„Jupiters Moorland“ – Kurzgeschichte zur Schreibaufgabe der Woche

Guten Morgen, ihr Lieben!

Diese Woche hat Hanna es besonders gut mit uns gemeint und neben mehreren Schreibimpulsen auch eine wieder etwas längere (zumindest interpretiere ich sie länger) Schreibaufgabe gestellt. „Jupiters Moorland“ war der sehr abstrakte Titel, dessen Zustandekommen sie in einem lesenswerten Beitrag auf ihrem Blog geschildert hat.

Nun – was also daraus machen? Für mich stand fest, dass ich gerne auch diese Schreibaufgabe annehmen wollte. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, sie als kurzes Lockerlassen vom eigentlichen Projekt, an dem ich gerade arbeite, zu begreifen. Ein Atemholen, das neue kreative Energie dorthin lenkt, wo ich sie am besten gebrauchen kann.

Das soll jetzt nicht heißen, dass ich die Aufgabe selbst nicht mit dem nötigen Ernst angehen würde. Aber ich gönne mir hier noch mehr das, was ich auch bei meinen Romanen einzubinden versuche: Spontanität!

Und da die Vorgabe von Hanna sehr abstrakt war, habe ich mich entschlossen, auch eine sehr abstrakte Geschichte zu schreiben, die nun wirklich im Irgendwo beginnt und auch im Irgendwo wieder endet.

Ich wünsche euch viel Spaß mit meiner Kurzgeschichte „Jupiters Moorland“! Und, falls wir uns nicht mehr lesen, einen guten Start ins Wochenende!

Euer Michael


„Jupiters Moorland“

Ich suche mir einen Weg. Der Weg ist nicht leicht, führt er doch mitten durch das Moor. Das Moor hinter unserem Dorf, von den Älteren auch als Jupiters Moorland bezeichnet. Es ist Nacht und der Mond steht nur sichelförmig am Himmel. Wenigstens leuchten mir einige Sterne den Weg. Eine Lampe habe ich nicht mitgenommen, nicht mitnehmen dürfen. Es wäre zu gefährlich, wenn man mich hier, mitten im Moor entdecken würde.

Der alte Jupiter wusste nicht, was er heraufbeschwören würde, als er Teile seines Familienbesitzes an das Konkordat verpachtete. Und wenn er es gewusst hätte, wäre es ihm möglicherweise auch egal gewesen. Das sagt jedenfalls meine Großmutter, die ihn noch gekannt hat.

Inzwischen ist die Familie Jupiter aus der Provinz verschwunden. Bei Nacht und Nebel fortgezogen – oder beseitigt worden? Gerüchte sprechen von Gardisten, die sich auf dem Weg zum Landhaus befunden haben sollen. Aber andere Gerüchte besagen, dass die Familie nun selber Teil des Konkordats geworden ist.

Wir, die einfachen Bürger der Provinz, erfahren nichts davon. Das Einzige, was wir erfahren ist, wie die Tribute und die Steuern, die wir zu entrichten haben, immer höher werden! Und wie immer mehr von uns in einen Krieg geschickt werden, von dem wir nicht einmal wissen, wo und warum er stattfindet!

Wer sich weigert, der wird bestraft. So, wie mein Bruder Aaron sich geweigert hat.

Ich erlebe in meinen Träumen immer wieder den schrecklichen Nachmittag, an dem die Gardisten an die Tür unseres Hauses polterten und Aaron mitnahmen! Meine Mutter hat geweint und geschrien, ich habe versucht, mich ihnen in den Weg zu stellen, aber Aaron ist ganz friedlich mit ihnen mitgegangen. Er sagte, er käme bald zurück.

Das war vor vier Monaten. Und er ist nicht zurückgekommen.

In meine Gedanken versunken wäre ich beinahe vom Weg abgekommen! Im letzten Moment bemerke ich, dass das Land vor mir nicht mehr aussieht, als habe es eine feste und konstante Form. Es sieht mehr aus wie Dreck, der auf einer Flüssigkeit schwebt, die zu fest ist, um Wasser zu sein und doch zu lose, um wirklich materiell genannt zu werden.

Ich schaue mich um, entdecke den Weg wieder, seufze einmal tief durch und gehe weiter.

Der alte Jupiter war noch ein Großgrundbesitzer vom alten Schlag. Einer, der sich für einen Feudalherren hielt und auch von allen so behandelt wurde. Meine Großmutter sagte einmal über ihn, dass ihm zwar nicht das Dorf gehörte, aber jeder wusste, dass er zumindest eine Option darauf besaß. Mein Großvater und er verkehrten teilweise in denselben Kreisen, auch wenn das Geld unsere Familien immer voneinander trennte. Jupiter war reich, aber mein Großvater war gebildet. Eine Eigenschaft, die er an seine Tochter, meine Mutter, und über sie auch an Aaron und mich weitergegeben hat.

