Discovery Writing: Ein X markiert die Stelle!

Ich wurde heute Morgen der Lüge bezichtigt ;-)! Die liebe Hanna war es, die mir in einem Kommentar auf ihrem Blog unterstellte, dass ich mit voller Absicht meine Geschichten immer so ausufern lasse, dass dabei ein Roman herauskommt, wo ich mich doch eigentlich kurz fassen wollte.

Obwohl ich bereits eine Gegenrede dazu an Ort und Stelle hinterlassen habe, möchte ich das gerne hier noch einmal aufgreifen und ein wenig präzisieren.

Ganz wichtig: Bevor ein anderer Eindruck entsteht, ich bin überhaupt nicht eingeschnappt oder so, es ist mir nur ein willkommener Anlass für einen Blog-Post!

Schauen wir uns zuerst meine Antwort an:

Ich setze mich an den Text und lasse einfach laufen. Discovery Writing in seiner pursten Form. Und auf einmal habe ich da diesen Charakter, der plötzlich ungeplant auftaucht. Stoff für weitere x Wörter. Daraus ergeben sich neue Verwicklungen. y Wörter mehr. Im aktuellen Beispiel hat es auf einmal ein “stilles Schiff” mehr, an das ich vorher nicht gedacht hatte und das alleine für seine Erkundung Stoff für z Seiten bietet.

Alles wertvolle Ergänzungen, die die Story im Endeffekt abrunden werden. Aber bei meiner ersten Ankündigung einer Novelle noch nicht auf dem Radarschirm sichtbar waren.

Ich möchte euch anhand meines aktuellen Kurzromans „Die Welt der stillen Schiffe“ ein Beispiel geben, wie es bei mir abläuft. Am Anfang steht, wie eigentlich immer, eine Idee. Diese ist mal mehr, oder mal weniger ausformuliert. Bei mir meistens weniger, weil ich am Anfang noch sehr vage bin in dem, was ich an tatsächlicher Handlung konzipiere.

Bei den „stillen Schiffen“ war mir die Welt als Solche ja schon bekannt aus ihrem mehr oder weniger kurzen Auftreten in den Romanen „Der Ruf des Hafens“ und „Der Beobachter und der Turm“. Ich wusste also schon ein wenig darüber, was mich und meine Protagonisten dort erwartete.

Ich entschied mich, die Geschichte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielen zu lassen, weil diese Zeit mir einen interessanten Backdrop ermöglichte – nämlich das Aufeinandertreffen von verfeindeten Deutschen und Engländern an diesem seltsamen Ort.

Und jetzt ging das Discovery Writing los. Der Punkt, ab dem ich als Autor zu graben beginne, weil irgendein Teil meines Unterbewusstseins ein dickes X auf die Stelle gemalt hat, wo der Spaten anzusetzen ist. Meistens führt mich das, wie auf einer Schatzkarte, zum nächsten Punkt, der von mir wiederum entdeckt werden will.

Im konkreten Fall hatte ich zuerst die Idee, dass drei Freunde in die Welt der stillen Schiffe geraten, dort auf ein englisches Schiff stoßen und dass passiert, was eben passiert, ich aber hier nicht verraten werde ;-).

Das erste X auf dem Weg war ein Wasserflugzeug. Mir kam die Idee, dass der erste Teil der Geschichte ein wenig mehr Dynamik gebrauchen konnte. Deswegen baute ich ein, dass ein Aufklärer der Luftwaffe es auf das Boot der Freunde abgesehen hat, die ja wegen ihres halblegalen Unterfangens ohne Licht fahren. Auch dieses Flugzeug sollte in die Welt der stillen Schiffe geraten.

Ich stellte fest, dass es sich bei den Wasserflugzeugen der Luftwaffe zu diesem Zeitraum in der Hauptsache um Zweisitzer handelte. Damit hatte ich auf einmal nicht nur einen Piloten, sondern deren zwei als zusätzliche Personen! Mein zweites X war gefunden.

Das zweite X brachte mich nämlich auf einen interessanten Gedanken: Was wäre denn, wenn es sich bei dem Piloten um einen Vater handelt, der seiner, für diese Zeit sehr selbstständigen, Tochter zeigt, was er als Leiter einer Flugschule so den ganzen Tag kommandiert. Deswegen auch der ungewöhnliche Nachtflug. Auf einmal hatte ich eine weibliche Figur, die natürlich das Klima und den ganzen Umgang an Bord meines Schiffes total veränderte.

Und dann mogelte ich noch unabsichtlich, wie oben beschrieben, ein „stilles Schiff“ in die Geschichte, an das ich vorher nicht gedacht hatte, das aber zusätzlichen Stoff bietet, der genutzt werden will. Mein drittes X.

Und ehe man es sich versieht, wächst die Novelle zum Kurzroman und so weiter …

Es gibt noch mehr potenzielle Fundstellen auf meiner Landkarte und es ist manchmal gar nicht so leicht, die weniger passenden auch einfach mal liegen zu lassen. Aber das gehört zum Prozess der Archäologie genauso dazu, wie zum Prozess des Schreibens. Manchmal muss man Dinge liegen lassen und vielleicht sogar riskieren, dass sie zerstört und unbrauchbar werden, um an anderer Stelle etwas Wertvolleres ans Licht zu bringen!

Ich glaube, ich habe meine Arbeitsweise – und die Art, wie es manchmal in mir arbeitet – einigermaßen nachvollziehbar dargestellt. Wenn ihr noch Fragen, Anmerkungen oder Anregungen habt, dann schreibt sie doch einfach in einen Kommentar :-).

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11 Gedanken zu “Discovery Writing: Ein X markiert die Stelle!

  1. Hi Michael,
    Das klingt sehr aufregend. Diese Schreibweise. 🙂
    Ich kann mir jedoch vorstellen, dass man dabei so viele neue Ideen einbaut, dass die hinter her nicht mehr ins große Ganze passen.

    Was meinst du? Wie gehst du damit um, wenn dir sowas auffällt (Klimaänderung auf Schiff)?

    Lg Kiira

    Gefällt 1 Person

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