Die Schwierigkeit, Texte für die Ewigkeit zu erhalten

Ich habe vor einiger Zeit einen außerordentlich spannenden Artikel bei der Welt gelesen, in dem es um die trügerische Sicherheit geht, die einem heutzutage vorgegaukelt wird, wenn es um die Haltbarkeit und Nachhaltigkeit unserer digital vorliegenden Kulturgüter geht.

Da es sich um einen sehr langen Artikel handelt, möchte ich kurz allgemein dazu etwas schreiben, worum es darin geht.

Früher schrieben die Menschen ihre wichtigen Dokumente auf Papier auf. Noch früher taten sie es auf Pergament. Die frühesten Zeugnisse sind auf Steintafeln oder direkt an einer Felswand erhalten. All diese Darstellungsformen kultureller Betätigung haben gemein, dass man sie körperlich archivieren kann und muss. Man muss sich also Gedanken darüber machen, wie man sie am besten und sichersten aufbewahren kann. Die verschiedenen Großarchive, oftmals auf Landesebene angesiedelt, haben hierfür unterschiedliche Methodiken entwickelt. Einige der wichtigsten deutschen Dokumente lagern etwa, großteils mikroverfilmt, in ehemaligen Bergwerkstollen und damit vor Mutter Natur oder Vater Mensch einigermaßen sicher aufbewahrt.

Es ist noch nicht so lange her, dass die Väter der Digitalisierung uns weismachen wollten, dass all diese Zwänge und Notwendigkeiten der Vergangenheit angehören. Denn was digital ist, das sollte für die Ewigkeit bestimmt sein. Ich erinnere mich noch daran, wie es hieß, dass CDs mindestens 30 bis 50 Jahre haltbar sein würden. Tatsächlich habe ich meine ersten CDs schon nach wenigen Jahren entsorgen müssen, weil sich die Schichten voneinander getrennt haben. Mit selbstgebrannten CDs war es noch schlimmer, die gaben teils schon nach Monaten den Geist auf.

Was bedeutete das also: es hieß nichts anderes, als dass wirklich wichtige Dateien nicht immer nur an einem Ort aufbewahrt werden durften. Sicherheitskopien waren das Stichwort der Stunde. Eine Datei musste mehrfach gesichert sein, um auf die Eventualität vorbereitet zu sein.

Dementsprechend gibt es heute Backups der Backups der Backups. Aber das ist doch eigentlich kein Problem, oder? Schließlich kann man die wirklich wichtigen Dateien ja auch in die Cloud speichern, nicht wahr?

Ja, kann man! Aber was passiert, wenn die Cloud, in die man die Daten gelegt hat, von heute auf morgen ihre Tore schließt? Ich gebe zu, bei den meisten Diensten, etwa von Microsoft oder Apple, kann man sich relativ sicher sein, dass es sie morgen auch noch gibt. Aber das war man sich auch bei Geocities, bevor auf einmal x-tausend private Homepages abgeschaltet wurden.

Das allergrößte Risiko ist aber, dass die Informationen, die man erstellt hat, aus sich selbst heraus nicht mehr lesbar sind, weil sie im falschen Dateiformat vorliegen!

Ein Pergament kann man auch heute noch lesen, weil es in sich unverschlüsselt ist. Gut, man muss die Sprache beherrschen, aber das ist an sich ja kein Problem, denn man kann sie sich erarbeiten.

Stellen wir uns jetzt aber eine Datei in einem proprietären Format vor, die womöglich noch mit einem Passwort gesichert wurde – da helfen dann auch keine Kenntnisse über die der Informatik zugrunde liegenden Einsen und Nullen mehr. Da ist man dann aufgeschlossen.

Ich gebe zu, bevor ich den Artikel gelesen habe, war mir nicht bewusst, wie viele Informationen heute schon unrettbar verloren gegangen sind. Nehmen wir die komplette Ära der Heimcomputer: Wenn es nicht einen hart arbeitenden Stamm an Fans geben würde, die viel Schweiß daran setzen, alte Programme auf modernen Computern zu emulieren, dann würden diese schon dem digitalen Vergessen anheim gefallen sein.

Aber denken wir an die privaten Dateien von damals: Ich habe meine ersten Texte auf einem Schneider CPC 464 geschrieben. Diese sind für mich in zweierlei Hinsicht unrettbar verloren. Ich habe erstens die Disketten nicht mehr, auf denen ich sie gespeichert habe und wenn ich sie zweitens hätte, dann würde mir zum einen der Computer fehlen und, viel schlimmer, die richtige Software, um sie zu öffnen!

Als ich auf dem PC mit dem Schreiben begann, war das Programm der Wahl ein obskures Office-Paket namens „Smartware“. Dieses Office durfte mein Vater sich auf dem privaten PC installieren, weil in der niederländischen Firma, für die er tätig war, damit gearbeitet wurde. Ich habe diese Dateien bis heute. Aber leider habe ich es versäumt, mir beizeiten Kopien des Programms zu machen – und die Software ist wirklich so obskur, dass man im Internet kaum Informationen dazu, geschweige denn einen Downloadlink findet. So nutzen mir meine Dateien, die ich nicht mehr öffnen kann und die auch von keinem anderen Programm geöffnet werden können, schlicht und ergreifend überhaupt nichts mehr. Ich könnte sie löschen, aber da sie keinen Platz fressen, bleiben sie da.

