Schreibaufgabe #11: Der Weg nach irgendwo

So, gerade noch pünktlich vor dem diesjährigen NaNo habe ich es geschafft, mich Hannas elfter Schreibaufgabe zu widmen. Dieses Mal war die Vorgabe wieder besonders weit gefasst, nur der erste Satz war vorgegeben: „Eines muss ich dir noch sagen für den Fall, dass ich nicht mehr wiederkomme.“

Meine erste Assoziation, der alte Schlager von Christian Anders, in dem ein Zug nach Nirgendwo fährt, wollte ich dann doch nicht weiterverfolgen. Deswegen habe ich beschlossen, nun, mit einiger Verspätung, doch noch die Dystopie heraufzubeschwören, die ich mir bei der zehnten Schreibaufgabe noch verkniffen hatte.

Ich wünsche euch also im Folgenden viel Spaß mit meiner kleinen Kurzgeschichte!


Abschnitt 238/a

„Eines muss ich dir noch sagen für den Fall, dass ich nicht mehr wiederkomme.“

Ted Jericho blickte auf und sah seinem Freund und Kollegen Seth Huggins ins sonnengegerbte Gesicht. „He, Hugg, jetzt fang nicht an zu spinnen, ja?!“

„Es ist Freitag und du weißt, dass freitags da draußen Krieg herrscht!“

„Wer will es ihnen verdenken, wenn man weiß, dass am Freitag das Wasser für das Wochenende abgestellt wird“, sagte Jericho und streichelte zärtlich über seinen Karabiner. „Aber das ist doch nichts, womit wir beide nicht schon fertig geworden sind!“

„Ja, stimmt, aber trotzdem! Wenn ich nicht mehr wiederkomme …“

„Du wirst aber wiederkommen! Schau hier, falls du es vergessen haben solltest! Ich hab dich die ganze Zeit über auf dem Schirm, ja? Die Homies sind auf der anderen Seite des Zauns. Dazu noch der Graben. Fünf Meter Tiefe und fünfzigtausend Volt! Und jetzt verrat mir, warum du immer so paranoid bist!“

„Ich habe Gerüchte gehört“, sagte Huggins. „Gerüchte darüber, dass es im Nordosten einen Vorfall gegeben hat …“

„Das habe ich auch gehört. Und ich halte es für totalen Bullshit! Niemand durchbricht unsere Sicherheitssysteme! Hörst du? Niemand! Und schon gar nicht in unserem Abschnitt, verstanden?“

„Ja, verstanden“, maulte Huggins und brummelte noch ein paar unverständliche Worte in seinen Dreitagebart.

Jericho stand aus dem platt gesessenen Bürostuhl auf, von dem aus er die Wallanlage und die Menschen auf der anderen Seite überwacht hatte. Er trat zu Huggins und hieb ihm spielerisch die Faust auf die Schulter. „Oder ist es, weil du nächste Woche vierzig wirst? Hm? Setzt bei dir jetzt schon die Alterssenilität ein?“

„Quatsch!“

„Dann weiß ich es auch nicht“, gab Jericho es auf und setzte sich wieder. „Du bist jetzt jedenfalls damit dran, den Rundgang am Raun zu machen. Und ich werde mir gemütlich mein Sandwich und vielleicht einen kleinen Joint reinziehen, bis du wieder da bist.“

„Ja, aber falls ich nicht mehr wiederkomme …“

„Himmel, Arsch und Wolkenbruch! So langsam gehst du mir auf den Kürbis! Jetzt spuck’ schon aus, was du dir diese Woche wieder hast einfallen lassen, damit ich mir den langweiligen Abend verschönern kann! Jawohl, langweilig, hast du verstanden?“

„Hoffen wir, dass es langweilig bleibt“, sagte Seth Huggins. „Wenn die Gerüchte stimmen, dann könnte es sein, dass du dir noch wünschen wirst, Langeweile zu haben!“

„Sag endlich dein Sprüchlein auf und dann sieh zu, dass du Land gewinnst! Ich habe keine Lust, mir wieder eine Rüge vom Boss einzufangen, weil wir unseren Schichtplan nicht eingehalten haben.“

„Also“, sagte Huggins.

