Der Morgen danach: Deleted Scene

Nachdem es in den letzten Tagen ja viel darum geht, dass ich mich sehr schwer damit tue, Teile eines Textes herauszuschneiden, zu reduzieren, möchte ich euch heute einfach mal ein Beispiel dafür zeigen, dass ich das durchaus auch kann! Wobei es mir der folgende Abschnitt leicht gemacht hat.

Als ich mit der Arbeit an „Der Morgen danach“ begann hatte ich noch keine Ahnung, welchen Tonfall das Manuskript genau bekommen sollte. Es stand zwar fest, dass es eine Art Thriller sein würde, aber auch wenn wir uns alle darüber einig sein dürften, dass der „Tatort“ eine Art Krimi ist, so gibt es auch da Unterschiede, ob ich gerade einen Fall aus Münster sehe oder einen aus München. Und ebenso verhält es sich nun einmal auch bei Thrillern.

Ein wenig hat mich bei der Szene, die mir zwar ganz gut gefallen, die dann aber schlussendlich nicht gepasst hat, auch mein innerer Stephen King geritten – den ich für seine Art zu schreiben sehr verehre. In einem seiner Bücher hätte es mich nicht gewundert, wenn eine Schlüsselszene wie das Entkommen von Markus aus seiner Betonröhre auf einmal von einem Charakter erzählt worden wäre, den wir weder davor, noch danach wieder zu Gesicht bekommen. Und der sich zu allem Überfluss auch noch direkt an den Leser zu wenden scheint.

Nun ja, lange Rede und kurzer Sinn: ich bin nicht Stephen King und die Szene flog direkt in der ersten Überarbeitung raus. Und das ist für den Roman gut so. Aber für sich genommen … warum nicht?

Ich wünsche euch also ein wenig Spaß mit einer verworfenen Passage aus „Der Morgen danach“ :-).

Wenn jemand die Szene an diesem Morgen beobachtet hätte, dann hätte sein Augenzeugenbericht wahrscheinlich ungefähr diesen Wortlaut gehabt:

Also, ich war da also an diesem Kanal, wissen Sie? Geh ich öfter mal hin, da beißen die Fische nämlich recht gut. Klar, darf keiner wissen, weil man da ja eigentlich nicht fischen darf und so, von wegen der Abwässer. Aber der Fluss ist ja inzwischen sauber und ungefährlich, das hat jedenfalls in der Zeitung gestanden. Ist ja auch egal, interessiert Sie sicher nicht, was ich da immer so treibe. Wobei einmal …

Was sagen Sie? Ich soll mich doch bitte auf die Sache an diesem einen Morgen konzentrieren? Ja, was glauben Sie denn, was ich hier tue, junger Mann? Entweder lassen Sie mich in meinem Tempo erzählen oder Sie suchen sich jemand anderen. Was schwierig sein dürfte, war nämlich außer mir keiner da an dem Morgen. Ist sowieso nur selten einer da draußen, weil ja auch keine richtige Straße hinführt. Wobei hin und wieder schon Autos dagewesen sein müssen, wissen Sie? Hab da nämlich schon Spuren gefunden und einmal eine Stelle, wo jemand gegrillt hat. Bestimmt ein Schäferstündchen, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Also, wo war ich? Ach ja, danke, richtig. Der Morgen, an dem dieser Kerl aus dem Kanal kam. War ein warmer Morgen, das können Sie mir glauben! Sonst wäre ich bestimmt auch noch nicht so früh da gewesen. Schlafe nämlich gerne lange. Senile Bettflucht ist bei mir noch kein Thema. Im Gegenteil, ich genieße es, endlich mal ausschlafen zu können, jetzt wo ich in Rente bin.

Auf jeden Fall sitz ich da so auf meinem Klappstuhl, die Angel ausgeworfen und gerade dabei, mir einen Kaffee aus meiner Thermoskanne einzuschütten, da merk ich, dass was anders ist als sonst. Also als die Male, wo ich da war. Denn so oft bin ich da ja gar nicht, weils ja verboten ist. Also, ich schütte mir den Kaffee ein und denke mir, dass da etwas merkwürdig ist.

Was?

Ach, was da merkwürdig war? Na, da bin ich doch gerade dabei, Ihnen das zu erzählen, oder was meinen Sie, was ich hier tue? Wäre schon längst damit fertig, wenn Sie mich nicht immer unterbrechen würden!

