Fakt und Fiktion (1) Das Fitness-Studio

Ich halte mich für einen einigermaßen leserorientierten Blogger. Deswegen greife ich an dieser Stelle die Anregung der lieben Kiira auf, die sie zu diesem Beitrag gemacht hat und schreibe ein wenig über meine Erfahrungen beim ersten Besuch im Fitness-Studio. Aber da das hier ein „Autorenblog“ ist und kein Fitnessblog, erlaube ich mir, das in etwas abgewandelter Form zu machen. Ich mische ein wenig die Fakten mit der Fiktion, wobei ich euch versichere, dass der überwiegende Part Fakt ist. Aber natürlich kann ich mich nicht mehr an jeden Gedanken erinnern oder an jede Einzelheit. Das wäre ja auch gruselig!

Aber jetzt genug der Vorrede und Vorhang auf für mein kleines faktisch fiktives Experiment!


 

Wer kennt nicht die Angst vor dem ersten Mal? Egal, vor welchem ersten Mal? Die Angst zu versagen, die Angst, sich vor jemand anderem lächerlich zu machen. Die Angst davor, nicht den Ansprüchen genügen zu können. Die Angst, erkennen zu müssen, dass es keinen Sinn hat, es weiter zu versuchen.

Mein erster Besuch im Fitness-Studio! Nein, eigentlich stimmt das nicht, denn ich habe bereits letztes Jahr eine längere Phase im Studio verbracht. Damals, als ich viel Zeit hatte und das Studio zum Krankenhaus gehörte. Meine erste Erfahrung mit Fitness war damals und dort und es hat mir gut getan.

Danach habe ich neun Monate keinen Fuß mehr in ein Studio gesetzt. Obwohl ich genau wusste, dass es besser für mich gewesen wäre. Aber ich weiß so viele Dinge, die besser für mich wären, und die ich doch nicht tue oder tun kann.

Jetzt sitze ich in diesem Ledersessel, der mir gefühlt zu eng erscheint. Aber vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich mich hier, im Tempel der Fitness, noch viel unzulänglicher und unförmiger fühle, als ich es in der Welt da draußen tue. Medikamente und die zu ihnen gehörenden Nebenwirkungen haben dafür Sorge getragen, dass ich binnen eines Jahres runde 20 Kilogramm zugenommen habe. Wenn ich nicht von der Natur mit einer sehr überdurchschnittlichen Größe gesegnet worden wäre, dann könnte man mich mit Sicherheit rollen.

Beim ersten Besichtigungstermin, da war das alles noch easy. Ein Trainer hat mir das Studio gezeigt, selber nicht ganz ohne Fettpölsterchen. Aber das, was da jetzt auf mich zukommt, das jagt mir doch spontan Ehrfurcht ein:

Schlank, drahtig, durchtrainiert. Dabei für eine Frau sehr groß. Jeder ihrer federnden Schritte bringt sie einen gefühlten Meter weiter in meine Richtung. Dabei wippt ihr langer, rot gefärbter Pferdeschwanz hinter ihr her. Ihre Augen strahlen bereits aus einiger Entfernung.

Sie ist nicht mein Typ. Aber sie ist eine Frau und sie ist gut in Form. Und ich bin das genaue Gegenteil von beidem.

Im Gespräch ist sie höflich, witzig, hochprofessionell. Sie schafft es, mir tatsächlich das Gefühl zu geben, dass ich kein hoffnungsloser Fall sein könnte. Schnell sind meine gesundheitlichen Mankos abgeklärt, meine bescheidenen Ziele und meine noch bescheideneren Möglichkeiten. Aber das ist meine exklusive Meinung. Wenn es nach der Trainerin geht, dann komme ich schon in Form.

Sehr positiv fällt mir auf, dass sie mir keine falschen Hoffnungen oder Versprechungen wegen meines Bauchs macht. Sie stellt ganz richtig fest, dass es uns nicht gelingen wird, gegen die Nebenwirkungen der Medikamente zu arbeiten. Aber trotzdem gelingt es uns vielleicht, der zunehmenden Ausweitung meines Körpers Grenzen zu setzen.

Jedenfalls hat die Trainerin schon einiges an Ideen parat. Und so machen wir unseren Rundgang durchs Studio, bei dem ich schnell folgendes feststelle:

Irgendwie schaffe ich es, die anderen Menschen weitgehend auszublenden. Es hilft mir, dass hier nicht nur die typischen Bodybuilder oder Kampfamazonen trainieren. In der Tat findet sich der eine oder andere, der fast noch untrainierter aussieht, als ich. Wobei ich auf dem Crosstrainer schon eine jämmerliche Figur abgebe. Meine Knie sind wohl doch mehr im Eimer, als ich gedacht hatte.

Die Trainerin macht mir Mut, findet Alternativen, macht Vorschläge. Und sagt mir, dass ich Geduld mit mir haben soll! Fast kann ich glauben, dass es ehrliches Interesse an meinen Sorgen und Ängsten ist. Aber ich sehe, wie sie in unbeobachteten Momenten ein Gesicht aufsetzt, aus dem nur der Profi spricht, der sie ja auch ist. Aber das ist mir in dem Moment, in dem ich auf einer Bank liege und versuche, Sit-Ups durchzuführen, ohne dabei vor lauter Anstrengung Hals und Rücken zu brechen, egal. Ich freue mich über das Lob, über die Aufmunterung. Das ist das gute an Profis: sie wissen, wie sie dich zu nehmen haben!

