AWDML (2) Ich? Ich schreibe doch nicht …

Ich hatte es in den vergangenen Tagen immer mal wieder angedeutet, dass ich euch auf einen weiteren Trip in meine schriftstellerische Vergangenheit mitnehmen möchte.

Befasste sich der erste Ausflug ganz konkret mit einem Romanprojekt, so geht es heute mehr um eine allgemeine Haltung, die ich über Jahre hinweg zu meinen Romanen gehabt habe:

Ich habe mich fürs Schreiben geschämt!

Ja, es ist wahr und heute kann ich es mit dieser Bestimmtheit zu Papier bringen, ohne mir die Frage zu stellen, ob ich nicht überdramatisiere. Meine Scham resultierte aus verschiedenen Begebenheiten, die teils in der Schule, teils in der Familie und größtenteils in meinem Kopf lagen.

Jetzt möchte ich euch und mir eine langwierige Psychoanalyse ersparen, aber ich denke schon, dass es interessant ist, einmal einen Blick darauf zu lenken. Ich meine, wie kann es sein, dass ich für meine erste Geschichte in der Grundschule einen Stempel als Lob bekam, in der weiterführenden Schule dann den Schneid abgekauft bekam und noch bis nach der Jahrtausendwende sehr zurückhaltend mit der Information umging, ein „Schriftsteller“ zu sein.

Also zunächst einmal muss ich wohl festhalten, dass ich ein guter Schüler war. Ich hätte sicherlich ein besserer sein können, wenn ich mir entsprechende Mühe gegeben hätte, aber ich kam entspannt durch den Lehrstoff. Leider kam ich nicht ganz so entspannt durch den Schulbetrieb als solches oder anders gesagt: die Schule wäre ganz okay gewesen, wenn es da keine Schüler gegeben hätte.

Ich landete schnell auf der Ersatzbank, dem Platz für die Loser und Gehänselten. Mein fünftes Schuljahr war die Hölle und hat mich nachdrücklich geprägt. Dahingehend geprägt, dass ich ein tief sitzendes Gefühl hatte, nur nicht auffallen zu dürfen.

Und doch hat mich so um das achte Schuljahr herum, inzwischen auf einer anderen Schule, der Übermut ergriffen, zwei Aufsätze, in denen es um Kreativität ging, mit ebensolcher anzugehen. In einem verarbeitete ich meine damalige Liebe zum Pen&Paper-Rollenspiel, in einem anderen eine wilde Ausbrecherstory á la Tarantino, als noch niemand Tarantino kannte.

Beide Aufsätze wurden ziemlich mies benotet. Besonders das Thema Rollenspiel kam bei meiner Lehrerin gar nicht gut an. Und wieder ritt mich irgendwas, denn ich verwickelte sie vor versammelter Klasse in ein Gespräch darüber, aus welchen Gründen sie den Text so schlecht benotet hatte. Denn diese Note basierte ausschließlich auf dem Inhalt, alles andere war okay. Im Laufe der Diskussion fing ich irgendwann an zu weinen.

Ich habe nicht begriffen, damals nicht begriffen, dass ich mich damit wieder in eine Situation manövrierte, die für die meisten meiner Klassenkameraden eine Einladung darstellte, mich aufs Korn zu nehmen.

Deswegen schlossen sich weitere Jahre an, in denen ich das Geheimnis, das ich schreibe, nur mit meinem damaligen besten Freund teilte. Und meine Eltern bekamen es natürlich zwangsläufig auch mit, zeigten aber kein großes Interesse – zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich schon am ersten Silverstar-Roman.

Springen wir ein paar Jahre in die Zukunft. Mein bester Freund war Geschichte, die Schulzeit auch und ich hatte den Kreis derer, die von meiner Schreiberei wussten, behutsam erweitert. Aber immer noch war es für mich sehr schwer, Texte wirklich los zu lassen und sie jemandem zu Lesen zu geben. Das galt ganz besonders für das aktuelle Projekt, dem ich den Namen „Lichter“ gegeben hatte und in dem ich einiges von dem aufarbeitete, was mir in meinem Leben bisher widerfahren war.

