Die kindliche Kraft der Worte

Gestern hatte meine jüngere Tochter ihren ersten Schultag. Natürlich war das verbunden mit den üblichen Traditionen und Abläufen, wie einer selbstverständlich prall gefüllten Schultüte, einem Einschulungsgottesdienst, Vorstellung der neuen Klassen und gemütlichem Beisammensein mit den Großeltern, Paten und Onkel des Kindes. Ein für uns als Eltern erst einmal anstrengender Tag, den man aber gerne auf sich nimmt, weil man eben weiß, dass dies einer der ganz großen und einschneidenden Tage in der Entwicklung des eigenen Kindes ist.

Irgendwann am Abend, spät genug um langsam wieder von dem Adrenalinschub runter zu kommen, allen ein perfekter Gastgeber sein zu müssen, aber bereits zu spät, es noch zu verbloggen, fing ich an darüber zu philosophieren, welche Kraft Worte für Kinder eigentlich besitzen. Das möchte ich nun nachholen.

Bis sie lesen lernen sind Worte für Kinder erst einmal ausschließlich gesprochene Sprache. Diese ist mal mehr oder weniger aus korrekten Sätzen gebildet, von Dialekt eingefärbt oder mit Füllworten angereichert. In dieser Phase entwickeln sich manche Kinder zu regelrechten Sprachschlampern, denen erst hinterher mühsam beigebracht werden muss, dass ein Satz aus weniger als zwanzig „äh“ bestehen darf. Andere Kinder erreichen einen Sprachschatz, der für ihr Alter eigentlich gar nicht das Richtige ist, weil er schon überkorrekt ist.

Um meine Idee zu untermauern, die vielleicht im ersten Moment nicht nachvollziehbar erscheint, stelle ich meine beiden Töchter einmal einander gegenüber. Die Große hat schon früh ein Interesse an Büchern gezeigt. Genauer gesagt daran, Bücher vorgelesen zu bekommen. Also habe in der Hauptsache ich dem Kind vorgelesen. Das fing ganz klein mit den berühmten pixi-Büchern an, steigerte sich dann aber schnell über andere Kindergeschichten, die Werke von Michael Ende (Jim Knopf) und James Krüss (Urmel) bis hin zu Geschichten, für die das Kind – ich möchte nicht sagen zu jung, denn das würde so klingen, als ob wir sie gezwungen oder überfordert hätten – sprachlich noch nicht reif hätte sein dürfen. Namentlich wären das z.B. „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“. Den Höhe- und gleichsamen Schlusspunkt bildete die von mir über einen langen Zeitraum vorgenommene Komplettlesung von „Der Herr der Ringe“. Da war das Kind vielleicht neun Jahre alt.

Interessanter Weise zeigte sie die ganze Zeit hinweg nur begrenzt Interesse daran, selber einmal ein Buch zu lesen. Oh, gekonnt hätte sie, ihre Noten in der Schule waren immer hervorragend. Aber es schien für sie kein Bedarf zu existieren, obwohl ich alles versucht habe. Ich habe sogar ein Jugendbuch extra für sie geschrieben (dazu kommt die Tage noch ein eigener Beitrag, glaube ich). Sie hatte auch nur begrenzt Spaß an Hörspielen, die für mich selbst eine große Passion darstellten, die sie also kannte und gerne auch geschenkt bekam.

Die Kleine hingegen war von Anfang an kein Kind, dem man viel und gern vorlesen konnte. Sie hatte nur wenig Interesse an Büchern. Das fing schon mit diesen „Ersten Büchern“ an, wo es dann rasselt, klingelt oder sich komisch anfühlt. Vollkommen uninteressant. Aber was immer schon gerne genommen wurde, das waren Hörspiele. Eine andere Art, Geschichten zu erleben. Und im Gegensatz zu Tochter Nummer Eins freut sich Nummer Zwei auch ganz gewaltig darauf, bald selber lesen zu können.

Ich wage einmal die Prognose, dass sie sehr bald wird lesen können und dann auch viel und gerne liest. Nummer Eins liest inzwischen auch gerne, aber im Wesentlichen immer dasselbe: Harry Potter. Versuche, ihren literarischen Horizont mal zu erweitern, sind oft von Unmut begleitet. Nun muss ich auch hier wieder einmal erwähnen und ins Bild integrieren, dass unsere Älteste Autistin ist. Deswegen ist es nicht so leicht zu beurteilen, ob Harry Potter einfach eine extreme Form von Insel-Interesse darstellt. Aber das tut hier nichts zur Sache.

Um auf die Sprache zurück zu kommen muss ich feststellen, dass wir wirklich genau ein „äh„-Kind und ein recht gewählt sprechendes Kind haben. Wenn ich zu Stolz neigen würde, dann würde ich den recht hohen Sprachschatz als meinen Verdienst ansehen, wohingegen ich mir meinen imaginären Fleißstempel direkt wieder wegnehmen müsste, weil gewähltes Sprechen sehr oft auch altkluges Sprechen ist. Ganz wichtig: ich mache hier keine Unterscheidung im Sinne von „gute Worte“ oder „schlechte Worte“. Ich stelle nur die Unterschiede fest, die ganz einfach da sind. Vielleicht auch noch da sind.

Meine Kleine ist jedenfalls jetzt eingeschult und lernt die Kraft der Worte auf eine ganz eigene und andere Weise kennen. Bald wird sie sich die Geschichten, die sie lesen will, selbst aussuchen. Und ich glaube es wird spannend sein, sie dabei zu beobachten. Und, wer weiß, vielleicht schreibt sie irgendwann selbst Geschichten. Oder auch Nummer Eins. Was für ein schöner Gedanke!

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7 Gedanken zu “Die kindliche Kraft der Worte

  1. Danke für die Zeilen! Spannende Gedanken und Beobachtungen. Immer wieder auch ein interessantes Thema wie unterschiedlich Kinder sind. Ich möchte dich gerne im Eigenlob unterstützen. Wer so häufig und wahrscheinlich leidenschaftlich vorliest – gar ein Buch fürs Kind schreibt – der hat einen Anteil an der Sprachentwicklung! Würde mich über mehr Geschichten aus deiner Familie freuen – finde deine Sicht auf die Dinge spannend.

    Gefällt 2 Personen

  2. Mic schreibt:

    Vielen Dank für deine Unterstützung! Die kann ich gut gebrauchen, weil ich im Department Selbstbestätigung das eine oder andere Defizit aufweise.

    Als ich den Kindern irgendwann nicht mehr so richtig vorlesen sollte/durfte, habe ich angefangen, meiner Frau abends vor dem Einschlafen vorzulesen. Das ist zwar auch in der Zwischenzeit eingeschlafen (ha, ha), aber ebenfalls eine schöne Erinnerung.

    Mit den Geschichten aus meiner Familie verspreche ich vorher mal nicht zu viel. Aber wenn es sich anbietet, warum nicht!?

    Gefällt 1 Person

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