Am Ende habe ich einen Trainingsplan. Mein erster! Und ein auf den ersten Blick sehr einfach klingender mit nur vier Übungen plus Dehnen, Aufwärmen und Cardio. Aber ich soll langsam anfangen und mir nicht zu viel zumuten. Schließlich habe ich Zeit! Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, mein Bauch nicht an einem Tag angefressen und mein Knacks im Schädel nicht an einem Tag verursacht. Rom kann ich nicht retten, aber ich hoffe, für meinen Bauch und meinen Kopf etwas tun zu können.

Ehrlich dankbar verabschiede ich mich von der Trainerin. Ich sehe ihr hinterher, wie sie zum Tresen flaniert und stelle mir vor, wie sie mich in der Sekunde schon wieder vergessen hat, in der sie mir den Rücken zugewendet hat.

Aber ist das etwas Schlimmes? Ich weiß es nicht, als ich mich auf den Weg in die Umkleide mache. Will ich überhaupt wahrgenommen werden? Oder einfach nur mein Programm abspulen und dann, wenn ich es für richtig halte, mich an die Profis wenden. Die Profis, die ihr Lächeln auf Kommando anknipsen und mir bei meinen ungelenken Versuchen helfen können.

In der Kabine ziehe ich mich um. Duschen gehe ich Zuhause. Bei aller Liebe, aber so viel Mut, mich vor den anderen hier auszuziehen – wo sind jetzt die Männer, die dicker sind als ich geblieben? – bringe ich nicht auf.

Als ich das Studio verlasse, steht die Trainerin immer noch am Tresen. Sie sieht mich und lächelt mir zu. Ich lächle zurück. „Bis zum nächsten Mal!“ sagt sie.

„Ja, bis zum nächsten Mal.“

Und wisst ihr was? Heute wusste sie doch tatsächlich noch meinen Namen …


 

Lasst mich gerne wissen, ob ich hin und wieder solche faktischen Fiktionen hier einstreuen soll oder nicht!

Ansonsten habt noch einen schönen Abend und einen guten Start in die neue Woche!

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12 Gedanken zu “Fakt und Fiktion (1) Das Fitness-Studio

  1. Hallo, Michael 🙂

    Vielen lieben Dank für diese Einblicke in dein Studio-Erlebnis. Du hast das sehr schön beschrieben und man konnte sich alles direkt vorstellen und miterleben.

    Kannst du deine Ängste im Zaum halten oder lenken sie dich beim Training ab?

    Gruß, Kiira

    P.S.: Faktische Fiktionen finde ich toll, gerne mehr davon

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    • Mic schreibt:

      Danke, Kiira, für die Inspiration und jetzt das nette Lob!

      Deine Frage kann ich nicht ganz klar beantworten. Es ist von der Tagesform abhängig. Heute, wo ich zum ersten Mal „auf mich alleine“ gestellt war, war es ein wenig schwieriger für mich. Das war, glaube ich, das Gefühl, jetzt ohne Anleitung völligen Murks zu machen und alle müssten das erkennen.

      Aber ich gebe mir Mühe, mich davon nicht abschrecken zu lassen und setze darauf, dass es sich im Laufe der Zeit von selber einpendelt.

      Gefällt 1 Person

      • Bitte, lieber Michael. 🙂

        Heute warst du das erste Mal „auf dich alleine“ gestellt? Das ist immer sehr aufregend, wenn man etwas alleine macht, was man vorher zu zweit gemacht hat, oder wo zumindest immer einer drüber geguckt hat. Aber so achtest du bestimmt mehr auf deinen Körper, um die Anzeichen zu spüren, dass du alles richtig machst. Und das muss sich dann toll anfühlen! 🙂 (Zumindest, wenn man es dann gewohnt ist)

        Ich drücke die Daumen und tippe auch mal darauf, dass es sich im Laufe der Zeit von selber einpendelt 🙂

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  2. Das macht Mut, deine Geschichte macht mir Mut. Und es liest sich toll, dein Einstieg in die Fitness. Ich kenne eine Frau, die hat gut und gerne 20kg Übergewicht und diese ist auch 20mal fitter als ich. Es ist also nicht eine Frage des Gewichtes.

    Und ganz bestimmt musst du mehr darüber schreiben. Meine Frage ist noch: wie oft gehst du in der Woche und um welche Uhrzeit – du arbeitest doch, oder?

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    • Mic schreibt:

      Schön, dass ich dir Mut mache – und dein Kommentar gibt mir Mut zurück!

      Zu deiner Frage: ich versuche, mindestens zweimal in der Woche zu gehen, einmal am Wochenende und einmal nach der Arbeit. Die Uhrzeiten werden dabei zwangsläufig variieren, aber das ist ja nicht schlimm, solange ich nicht vorhabe, an irgendwelchen Kursen teilzunehmen. Eigentlich müsste ich öfter gehen, aber ich fange erst einmal so an und schaue dann, was möglich ist. Gefühlt zerrinnen mir die Tage ja so schon wie Sand unter den Fingern und der Sport kommt ja jetzt noch oben drauf. Und dann gibt es da ja noch die Familie, aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen, liebe piri :-).

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