Fakt und Fiktion (4) Etwas muss sich ändern

Disclaimer: Unter dem Label ‘Fakt und Fiktion’ veröffentliche ich kleine Episoden aus meinem Leben (Fakten), die in eine etwas ausgeschmückte (Fiktion) Form gepresst sind. Der Kern der Geschichten ist allerdings ein wahrer!


Wenn Frauen Kummer haben, dann gehen sie zum Friseur und stellen verrückte Dinge mit ihren Haaren an. Bei denen ist das auch voll gesellschaftlich akzeptiert. Wenn eine Frau, die heute noch schulterlange braune Haare hatte, morgen mit einem schwarzen Kurzhaarschnitt ins Büro kommt, dann weiß ihre Peer-Group sofort, dass irgendwas Schreckliches passiert sein muss. Und dann kommen alle mit Plätzchen, und mit Taschentüchern, und mit Umarmungen …

Männer haben es da deutlich schwerer. Wenn wir uns die Haare färben lassen, dann unterstellt man uns sofort, dass wir in die Midlife-Crisis geraten sind. Und über nichts kann man sich so gut amüsieren, wie über die Midlife-Crisis. Abzuschneiden gibt es bei uns ja sowieso meistens nicht besonders viel.

Jetzt war ich gestern beim Friseur. Es war einfach mal wieder nötig, aber ich fühlte mich auch danach. Ja, ein wenig Kummer war wohl auch dabei, das gebe ich zu, aber wie gesagt: da fragt bei uns ja keiner nach.

Ich habe mir mein Lebtag noch nie die Haare gefärbt, auch wenn ich inzwischen wohl allen Grund dazu hätte, da meine ehemals schwarzen Haare zu einer grau-dunkel-matschigen Melange geworden sind. Etwa die Farbe von Schnee, wenn er schon zwei Tage zusammen mit Dreck im Rinnstein liegt. Und wieder mal, wie ich so in dem unbequemen Stuhl sitze, denke ich mir, ich sollte einfach mal sagen, dass die Schneidemeisterin (ich weiß gar nicht, ob man noch Friseuse sagen darf) mir die Haare färben soll.

Vor neun Jahren war ich einmal ernsthaft so weit, dass ich mit dem Gedanken nicht nur gespielt, sondern ihn auch schon fast zur Ausführung gebracht hatte. Damals hatte ich in der Tat großen Kummer mit meinem Job. Ich plante einen drastischen Schritt und schwankte zwischen Orange und Kobaltblau. Am Ende hatte ich wohl Angst, dass meine Frau mich sofort verlassen hätte, wenn ich damit nach Hause gekommen wäre.

Jedenfalls saß ich heute in diesem Stuhl und schwankte. Der Beginn der Schnibbelei verzögerte sich noch ein wenig, weil ein alter Mann hereinkam, der nicht nur offensichtlich gehbehindert war, sondern wohl auch schon eine leichte Form von Demenz mit sich herumschleppte. Er brauchte jedenfalls mehrere Minuten und beide zurzeit verfügbare Angestellte, um sich daran zu erinnern, was er eigentlich haben wollte.

Ich beobachtete die Szene im Spiegel und konnte nicht anders, als mir Gedanken zu machen. Ob der alte Mann wohl Wünsche hatte, die seine Haare betrafen? Wünsche, an die er sich einfach nicht mehr erinnern konnte? Die ihn quälten, wenn sie ihm bei sich zuhause einfielen und die dann wieder verschwunden waren?

Scheiße, wieso macht das Alter das mit uns?

Irgendwann ein leichter Aufschrei: „Bitte schneiden Sie so, wie immer!“

Es war herzzerreißend: Der Mann freute sich wie ein Schnitzel, dass er sich an die Routine seines Lebens und die Routine seiner Haare erinnern konnte. Egal, was vielleicht sonst sein mochte, jetzt war er glücklich. Glücklich – mit dem immer Gleichen.

Ich schaute in den Spiegel. Sah mir tief in die Augen. Seufzte.

Und als die Friseuse kam und fragte, ob sie mir wie immer die Haare hinten und an den Seiten mit der Maschine auf neun Millimeter schneiden soll, da sagte ich, meinen ganzen Mut zusammen nehmend:

„Heute schneiden wir mal auf sechs.“

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12 Gedanken zu “Fakt und Fiktion (4) Etwas muss sich ändern

  1. Ich als (glaube ich) Frau mache das mit dem Friseur zwar nicht, aber wegen der Männer das stimmt schon. Haare färben ist wohl einfach noch ne Frauensache 🙂

    Gegen Kummer hilft allerdings auch Schokolade in allen Variationen in Massen.

    Gefällt 1 Person

    • Mic schreibt:

      Das mit der Schokolade ist leider nur allzu richtig! Aber ich versuche gerade mal wieder, die Süßigkeiten zu reduzieren, damit sich mein Bauchumfang vielleicht auch mal wieder reduziert :-(.

      Aber was heißt jetzt schon wieder „glaube ich“?

      Gefällt mir

  2. Lieber Michael,
    Daumen hoch! Sowas erfordert bei einem Mann schon Mut. Aus meinem Umfeld würde ich jetzt nicht sagen, dass sowas dann als Midlife-Crisis gezählt wird, aber Männe bemerkte letztens auch: „So wirklich andere Frisuren kann ich nicht machen“. Beim Bund gibt es ja ein paar Regeln („nicht die Ohren verdecken,..“, „nicht den Helmschutz stören“,…). – aber er würde auch gar nichts anderes machen. Die Mehrheit der Männer in meinem Umfeld tragen jeher die gleiche Frisur – ich könnte das nicht. Ich ändere sie gerne. Aber nicht, wenn es mir schlecht geht, sondern wenn es mir gut geht, oder wenn sie mich stören. Letzteres kommt öfter vor und dann kommen direkt mind. 20cm ab. 😀

    Ein sehr schöner Artikel auch. Schön geschrieben, spannend, witzig und die Pointe mag ich auch sehr gerne,

    Gruß, Kiira

    Gefällt 1 Person

    • Mic schreibt:

      Liebe Kiira,

      danke für die lieben Worte!

      Ich ändere meine Haare auch eher selten, was damit zu tun hat, dass mir zum einen halt der Mut fehlt zum anderen ich auch mit Haaren gesegnet/gestraft bin, die sehr dicht sind, verdammt schnell wachsen und zu allem Überfluss auch noch extrem verwirbelt sind. Wenn man da einmal was gefunden hat, womit man leben kann, dann bleibt das.

      Aber diesmal sind die Haare schon ziemlich kurz geworden …

      Gefällt 1 Person

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