AWDML (6) Eine Seite du, eine Seite ich

Disclaimer: In der Beitragsreihe A Walk Down Memory Lane beschäftige ich mich in Form von Rückbetrachtungen und Anekdoten mit Begebenheiten aus meiner schreibenden Vergangenheit. Auch wenn der Blick manchmal leicht verklärt sein mag, so ist der Inhalt doch die reine Wahrheit. Jedenfalls so rein, wie ein Autor ihn zu schreiben in der Lage ist.


Im Moment schreibe ich, bedingt durch den NaNo, relativ viel am Tag. Das sind meistens über 2.000 Wörter, was ungefähr acht Normseiten entspricht. Für eine Normseite brauche ich zwischen fünf und zehn Minuten, habe ich festgestellt. Was ich aber meistens nicht mehr schaffe ist, diese Seiten an einem Stück zu schreiben. Ich würde es nicht auf meine Aufmerksamkeitsspanne schieben wollen, sondern vielleicht eher auf die Ermüdungserscheinungen, die sich breit machen, wenn man einen langen Arbeitstag in den Knochen hat. Vielleicht ist das der Grund, aus dem andere Autoren weniger am Tag schreiben als ich, weil sie nur so schreiben können, dass sie einen Text oder einen Textteil in einem herunterschreiben.

Ich habe hier schon vor vielen Jahren eine andere Arbeitsweise entwickelt, die sich auf verschlungenen Pfaden so sehr in mein Unterbewusstsein verankert hat, dass sie heute noch für mich funktioniert.

Und das kam so:

Wie ich schon einige Male erzählte, habe ich früher sehr gerne und oft verschwiegen, dass ich überhaupt schreibe. Gleichzeitig hatte ich aber eigentlich immer einen Freund, der auch gerne schrieb. Das mag wie ein Paradoxon wirken, aber es war so und hörte eigentlich erst auf, als ich zum ersten Mal dachte, mich aber jetzt wirklich nicht mehr mit der Schreiberei verstecken zu wollen. Ab da war ich Einzelkämpfer und habe mich irgendwann dann halt doch wieder in Schweigen gehüllt.

Aber davon wollte ich gar nicht erzählen, sondern von meinem ersten besten Freund, mit dem ich für eine gewisse Zeitspanne das Hobby Schreiben geteilt habe. Wie das so ist mit ersten besten Freundschaften, besteht diese heute nicht mehr. Aber ich habe die Erinnerung an das, was wir „eine Seite du, eine Seite ich“ nannten, nie verloren.

Wir schreiben ungefähr das Jahr 1991. Es kann auch 1990 gewesen sein, aber auf jeden Fall nicht viel später. Zu diesem Zeitpunkt war bereits seit gut zwei Jahren ein PC in „meinen“ Haushalt eingezogen (natürlich lebte ich noch bei meinen Eltern). Und diese Wundermaschine ermöglichte ja so viele Dinge, an die vorher gar nicht zu denken war!

Man stelle sich einmal vor: auf einmal konnten lange Texte in einer Datei gespeichert werden und nicht mehr aufgeteilt auf mehrere Dateien. Es gab in dem Textverarbeitungsprogramm, das ich damals nutzte, sogar die Möglichkeit, Formatierungen direkt auf dem Bildschirm kenntlich zu machen!

Aber eines der hauptsächlichen, tollen Features, die es für meinen Freund und mich einfacher machten, „gemeinsam“ zu schreiben, war, dass man praktisch in weniger als einer Minute von einem Text zum anderen Text springen konnte! Die gigantische 20-Megabyte-Festplatte meines Commodore PC-30 III machte es möglich!

Wenn wir uns also zum Schreiben verabredeten, setzten wir uns beide an den PC, der zu diesem Zeitpunkt in der elterlichen Küche stand. Und dann ging es los: zuerst schrieb ich eine Seite an meinem aktuellen Romanprojekt, das wahrscheinlich einer der vielen Entwürfe war, durch welche der erste „Silverstar“-Roman gegangen ist. Natürlich hatte damals noch keiner von uns etwas von einer „Normseite“ gehört – die sich in dem DOS-Programm wohl auch nicht hätte einstellen lassen. Nein, wir sprechen über richtige DIN-A4-Seiten mit entsprechend viel Text.

Während ich schrieb, saß mein Freund daneben und las praktisch direkt mit, was mir da in die Tastatur floss. Viel Feedback gab es damals nicht, wenn ich mich richtig erinnere, aber es war ein gutes Gefühl, zumindest schon mal einen Leser zu haben.

Und dann, nachdem ich fertig war, wurde gespeichert, sein Text aufgerufen, und nun schrieb er eine Seite an seinem Projekt – das auch in die Richtung Science-Fiction ging.

Wie oft wir an einem Nachmittag hin und her gewechselt haben, kann ich nicht mehr sagen. Aber diese Arbeitsweise, mich schnell auf eine Seite zu fokussieren, diese zu schreiben und dann wieder umzuschalten, habe ich bis heute konservieren können. Auf diese Weise ist es mir zum Beispiel möglich, auf der Arbeit zwischendurch, wenn mir gerade eine Idee kommt, einen Absatz zu schreiben (manchmal auch eine Normseite) und mich dann wieder auf meine Tätigkeit zu konzentrieren.

Ganz besonderen Wert hat dies, wenn während meiner Mittagspause, die ich im Moment ja meistens zum Schreiben benutze, mal wieder meine Chefin anruft und irgendwas von mir will. Dann mache ich Pause und nehme den Faden nahtlos später wieder auf. Wenn ich darauf fixiert wäre, immer an einem Stück zu schreiben, womöglich noch, bis sich ein passender Ausstieg aus einer Szene findet, den ich nutzen kann, dann wäre ich lange nicht so schnell und produktiv.

Also ist es so, dass eine Spielerei, ein Modus Operandi, den ich mir vor über zwanzig Jahren angeeignet habe, mir heute noch Erleichterungen im Schreibprozess bietet. Klingt doch so, als ob zwei Siebzehnjährige damals eine ziemlich gute Idee gehabt hätten!

Let’s take a walk down memory lane!

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6 Gedanken zu “AWDML (6) Eine Seite du, eine Seite ich

  1. Eine schöne Geschichte! 1991 wusste meine Familie nicht mal, dass PCs für den Hausgebrauch existieren (und ich war ein Jahr alt und wusste entsprechend noch weniger), aber ich konnte mir irgendwie die Atmosphäre in der Küche gut vorstellen und dieses kameradschaftliche „Wir teilen uns zum Schreiben einen Computer“ und dann noch so einvernehmlich und friedlich :).
    Und praktisch, dass es auch heute noch, wenn auch ohne einen Mitschreiber, für dich funktioniert!

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  2. Da hast Du anscheinend unbewusst eine sehr gute Methode angewandt:
    Man sollte immer mitten in einer Szene aufhören zu schreiben. Das ist wie ein selbstgemachter Cliffhanger. Man denkt immer wieder daran, weil es nicht fertig ist, das treibt die Finger ganz schnell wieder an das Keyboard!

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    • Mic schreibt:

      Ja, das mit dem Cliffhanger klingt ziemlich wahrscheinlich. Viele Szenen gestalten sich ja auch so, dass man einen „Endpunkt“ hat, der sich dann mit einem neuen „Anfangspunkt“ verknüpfen lässt. Auch, wenn vielleicht gerade mal keiner in einem brennenden Auto die Klippe runterstürzt …

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