Let’s do the Time Warp (again) !?

Wie wir alle aus unserem normalen Leben wissen, ist die Zeit ein etwas seltsamer Faktor mit einem noch fragwürdigenderem Charakter. Wenn wir uns auf etwas oder an etwas erfreuen, dann vergeht sie wie im Fluge, wenn wir aber einer unangenehmen Tätigkeit ins Auge blicken, dann schleicht sie dahin und nimmt kein Ende.

In Romanen ist das Ganze noch auf eine weitere Art und Weise spannend, denn als Autor habe ich die Möglichkeit, dem Leser die Abläufe von Zeit in einer ganz eigenen Zeitschiene nahe zu bringen. Niemand hindert mich daran, munter in die Vergangenheit eines Charakters oder eines Ortes zu springen. Ich kann auch in die Zukunft springen, wenn es zum Genre des Erzählten passt. Das eine nennt man dann gerne den Historischen Roman, das andere zuweilen Science-Fiction.

Ich finde allerdings, dass es auch in einem ganz „normalen“ Roman, also einem Krimi, einem Thriller oder der sogenannten Unterhaltungsliteratur spannend sein kann, ein wenig mit der Zeit zu spielen. Und ich finde auch nichts Verwerfliches daran, wenn man dieses Spiel mit offenen Karten bestreitet.

Ein Beispiel wie man es nicht machen sollte, sieht man oft in Horrorfilmen. Jeder von euch wird schon mindestens über einen Streifen gestolpert sein, wo die Charaktere in eine Situation gedrängt werden, in der sie unbedingt Hilfe benötigen. Und wie von Teufels Hand gesteuert hat just in dem Moment der Akku des Handys aufgegeben, ist das iPhone unter einen Tanklaster geraten oder man hat schlicht keinen Empfang mehr, obwohl man vor nicht einmal fünf Minuten noch munter mit Oma telefoniert und gesagt hat, dass alles in Ordnung ist und man sich dann in vier Wochen wieder sieht. Vier Wochen, in denen die armen Schweine Protagonisten von niemandem vermisst werden.

Ist das glaubwürdig? Ich finde nicht. Vor allem stelle ich mir an dieser Stelle immer die Frage, wieso man nicht einfach den ganzen Schritt macht: wenn man schon seine ganze Handlung in ein Korsett zwängt, das nicht dem laufenden Jahr 2015 entspricht, sondern es einige Jahre zurückversetzt, wieso dann nicht die ganze Geschichte im Jahr 2010 spielen lassen? Oder 2005?

Ich muss noch nicht einmal eine große Nummer daraus machen, manchmal reicht es schon, so eine Wendung als Backdrop für meine Geschichte zu haben. In einem Roman, der in New York spielt, könnte man ganz beiläufig einstreuen, dass das World Trade Center noch steht. Oder man macht Andeutungen auf popkulturelle Referenzen, bestimmte Musiker oder Filme.

All dies dient dazu, eine gewisse Atmosphäre zu erzeugen und vor allem, die Geschichte nicht unglaubwürdig zu machen. Die Geschichte selbst kann sich dann mehr oder weniger auf diesen Plotpunkt beziehen. Ich behaupte: in den meisten Fällen ist es nicht wichtig, was nun das aktuelle Jahr ist. Deswegen funktionieren ja viele Romane und Filme auch universell, weil sie eben nicht einer speziellen Zeit verhaftet sind, obwohl man deutlich erkennt, aus welcher Epoche sie stammen. Man kann sie auch nach Jahren noch sehen oder lesen und sie haben nichts von ihrer Wirkung eingebüßt.

Ich komme aus zwei Gründen auf das Thema:

Zum einen musste ich mich bei „Der Morgen danach“ entschließen, ob es wirklich wichtig ist, in welchem Jahr der Roman spielt. Entstanden ist er 2011 und diese Jahreszahl wird auch ein einziges Mal in einem Dialog erwähnt. Ansonsten passiert in der Geschichte nichts, was nicht auch fünf Jahre früher oder fünf Jahre später passieren könnte. Ich habe mich entschieden, die Zahl vorerst nicht abzuändern – es sei denn, dass irgendwann ein Profi es sich anschaut und sagt, dass man das „aus Gründen“ so nicht machen kann. Die Gründe würden mich dann allerdings interessieren.

Zum anderen plane ich ja schon ein wenig an meinem nächsten Schreibprojekt herum, mit dem ich mich von der nervenzermürbenden Warterei auf Antworten (oder eben auch Nicht-Antworten) von den Literaturagenturen ablenken möchte. Ich habe im Moment noch zwei Alternativen in der näheren Auswahl, von denen es bei einer sehr wichtig ist, dass das Internet noch nicht wie heute ein auch für Lieschen Müller alltägliches Gut ist, sondern dass man noch ein echter Experte sein musste, um sich mit Webseitenprogrammierung und so etwas auszukennen. Das andere mögliche Projekt hat im weitesten Sinne etwas mit dem Thema Eisenbahn zu tun und auch da ist es wichtig, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, damit die Story funktionieren kann. In beiden Fällen sind die eigentlichen Geschichten auch sonst machbar, benötigen dann aber genau jene Sorte von Zufällen, die ich weiter oben als unglaubwürdig gebrandmarkt habe.

Stört es den Leser, wenn der Hintergrund der Geschichte eine Welt ist, die es so seit zehn Jahren nicht mehr gibt? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen – sofern die erzählte Geschichte wirklich gut ist und die Anpassung im zeitlichen Ablauf nicht nur ein willkürlich eingesetztes Gimmick ist. Es sollte schon herauskommen, warum der Roman in der Zeit, in der er spielt, richtig verankert ist. Alles Weitere ist dann wie immer: man muss den Leser für sich und seinen Stoff einnehmen, ihn packen und bis zur letzten Seite gewaltsam mitschleifen. Und wenn er dann nicht mal mehr weiß, in welchem Jahr er sich eigentlich gerade befindet, dann hat man seinen Job gut gemacht!