit. Seit bald drei Jahren doktorte ich an seinem Nachfolger herum, was aber nichts anderes bedeutete, als dass ich mir alle paar Monate seufzend das knapp 100 Seiten lange Fragment ansah und es wieder zur Seite legte.

Ein Teil von mir war immer der Ansicht gewesen, dass es vielleicht gerade meine psychische Verletzbarkeit war, die es mir ermöglicht hatte, zu schreiben. Dass in dieser Hinsicht nicht alles zum besten bei mir bestellt war, war mir lange schon klar, auch wenn ich es nicht benannte und in gewisser Weise darauf wartete, dass es sich von alleine Bahn brechen würde (was es dann 2010 auch tat).

Aus der Sicht von heute fällt es mir schwer, diese Gedanken nachzuvollziehen, weswegen ich auch an dieser Stelle keinen Versuch wagen möchte, die Hintergründe zu erklären. Aber auf jeden Fall hatte ich diese Sorge, nun wirklich und unwiderruflich nie wieder schreiben zu können.

Und es kam, wie es kommen musste: Im darauffolgenden Jahr fasste ich meine Tastatur, soweit ich mich erinnere, nicht ein einziges Mal an. Ich kramte zwar hin und wieder in alten Entwürfen, bekam meine melancholischen fünf Minuten, weiter ging es aber nicht.

Ob die Tablette daran Schuld hatte? Das wage ich mal ganz fest zu bezweifeln. Aber wie sich herausstellen sollte, befanden sich sowohl mein damaliger Arzt als auch ich selbst ein wenig auf dem Holzweg.

Er hatte mir zwar ein Medikament verschrieben, mich aber ansonsten alleine mit mir, meinen Gedanken und meinem Irrglauben gelassen. Irgendeine Form von Begleitung fand nicht statt. Und wenn es mir, wie es heute vollkommen logisch erscheint, nach einigen Monaten schlechter ging, dann wurde in Reaktion darauf die Dosierung meiner Pille erhöht. Und je weniger das anschlug, desto schlechter ging es mir und desto unvorstellbarer wurde es, jemals wieder zu schreiben.

Und dann kam der Tag, an dem es nicht mehr weiterging. An dem ich psychisch so richtig aus meinem bisherigen Leben gerissen wurde. Die Pille konnte nicht mehr höher dosiert werden und jetzt (!), über ein Jahr später, kam mein Arzt auf die Idee, dass es vielleicht gut für mich sein könnte, wenn ich mir auch therapeutische Hilfe suche.

Ich kam in eine entsprechende Klinik und lernte in mühevoller Kleinarbeit, mich mit mir selber auseinander zu setzen. Das war alles andere als leicht und dauerte etliche Wochen. In der Zwischenzeit bekam ich neue Pillen, probierten wir allerlei aus. Und, siehe da: Ich spürte Veränderungen. Veränderungen in der Richtung, dass ich auf einmal für manche Dinge neuen Mut aufbrachte.

Zum Beispiel dafür, mir ernsthafte Gedanken zu machen, ob ich nicht doch noch mal mein Glück mit dem Schreiben versuchen wolle. Gut, es dauerte dann noch einmal ein paar Monate und Zuspruch eines besonders lieben Menschen (an dieser Stelle liebe Grüße an meine kleine-große Schwester), bis ich mich einfach an die Tastatur setzte und los schrieb. Heraus kam ein Manuskript, das den Namen „Der Morgen danach“ trug.

In meinem Fall haben die Pillen nicht meine Kreativität getötet. Sie haben mich unterstützt, überhaupt wieder den Mut aufzubringen, mich als Autor gegenüber anderen Menschen zu outen und dann zu versuchen, meinen Weg zu gehen. Wer weiß, vielleicht gäbe es ansonsten auch diesen Blog nicht.

