Schreibaufgabe der Woche #3: Textminiatur

Die liebe Hanna hat zu einer kleinen Schreibaufgabe gebeten und nachdem die ersten beiden Auflagen davon nichts für mich waren, hat mich das dritte Thema unter dem Titel „In stürmischen Gewässern“ so sehr angesprochen, dass ich mich an einem Beitrag versucht habe. Bei Hanna gibt es noch mehr Texte von anderen Autoren zu entdecken :-).

In stürmischen Gewässern

Langsam betrete ich den Pfad, der wie in jedem Frühjahr von den Ästen beidseitig gewachsener Sträucher überwuchert wurde, nur um spätestens im Sommer von wanderwütigen Touristen wieder vollständig freigelegt zu werden.

Ich seufze und atme einmal tief durch. Der Sturm liegt in der Luft, ich kann schon das Salz in ihr schmecken, das weiter draußen dem Meer entrissen wurde und sich hier nun wie eine leichte Brise auf meine Atmung legt.

Rechts von mir erhebt sich in einiger Entfernung der alte Leuchtturm, längst stillgelegt und durch seinen größeren Bruder auf der anderen Seite der Insel ersetzt. Der Himmel beginnt, sich dunkel zu verfärben. Auch dies ein Zeichen dafür, dass der Sturm kommen wird.

Ich beschleunige meine Schritte. Meine Zeit ist knapp bemessen.
Am Ende des Pfades öffnet sich ein kleines Plateau, bestehend aus schroffen Felsen. Aufgeregt flattert eine Möwe empor. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie verscheucht habe, oder ob sie vor dem Wetter flieht.

Wieder seufze ich und schaue zum Horizont. Die Sturmwolken ziehen dunkel herauf und lassen nicht mehr erkennen, wo das Meer endet und wo der Himmel beginnt. Heftiger Wind beginnt an meiner Kleidung zu zerren.

Ich schließe meine Augen und sage: „Und wieder ist ein Jahr vergangen.“

Du antwortest: „Es ist gut, wieder hier zu sein! Ich danke dir dafür, dass du es wieder ermöglicht hast.“

„Es ist aber auch schwer für mich. Besonders dann, wenn die Frühjahrsstürme gegen die Insel heraufziehen wie Riesen, die sie mit ihren donnernden Händen zermalmen wollen.“

„Du sprichst immer noch wie ein Poet!“

„Wie kann man nicht poetisch sein, im Anblick dieser Naturgewalten. Lass mich einmal nach unten sehen.“

„Aber sei vorsichtig, mein Lieber, hier fällt man tief!“

Ich trete an die Kante des Plateaus und schaue nach unten. Tief unter mir, vielleicht zwanzig oder dreißig Meter entfernt, bricht sich die Gischt schäumend an den Felsformationen, die das Meer dem Land in Jahrtausenden an dieser Stelle wie Narben in die Haut getrieben hat.

Für etwa zwei Minuten bleibe ich so stehen, dann gehe ich langsam rückwärts zurück an meinen alten Standpunkt. Der Wind frischt auf. Wenn der Sturm das Plateau erreicht, muss ich auf dem Rückweg sein.

„Und?“ fragst du. „Was hast du gesehen?“

„Ich sah Schwärze“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Dunkles Wasser, das in Strudeln hin und her geworfen wird und weiße Gischt, die es krönt.“

„Ich wünschte, ich könnte es auch sehen“, sagst du.

„Ja. Das wünschte ich mir auch!“

„Es wird alles wieder gut werden“, flüsterst du mir in mein Ohr. „Du wirst es sehen, alles kommt wieder ins Reine.“

Ich kann das Geräusch nicht verhindern, das sich meiner Kehle entringt: „Entschuldige, dass ich lache, aber …“

„Du lachst aber doch gar nicht! Tatsächlich scheinst du sogar zu weinen!“

Ich bin mir selbst nicht sicher, ob ich lache oder weine. Statt dessen schließe ich die Augen. Ich ertrage es nicht, den heraneilenden Sturm oder das Licht des Leuchtturms auf der anderen Seite der Insel über das Land und die schäumende See streichen zu sehen. Wieder mache ich einen Schritt nach vorne. Vorsichtig nur. Aber dann doch einen zweiten und einen dritten.

„Bleib stehen!“ rufst du und dein Ruf vermischt sich mit dem Heulen des Windes.

Ich tue, wie du mir geheißen hast. Lange schon kann ich nicht mehr unterscheiden, ob das Salz auf meinen Lippen von meinen Tränen oder der aufgeschäumten See stammt.

„Öffne deine Augen, mein Lieber und sage mir, was du siehst!“

„Ich will nicht …“

„Ich bitte dich darum!“

Also tue ich, worum du mich gebeten hast. Ich öffne meine Augen und sehe, wie nahe ich der Kante bin. Nur noch einen Schritt weiter und ich wäre unweigerlich hinab gestürzt, die ganzen zwanzig oder dreißig Meter, ohne von irgendetwas als den schroffen Felsen und der brodelnden Gischt ganz am Ende des Sturzes aufgehalten zu werden.

„Was siehst du?“ fragst du wieder. Du bist mir ganz nah und gleichzeitig Ewigkeiten weit entfernt.

„Schwarzes Wasser“, sage ich matt. „Strömende Gischt.“

Ein Donnerschlag durchzuckt das Heulen des Sturms und das Licht eines Blitzes zerfetzt die Wolkenwand, die ich inzwischen mit den Händen greifen zu können glaube. Verwirrt taumle ich einen Schritt zurück, wobei ich für einen unendlich langen Moment glaube, nach vorne zu fallen.

„Heute nicht“, sagst du leise und deine Stimme scheint von überall gleichzeitig zu kommen. „Vielleicht im nächsten Jahr!“

„Ja!“ keuche ich und dann drehe ich mich um und haste den Pfad entlang, achte nicht darauf, dass meine Hose an den teils dornigen Sträuchern hängen bleibt und aufgerissen wird. Gebe keine Ruhe, bis ich an meinem Ausgangspunkt angekommen bin.

Regen setzt ein und Wind zerrt an meinen Haaren. Ich nehme ihn kaum wahr.

Ich werde wieder kommen. In einem Jahr. Wie jedes Jahr. An dem Tag, an dem du dich vor sechs Jahren vom Plateau gestürzt hast.

In die stürmischen Gewässer unter uns.

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3 Gedanken zu “Schreibaufgabe der Woche #3: Textminiatur

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