Schreibaufgabe der Woche #9: Rammstein Special

Bei Hanna gab es auch diese Woche wieder eine Schreibaufgabe, bei der es darum ging, rund um den Songtext und das Video des Liedes „Heirate mich“ von Rammstein eine dazu passende Geschichte, gerne etwas morbid, anzufertigen. Ich habe mich einmal daran versucht und mir vor allem das Video zu Herzen genommen, um das ich eine kleine Story aus einem ganz anderen Blickwinkel verfasst habe. Ich hoffe, sie gefällt einigen von euch :-).


Der Wächter

Ich muss vorsichtiger sein. Ich bin wieder gesehen worden. Die alte Vettel war es, die, die jeden zweiten Tag auf den Friedhof kommt, um ihrem an Fettleibigkeit eingegangenen Ehemann ein paar ranzige Blumen auf das Grab zu legen. Die Alte lässt dem armen Kerl selbst im Tod nicht seine Ruhe!

Ich muss besser aufpassen. Früher oder später wird man mich sonst erwischen. Wird man uns beide erwischen! Ich glaube, der neue Pfaffe ahnt etwas. Ich habe ihn beobachtet. Ja, genauso wie sie mich beobachten, beobachte ich auch sie! Keinen Schritt können sie machen, ohne dass ich genau im Auge behalte!

Wenn ich nicht lerne, besser aufzupassen, wird die Verbindung zwischen uns abreißen. Jenes zarte Band aus übernatürlichen Stoffen gewebt, das nur ich sehen kann und von dem niemand etwas ahnt – hoffentlich niemand etwas ahnt. Auch wenn ich mir über den Pfaffen noch nicht ganz im Klaren bin.

Für die alte Vettel habe ich mir etwas überlegt! Ich werde ihr den abgeschlagenen Kopf eines Hahns auf das Grab ihres fetten Bastards legen! Und vielleicht male ich noch ein Pentagramm mit dem Hahnenblut auf den Grabstein!

In der nächsten Nacht werde ich die Kirche genau im Auge behalten müssen. Ich habe so eine Befürchtung, was den Pfarrer angeht. Der bisherige Priester war so alt und verkalkt, dass ich ihm genau auf die Füße hätte steigen können, ohne dass er etwas davon gemerkt hätte! Er war der einzige Mensch, bei dem ich mir nicht gewünscht habe, dass er das Zeitliche segnet. Alle anderen dürfen ruhig verrecken! Man bekommt nur nicht immer das, was man haben möchte.

Die Sonne wird bald untergehen. Dann ist es an der Zeit, meine Wanderung aufzunehmen. Meine Wacht zu beginnen. Um meiner ewigen Liebe zu gefallen!

Doch da, was ist das? Der Götzenanbeter kommt aus seinem Pfarrhaus und läuft in die Kirche. Das macht er um diese Stunde ansonsten nicht! Für mich ist es noch zu früh, hinüber zu gehen und hinein kann ich ihm leider nicht folgen. Seit ich meine Kommunion empfangen habe, ist mir dies nicht mehr möglich.

Ich muss vorsichtiger sein, denn er darf mich nicht sehen! Ich halte ihn für gerissen genug, dass er mich erkennen würde als das, was ich bin. Und dann … aber da ist er schon wieder. So ein junger Kerl, so eine Verschwendung! Gehetzt sieht er aus. Verstört. Oh ja, meine Augen sind gut genug, um das aus der Entfernung erkennen zu können, während ich mich hinter einem schiefen Grabstein verberge. Der Pfaffe hat Angst!

Diese Angst bedeutet für mich nichts Gutes. Sie bedeutet, dass er möglicherweise doch etwas auf die Schliche gekommen ist. Auch wenn ich die Kirche nicht betreten kann, so kann ich mich doch in seinem Pfarrhaus umsehen. Ja, das werde ich tun.

Und so taste ich mich in der hereinbrechenden Dunkelheit in Bodennähe gleich einer Schnecke auf das Pfarrhaus zu. Es ist hell erleuchtet und mehr als einmal kann ich den schwarzen Lockenkopf des „Dieners Gottes“ an dem Fenster erkennen, dass schon dem alten Priester als Arbeitszimmer gedient hat. Dort muss ich hineinkommen!

Ich schleiche einmal um das Gebäude herum. Vor vielen Monaten habe ich entdeckt, dass hier ein Kellerfenster nicht richtig schließt. Wie eine böse Vorahnung ergieße ich mich in den Keller hinein, krieche auf die Kellertreppe zu und warte auf den Moment, in dem das Licht erlöscht und die Haustür zugeschlagen wird. Der Pfaffe ist gegangen!