Also, der Kaffee. Guter Kaffee. Nicht so eine Instantscheiße, wie man sie heute aus diesen Maschinen trinkt, sondern richtig gut gebrühter Bohnenkaffee. Nach dem Krieg hab ich mir geschworen, dass ich nie wieder Muckefuck trinken würde und heute nennen die Leute das Senseo und geben ein Heidengeld dafür aus! Nicht zu fassen!

Merkwürdig war nur, dass auf einmal die Vögel ganz aufgeregt wurden. Als ob die Viecher irgendwie was gerochen hätten. Riecht nämlich manchmal noch etwas merkwürdig da bei den Rohren von den Fabriken. Aber den Fischen hat es bis jetzt noch nicht geschadet und mir auch nicht.

Also an normalen Tagen sind die Vögel einfach da und gehen ihren eigenen Geschäften nach. Würmer fangen, Nester bauen, was weiß ich. Ich hör sie schon gar nicht mehr. Bin mit Vögeln aufgewachsen, mein Onkel hat einen der ersten Papageien im Pott gehabt! Was der alles sagen konnte! Also der Vogel, mein Onkel war eher schweigsam. Hat ihm aber auch nicht geholfen, als sie ihn nach dem Krieg als Kriegsverbrecher angezeigt haben. Dabei hat der mit Sicherheit nie einer Fliege was zuleide getan. Aber das war ja damals so, dass keiner sich schnell genug reinwaschen konnte. Da hat man dann schon mal andere nach vorne geschoben.

Reinwaschen ist ein gutes Stichwort! Also die Abflussrohre, die haben es den Vögeln normalerweise total angetan, keine Ahnung, wieso. Die sitzen da gerne und lassen sich die Sonne auf den Pelz, also das Gefieder, scheinen. Haben die auch an dem Tag gemacht.

Also, auf einmal springen die Viecher auf, machen ein Mordspalaver, dass ich vor Schreck meinen Kaffeebecher fallen lasse und fliegen in alle Himmelsrichtungen davon. Habs grade noch geschafft, meine Angel festzuhalten. Die wäre mir nämlich auch beinahe stiften gegangen, weil ich im ersten Schrecken aufgesprungen bin.

Tja. Und dann ist er rausgesprungen gekommen. Der Kerl. Also, dass es ein Kerl war, das hab ich mir gleich gedacht, wegen der Haare. Also, die Haare, die er nicht gehabt hat. Machen die Jugendlichen ja heute manchmal, dass sie sich den Kopf rasieren. Schrecklich, wenn Sie mich fragen. Hat es zu meiner Zeit noch nicht gegeben, sowas.

Ich hab ja gedacht, der landet gleich im Kanal. Und dann wäre es ihm wohl schlecht ergangen, denn an der Stelle sind da ja diese Betonwände, die ein Hochklettern nicht eben einfach machen. Und durch die enge Stelle fließt das Wasser auch recht schnell. Darum kommen da viele Fische vorbei und machen das Angeln so lohnend.

Muss er dann wohl auch gemerkt haben, denn im letzten Moment hat er sich an der Kante des Rohrs festgehalten. Seine Füße hingen im Bach und geflucht hat er wohl auch. Waren auf jeden Fall keine Psalmen, die er da gesprochen hat, ne?

Tja, so war das. War es das, was Sie wissen wollten? Dann kann ich Ihnen ja jetzt noch erzählen, was ich an dem Tag dann noch gefangen habe, nachdem der Kerl abgedackelt ist. Hat kein Wort zu mir gesagt. Als wär ich gar nicht dagewesen. Komisch.

Sagen Sie mal, hören Sie mir überhaupt noch zu? Hallo? He, ich rede mit Ihnen! Schauen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen rede! Junger Mann! Also Umgangsformen sind das heutzutage … he, ich habe gesagt, Sie sollen mich ansehen! Sonst haue ich Ihnen gleich meinen Stock auf die Birne, dann werden Sie schon sehen …

Manchmal ist es gut, dass es keine Zeugen für gewisse Vorfälle gibt, meinen Sie nicht auch?

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3 Gedanken zu “Der Morgen danach: Deleted Scene

      • Hanna Mandrello schreibt:

        Dann sag ihm, das mache ich erst, wenn er meinen Komposthaufen nicht für seine widerlichen Kaffeefilter benutzt und seine Fischabfälle vom Angeln nicht zufällig immer vor meiner Gartentür verliert.
        Ich bin übrigens auch mit einem Projekt Stephen-King-mäßig im Blindflug unterwegs. Vermutlich habe ich diesen wunderbaren Thriller dann aber in zwei Monaten komplett gegen die Wand gefahren. 🙂 Ich tu es ja auch nur, um hinterher sagen zu können, dass ich es probiert habe und ich es nicht kann.

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