Von Erwartungen und Realitäten

Wie ich ja bereits habe durchblicken lassen, hatte ich heute meinen ersten Arbeitstag nach einer sehr langen Erkrankung. Vielleicht kann sich der eine oder die andere von euch vorstellen, dass das nicht spurlos an einem vorübergeht. In meinem Kopf wurde die Frage „wie wirst du wohl empfangen werden“ immer größer und größer.

Nun muss ich dazu sagen, dass ich in einem Bürojob arbeite, bei dem ich einen sehr direkten Draht zu meiner Vorgesetzten habe. Das heißt, dass die gute Frau mir zwangsläufig jeden Tag über den Weg läuft und auch zumeist jeden Tag irgendwelche Dinge mit mir zu besprechen hat. Gleichzeitig ist sie leider nicht die empathischste Person auf diesem Planeten.

Mein phantasiebegabter Kopf hatte jede Menge Stoff, sich Horrorszenarien auszumalen. In einem Romanentwurf wäre wahrscheinlich etwas radikales passiert. Ich mag es eben manchmal, einen Knalleffekt zu setzen. Vielleicht wäre ich von einem fliegenden Aktenordner empfangen worden, weil ich es „gewagt“ habe, so lange krank gewesen zu sein. Oder man hätte mir den Schreibtisch im wahrsten Sinne des Wortes auf den Flur gestellt. Im Roman hätte ich natürlich eine ganz coole und lässige Antwort darauf parat, die nicht nur dafür gesorgt hätte, dass ich wieder voll rehabilitiert gewesen wäre, sondern dass mein oberster Chef mich zum Chef anstelle meiner Chefin gemacht hätte.

In der Realität sah es so aus, dass mir leider weh getan wurde – weil ich es auch zugelassen habe, mir weh zu tun. Mir wurde gesagt, dass das Verständnis für meine Ausfall- und Krankheitszeiten nicht mehr da sei. Und dass man jetzt im Rahmen meiner betrieblichen Wiedereingliederung schauen müsse, ob es noch funktioniert und wie es funktioniert.

Was für ein Einstieg in eine Szene, in welcher der Protagonist direkt nach dem Ende seiner kurzen Schicht in der nächsten Bar sitzt und sich, ganz das Klischee, Erdnüsse reinstopft, während er ein Glas nach dem anderen leert.

Ich habe nichts dergleichen getan. Denn ich bin keine Romanfigur und wenn es eine Wesenheit gibt, die meine Geschichte schreibt, dann lässt sie mich das nicht wissen. Was ich getan habe? Ich habe versucht, der Situation mit einer realistischen Einschätzung zu begegnen und komme zu dem Schluss: die Frau hat gar nichts überraschendes gesagt! Ich kenne sie nun auch schon seit sieben Jahren und wieso sollte sich in den letzten Monaten etwas geändert haben.

Tatsächlich hat sich heute etwas geändert: ich habe nämlich von mir aus klipp und klar gesagt, dass sie gefälligst mit offenen Karten spielen soll und dass ich vorhabe, das auch zu tun. In einem Roman würde man sagen, dass eine Entwicklung bei der Hauptperson stattgefunden hat. Wenn es sich um einen Roman handelt, der im Wesentlichen von der Erkrankung des Protagonisten erzählt, dann wäre dieser Einstieg in mögliche Veränderungen vielleicht sogar die Schluss- und Schlüsselszene. Tatsächlich habe ich mit „Das Haus am See“ schon einen Romanentwurf geschrieben, wo etwas ganz Ähnliches passiert (Übereinstimmungen sind natürlich rein zufällig).

Was ziehe ich also, wenn überhaupt, für einen Schluss aus der heutigen Situation? Ich denke, dass es gut ist, wenn Erwartungen durch die Realität hin und wieder einer Prüfung unterzogen werden. Und es ist auch gut, wenn man die Realität nicht durch zu viele oder falsche Erwartungen zu sehr mit Horrorvisionen auflädt.

So „persönlich“ wollte ich auf meinem Blog ursprünglich gar nicht werden, aber ich denke, dass es gut hierher passt.

Habt einen schönen Tag!

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8 Gedanken zu “Von Erwartungen und Realitäten

  1. Eine schöne komplexe Geschichte, auf jeder Ebene: emotional, traurig und hoffnungsvoll. Ich wünsche dir für die kommenden Tage alles Gute und bin auf weitere Einträge gespannt!

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