„Also?“, wiederholte Jericho.

„Falls ich nicht mehr wiederkomme, dann möchte ich, dass du dich dafür einsetzt, dass Luisa den Ausbildungsplatz bei der Grenzwache nicht annimmt! Ich wiederhole, sie soll ihn nicht annehmen!“

Jericho verstand kein Wort, das sein paranoider Kumpel da sagte. „Du willst also, dass ich deine Tochter, die ich nur von Fotos kenne, davon abhalte, in die Fußstapfen ihres Alten zu treten?“

„Ja!“

„Und wieso, wenn ich fragen darf?“

Huggins druckste kurz herum und Jericho war schon wieder so weit, ihn anbrüllen zu wollen, als er dann doch endlich sagte: „Ich habe so eine Ahnung, Ted, seit ich die Sache aus dem Nordosten gehört habe. Lange wird das mit den Homies nicht mehr gut gehen! Es sind so viele und sie sind nicht dumm. Das ist das Hauptproblem, dass sie alles andere als dumm sind!“

„Dumm genug, draußen leben zu müssen.“

„Das hat mit Intelligenz nichts zu tun, sondern mit Geld und Macht – und das weißt du ebenso gut wie ich!“

Jericho machte eine wegwerfende Handbewegung. „Und wenn schon! Sollen sie ruhig philosophische Reden schwingen, oder Gedichte rezitieren. Zum Glück muss ich mir das nur anhören, wenn meine Schicht am Zaun läuft. So wie deine, seit inzwischen zehn Minuten!“

Huggins griff nach seinem Gewehr, sah dabei aber unverwandt Jericho an. Dieser begann plötzlich, sich unwohl unter diesem Blick zu fühlen. Hugg hatte schon früher komische Ideen gehabt und absonderliche Theorien über die Homies und die Bewohner der Domes vorgebracht. Aber mit dieser Ernsthaftigkeit wie jetzt war es noch nie passiert.

„Ich möchte, dass du es mir versprichst!“

„Also gut!“, seufzte Jericho.

„Sag es!“

„Ich verspreche es!“

„Nein, den genauen Wortlaut!“

Jericho stöhnte und ballte beide Hände zu Fäusten, die er auf die Lehnen des Bürostuhls herabkrachen ließ. „Ich schwöre, bei allem, was mir heilig ist, dass ich deine geliebte Tochter Luisa, die ich noch nie gesehen habe, davon abhalten werde, den besten Job anzunehmen, den man sich vorstellen kann, weil ihr bescheuerter Herr Vater, dessen bescheuerter Freund ich bin, sich in den Kopf gesetzt hat, dass er nach tausend Patrouillen am Zaun diesmal nicht zurück kommen wird! Jetzt endlich zufrieden?“

Huggins lächelte traurig. „Ich hab dich auch gern, Ted!“

Dann drehte er sich um und verließ den Container, der den beiden als ihr Stützpunkt an Abschnitt 238/a des großen Schutzzauns zur kontaminierten Zone diente. In den Randbereichen war die Strahlung längst abgeklungen, was die Homies immer wieder dazu trieb, sich auf ihrer Seite an den Zaun zu stellen. Früher hatten sie gebettelt und geklagt. Heute standen sie meist nur noch da und schauten herüber. Eine Ausnahme stellten wirklich die Freitage dar, wenn die Trinkwasserversorgung in die Zone abgestellt wurde, damit in den Domes die Schwimmbäder und Pools für das Wochenende versorgt werden konnten.

