„Die Welt der stillen Schiffe“: Leseprobe

Hallo zusammen!

Da ich heute wieder recht knapp an Zeit bin, weil heute Umbau der Kinderzimmer anstand und ich gleich noch los muss zu einem zeitaufwändigen Termin, halte ich mich mal ein wenig kurz. An dieser Stelle sehe ich den einen oder die andere erleichtert aufatmen ;-).

Ich hatte euch versprochen, euch eine Leseprobe von „Die Welt der stillen Schiffe“, meinem neuen Kurzromanprojekt für die letzten Tage des NaNo zu geben. Das möchte ich gerne heute tun. Um die üblichen Schwierigkeiten mit den PDF-Dateien zu umgehen, kopiere ich den Ausschnitt hier in den Beitrag hinein.

Die Probe setzt ein, nachdem Ole, Jörn und Hinnerk sich mit ihrer heißen Ware auf den Weg zum Festland gemacht haben. Ich wünsche euch viel Spaß daran!


Wenn ich mich nicht so gut in den Gewässern zwischen Festland und Insel auskennen würde, hätten wir es nie geschafft, so weit zu kommen. Die Leuchtfeuer waren ebenfalls aus Luftschutzgründen ausgestellt und es war sehr schwer, anhand der landschaftlichen Gegebenheiten zu navigieren.

Längst schon hatten sich Ole und Jörn bei mir im Steuerhäuschen eingefunden, um zusammen mit mir in die Dunkelheit zu starren. Ole war dabei relativ ruhig, als Sohn eines Fischers kannte er sich mit der See aus. Jörn zeigte allerdings Nerven und schwitzte stark. Er stank zum Himmel!

„Wann sind wir denn endlich da!“, fragte er gerade wieder. „Bei dem Tempo kommen wir erst im Morgengrauen an!“

„Wie gut, dass du dich nicht auskennst“, antwortete ich. „Die Sonne geht erst in drei Stunden auf, dann sind wir schon lange da!“

„Und dein Kumpel wird sicher mit dem Lieferwagen da sein?“

Ole nickte. „Auf Jan ist Verlass!“

Wieder kehrte für einen Moment Ruhe ein, dann aber setzte Jörn wieder an: „Aber …“

„Sei mal still!“, unterbrach ich ihn. Ich glaubte, ein Geräusch gehört zu haben. Das war alles andere als gut, denn hier draußen durfte es eigentlich keine Geräusche geben, die nicht vom Schiff, mir oder den beiden Nervensägen neben stammten. Sofort zog ich den Fahrthebel zurück, der Motor erstarb und Stille kehrte ein.

Die Olde Deern wurde noch ein wenig weitergetragen, um dann in ein sanftes Schaukeln überzugehen. Wir standen still – so gut, wie man eben auf dem Meer stillstehen kann.

„Was ist denn los?“, fragte Jörn ängstlich, aber ich machte eine abschneidende Handbewegung an meinem Hals, die auch bei Mondlicht klar genug zu erkennen gewesen sein musste. Jedenfalls hielt der Kerl den Mund.

Meine schlimmste Befürchtung, nämlich, dass wir Bekanntschaft mit einer Mine gemacht hatten, erfüllte sich augenscheinlich nicht, denn dann hätten wir längst einen kostenlosen Flug- mit anschließendem Tauchkurs absolviert. Aber um ehrlich zu sein, ich war mir nicht sicher, ob das Geräusch überhaupt mit etwas zu tun hatte, das sich auf dem Wasser befand.

„Ich habe gedacht …“, sagte ich, als auch schon die Hölle um uns herum losbrach. Mit einem lauten Heulen stürzte sich ein Flugzeug aus dem nachtschwarzen Himmel auf uns, das ich vorher nicht bemerkt hatte. Die Maschine hielt genau auf uns zu, näherte sich von backbord und feuerte aus einem einzelnen Maschinengewehr auf unser Schiff.

„Runter!“, rief ich und bemühte mich, selber in Deckung zu gehen.

Das Flugzeug sauste über uns hinweg und verschwand vor uns am Himmel. Ich glaubte noch, seinen Schatten vor dem Mond sehen zu können, aber dann verschwand auch der.

„Was war das?“, fragte Ole mit zittriger Stimme.

„Das war das, was ich gehört habe“, sagte ich ärgerlich. „Verdammter Mist, ich hoffe, dass der uns nicht das Schiff kaputt geschossen hat!“

„Wo kam der eigentlich her?“, wollte Jörn wissen. „War das ein Tommy?“

„Woher soll ich das wissen?“, herrschte ich ihn an. „Eine Nationalhymne hat er nicht gespielt!“

„Der kommt bestimmt wieder!“, sagte Ole. Er war mit seinen Nerven völlig am Ende. Jetzt zitterte nicht mehr nur seine Stimme. „Wieso liegen wir hier wie auf dem Präsentierteller?“

„Weil ich nicht auch noch die Marine auf uns aufmerksam machen will, du Idiot!“

Wieder hörte ich das Geräusch. Wenn man erst einmal wusste, dass es das sich nähernde Brummen eines Flugzeugmotors war, dann konnte man es sehr gut von den anderen Geräuschen auf dem Wasser unterscheiden.

