Schreibaufgabe der Woche #8: Dialog

Und wieder ist es an der Zeit für eine neue Schreibaufgabe, die mir diesmal wegen des breiten (um nicht zu sagen: unendlichen) Spektrums von Möglichkeiten einiges an Gehirnschmalz abverlangt hat. Ich hoffe, das merkt man meinem kleinen Beitrag nicht an 🙂 :


Er war jetzt schon viel zu lange in dem Gebäude. Das konnte nicht mehr mit rechten Dingen zugehen, da war Fritz sich sicher. Aber wenn Victor sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war er ja nicht mehr davon abzubringen. Dann war er wie besessen! Ach, was heißt „wie“ besessen. Dann war er es – mit allen Konsequenzen.

Fritz hatte keine Chance gehabt, seinen Freund und Kommilitonen von seiner fixen Idee abzubringen, die vielleicht im Delirium geboren worden war, vielleicht auch nicht. Aber jetzt war Victor auf geradezu erschreckende Art nüchtern. Nur er selbst, Fritz, hätte gerne etwas getrunken, um seine Nerven zu beruhigen.

Aber das ging ja nicht, weil seine Aufgabe darin bestand, den Wagen zu steuern. Victor hatte keinen Führerschein und selbst wenn das anders gewesen wäre, wäre es bei seiner momentanen Verfassung nicht angeraten gewesen, ihn ans Steuer zu lassen. Dafür war er viel zu aufgedreht.

Ein Käuzchen rief in der Nähe seinen klagenden Ruf. Fritz schaute sich danach um, konnte den Vogel allerdings nicht entdecken. Streng genommen sah er überhaupt nichts Besonderes, was aber eher ein Glück war als ein Grund, sich zu beklagen.

„Das wird ganz einfach“, hatte Victor gesagt. Ich weiß, wo sie einen Zweitschlüssel aufbewahrt. „Den nehme ich mir und dann holen wir uns, was wir brauchen! Auf diese Weise ist es nicht einmal ein richtiger Einbruch, wegen des Schlüssels!“

Sie, das war Marie, Victors Freundin – wenn er sie wahrscheinlich auch nicht so genannt hätte. Und dass es sich bei dem, was Victor vor hatte, vielleicht nicht um einen Einbruch aber auf jeden Fall um Diebstahl handelte, war eine weitere kleine Einzelheit, die Victor mit einer einfachen Handbewegung vom Tisch gewischt hatte.

Und jetzt stand Fritz hier, nervös von einem Bein auf das andere tänzelnd und wünschte sich, dass dieser Hallodri endlich wieder aus dem Gebäude herauskam! Er wusste ja nicht einmal genau, wo er war. Anfangs hatte er noch die geisterhaften Strahlen der Taschenlampe sehen können, wie sie sich reflexartig und suchend hinter den Fensterscheiben abgezeichnet hatten. Aber damit war es jetzt auch schon seit einer ganzen Weile vorbei.

Jeden Moment rechnete Fritz damit, dass jemand auftauchen und ihn fragen würde, was er hier am frühen Morgen trieb. Oder dass irgendjemand die Polizei rief. Da er mit seinem Wagen in einem Hinterhof stand, der nur eine einzige Zufahrt besaß, war es ein Leichtes, sie hier drin festzusetzen. Sie mussten dann nur noch eingesammelt werden. Leichte Beute.

Wieder kam Fritz ein Gesprächsfetzen mit Victor in den Sinn. Denn auch der hatte von leichter Beute gesprochen, als er den Vorschlag gemacht hatte, diesen Coup zu unternehmen. Fritz selbst hatte da noch gar nicht gewusst, worum es eigentlich genau gehen sollte, aber Victor hatte wieder diese für ihn so typische Bewegung gemacht, die alle Diskussionen abschnitt. Manchmal fragte Fritz sich, wieso er sich eigentlich so behandeln ließ.

Frustriert stellte er fest, dass er in dieser Angelegenheit nicht weiterkommen würde. Jetzt nicht und vielleicht überhaupt nicht.
Was blieb war die Feststellung, dass Victor sich zu viel Zeit ließ. Wie lange war er jetzt schon da drin – eine halbe Stunde? Was konnte so lange dauern bei dem … bei dem, was er tun wollte?

Wenn es eine moralische Komponente bei dieser Sache gab, dann hatten sie beide sie schon lange hinter sich gelassen. Und Marie wäre richtiggehend entsetzt, wenn sie davon erfahren würde. Aber Victor war sich sicher, dass der Erfolg alle Mittel heiligte. Und Erfolg würden sie haben, da war er sich ganz sicher.

Nun, Victor war der kluge Kopf von ihnen beiden. Sie belegten zwar dieselben Studiengänge und hatten sich darüber angefreundet, aber bei Victor gab es keinen Zweifel daran, dass er eines Tages zu den Koryphäen seines Fachs zählen würde, während Fritz selbst es mit ein wenig Glück zu einem leitenden Laboranten brachte.

Da war sie, die Antwort auf die Frage, wieso er sich so behandeln ließ: er hoffte, wenigstens die Brosamen von dem abzubekommen, was Victor zu leisten imstande war. Aber so schnell wie die Antwort gekommen war, so schnell verdrängte Fritz sie wieder. Sie war schmerzhaft und deswegen war es jedes Mal wieder das erste Mal, dass er die Antwort aufdeckte.