Dies soll keine Lobeshymne auf die Pharmaindustrie sein. Grundsätzlich ist jede Veränderung, die auch ohne den Einfluss von Medikamenten vonstatten geht, jener vorzuziehen, für die man bunte Pillen braucht. Aber es gibt Situationen, in denen es nicht anders geht. Ein Spruch, in dem ein Körnchen Wahrheit liegt, lautet: »Wenn du an Krebs erkrankt wärst, würdest du dir auch keine Gedanken machen, ob du die Medikamente nehmen sollst.«

Heute bin ich an einem Punkt, an dem mein neuer Arzt und ich überlegen, ob wir nicht das eine oder andere Medikament langsam ausschleichen können. Und ich bin immer noch hier und ich bin immer noch Autor. Und ich denke nicht, dass man mir das jemals wieder wird wegnehmen können.

Aber wer weiß, wo ich heute stünde, wenn es nicht zum richtigen Zeitpunkt diese kleine Pille gegeben hätte.

Vom Vereinsleben stark eingespannt

Ihr Lieben,

nur eine kurze Zwischenmeldung, dass ich im Moment vom Vereinsleben in meinem kleinen Autorenverein sehr stark eingespannt bin. Sowohl emotional als auch von der Aufmerksamkeit her. Das sorgt dafür, dass mir für meinen Blog in diesen Tagen wenig Platz und wenig Ruhe bleibt.

So sollte es nicht sein und ich bemühe mich, dass es auch wieder anders wird. Aber das ist im Moment alles ein wenig im Fluss.

Immerhin habe ich im Augenblick wieder ein wenig Elan, um an meiner momentanen Geschichte weiter zu schreiben. Wahrscheinlich verteilt sich mein Potenzial gerade etwas zu Ungunsten des Blogs.

Tja, ist dann wohl mal so.

Aber ich habe euch nicht vergessen und hier geht es sicherlich auch bald wieder im gewohnten Turnus weiter!

Tut bis dahin nichts, was ich nicht auch täte.

Der Sonntagsreport vom 14.01.2018: Viele Baustellen

Hallo zusammen,

es ist mal wieder Sonntag und damit Zeit, zumindest ein wenig ein Streiflicht auf das zu werfen, was im Augenblick so ansteht. Und irgendwie habe ich das Gefühl, von Baustellen umgeben zu sein. Was ich nicht nur in Hinblick auf die ganz realen Baustellen hier in unserem Haus meine.

Aber fangen wir mit denen ruhig mal an, denn wir haben eine ziemlich bewegte Woche hinter uns, in der nicht nur das Zimmer meiner Frau quasi in den Urzustand zurückversetzt wurde, sondern obendrein auch noch unser Badezimmer eine, wenn auch geplante, Baustelle war. Die Duschkabine wurde entfernt, die Wand neu gekachelt und jetzt warten wir „nur“ noch darauf, dass irgendwann die zur neuen Duschtasse passenden Wände geliefert und montiert werden.

Also jede Menge Schutt und Asche, auf die man diese Woche seinen Blick werfen konnte. Leider geht mir, ganz im Gegensatz zu meiner Frau, die Ruhe und die Gelassenheit im Umgang mit solchen Dingen völlig ab. Man stelle sich mal vor: Sie fand es sogar ganz entspannend, den Fensterausschnitt großflächig neu zu verputzen! Da verkrieche ich mich lieber unter den Schreibtisch und schaue mal nach, wie der von da unten betrachtet aussieht.

Aber gut, was gemacht werden muss, muss gemacht werden. Und wenn ich jetzt schon anfangen würde, am Rad zu drehen, dann will ich besser nicht wissen, wie es mir ergeht, wenn dann anschließend irgendwann mein Zimmer an der Reihe ist.

Apropos „mein Zimmer“. Zwischendurch stand auch mal zur Debatte, mein Zimmer und das meiner Frau gegeneinander zu tauschen. Eine Entscheidung, mit der ich mich nicht leicht getan habe. Zwei Tage habe ich hin und her überlegt und als ich gerade so weit war, dem ganzen zuzustimmen, zog meine Frau eine neue Variante aus dem Ärmel, die den Umzug unnötig macht.