Doch das Konkordat braucht keine gebildeten Menschen. Es braucht Drohnen, die sich nach Belieben einsetzen lassen. Und es braucht Sklaven, die sich seinem Willen unterwerfen. So kam es, dass meine Familie immer mehr verarmte, während rings um uns herum die Welt in eine Dunkelheit verfiel, die fast so umfassend ist wie die, durch die ich mich jetzt bewege.

Überall am Rand des Weges sehe ich metallene Stäbe. Sie markieren Punkte im Moorland. Zu einer dieser Markierungen bin ich unterwegs, aber ich habe die Stelle, die mir durch verschlungene Informationswege benannt wurde, noch nicht erreicht.

Als der Weg sich gabelt, wähle ich zunächst die südliche Richtung. Ich weiß, dass sie mich von meinem eigentlichen Ziel entfernt, aber sie gibt mir die Gelegenheit, mir das Landhaus anzusehen. Wenigstens von außen einmal einen Blick darauf zu werfen.

Minuten reihen sich aneinander und bilden schließlich eine Stunde und mehr, als ich unvermittelt aus dem Moor heraustrete und einen kleinen Hügel erklimme, der sich jedoch kaum in seinem Bewuchs von dem öden und toten Landstrich hinter mir unterscheidet. Und als ich oben ankomme, erblicke ich das große Haus auf der anderen Seite, in einiger Entfernung liegend.

Ich atme scharf durch den Mund ein und unterdrücke einen Aufschrei der Überraschung. Das Haus ist so gut wie zerstört! Dort, wo sich wohl mal das Eingangsportal befunden haben muss, scheint eine Bombe explodiert zu sein. Und auch ansonsten steht kaum noch ein Stein fest auf dem anderen.

Ich traue mich nicht, näher heranzugehen, auch wenn alles so aussieht, als ob es schon lange, lange her ist, dass diese Schäden entstanden. Nein, denke ich, der alte Jupiter hätte ganz bestimmt nicht der Pacht des Moores zugestimmt, wenn er dies geahnt hätte.

Das Konkordat nimmt sich, was es will. Und wenn es dies nur geliehen erhält, findet es Mittel und Wege, um sich dennoch den vollen Einfluss zu verschaffen. Ich gebe keinen Pfifferling mehr auf das Leben der Familie Jupiter!

Mit neuem Grausen wende ich mich wieder dem Moor zu, das nun wohl besser einen neuen, neutraleren Namen tragen sollte, als den alten, ursprünglichen. Jupiters Moorland war einmal.

Bald schon bewege ich mich wieder zwischen den stinkenden Pfützen und den verrottenden Pflanzen. Der Anblick des Hauses hat mich nachdenklich gemacht. Hat es einen Sinn, sich gegen die Macht des Konkordats zu stellen? Wenn nicht einmal die Familie Jupiter, mit all ihrem Einfluss und all ihrem Reichtum es geschafft hat, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, wie soll dies dann zum Beispiel einem armen Arbeiter gelingen. Oder einem Handwerker. Oder auch einem Gebildeten.

Mein Informant hat mich mit einem Wissen versorgt, das die Antwort auf die Frage liefern könnte, ob es einen Sinn hat. Ich weiß nicht genau, was ich suche in diesem Moor, was ich zu finden hoffe, zu finden befürchte. Doch er sagte, dann bekommt es einen Sinn. Denn dann wird es zum Funken, der das Feuer des Widerstandes entfachen könnte.

Leicht fällt mir mein Weg nicht. Es sind nicht die körperlichen Strapazen, es ist mein Verstand, der mich quält. Dies ist das Los der gebildeten Menschen, dass sie sich selbst die größten Schmerzen zufügen, ohne dazu der Hand eines weiteren Täters zu bedürfen.

Ich bleibe einen Moment stehen, um zu verschnaufen. Diesen Weg zu gehen wäre die Aufgabe eines jüngeren Mannes, als ich es bin. Aber ich darf und will keinen meiner Söhne damit belasten. Sie sind nur wenig jünger als Aaron es war, als sie ihn abholten. Und ich möchte nicht, dass sie sich vor dem Tag fürchten, an dem das Konkordat auch sie zu den Waffen rufen wird.