Jericho drehte sich im Stuhl um und langte nach seiner verschlissenen Tasche. Er öffnete sie und holte sein Sandwich heraus, legte es neben die Kontrollmonitore. Von Huggins war noch nichts zu sehen. Danach verließ ein großer, langer Joint, einer der besten, die er je gebaut hatte, die Tasche. Und zum guten Schluss, weil heute das Wochenende anfing, noch die neueste Ausgabe von „Tits & Clits“, mit der er sich später zu befassen gedachte.

Auf dem Bildschirm tauchte jetzt die hagere Gestalt von Huggins auf. Jericho schüttelte den Kopf. So lange an der Grenze und fiel jetzt auf solche Ammenmärchen rein! Dome Nordost hatte gleich nach Aufkommen der Gerüchte verbreiten lassen, dass es keinen Einfall von Homies gegeben hatte. Und Central Dome hatte es bestätigt. Also, was sollte der Scheiß?

Das Sandwich war schnell aufgegessen und der Joint entzündet. Jericho legte die Beine hoch und schaute weiter auf den Bildschirm. Ein Scheißjob, sich da draußen zwei Stunden die Beine in den Bauch zu stehen, hin und wieder den Abschnitt abzulaufen und dabei nichts anderes zu tun zu haben, als sich die Homies anzuschauen, was meistens wegen der erlittenen Strahlenschäden kein schöner Anblick war. Aber der Job, sich den Mist im Fernsehen ansehen zu müssen, war auch nicht besser.

Es passierte ja doch nie was!

Bis es dann eben doch passierte!

Jericho konnte nicht sehen, wer es war oder was genau er getan hatte. Er sah nur das Ergebnis: Ein heller Lichtblitz durchzuckte den Bildschirm und sorgte dafür, dass er seine Augen abschirmen musste. Als die Kamera und er wieder etwas erkennen konnten, war eine riesige Lücke im Zaun entstanden. Und die Homies strömten in die für sie verbotenen Randbezirke des Domes.

Jericho stand der Mund offen und er wusste nicht, wie ihm geschah, oder was er tun sollte. Für diesen Fall war er nicht ausgebildet worden! Welcher dieser verdammten Knöpfe war jetzt für die Alarmierung des Oberkommandos gedacht?

Es wurden immer mehr Homies, eine wahre Flut kam durch den nicht mehr vorhandenen Zaun. Den Graben hatten sie spielend überwunden, vielleicht, indem sich einige von ihnen geopfert hatten, um eine ebene Fläche durch ihre aufgeschichteten Körper zu erreichen.

Jericho nahm wieder seine Waffe. Seine Hand zitterte. Seinen Kollegen und Freund Seth Huggins konnte er auf dem Bildschirm nicht mehr sehen. Er würde nicht mehr wiederkommen.

Aber würde er, Ted Jericho, wiederkommen? Und wenn nicht, an wen sollte er seine letzte Botschaft richten?

„Falls ich nicht mehr wiederkomme“, sagte Jericho leise. Dann lud er seine Waffe durch und ging hinaus, seinem Schicksal entgegen.

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9 Gedanken zu “Schreibaufgabe #11: Der Weg nach irgendwo

  1. Hanna Mandrello schreibt:

    Ha, jetzt habe ich Gänsehaut :-). Wirklich eine tolle Geschichte. Man ahnt natürlich, was passiert, aber das Ende gefällt mir. Keiner von beiden wird jemanden was sagen, wenn der andere nicht wiederkommt. Mal sehen, ob ich morgen für meine Geschichte Zeit habe. LG Hanna

    Gefällt 1 Person

    • Mic schreibt:

      Dankeschön, das freut mich, dass dir die Geschichte gefällt! Klar, in Sachen Originalität zieht sie jetzt nicht unbedingt die Butter vom Brötchen, aber das war bei einem 45-Minuten-Schnellschuss auch nicht zu erwarten.

      Das war mal wieder so eine Story, wo ich beim Schreiben des ersten Satzes noch nicht wusste, was genau eigentlich der zweite und der dritte sein würden. Dafür bin ich ganz zufrieden mit dem Ergebnis :-).

      Gefällt 1 Person

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