Hastig aber behutsam erklimme ich die Treppe. Den Weg in das Arbeitszimmer kenne ich. Der Verblendete würde einen Herzstillstand bekommen, wenn er denn wüsste, wie oft ich bereits in seinem Haus war, in seinem Schlafzimmer gestanden und ihn beobachtet habe! Auch dies ist Teil meiner Wacht. Meiner ewigen Liebe zu dienen!

Auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer liegen wild verstreut Bücher, Notizen, sogar Pergamente! Einiges von dem Zeug sieht älter aus als die Ewigkeit und ich muss dem Impuls widerstehen, aus reiner Boshaftigkeit alles zu vernichten! Noch ist es nur so ein Gefühl, dass der Pfarrer eine Ahnung hat. Aber wenn ich dies hier zerstöre, dann wird aus seiner Ahnung Gewissheit werden.

Licht brauche ich nicht zu machen. Meine Augen sehen hervorragend in der Dunkelheit.

Doch was ist das? Da klopft doch jemand an die Vordertür des Pfarrhauses!

„Herr Pfarrer!“

Das ist die Vettel! Was, bei allen Teufeln der Hölle, will die um diese Zeit hier?

„Herr Pfarrer, öffnen Sie! Ich habe ihn wieder gesehen!“

Ich fletsche meine Zähne so weit, dass meine Kiefergelenke zu schmerzen beginnen. Ich war nicht vorsichtig genug! Aber das kann ich vielleicht korrigieren. Wahrscheinlich ist es an der Zeit, es zu korrigieren!

Dieses Mal brauche ich nicht zu schleichen. Die dumme Ziege wartet ja nur darauf, dass jemand kommt. Was sie nicht erwartet ist, dass sie jetzt geschlachtet werden wird! Bei den letzten Schritten muss ich mich bremsen, um nicht loszurennen! Es ist viel zu lange her, als dass ich jetzt noch einen klugen Geist und Ruhe bewahren könnte. Ich habe Lust!

„Herr Pfarrer?“, erklingt wieder ihre Stimme, aber jetzt leiser. Ob sie etwas bemerkt hat? Oh ja, ich habe vergessen, das Licht im Flur einzuschalten. Nicht weiter schlimm, denn spätestens wenn ich sie in den Flur gezogen habe, wird sie kein Licht mehr brauchen. Aber so hört sie meine Schritte aus der Dunkelheit näher kommen und hat einfach Furcht! Oh, welch sündige, wohlschmeckende, erregende Furcht!

Ich reiße die Tür auf, mit derselben Bewegung packe ich die alte Frau am Kragen ihrer gestärkten Bluse und ziehe sie zu mir herein. Das alles passiert so schnell, dass sie nicht einmal Zeit hat daran zu denken, vielleicht zu schreien. Ich stoße sie von mir fort und habe schon meine klauenbewehrte Hand zum Schlag erhoben, als mir einfällt, dass ich den Flur des Pfarrers nicht zum Schauplatz eines Blutbads machen darf, wenn ich nicht das Geheimnis verraten will.

Vorsicht! Ich muss vorsichtig sein!

Ich packe die Frau erneut, die nicht mehr von mir sieht als meine Umrisse und vielleicht das Leuchten meiner Zähne. Sie schreit nicht, was ihr meine Sympathie einbringt. Ich beschließe, sie schnell zu töten. Mit einem geübten Schlag in ihren Nacken breche ich ihr die obersten paar Halswirbel und das Genick. Ein überraschtes Geräusch macht sie noch, wobei sie schon tot gewesen ist, bevor ihre Stimmbänder sich dazu entschlossen, es zu erzeugen.

Ich stehe mit einer noch warmen Leiche und einem kaum zu bezähmenden Appetit im Flur des Pfarrhauses – und darf doch jetzt nicht schwach werden! Ich darf meine Wacht nicht vernachlässigen. Es ist an der Zeit!

So schnell es mir möglich ist, was ziemlich schnell ist, da die jetzt ziemlich tote dumme Ziege kaum etwas wiegt, schleppe ich sie in den Keller und dort in den Raum mit dem defekten Fenster. Ich werde mich später um sie kümmern. Jetzt ist es an der Zeit, sich das Arbeitszimmer vorzunehmen!

Ich gehe ohne weiteren Verzug zurück in das Zimmer und beginne, die Papiere zu studieren. Ich muss wenig mehr lesen als das erste Wort. Es ist in lateinischer Sprache abgefasst, aber so viel verstehe ich auch ohne diese Sprache zu beherrschen: Exorcismus. Der Pfaffe beschäftigt sich mit Schriften für einen Exorzismus!

Der Bann fällt von mir ab und auch alle Zurückhaltung fällt von mir ab. Ich muss meiner ewigen Liebe beistehen, muss sehen, was dieser Götzenanbeter vor hat!