Solche Dinge können mich durchaus stressen. Aber auf diese Weise muss ich wenigstens nie lange nach neuen Belastungserprobungen suchen, von denen ich hinterher meinem Therapeuten erzählen kann 😉 .

Lassen wir jetzt die Steine und die Farbe hinter uns und kommen zu dem, um was es hier ja eigentlich geht: das Schreiben. Leider ist die letzte Woche, die so verheißungsvoll gestartet war, dann doch mit einer ziemlich schwachen Bilanz zu Ende gegangen. Ich bekomme im Moment einfach keine Kontinuität in meine Arbeit hinein und ich überlege krampfhaft, woran das liegt.

Ist es vielleicht das falsche Projekt, an dem ich arbeite? Oder gehe ich falsch an die Sache heran? Setze ich mir vielleicht gar zu wenige konkrete Ziele?

Im Moment sieht es so aus, dass ich, eigentlich gerne jeden Tag wenigstens eine Seite in PapyrusAutor schreiben würde. Das sind „nur“ 500 Wörter und damit wirklich nicht viel. Aber man hört ja immer und immer wieder, dass es besser ist, jeden Tag ein wenig und das kontinuierlich zu schaffen, anstatt einmal alle paar Tage richtig ranzuklotzen.

Es klappt nur leider weder das eine noch das andere richtig. Gut, heute habe ich 1.500 Wörter geschrieben, was ganz okay ist. Aber für die ganze Woche stehen damit eben auch nur knapp 2.000 Wörter auf dem Tableau. Wenn ich jeden Tag die 500 Wörter schriebe, wären es 3.500 Wörter. Der Zeitaufwand pro Tag würde sich auch gerade mal auf etwa zwanzig Minuten belaufen. Nicht viel mehr.

Eigentlich doch nun wirklich nichts, was sich nicht auch noch nach der Arbeit und sogar parallel zu allen möglichen Renovierungsfragen erledigen ließe. Aber im Moment anscheinend doch zu viel.

Es ist einfach frustrierend, dass solche Phasen immer und immer wieder auftreten. Da könnte doch langsam mal jemand eine Pille gegen erfinden, oder? Das müsste doch möglich sein. Und wäre ein solcher Verkaufsschlager, dass sich alle Entwicklungskosten rechnen würden.

In meinem nächsten Leben werde ich vielleicht Pharmazeut in einem großen Konzern. Dann besorge ich mir ein Patent auf so eine Pille und werde schweinereich. Das Geld nutze ich dann – um ganz viel Zeit zum Schreiben zu haben *g.

Problematisch ist halt, dass Zeit, Motivation, Inspiration und Geschick sich zur selben Zeit an einem Punkt des Raumes treffen müssen. Der Mensch, der sich in diesem Augenblick dort befindet, hat dann im wahrsten Sinne eine Erleuchtung und kann alles erreichen, was er sich im Moment vornimmt.

Aber ich will nicht jammern. Erfahrungsgemäß kommen irgendwann auch wieder bessere Zeiten. Für unser Haus wie für mein Schreiben. Wie für alles andere.

Okay, kommen wir zum Ende. Um den ganzen Staub, der bei so einer Renovierung nicht ausbleibt, aus dem Kopf zu pusten, sende ich euch noch ein wenig Musik hinten drein. Bitte laut stellen!

Habt noch einen schönen Sonntag!

Euer Michael

Wo das Schreiben lebensgefährlich ist

Ich habe heute bei der Süddeutschen Zeitung einen sehr eindringlichen und nachdenklich stimmenden Artikel gelesen. Es geht um fünf Schriftsteller aus fünf Ländern der Erde, in denen es aus verschiedenen Gründen sehr schwer ist, einfach nur ein Autor zu sein. Sei es, weil Krieg und Veröffentlichungsverbot herrschen. Sei es, weil angeblich gegen politische oder religiöse Grundsätze verstoßen wird. Sei es, weil man seit über 40 Jahren im Exil lebt, weil es ein, auf dem Papier immer noch bestehendes, Todesurteil gibt.