Jetzt kann man wieder sagen: gut und schön, aber mit Microsoft Office passiert mir das garantiert nicht. Dazu sage ich dann nur: träumt weiter! Habt ihr schon mal versucht, einen Text, der in Microsoft Word für Windows 2.0 geschrieben wurde, ohne Umwege in Office 2016 zu öffnen? Ich prognostiziere euch viel Spaß in Hinsicht auf Formatierungen und dergleichen.

Die alten Dateiformate waren einfach nicht darauf ausgelegt, auch noch zehn oder zwanzig Jahre später in einer modernen Umgebung genauso auszusehen, wie sie es damals taten! Das macht es für die Archivare, wie der Artikel auch beschreibt, mehr als nur schwierig, weil sie nicht nur gezwungen sind, alte Hardware vorzuhalten, sondern auch am laufenden Band alte Dateiformate umzuwandeln und zu konvertieren, damit alte Texte so erhalten bleiben, wie der Verfasser oder Herausgeber sie sich einmal gedacht hat.

Wenn wir konkret auch auf das Schreiben von Romanen und hier von eBooks schauen, so muss man nur einmal den Formatkrieg zwischen Amazon auf der einen und dem Rest der Welt auf der anderen Seite ins Auge fassen. Wenn Amazon auf die Idee käme, von heute auf morgen die alten .mobi-Dateien nicht mehr im neuesten Reader zu unterstützen, dann wäre das Format tot. Eine Weile lang würde es noch weiterleben, in Form von Altgeräten und vielleicht den Kindle-Apps, aber irgendwann wäre es damit vorbei und wir säßen auf Unmengen von Büchern, mit denen wir uns, mangels physischer Präsenz, nicht einmal – mit allem Verlaub – den Hintern abwischen könnten.

Ich gebe zu, dass mir das Szenario ein wenig Angst macht. Für mich, im Privaten, kann ich versuchen, immer alle Dateien so aufzubereiten, dass ich sie auch morgen noch werde öffnen können. Das schränkt mich allerdings heute schon darin in, alle Funktionen der Programme zu benutzen, die ich besitze. Denn ich werde sehr oft dazu gezwungen, die Exportfunktion zu benutzen, um ein Dokument zu erstellen, das beispielsweise zu Word kompatibel ist. Mit allen Dramen, die es mit sich bringen kann, wenn diese Kompatibilität nicht 100% beträgt.

Ich könnte noch mehr Beispiele bringen, wie etwa die True-Type-Schriftarten, die ab speziellen Betriebssystemversionen nicht mehr funktionierten und damit selbstgebastelte CD-Cover unbrauchbar machten. Oder die ganz alte Geschichte von den Lesefehlern auf den selbsterstellten Programm-Kassetten für den Heimcomputer, die Eigenkreationen von Programmen den Garaus machten.

Was sind jetzt die Lehren, die man daraus ziehen kann und sollte? Sich niemals, nie, wirklich überhaupt nicht darauf verlassen, dass das, was man heute im jederzeitigen Zugriff hat, auch morgen noch dort sein wird. Macht Updates, prüft, ob eure alten Dateien noch so geöffnet werden können, wie sie es einmal konnten. Am besten macht ihr das, aus den beschriebenen Gründen, nach jeder Programmrevision.

Ich habe schon so viele schlechte Erfahrungen gemacht, dass ich, ganz ohne Panikmache betreiben zu wollen, doch beinahe der Ansicht bin, dass die Geschichte mit den Papyrusrollen doch einen gewissen Charme besessen hat.

Das Problem ist beherrschbar, wenn man es einmal wahrgenommen hat. Deswegen verweise ich noch einmal auf den oben verlinkten Artikel und hoffe, auch mit meinem eigenen Text ein klein wenig zum Nachdenken angeregt zu haben.

Und falls einer von euch, ganz zufällig, irgendwo, versteckt und verstaubt, doch noch eine Kopie des Programms „Smartware“ – übrigens, natürlich, für DOS programmiert – finden sollte, dann wisst ihr, was ihr zu tun habt, wenn ihr mir eine Freude machen wollt :-)!

Zitat: Dazwischen

Wieder kommt mir ein wunderbares Zitat über das zenart-Blog ins Postfach herein. Es ist eine Abwandlung vieler ähnlicher Zitate, bei denen es darum geht, einerseits Mut zu machen und andererseits Schranken zu überwinden, die wir in uns selber aufbauen und die uns davon abbringen, die Dinge zu erreichen, die uns wichtig sind und zu denen wir in der Lage wären.

Ich finde mich jedenfalls darin wieder:

Weise entweder zurück oder nehme an. Wenn du nicht “ja“ sagen kannst, sollst du “nein“ sagen. Es gibt kein “dazwischen“. “Dazwischen“ ist eine Illusion.

Prajnanapada

Manchmal muss man einfach den Mut für Entscheidungen aufbringen.