Fakt und Fiktion (8) Der Ruf der Sirenen

Disclaimer: Unter dem Label ‘Fakt und Fiktion’ veröffentliche ich kleine Episoden aus meinem Leben (Fakten), die in eine etwas ausgeschmückte (Fiktion) Form gepresst sind. Der Kern der Geschichten ist allerdings ein wahrer!


Als der Rat der Stadt Duisburg vor einigen Jahren beschloss, wieder ein Netz von Alarmsystemen in der Stadt aufzubauen, das im Stör- oder Gefahrenfall die Bewohner warnen soll, war ich, offen gestanden, entsetzt!

Der Gedanke daran, alsbald wieder zweimal im Jahr, oder vielleicht sogar noch öfter, dem klagenden Lied dieser Heulbojen ausgesetzt zu sein, verursachte mir Angstschweiß, Atemnot und zittrige Knie.

Ich hasse Sirenen! Ich hasse sie, seit ich ein Kind gewesen bin! Ich hasse den Ton, den sie verursachen und ich hasse das, wofür sie jahrelang gestanden haben!

Ich bin 1975 geboren und kenne daher den Kalten Krieg noch aus eigener Wahrnehmung, wenn auch aus einer kindlichen Perspektive. Aber ich kann mich erinnern, dass eine meiner großen Ängste gewesen ist, wenn ich Nachts im Bett lag und nicht einschlafen konnte, dass ein Krieg ausbrechen würde, der das ganze Land in Schutt und Asche legt, weil „der Russe“ und „der Amerikaner“ mit ihren Atomraketen herumschießen würden.

Das Geräusch, das diese Angst greifbar machte, war das Heulen der Luftschutzsirenen, die man damals auch noch ganz offiziell so benannte. Als Luftschutzsirenen waren sie auch Teil der kollektiven Wahrnehmung einer Generation von Großeltern und teilweise auch Eltern, welche die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs erlebt hatten. Ich stamme aus dem Ruhrgebiet, ich denke ihr wisst, was da in Sachen Luftkrieg losgewesen ist.

Aus irgendeinem Grund habe ich intellektuell nie die Verknüpfung hingekriegt, dass das Heulen der Sirenen einen Schutz darstellt. Für mich sind sie immer die Vorboten der Apokalypse gewesen und ich wusste, wenn sie eines Tages zu einer mir nicht vorher bekannten Zeit heulen, dann ist das Leben, wie ich es kannte, vorbei.

Ich versuche also, seit ich ein Kind bin, immer genau darüber im Bild zu sein, wann wieder mit einem Probealarm zu rechnen ist. Das bekommt schon beinahe manische Züge. Denn nur dann, wenn ich weiß, dass jetzt und genau jetzt ein Probealarm läuft, kann ich dem Ganzen ohne Angst begegnen. Trotzdem fange ich an, zu schwitzen.

Einmal hatte ich mich nicht informiert. Ich muss irgendwie um die elf oder zwölf Jahre alt gewesen sein, auf jeden Fall in einem niedrigen Jahrgang der weiterführenden Schule. Ich war gerade mit einigen anderen auf dem Schulhof, da jaulten überall um uns herum die Sirenen los. Und ich dachte wirklich, jetzt hätte mein letztes Stündlein geschlagen. Erst eine Lehrkraft, die zufällig des Weges kam, konnte mich halbwegs beruhigen.

Nach diesem Erlebnis waren einige Jahre ganz schlimm. Ich konnte nicht einmal mehr Alarmsirenen in Filmen oder Hörspielen aushalten. Wenn ich wusste, dass gleich eine Szene mit einer Sirene kommt, habe ich den Ton ganz leise gestellt, damit ich es nicht hören musste. Es hat buchstäblich Jahrzehnte gedauert, bis ich mir Filme anschauen konnte, von denen ich wusste, dass irgendwann Fliegeralarm eine Rolle spielen würde, ohne die ganze Zeit mit Nervenflattern vor dem Fernseher zu sitzen.

Und heute? Heute war wieder ein Probealarm. Und ich hätte mich am liebsten wieder irgendwo in einem schalldichten Raum versteckt. Die Sirenen waren am Ende in meinem Büro kaum zu hören, was für den tatsächlichen Alarmfall wahrscheinlich nicht so gut wäre. Aber ich habe mich darüber gefreut – auch wenn ich schon seit drei Tagen mit Bauchgrummeln durch die Gegend laufe.

Wir leben in einer Welt, in der es immer unwahrscheinlicher wird, dass die Sirenen uns vor einem kriegerischen Angriff warnen sollen. Unsere Welt, hier in diesem Land, ist wenn überhaupt eine, die von Umweltkatastrophen durch Unfälle geprägt ist. Und so sind die Dinger wirklich ein Schutz, wenn auch dennoch Unglücksboten.

In meinen Romanen vermeide ich es, Szenarien zu beschreiben, in denen ein Alarm eine große Rolle spielt. Das letzte Mal habe ich etwas in der Art geschrieben, als ich an „Fort Apocalypse“ saß. Einem Roman, in dem die ganze Welt durch einen Atomkrieg vernichtet wird – und den ich nie beendet habe.

Vielleicht sollte ich mich dem „Trauma“ wirklich noch einem schriftstellerisch annähern und es stellen. Wer weiß, vielleicht macht es für mich nachvollziehbarer, was da an Prozessen in mir abläuft und wie ich diese irrationalen, kindlichen Ängste, die immer noch da sind, in den Griff bekommen kann.

Heute war Probealarm. Und ich habe es zumindest schon einmal geschafft, darüber zu schreiben. Mal sehen, wie der nächste Schritt aussehen wird.

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