Und das jemanden lesen zu lassen, das ging gleich mal gar nicht! Ich spürte instinktiv, dass ich wieder angreifbar geworden wäre, wenn ich es getan hätte. Gleichzeitig war mir aber schmerzhaft bewusst geworden, dass die Silverstar-Romane eine kreative Sackgasse waren. Ich legte mir selbst eine Schweigepflicht auf, die ich erst brechen wollte, wenn „Lichter“ irgendwann fertig wäre.

Als es fertig war, hatte ich mal wieder meinen Freundeskreis verloren, lebte nicht mehr bei meinen Eltern und war auf dem besten Weg, mit meiner heutigen Frau eine lange Beziehung einzugehen.

Inzwischen war ich soweit, dass ich selber eine Ausstrahlung entwickelt hatte, die abschreckend auf andere Menschen wirken musste. Ich wurde nicht mehr nach dem gefragt, was ich schrieb. Ich zeigte es auch niemandem mehr. Im Nachhinein betrachtet ist es nur logisch, dass ich zwischen der Fertigstellung von „Lichter“ (1999) und „Es zwingt einen dazu“ (2005) keinen Roman abgeschlossen habe.

Ich kompensierte, indem ich im Internet Texte und Kritiken zu Hörspielen, Filmen und Sonstigem veröffentlichte – die auch gelesen und oft sogar gelobt wurden! Heute glaube ich, dass das damals die Rettung für meine Schreiberei gewesen ist. Zum ersten Mal interessierte sich jemand für das, was ich schrieb. Und entscheidend war dabei wahrscheinlich die Tatsache, dass dies völlig unabhängig von meiner wirklichen Person war. Denn es gab ja nur meinen Nicknamen, genau denselben wie hier.

Seit 2005 habe ich es nach und nach und sehr mühsam geschafft, mich aus der selbst gewählten Isolation herauszuarbeiten. Inzwischen binde ich zwar nicht unbedingt von mir aus sofort jedem auf die Nase, dass ich schreibe, aber ich verstecke mich auch nicht mehr damit. Teilweise mache ich es sogar ganz öffentlich! Ebenso wie die Tatsache, dass ich nun versuchen möchte, ein Buch zu veröffentlichen. Auch das tue ich öffentlich.

Schäme ich mich heute noch? Nein, kann man so nicht sagen. Es gibt noch einen kleinen Teil in mir, der mich permanent zur Vorsicht mahnt. Der Angst vor Verletzungen hat. Den wird es wahrscheinlich auch mein ganzes Leben lang geben. Aber ich lerne, ihn anzunehmen, mit einzubeziehen und als das wahrzunehmen, das er ist: ein wertvoller Bestandteil meiner Selbst.

Dieser Text soll Mut machen. Mir und all denen, die vielleicht so wie ich früher sich schämen für etwas, was sie gerne machen (möchten). Egal, ob es Kunst ist, Musik, Malerei, Schreiberei, Sport, Gesang, Akrobatik, Tanz, whatever!

Tut es! Lasst es zu! Nehmt es an und findet gemeinsam einen Weg heraus. Wenn ich, der neurotischste und von Zweifeln erfüllteste Mensch, den ich kenne, es geschafft hat, dann schafft ihr es auch!

Ich wäre gespannt, von euren Erfahrungen zu lesen.

Let’s take a walk down memory lane!