„Achtung, er kommt wieder!“, sagte ich, als auch schon die nächste MG-Salve auf uns niederprasselte. Ich hörte, wie die Geschosse den Bug entlang strichen. Dann wurde das Fenster des Aufbaus, in dem wir lagen, zerstört. Glassplitter stoben durch die Luft und landeten auf uns, neben uns und überall in der Kabine.

„Das war ein Wasserflugzeug!“, sagte Jörn. „Ich habe es gesehen, als er abgedreht ist!“

„Seit wann fliegen Wasserflugzeuge mitten in der Nacht?“, fragte Ole.

„Die Flugschule!“, war das einzige, was mir dazu einfiel. „In der Nähe ist eine Flugschule der Luftwaffe, wo sie unter anderem Marineflieger ausbilden.“

„Woher weißt du denn so was?“

„Als strammer Nazi muss man doch immer brav den Völkischen Beobachter lesen“, scherzte ich. In Wahrheit hatte ich es von einem der Tagesgäste, die im letzten Friedensommer auf der Insel gewesen waren, und der dort seine Ausbildung zum Aufklärer machte.

Von Flugzeugen hatte ich ansonsten keine Ahnung. Hin und wieder sah man eines am Himmel und dann gab es natürlich die englischen Terrorflieger. Aber meine Welt lag auf dem Wasser.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Ole atemlos. „Wir müssen uns doch irgendwie zu erkennen geben!“

„Willst du dich draußen hinstellen und den Hitlergruß entrichten?“, fragte ich spöttisch. Aber in der Sache hatte er natürlich Recht. Wenn wir hier liegen blieben, dann würde der Flugschüler mit seinem verdammten Wasserflugzeug früher oder später Kleinholz aus uns machen.

Ich musste einfach das Risiko eingehen, dass wir durch eine Fahrt bei voller Geschwindigkeit auch noch den Küstenschutz auf uns aufmerksam machten. Wenn der Flieger nicht sowieso schon längst per Funk unsere Anwesenheit bekannt gegeben hatte.

Ich richtete mich auf. „Los, hoch vom Boden, ihr zwei! Ich brauche euch jetzt! Du, Jörn, hältst Ausschau auf dem Wasser, ob du siehst, dass sich irgendein Schiff nähert!“

Er wollte etwas sagen, aber ich schnitt ihm das Wort ab.

„Ole, du beobachtest den Flieger! Ich versuche, uns mit Vollgas an Land zu bringen!“

„Was machst du denn da?“, fragte Jörn, als ich die Positionslichter einschaltete. „Damit sieht er uns doch erst recht!“

„Der sieht uns so oder so!“, erwiderte ich genervt. „Aber vielleicht denkt er darüber nach, ob ein Engländer wirklich die Festbeleuchtung einschalten und Kurs auf die Küste nehmen würde!“

Ich rammte den Fahrthebel nach vorne und der Motor der Olde Deern hustete und spuckte seine Empörung in die Dunkelheit hinaus. Wir nahmen wieder Fahrt auf.

„Das geht nicht gut, das geht nicht gut“, brabbelte Ole. „Wenn ich das geahnt hätte!“

„Das Flugzeug kommt zurück!“, brüllte Jörn und ging auch schon wieder in Deckung. Ole, auf der anderen Seite der Kabine, ließ sich ebenfalls zu Boden fallen. Nur ich blieb stehen, nicht etwa, weil ich mich besonders heldenhaft oder sogar unverwundbar fühlte, sondern weil wir genau an einer Stelle des Schifffahrtskanals waren, an dem eine Kurskorrektur durchgeführt werden musste.

Wieso der verdammte Flieger sich nicht fragte, woher ein Thommy die Kenntnisse über den Seeweg hatte, wusste ich zwar nicht, aber ich konnte schon wieder das Knattern seines Maschinengewehrs hören, als er sich dieses Mal von hinten näherte.

Ich muss zugeben, dass ich an dieser Stelle bereits mit meinem Leben abgeschlossen hatte, denn wenn er von hinten angriff, dann nutzte es uns auch nichts, wenn wir uns in Deckung legten. Schließlich waren wir nach hinten ungeschützt in unserem offenen Unterstand.

Aber dann hörte das Bollern des MG unvermittelt auf, was gut war. Ich brauchte allerdings einen Moment, um zu bemerken, dass nicht nur das Maschinengewehr still war. Ich konnte auch das Flugzeug nicht mehr hören.

„Himmel, was ist das?“, fragte Jörn, der sich auf den Rücken gedreht hatte und in den Himmel starrte.

Ich hatte schon den dummen Satz auf den Lippen, dass es sich um ein Flugzeug handelte, als ich den Ausdruck seiner Augen bemerkte, in denen große Angst stand. Jedenfalls eine Angst, die größer war als die, die er vorher noch vor dem Wasserflugzeug gezeigt hatte.

„Ist er abgestürzt?“, fragte ich, als Ole mich von der anderen Seite am Ärmel meines Hemds zupfte. „Hinnerk, sieh dir das an!“

Ein wenig wütend nahm ich die Geschwindigkeit zurück, damit wir nicht in Gefahr geraten konnten, während ich mir ansah, was die beiden Angsthasen jetzt wieder ausgemacht hatten.

Dann drehte ich mich um – und vergass für den Moment alles, was mit der Olde Deern, unserer Fracht und eventuellen Minen zu tun hatte.

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