„Die da drüben“ – Eine Weihnachtsgeschichte

So langsam müssen wir den Tatsachen in die Augen sehen! Auch, wenn das Wetter uns eher den Frühling vermittelt – hier in Duisburg erwarten wir heute bis zu 17(!) Grad -, so ist doch heute in einer Woche Heiligabend. Ich hoffe, die meisten von euch haben einen Adventskalender, an dem sie jeden Tag ein Törchen öffnen können.

Für diejenigen, die keinen haben, bleiben immer noch die Adventskalender im Internet, die mal mehr oder mal weniger Zeit fressen können. Selbst wenn sie keine Schokolade abwerfen, können sie doch manchmal richtig schön und besinnlich sein.

In diese Kategorie fällt auch der Adventskalender des Rindlerwahn-Autorenforums. Das Thema ist zwar nur bedingt besinnlich und schön, aber die Umsetzung ist es, weswegen ich auch nicht vor der Verwendung dieser Adjektive zurückschrecke. Es geht nämlich um Menschen, die auf der Flucht sind. Um Weihnachten aus der Perspektive und mit der Perspektive von Flüchtlingen bzw. Menschen, die in unserem Land mit diesen Flüchtlingen konfrontiert sind. Der Adventskalender bietet hinter jedem Törchen eine Geschichte und hinter einigen sogar O-Töne von Wiener Flüchtlingen, die Eindrücke aus ihrer Geschichte erzählen.

Und ich habe die, wie ich finde, große Ehre, auch eine Geschichte beigesteuert zu haben. Sie wurde heute im Adventskalender veröffentlicht und ich veröffentliche sie hier noch einmal, damit sie nicht nach dem Ende der Aktion einfach so verschwindet.

Ein Wort zur Inspiration für die Geschichte: Als ich Kind war, sahen wir einmal einen Krankenwagen beim gegenüberliegenden Haus vorfahren. Der Vater einer befreundeten Familie wurde auf einer Trage heraustransportiert. Auf die Frage, ob man da nicht einmal nachhören solle, wurde beschieden, jetzt erst mal die eigene Bescherung zu veranstalten …

Aus dieser Erinnerung heraus und unter dem Eindruck der ganzen Flüchtlingsproblematik entstand meine Kurzgeschichte „Die da drüben“. Ich hoffe, sie gefällt euch!


Die da drüben

„Du, Papa?“, sagt meine kleine Motte. Sie steht am Wohnzimmerfenster und schaut in die Dunkelheit hinaus. Was dort ihre Aufmerksamkeit geweckt hat, kann ich nur erahnen, da die Lichterketten des Baums sich in der Scheibe spiegeln.

„Ja, mein Schatz?“

„Papa, feiern die da drüben heute auch Weihnachten?“

Die „da drüben“ sind die Flüchtlinge. Bewohner des Zeltlagers, das sie uns direkt vor unsre Nase, auf die andere Straßenseite, gebaut haben. Die Neuankömmlinge, gegen die Teile der Nachbarschaft lautstark protestierten. Sie nehmen angeblich den Deutschen die Arbeit weg. Oder das Geld. Oder was auch immer.

„Das weiß ich nicht, Motte“, muss ich zugeben. Ich stelle mich neben sie. Jetzt kann ich die Zelte sehen. Licht dringt aus den Fenstern und fällt auf den Schnee. Es ist kalt, da draußen.

„Markus aus meiner Klasse sagt, dass sein Vater gesagt hat, dass die kein Weihnachten feiern. Weil das Moseler sind!“

„Moslems“, korrigiere ich sie. „Man nennt sie auch Muslime. Aber soweit ich gehört habe, leben dort nicht nur Moslems.“

„Meinst du, die glauben an Gott, wie wir?“

„Vielleicht, ja.“

Motte schaut mich mit einer nachdenklichen Falte zwischen ihren Augen an, die ich bei meiner Tochter noch nie so ausgeprägt gesehen habe. „Haben die da drüben auch einen Baum, so wie wir?“

Ich weiß nicht, wie ich einer Sechsjährigen beibringen kann, dass ich von dem, was da gegenüber passiert, auch keine Ahnung habe. Auf vieles hatte ich mich eingestellt, so als Vater. Dass ich meinem Kind eines Tages die Welt erklären würde. Ihm bei den Schulaufgaben helfe. Doch jetzt bin ich von der Frage nach einem simplen Weihnachtsbaum überfordert.

„Weißt du …“

„Ich finde, sie sollten einen Baum haben!“, unterbricht mich Motte. Noch etwas, das nur ganz, ganz selten vorkommt.

„Vielleicht hat die Stadtverwaltung einen Tannenbaum aufgestellt“, spekuliere ich.