Die Schriftsteller, die hier zu Wort kommen, stammen aus Syrien, dem Iran, der Türkei, Kuba und Somalia. Beim einen Land kommt man eher darauf, welche Probleme es dort gibt, bei anderen Ländern nicht sofort. So war mir zum Beispiel nicht bewusst, welche Einschränkungen es auf Kuba immer noch gibt, wo uns das Land doch in den letzten Jahren zunehmend als weltoffen und aus der Isolation erwacht präsentiert wird.

Das eindringlichste Zitat in diesem Artikel stammt von Amir Hassan Cheheltan aus dem Iran, der sagt, dass es sich als unabhängiger Schriftsteller in seinem Land so anfühlt, als sei man ein kommunistischer jüdischer Homosexueller im nationalsozialistischen Deutschland. Auch wenn in dieser Aussage sicher eine kalkulierte Übertreibung liegt, ist sie doch wie ein Schlag in die Magengrube.

Dem entgegen haben wir in Deutschland, eigentlich in der gesamten westlichen Welt, kaum mit größeren Repressalien zu kämpfen. Es ist ein Verdienst unserer Meinungsfreiheit, dass wir als Autoren schreiben dürfen, was wir möchten. Auch dann, wenn es anderen nicht immer in den Kram passt. Wie ihr wisst, spreche ich sogar den Urhebern von mir vollkommen fremden Geisteshaltungen durchaus das Recht zu, ihre Bücher zu veröffentlichen.

Und doch ist es auch in Deutschland noch nicht lange her, dass Autoren aus ihrem Heimatland fliehen mussten, weil sie hier um Leib und Leben fürchten mussten. Oder doch zumindest um ihre persönliche Integrität. Man muss nicht bis zu den Bücherverbrennungen der Nazis zurückgehen. Auch Autoren in der ehemaligen DDR hatten, wenn sie kritische Stimmen erhoben, mit Gegenwehr des Staates, in dem sie lebten, zu kämpfen. Nicht immer verliefen diese Kämpfe erfolgreich.

Und dann sind da noch die momentanen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten von Amerika, der, nach eigener Auffassung, demokratischsten und fortschrittlichsten Nation von allen. Dort schreibt jemand ein Buch, das dem Präsidenten nicht in den Kram passt und schon wird der gesamte Staatsapparat in Feuerstellung gebracht. Da ich das Werk nicht gelesen habe, kann ich nichts dazu sagen, ob es diesen Bohei rechtfertigt, aber die Tendenz zur Unterdrückung einer missliebigen Meinung finde ich, sagen wir mal, mindestens bedenklich.

Dennoch sind das alles Luxusprobleme im Vergleich zu dem, was die fünf Autoren aus dem Zeitungsartikel erleben. Das soll nicht schmälern, dass es auch in anderen Ländern zu prekären Situationen kommen kann. Ich finde nur, dass es wichtig ist, manche Dinge im richtigen Kontext und damit auch im rechten Licht zu betrachten. Auch wenn Donald Trump wütend ist, wird er nicht gleich die Todesstrafe für einen Schriftsteller fordern.

Wir sollten nicht müde werden, uns dafür einzusetzen, dass Autoren, Schriftsteller, Künstler auf der ganzen Welt die gleichen Rechte, die gleiche Selbstbestimmung und die selben Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung erhalten, wie sie für uns selbstverständlich sind. Und wir sollten uns diese Beispiele vor Augen halten, um einfach nicht aus dem Blick zu verlieren, was Zensur anrichten kann. Selbst dann, wenn sie vielleicht noch so gut gemeint sein sollte.

Den sehr lesenswerten Artikel der Süddeutschen findet ihr hier.