Doch wie werde ich sie schützen können, wenn sich als wahr herausstellt, wovon ich hörte? Wenn alles wahr ist, was man sich über dieses Moor als Ort der Geister und bösen Gedanken erzählt? Jupiters Moorland – dass ich nicht lache! Dieses Moor hat nie jemandem gehört. Es war immer schon da und wird vielleicht auch noch dann da sein, wenn die ganze Provinz mit allem Popanz und allen Verknüpfungen zum Teufel gegangen ist!

Ich sehe zum Mond hinauf. Legenden erzählen, dass dereinst Menschen auf ihm gewesen sein sollen. Sich auf ihm bewegt haben, wie auf der Erde. Auf ihm herumliefen und Steine sammelten, um sie zu untersuchen. Es sind alte Legenden. Legenden von der Art, die zu alt sind, um nur erdacht zu sein. Was bringt mir das Wissen darüber, dass wir, die Menschen, einen langen Weg gegangen sind, der vor dem liegt, was unsere Gegenwart nun ist?

Ich schüttele den Kopf. Es bringt mir gar nichts. Und doch kann ich nicht ganz aus meiner Haut, Philosoph, der ich bin.

Früher haben die Menschen Angst gehabt vor dem, was vielleicht von oben in ihre Welt eindringen könnte, aus dem Weltall. Was auf einem der fernen Sterne oder Planeten lebt, die noch nie ein Mensch gesehen hat. Der Jupiter ist einer dieser Planeten und er soll ebenso groß und mächtig sein, wie es die Familie Jupiter es einmal gewesen ist. Doch deren Macht und Einfluss wurde zerstört, wie ihre Heimstatt und wenn der Jupiter noch dort oben am Himmel sein sollte, so ist er entweder zu weit entfernt, dass ich ihn sehen kann – oder er ist gleichfalls der Zerstörung anheim gefallen.

Als ich nun meinen Weg wieder fortsetze, spüre ich, dass ich mich einem entscheidenden Moment nähere. Lange kann es nicht mehr dauern, bis ich jenen Stab erreiche, der mir als der benannt wurde, an dem ich die Antwort auf meine Fragen finden würde.

Kein Geräusch dringt an meine Ohren. Kein Leben ist um mich herum. Keinerlei Aussicht auf Hoffnung durch einen neuen Tag. Um mich herum regiert der Tod. Das weiß ich auch, ohne einen einzigen tiefergehenden Versuch unternommen zu haben, die wahre Natur des Konkordats zu erkennen und es als das zu entlarven, das es vielleicht, wahrscheinlich, ist.

So viele Stäbe – wie sind sie hierher gekommen? Waren sie schon hier, als der alte Jupiter noch der Herr des Landhauses war? Was ist geschehen, seit der Pachtvertrag abgeschlossen und Jupiters Moorland zum Moor der üblen Gerüchte wurde?

Früher habe ich mich nicht um alles dies gekümmert, bin meinen eigenen Geschäften nachgegangen. Habe meinen eigenen Gedanken nachgehangen. Seit Aaron nicht mehr bei uns ist, hat sich dies geändert. Es ist für mich drängender geworden, was in der Welt abseits meiner Bücher und Folianten passiert. Auch wenn es das Wissen ist, das uns langfristig helfen wird, diesen Krieg und vielleicht sogar unser Joch zu besiegen, so ist doch manches Mal die Tat näher an dem, was für den Moment sinnvoll erscheinen muss.

Dann, ganz ohne es vorher bemerkt zu haben, stehe ich vor dem Metallstab, in den obenauf eine Nummer eingraviert wurde. Die perfekte Glätte des Stahls und die exakten Vertiefungen der Gravur lassen mich schaudern. Bei uns im Dorf hat niemand mehr die Fertigkeit, so etwas herzustellen. Und alle Maschinen, die einstmals dafür genutzt werden konnten, wurden bereits vor langer Zeit demontiert und abtransportiert.

Abtransporte. Immer wieder stolpere ich über Dinge und Menschen, die man abtransportiert hat.

Nun, da ich den Stab untersuche, entdecke ich auf seiner Rückseite den Knopf, von dem mein Kontaktmann gesprochen hat. Er sagte, ich solle ihn einfach drücken und sehen, was passiert. Als ich ihn fragte, ob es denn keine Sicherung gäbe, die verhindert, dass man ihn drückt, verneinte er. Das sei nicht nötig. Das Konkordat hat bewusst Orte wie diesen gewählt, von der Welt vergessen und von den Menschen gemieden.

Ich wappne mich gegen das, was ich nun herausfinden könnte. Aber wie soll das gehen, wenn es doch so sehr gegen das eigene Menschenbild verstößt!

