Ich folge der Schildkröte

Kennt ihr die Geschichte von Momo? Dem kleinen Mädchen, das ganz alleine in den Ruinen eines Amphitheaters lebt und irgendwie das Kind des ganzen kleinen Vorortes am Rande der großen Stadt ist. Momo, die so gut zuhören kann, dass es für alle Menschen die zu ihr kommen ganz selbstverständlich ist, mit ihr über alles zu sprechen, was sie belastet, was sie an Plänen haben, was sie schönes erlebt haben und was sie sonst niemandem erzählen würden.

Die Geschichte von Michael Ende, einem der ganz großen Autoren, die wir in Deutschland gehabt haben, hat natürlich auch ihre Schattenseiten. Da sind die ominösen Grauen Herren, die den Menschen ihre Zeit stehlen und sich von dieser gestohlenen Zeit ernähren. Die Herren, für die ein Mädchen das so zuhören kann wie Momo ein natürlicher Feind ist. Aber lassen wir die Grauen Herren heute einfach mal außen vor. Konzentrieren wir uns auf die schönen Seiten der Geschichte.

So lernt Momo auf der Suche nach einem Mittel, um die Idylle ihrer Welt wieder herzustellen, den von Geheimnissen umgebenen Meister Hora kennen, von dem nie so ganz klar wird, ob er der Herr der Zeit ist, sie am Ende vielleicht sogar macht (auch wenn er das abstreitet) oder ob er eine Art göttliches Wesen darstellt.

Den Weg zu Meister Hora weist Momo dabei Kassiopeia. Kassiopeia, das ist eine Schildkröte, die mit Momo kommunizieren kann, weil Worte auf ihrem Rückenpanzer entstehen. Sie führt das Mädchen an die Quelle der Zeit.

Ich habe dieses Buch als Kind gerne gelesen. Vielleicht nicht so gerne wie die Unendliche Geschichte, ebenfalls von Michael Ende, aber doch sehr gern. Und ich mochte immer schon das Bild der Schildkröte, die langsam und mit wenigen pointierten Wörtern den Weg weisen kann.

Heute verlasse ich unser Haus und möchte eine Reisetasche für meine Tochter in den Wagen stellen, die eine Woche bei ihren Großeltern verbringt. Da sehe im am Rand der Vorgartenbepflanzung, direkt neben der Garage, die Figur einer Schildkröte. Ich denk mir noch, wann meine Frau die wohl gekauft hat, als die Schildkröte anfängt, sich zu bewegen.

Nennt mich sentimental, aber ich habe jeden Moment darauf gewartet, gehofft, hingeträumt, dass Worte entstehen könnten. Worte, die mir den Weg weisen – wohin auch immer und zu welchem Geheimnis es auch sei. Eine Art gutes Omen für meine weiteren Pläne.

Die Realität sieht natürlich banaler aus. Irgendjemand wird die kleine Schildkröte ausgesetzt haben oder sie ist ihrem Besitzer abhanden gekommen. Da ich, wie gesagt, gerade auf dem Sprung war und nicht wirklich Zeit hatte, habe ich bei den Nachbarn geklingelt und gefragt, ob die wüssten, wem das Tier gehören könnte. Wussten sie nicht, aber dafür konnten sie berichten, dass sie schon eine Schildkröte aus unserer Einfahrt gerettet hatten. Das bedeutet, dass Kassiopeia noch einen Bruder oder eine Schwester mitgebracht hat. Und beide sind jetzt bei den Nachbarn wieder vereint.

Ich weiß nicht, was mit den Tieren geschehen wird. Wahrscheinlich gehen sie ins Tierheim. Was man eben in der realen Welt so mit Schildkröten macht, die einem einfach so vor die Füße laufen (und die man nicht behalten kann, weil sie sonst vom Kater angeknabbert werden).

Aber in meiner Phantasie, da weist Kassiopeia mir den Weg. Und ich folge ihr, bis zur Erfüllung meines Traums.

Ich wünsche euch eine gute Nacht und angenehme Träume!

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2 Gedanken zu “Ich folge der Schildkröte

  1. Klein ist die Welt sagt man doch und so ist es auch. Von der Schildkröte im Garten zu Momo und ihrer Schildkröte Kassiopeia und von ihr weiter zu Atréju dessen Pferd Artax im Sumpf versinkt als er zur Uralten Morla will, die eine Riesenschildkröte ist. Die Bilder habe ich noch immer im Kopf, ob Schildkröte, qualmende graue Männer mit Hut und qualmender Zigarre bis hin zu zur Rennschnecke, dem Felsenbeißer oder dem Mondenkind nachdem Bastian ihr endliche einen Namen gegeben hat.

    Alles ist irgendwie immer verbunden. Aber so lernt man immer wieder was neues, denn das die beiden Geschichten aus der selben Feder stammen, wusste ich nicht.

    Die quälende Frage ist jetzt, war es Schicksal oder Zufall?, das die Schildkröte in deinem Garten geladte ist, du sie gesehen hast und das nun in sehr schöne Worte gefasst hast?

    Halte an der Phantasie fest, in ihr kann man den Moment Leben, den ohne Phantasie, wäre man nur so ein grauer, qualmender Typ mit Hut dem die Zeit davonläuft. ^^

    Wünsche dir ebenfalls eine Gute Nacht.

    Liebe Grüße,
    Ruby

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    • Mic schreibt:

      Vielen Dank für deine ebenfalls schönen Worte!

      Falls ich dich richtig verstanden habe, kennst du bislang nur die Verfilmungen der beiden Bücher. Dann möchte ich dich unbedingt anregen, auch einmal einen Blick auf ebendiese zu werfen. Vor allem „Die unendliche Geschichte“ ist soviel mehr, als es der Film transportieren konnte!

      Gefällt 1 Person

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