Motte dreht sich zu mir und schaut mich mit forschenden Augen an. „Papa? Können wir nicht einmal nachsehen gehen?“

Mit dieser Frage erwischt sie mich auf dem falschen Fuß. Zuerst möchte ich, der Einfachheit halber, ein kategorisches Nein ausrufen. Danach geht mir durch den Kopf, ihr zu erklären, dass die Mama das Essen im Ofen hat und uns bald zum Tisch decken rufen wird.

Was ich dann tatsächlich sage, fühlt sich im Nachhinein wie die größte anzunehmende Dummheit an, die mir hätte herausrutschen können: „Möchtest du nicht erst nach dem Abendessen deine Geschenke auspacken?“

Irgendwann, wenn Heiligabend vorbei ist, werde ich wahnsinnig stolz auf meine Tochter sein, die jetzt vehement ihr kleines Köpfchen schüttelt.

„Ich will keine Geschenke! Ich will wissen, ob die da drüben einen Weihnachtsbaum haben!“

„Aber Motte“, versuche ich sie zu beschwichtigen. „Das Essen ist bald fertig, und …“

„Ich habe keinen Hunger!“, unterbricht sie mich. „Außerdem finde ich das alles total doof!“

Innerlich atme ich erschrocken ein, lasse mir nach außen hin jedoch, ganz der souveräne Papa, nichts anmerken. Unsere Kleine ist ein gutmütiges Mädchen und „total doof“ ist so ziemlich das Höchstmaß an kindlicher Schimpfe, das wir kennen.

Ich schaue erneut aus dem Fenster, beobachte, wie der von Neuem einsetzende Schneefall die Sicht auf die weißen Zelte erschwert. Denke nach. Erforsche meine eigenen Gefühle. Treffe eine Entscheidung. Verwerfe sie wieder.

Seufze.

„Komm mal mit“, sage ich zu meiner Tochter. Sie reißt sich nur schwer vom Fenster los, folgt mir trotzdem in die Küche. Dort ist meine Frau mit den Gänsekeulen, den Klößen und dem Rotkohl beschäftigt.

„Na, ihr beiden?“, begrüßt sie uns. „Was habt ihr Schönes gemacht?“

Ich seufze noch einmal, trete zu ihr und nehme sie in den Arm. Etwas überrascht erwidert sie die Umarmung.

„Was ist denn los?“, erkundigt sie sich.

„Schaltest du bitte das Essen auf kleine Flamme, zum Warmhalten?“

„Aber wieso?“, fragt sie. „Die Gans ist gleich fertig!“

„Gehen wir?“, ruft Motte froh aus. „Papa, gehen wir wirklich?“

„Wohin wollt ihr?“, will meine Frau wissen.

„Wir sehen nach, ob sie einen Baum haben“, erkläre ich. „Die da drüben. Und ich möchte, dass wir alle rübergehen.“

Meine Frau schaut mich an, fragend, doch dann versteht sie und nickt.

Fünf Minuten später verlassen wir die Wohnung. Während wir die paar Meter zum Eingang des Zeltdorfes zurücklegen, habe ich zum ersten Mal, seit ich selber ein Kind war, das Gefühl, dem Geist von Weihnachten nahe zu sein.

Bei denen da drüben.

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24 Gedanken zu “„Die da drüben“ – Eine Weihnachtsgeschichte

  1. Hallo Mic,
    die Geschichte gefällt mir sehr gut. Sie ist toll geschrieben und inhaltlich ganz nach meinem Geschmack. Ich würde wohl auch so reagieren – zögernd, aber dann doch handelnd. Mein Enkelkind hat mir neulich auch viele Fragen gestellt, was die Flüchtlinge betrifft – eine Herausforderung, die mir sehr gefallen hat – ihm wohl auch!
    Viele Grüße
    Regina

    Möchtest du evtl. als Gast deine Geschichte in meinem Adventskalender zeigen? Schau doch mal rein, ein paar Tage haben wir ja noch …
    http://zv-vontagzutag.blogspot.de/p/adventskalender.html

    Gefällt 1 Person

    • Mic schreibt:

      Hallo Regina,

      danke für die lieben Worte! Darüber freue ich mich, weil ich bei dieser Geschichte irgendwie mehr „Sorge“ hatte als bei anderen, ob sie etwas taugt.

      Deinen Adventskalender schaue ich mir heute Abend einmal an, aber grundsätzlich kann ich mir schon vorstellen, die Geschichte bei dir zu zeigen, wenn du mir das so anbietest. Ich freue mich doch, wenn sie gelesen wird! :-).

      Liebe Grüße
      Michael

      Gefällt 1 Person

  2. Hanna Mandrello schreibt:

    Ich bin auch ganz begeistert von der Geschichte :-). Und auch ein bisschen stolz, weil ich dich dazu gebracht habe, Kurzgeschichten zu schreiben. Fast hätte mich die Geschichte zu Tränen gerührt. 🙂

    Gefällt 1 Person

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