Die Gewissheit, dass es keine Möglichkeit gibt und der Druck auf den Knopf sind eins. Der Stab erwacht zu einem unheimlichen, surrenden und mechanischen Leben. An seiner oberen Spitze wird ein Metallsporn herausgeschoben, dessen Zweck ich zuerst nicht erkenne. Ich erschrecke mich, als auf einmal ein Licht, heller als jede Laterne, sich daraus ergießt und in einem feinen Strahl auf eine bestimmte, ein Stück vom Weg entfernte Stelle weist.

Dort beginnt das Moor, auf Unheil verkündende Art zu brodeln. Eine Reaktion wird ausgelöst, von der ich nicht weiß, worum es sich handeln könnte, die mir aber große Angst macht. Ein weiterer Stab erscheint, als ob er von dem punktuellen Licht emporgehoben würde. Das Wissen, dass es genauso ist und dass ich hier Zeuge einer technischen Meisterleistung unserer Vorfahren werde, macht es für mich nicht leichter zu ertragen.

Der zweite Stab wächst und endet dann in einer Art Haken, wie man ihn zum Befestigen von Deckenlampen oder Ähnlichem verwendet. Bis hierhin habe ich nur Angst.

Das Grauen beginnt Sekunden später, als ich sehe, was an dem Haken hängend zum Vorschein kommt. Es ist ein Käfig aus Stahl. Er ist an die zwei Meter hoch und ebenso breit. Ein perfekter Würfel. Der Würfel ist gefüllt mit menschlichen Körpern. An ihnen allen klebt der Schlick des Moors, in das sie versenkt wurden. Man muss sie hineingepfercht haben, so eng, wie sie aneinander stehen. Die meisten sind nackt.

Zu den wenigen, die noch Kleidung am Leib tragen, gehört mein Bruder Aaron. Er schaut mich aus weit aufgerissenen, toten Augen an. Eine ewig währende Frage nach dem Sinn seines Todes.

Ich muss mich abwenden. Mein Abendessen kommt mir wieder hoch, aber bei dem Gedanken, dass ich auf einem riesigen Totenfeld stehe, bezwinge ich den Drang, es herauszuwürgen. So viele Stäbe – so viele Käfige!

Es kann nicht sein! Es darf nicht sein! Und doch habe ich es gewusst, hat ein Teil von mir es schon immer gewusst.

In atemloser Eile drehe ich mich herum, gehe die wenigen Schritte zu einem anderen Stab und drücke auch dort den Knopf. Das Spektakel wiederholt sich in einiger Entfernung. Gleichzeitig verschwindet der Käfig, der die sterblichen Überreste meines Bruders für die Ewigkeit im Moor konservieren wird, wieder unter der brackigen Oberfläche.

Getrieben von Entsetzen und aufkommender Panik drücke ich einen weiteren Knopf. Und noch einen. Dutzende! Hunderte! Dabei komme ich, ohne es zunächst zu bemerken, wieder in die Nähe des Landhauses.

Als ich vor dem Hügel stehe, betätige ich den Knopf des letzten Stabs, der beim Pfad in den Sumpf eingelassen wurde. Wieder erscheint ein Käfig. Doch dieser ist schmaler als die anderen. Und es befindet sich nur eine einzige Moorleiche in ihm. Ihr Alter festzustellen – ein Ding der Unmöglichkeit. Ihr Aussehen zu entziffern – hoffnungslos.

Aber ich kenne diese signifikante Kopfform. Ich habe sie auf alten Bildern gesehen. Nun beantworten sich auch einige meiner Fragen, wenn auch keine von ihnen zufriedenstellend. Der Mann in dem Käfig ist der alte Jupiter.

Ob man ihn sofort getötet hat, als der Pachtvertrag unterzeichnet war? Oder hat man noch damit gewartet, um sich seiner zu einem passenderen Zeitpunkt zu entledigen.

So viele tote Menschen in diesem Moor. Und so viele Moore in dieser Welt! Ich taumle über den Hügel auf das alte Landhaus zu. Ebenso zerstört und in seinen Grundfesten erschüttert, wie ich es bin. Es konnte der Macht des Konkordats nicht widerstehen. Können wir es, einfache Menschen, die wir sind? Mehr Philosophen, Gebildete und Denker denn Kämpfer oder gar Rebellen?

Wieder schaue ich zum Himmel hinauf. Der Mond versteckt sein Gesicht hinter einer Wolke und für einen Moment glaube ich, einen anderen Stern, weit entfernt, hinter ihm funkeln sehen zu können.

Ich stelle mir vor, es ist der Jupiter und beginne, zu weinen.