6 Gedanken zu “AWDML (2) Ich? Ich schreibe doch nicht …

  1. Hanna Mandrello schreibt:

    Schön erzählt. Meine Schreibproduktivität ist in der zweiten Klasse für Jahre unterdrückt worden. Heimlich hatte ich in einem Schulheft ein Tagebuch gestartet. Ich war irrsinnig stolz darauf. Eines Tages schlage ich es auf und mein Vater hatte mit Rotstift alle Rechtschreibfehler angestrichen und korrigiert. Danach war erstmal bis zum Teenageralter Schluss. Meine Tagebücher, in denen ich meine erste Liebe ausführlich beschrieb, trugen alle dicke Schlösser. Zusätzlich lagen sie in einer abschließbaren alten Geldkassette in einer abschließbaren Schublade. Man lernt dazu. Mit 19 fing ich an, meinen ersten Krimi zu schreiben. Auf einer toppmodernen Schreibmaschine mit einem dreizeiligen Display. Ich kam nachhause, mein Freund las darin. Er ließ einen Kommentar ab, der lustig sein sollte, mich aber im Boden versinken ließ. Die peinliche Röte in meinem Gesicht hielt stundenlang an. Am nächsten Tag habe ich das Manuskript genommen und zur Mülltonne gebracht. Nicht weil ich es schlecht fand, sondern weil ich es nicht sicher genug vor neugierigen Blicken verstecken konnte. Jahrelang habe ich es nicht ertragen, dass jemand auch nur einen Satz von mir liest. Wenn mich heute aus dem Internet jemand fragt, was ich schreibe, dann kann ich darüber reden, bis der sich verzweifelt die Ohren zuhält. Wenn meine Familie oder mein Freund mich fragen, dann werde ich plötzlich sehr einsilbig. Meine Schreiberei existiert für sie nur als Phantom, ich rücke auch nichts zum Lesen raus. Warum ich da so komisch bin, weiß ich auch nicht. LG Hanna

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    • Mic schreibt:

      Ich entdecke da die eine oder andere Gemeinsamkeit. Auch Teile meiner Familie haben es sehr gut drauf, mich in Bezug aufs Schreiben heute noch so einsilbig zu machen. Insbesondere meine Mutter, für die sich das Schreiben auch nur dann als etwas reales manifestiert, wenn es denn veröffentlicht worden ist. Wie oft habe ich den Satz gehört: „Warum lässt du nicht mal was veröffentlichen?“

      Erstens: weil das ja SO einfach geht!
      Zweitens: die Zeit war noch nicht reif dafür

      Tagebuch habe ich nie geführt, aber eine Zeit lang (wie wahrscheinlich jeder Möchtegernautor) Gedichte und Songtexte geschrieben. Eines davon, noch dazu ein sehr intimes, war zufällig auf dem Schirm, als mein Vater und mein Bruder (ich wohnte noch Zuhause) vorbeikamen. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt und die Sache dann auch bald dran gegeben.

      Aber diese Hemmungen habe ich in der realen Welt heute immer noch. Es war für mich kaum auszuhalten, von meinen Testlesern bei „Der Morgen danach“ positives Feedback von Angesicht zu Angesicht zu bekommen. Verrückt, oder?

      LG
      Michael

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      • Hanna Mandrello schreibt:

        Ich glaube, genau das ist mein Problem. Bei den Menschen, die mir nahe stehen, weiß ich weder wie ich mit Lob noch mit deren Kritik umgehen soll. Dazu kommt natürlich auch noch, dass diejenigen, die mich sehr gut und lange kennen, in meinen Texten Einsichten in mein Innenleben bekommen, die ich nicht geben will. Ich schreibe zwar nicht autobiographisch, trotzdem verarbeite ich natürlich auch meine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen neben der Fiktion in meinen Texten. Bei nahestehenden Personen bilde ich mir ein, dass sie unterscheiden können, was Fiktion ist und was nicht. Und das gefällt mir gar nicht und macht mich auch unsicher.

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      • Mic schreibt:

        Ich bin mir sogar ganz sicher, dass die eigenen Erfahrungen immer durchschimmern und auch erkannt werden können. Eine gewisse Ironie birgt ja die Tatsache, dass Verlage und Agenturen genau auf der Suche nach dieser persönlichen Note sind, wenn die Frage gestellt wird, was gerade mich/dich befähigt, genau über „dieses“ Thema zu schreiben. Der Mittelweg als Königsweg ist dann gar nicht so einfach hinzubiegen.

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