„Mach endlich hin, Victor!“ presste Fritz zwischen seinen Lippen hervor und schaute sich dann nervös um, weil ihm der eigene Satz viel zu laut vorgekommen war.

Es war niemand da, aber dafür sah er – endlich – wie sich im Haus wieder ein Lichtstrahl herantastete. Er näherte sich über die Gebäudeseite, erreichte das Treppenhaus, das sich auf der anderen Seite der Hintertür befinden musste und verschwand dann.

Wenige Augenblicke später wurde die Tür mit einem leisen Quietschen aufgestoßen. Fritz atmete tief durch als er seinen Freund sah, der sich mit einem braunen Plastiksack aus der Tür drückte, die hinter ihm wieder in ihr Schloss fiel.

„Denk daran, abzuschließen!“ wisperte Fritz. Victor konnte ihn unmöglich gehört haben, dachte aber offensichtlich von selbst daran, die Tür wieder zu verschließen. Dann kam er mit dem braunen Sack, der anscheinend recht schwer war, auf den Wagen zu. Sein Gesicht strahlte wie das eines Erstklässlers am Weihnachtsmorgen.

Dennoch fragte Fritz: „Hast du alles bekommen, was du haben wolltest?“

„Ja!“ sagte Victor einfach, aber in diesem Wort lag alles, was Fritz wissen musste. Er spürte die Freude, den Enthusiasmus und ließ sich davon ein wenig anstecken. Es reichte beinahe aus, um die Angst und das Entsetzen zu übertönen, das er empfand.

„Dann lass’ uns jetzt gehen!“ sagte er bestimmend und öffnete den Kofferraum seines Wagens. Zusammen hievten sie den Sack hinein und Fritz versuchte, nicht zu sehr auf die Geräusche zu achten, die dabei entstanden.

Als sie in den Wagen eingestiegen waren, schaute er seinen Freund noch einmal an, aber Victor war bereits in seiner eigenen Welt und dachte an das, was er in dieser Welt zu tun beabsichtigte.

Fritz legte den Gang ein und steuerte seinen Wagen mit ausgeschalteten Lichtern aus dem Hinterhof der Pathologie. Erst als sie auf der Straße waren, schaltete er die Scheinwerfer an.

„Du wirst sehen, Fritz“, sagte Victor, „es ist leichter, als es scheint!“

Und dann wiederholte er noch einmal mit einer Stimme, die Fritz zum frösteln brachte: „Ich habe alles bekommen, was ich haben wollte. Alles!“

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7 Gedanken zu “Schreibaufgabe der Woche #8: Dialog

  1. Hmmm, verträgst du auch Kritik?

    Ich habe die Sätze gerne gelesen, sie waren wunderbar aufgebaut und hatten eine tolle Sprache – aber so richtig verstanden habe ich nicht, um was es ging. Die Geschichte ist mir auch zu lang, vielleicht auch deswegen, weil ich selber niemals so lange Geschichten schreiben könnte. Mir fehlt ein bisschen der Spannungsbogen. Allerdings das Open-End, das finde ich dann wieder richtig gut!

    Gefällt 2 Personen

    • Mic schreibt:

      Natürlich vertrage ich auch Kritik, liebe piri! Sehr gut sogar, denn meistens fällt sie nicht so harsch aus wie die Kritik, die ich mir selbst gegenüber an den Tag lege.

      Bei dieser „Geschichte“ (ich würde eher von einer Szene reden) kommen viele meiner Probleme mit Kurzgeschichten heraus. Nämlich genau das, dass ich die Sache mit dem Spannungsbogen nur unzureichend auf die Reihe bekomme. Schön finde ich, dass du das Ende gut findest.

      Dass du nicht verstanden hast, worum es ging, ist einerseits zwar schade, gehört andererseits allerdings auch irgendwie zum „Konzept“. Dadurch, dass der Leser weder Fritz noch Victor kennt, müssen viele Gedanken von Fritz kryptisch bleiben. Wenn das eine Szene aus einem Roman wäre, würde sie ganz anders wirken.

      Hm, ich lasse die Szene jetzt mal so stehen, wie sie ist. Vielleicht kann ich dich ja mit einer anderen das nächste Mal mehr überzeugen.

      Auf jeden Fall vielen Dank für die Kritik! 🙂

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    • Mic schreibt:

      Hallo Vic (wie passend 🙂 ),

      vielen Dank für das Lob! Ich finde auch, dass das Kopfkino manchmal viel besser ist, als wenn die Lösung auf dem Silbertablett präsentiert wird.

      Viele Grüße zurück
      Michael

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    • Mic schreibt:

      Hallo Kiira!

      So schnell kam ich ja nicht auf die Idee. Zumal sie jetzt auch nicht soo originell ist, finde ich. Meine ersten Gedanken gingen auch in Richtung Urlaub oder halt Einkaufen. Vom Einkaufen kam ich dann auch zu diesem „Einkauf“ der spezielleren Art.

      Danke für das Lob!

      Gefällt 1 Person

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