Wieder stürme ich durch den Flur, erlege mir aber dieses Mal keinerlei Zurückhaltung auf, sondern breche einfach durch die Tür des Pfarrhauses, die mir keinerlei Widerstand bietet. Mit einem Satz stehe ich draußen in der dunklen Nacht und sehe, dass die Kirche erleuchtet ist! Es scheint sich um Kerzenlicht zu handeln. Aber ich sehe noch etwas anderes, viel Schlimmeres: Ich sehe den Pfarrer, wie er einen Körper auf seinen Armen in die Kirche trägt!

Rasend vor Wut und Angst renne ich auf die Kirche zu. Der Pfaffe ist so mit seiner Last – meiner Liebe! – beschäftigt, dass er mich weder kommen sieht, noch kommen hört. Es fehlen noch zehn Meter, noch sieben, noch fünf …

Der Mistkerl hat die Kirche betreten!

Mit einem Schrei der Wut, der Frustration und der Angst bremse ich ab. Doch der Schrei erstirbt mir auf den Lippen, als mir die Bedeutung all dessen hier klar wird. Der Pfaffe hat in der Tat schnell geschaltet, was die Todesfälle in seiner Gemeinde zu besagen haben. Er hat sich kundig gemacht, schlaue Bücher gelesen, alte Schriftrollen ausgewertet. Wenn er nicht der größte Erzfeind meiner Geliebten und mir wäre, müsste ich anerkennen, was er geschafft hat.

Diesen Gedanken dränge ich schnell beiseite und versuche, ebenfalls die Kirche zu betreten. Ich weiß, dass es mir, als niederstem Wurm der kreucht und fleucht, nicht gelingen wird. Immer wieder werde ich von diesem unsichtbaren Kraftfeld zurückgeschleudert, das sich rund um das Gebäude befindet. Da der Götzenanbeter die Tür hinter sich hat ins Schloss fallen lassen, kann ich nicht einmal hineinsehen, was in der Kirche geschieht!

Ich höre seine Stimme, seine verhasste Stimme, wie sie Verse aufsagt – vielleicht aus dem Exorzismus, vielleicht aus der Bibel, egal. Und dann spüre ich, wie meine Liebe erwacht! Ich spüre ihre Präsenz! Der Kerl hat es geschafft, sie aus ihrer Gruft zu holen und muss sie gerade noch abgelegt haben, bevor sie erwachen und sich selbst gegen ihn wehren konnte. Oh, die Strafe für mich in diesem Fall wäre, fürchterlich gewesen, weil ich meine Pflicht nicht erfüllt habe. Aber ich wäre bereit, jede Verstümmelung und jede Höllenqual auf mich zu nehmen, wenn dafür meiner Herrin nichts zustößt!

Ich mache ein paar Schritte rückwärts, so dass ich wieder die kleinen Fenster der Kirche sehen kann. Ich sehe Licht, ein überirdisches Licht! Und ich sehe ihren Schatten. Sie hat sich vom Boden gelöst, der Würmern wie mir vorbehalten ist und attackiert den Priester Gottes.

Ein gewaltiger Schmerz zieht mir quer durch meine Brust. Ein Feuer, das in mir zu lodern scheint. Und ich erkenne, dass es ihr Schmerz ist, den ich fühle. Der Schmerz, den der Mistkerl von einem Menschen ihr verursacht!

Und dann höre ich ihren Schrei! Er gellt in meinem Schädel! Er droht, ihn zum Platzen zu bringen! Ich kann spüren, wie meine Schädeldecke splittert! Alle Kraft fährt aus meinem Körper, ich sinke zusammen, kann mich nicht mehr auf den Beinen halten! Nein… das darf nicht sein!

Und doch!

Sie ist fort!

Nicht tot, denn gestorben ist sie bereits vor einem Jahr. So wie auch ich mit ihr gestorben bin. Und nun zum zweiten Mal sterbe …

Aber ein wenig Kraft halte ich noch zusammen! Mit letzter Anstrengung fokussiere ich mich auf meine Krallenhand! Der Götzendiener wird dafür bezahlen, was er getan hat. Sobald er die Kirche verlässt, werde ich ihm die Kehle aufschneiden.

Und dann, endlich, mit meiner Geliebten im Tode vereint sein.

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7 Gedanken zu “Schreibaufgabe der Woche #9: Rammstein Special

  1. Hanna Mandrello schreibt:

    Huh, die Geschichte ist ja super. Und ewig lang. Ich habe mich bis zum Schluss gefragt, wer oder was er ist. 🙂 War spannend zu lesen. Ich glaube, so was kriege ich nicht hin. Aber ich bin noch dran und versuche mein Bestes. Vielen Dank für die Spannung 🙂 LG Hanna

    Gefällt 1 Person

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