Vom Leben und Sterben in Romanen

Hallo, meine Freunde!

Ich habe es zwar schon vorhin auf meiner Facebook-Seite geschrieben, aber irgendwie werde ich den Gedanken nicht los. Den Gedanken an eine Person, eine Romanfigur, die heute, im Laufe meiner Mittagspause, leider ihr Leben aushauchen musste.

Es ist normal, dass Romanfiguren sterben. Wenn man einen Krimi schreibt, einen Thriller, eine Horrorgeschichte, dann ist es obligatorisch, dass Menschen auf teilweise grausigste Art vom Leben in den Tod befördert werden. Und es soll bitte keiner glauben, dass ich nicht schon einen gewissen Bodycount angehäuft habe in meiner schriftstellerischen Laufbahn. Es klebt Blut an meinen Händen und manchmal trieft es aus meiner Tastatur.

Aber heute war es irgendwie anders. Ich kann euch nicht spoilern, wer da gestorben ist und warum es sein musste, aber ich kann nur sagen, dass es genau das war: notwendig! Manchmal kommt es vor, dass Personen in Romanen sozusagen „beiläufig“ wegsterben. Da geht man in eine Szene hinein und vollkommen überraschend ist das Ensemble am Ende dieser Szene um den Faktor eins verkleinert worden.

Dieser Tod, den ich heute geschrieben habe, ist ein von langer Hand geplanter gewesen. In einer möglichen Parallelwelt, in der Autoren vor dem Gericht ihrer Schöpfungen stehen, wäre ich ein Mörder, ein eiskalter noch dazu. Zumal es nicht der erste Mord wäre, dessen ich mich in diesem Roman schuldig gemacht habe.

Aber alle Planung hat nicht verhindert, dass ich, seit ich den Tod dieser Figur beschrieb, ein seltsames Gefühl im Bauch habe. Ich würde es beinahe schon als „Trauer“ bezeichnen, wobei es das nicht ganz trifft. Es ist eine Mischung aus Trauer und dem Wunsch, vielleicht doch etwas ändern zu können.

Kann es sein, dass manche Romanfiguren es nicht verdient haben, zu sterben? Und dass man das als Autor instinktiv weiß? Macht es einen dann nicht zu einem schlechten Menschen, wenn man dennoch die Sense schwingt, wie Gevatter Tod persönlich – oder wäre man nur ein schlechter Autor, wenn man vor der Konsequenz zurückschreckt, die einem die eigene Geschichte auferlegt hat?

Ich gebe zu, dass ich kurz gezögert habe und davor war, den entscheidenden Absatz aus der Geschichte zu tilgen. Jenen Absatz, durch den klar wird, dass es auch nicht den Hauch einer Überlebensmöglichkeit gibt. Aber wäre das wahrhaftig gewesen? Authentisch?

Machen wir uns nichts vor: Autoren müssen auch manchmal hart gegen sich selber sein. Eigentlich ständig, denn ansonsten würde man seine Figuren, die einem ja doch im Laufe der Seiten ans Herz wachsen, nicht durch all das schicken, was man ihnen an Schwierigkeiten in den Weg legt.

Mir war heute nicht danach, hart zu sein. Aber ich war an einem Punkt in meiner Geschichte, wo ich diesen Tod, dieses Ende eines fiktiven Menschen gebraucht habe, um den nächsten Schritt gehen zu können. Den Schritt, welcher den „Beobachter“ an seinen Höhepunkt bringt, nachdem ein Vorspiel und elf Akte genau darauf hingearbeitet haben.

Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei, diesen Menschen sterben gelassen zu haben. Aber es ist ein weiterer, ein ganz schwerer Schlag, den mein Protagonist braucht, um endlich so weit zerstört zu sein, dass er nun der Entscheidung entgegen treten kann.

Trotzdem trauere ich. Hört sich doof an, um eine erfundene Figur zu „trauern“, oder? Oder klingt es danach, dass ich etwas richtig gemacht habe, vielleicht nicht in den Augen meiner Romanfigur, aber im Sinne des Textes? Nach dem Motto: wenn es mich schon berührt, der ich mir das alles ausgedacht habe, dann berührt es vielleicht auch den Leser?

Ich glaube, darüber muss ich noch nachdenken …

Eure Meinungen würden mich interessieren, auch wenn ich weiß, dass es schwer ist, ohne den konkreten „Fall“ zu kennen, etwas dazu zu sagen. Ihr dürft mir aber auch gerne sagen, dass ich einfach dumm bin, mir über solche Dinge Gedanken zu machen.

Es wird Herbst, vielleicht liegt es daran …

Euch allen wünsche ich einen angenehmen Dienstag Nachmittag und Abend!

Advertisements

9 Gedanken zu “Vom Leben und Sterben in Romanen

  1. Texthase Online schreibt:

    Mir fällt dazu spontan nur ein, dass es auch in der so genannten Realität üblich ist, dass Menschen sterben müssen, die den Tot oder die Art, wie sie sterben, nicht verdient haben. Und manche Leben auch in dem, was man das wahre Leben nennt, unverdient lange. Und in der Realität und im wahren Leben kommt es vor, dass so ein unverdienter Todesfall immerhin das Gute hat, dass mal jemand aufwacht!
    Liebe Grüße

    Christiane

    PS: Natürlich hilft das nicht, um herauszufinden, ob in der Literatur wie im Leben das getan wird, was die Lebenserhaltung getan werden kann.

    Gefällt 2 Personen

    • Mic schreibt:

      Hallo Christiane,

      das sind wahre Worte, über die ich mal ein wenig nachdenken werde. Ich glaube allerdings, dass ich den Vergleich mit der Realität nicht zu genau durchführen sollte. In der Realität weiß ich nicht, wer oder was dem Leben die Grenzen zieht. In meinem Roman bin ich „Gott“ – und damit für den ganzen Schlamassel selber verantwortlich..

      Liebe Grüße
      Michael

      Gefällt 1 Person

  2. Eine sehr spannende Frage, finde ich. Was das Thema „gewaltsamer Tod“ angeht, bin ich leider völlig unversiert. Grundsätzlich ist es sicher für einen Roman gut, wenn starke Gefühle drin sind. Nehmen wir also an, der Leser wäre an besagtem Punkt traurig und verstört. Dann gibt es nur eines: Es muss auf ein fulminantes Finale hinaus laufen, dass am Ende diesen Tod irgendwie sühnt, ihn – im weitesten Sinne – sinnvoll macht, oder die trauernde Hauptfigur heilt. Irgend sowas. Es muss auf jeden Fall klasse sein und eine klare emotionale Steigerung zum Todesfall bieten. So, Frau Dr. Ich-hab-ja-auch-keine-Ahnung hat gesprochen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s