Dem Buch beim Wachsen zusehen

Mir ist noch ein weiterer Vorteil eingefallen, den die Verwendung der Normseite für mich mit sich gebracht hat – mal ganz davon abgesehen, dass sie halt in der Verlagswelt ein Standard, wenn nicht sogar ein Muss ist.

Früher war es für mich kaum abschätzbar, wie weit ich mich eigentlich in einer Szene, in einem Abschnitt, einem Kapitel oder gar im ganzen Roman befinde. Es fehlte an der Übersicht. Seien wir ehrlich: eine ganze Seite voll mit Text ist alles andere als einfach zu handhaben. Nicht umsonst spricht man ja auch von Textwüsten oder in ganz besonders heftigen Fällen davon, dass man von einem Text erschlagen wird.

Als ich meine ersten Romane schrieb, konkret die ersten vier Manuskripte, da kannte ich die Normseite schlicht und ergreifend noch nicht. Ich tippte einfach in meiner Textverarbeitung der Wahl drauf los (die zwischendurch auch immer mal wieder wechselte, was zu teils unbefriedigenden Ergebnissen führte). Und dann setzte ich nach Lust und Laune einfach an den Punkten einen Abschnittswechsel, wo ich es für richtig erachtete.

Heute weiß ich, dass dadurch einige Szenen nicht das Optimum von dem erreicht haben, was man aus ihnen hätte machen können. Sie waren entweder zu ausschweifend (meistens) oder zu kurz (eher selten). Ich hatte kein Gefühl für das richtige Mass.

Damit einhergehend war auch die tatsächliche Seitenzahl für mich ein nicht wirklich feststellbares Kriterium. Nun ist es bei einem Roman für die Schublade letztendlich egal, ob er zwei-, drei oder achthundert Seiten umfasst. Aber wenn man sich die Regale in den Buchhandlungen ansieht dann kann man schon feststellen, dass sich für einzelne Genres gewisse Konventionen eingebürgert haben. Der historische Roman ist eher lang, die sogenannte „Chick Lit“ eher kurz. Fantasy kommt selten unter einer Trilogie, während der Krimi sich so bei drei- bis vierhundert Seiten einpendelt. Muss man sich an diese vagen Vorgaben halten? Nein, aber schaden kann es auch nicht, wenn man sich bei einem Verlag bewerben will.

Zurück zur Normseite. Diese kann im Normalfall nicht eins zu eins als Richtlinie für eine spätere Druckseite genommen werden, aber bei meinen absolut nicht repräsentativen Stichproben im eigenen Bücherregal war es bei sehr vielen Büchern, vor allem bei Taschenbüchern, so, dass das Format zumindest halbwegs stimmte. Natürlich ist der Satz im fertigen Buch nicht mehr linksbündig und Silben werden auch artig getrennt. Aber das sind Feinheiten, die nicht so ins Gewicht fallen.

Die Normseite ermöglicht es mir also, dem Buch quasi in Echtzeit beim Wachsen zuschauen zu können. Zu einer Phase meiner Schriftstellerei habe ich sogar jeden Abend ausgedruckt was ich geschrieben hatte, um dem Stapel in Natura dabei zusehen zu können.

Ich fasse also noch einmal zusammen: die Normseite hilft mir bei der Struktur, beim Maß nehmen und, wie gestern festgestellt, dabei mich nicht unter zu großen Zeitdruck zu setzen. In meinen Augen könnte dies also das erste Mal sein, dass ein de facto Industriestandard wirklich etwas für die Menschen tut, die mit ihm umgehen müssen.

Wenn das nicht ein beruhigendes Gefühl ist!

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3 Gedanken zu “Dem Buch beim Wachsen zusehen

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