Vom sorgfältigen Schreiben

Wie ihr alle wisst, habe ich eine besondere Verbindung zum Wort an sich. Wörter, das ist Sprache, das ist Leben, das ist Erzählung, das ist Kultur, das ist alles und nichts … und deswegen sollte man sich angewöhnen, sorgfältig mit ihnen umzugehen. Sie nicht nur als etwas zu betrachten, das gerade da ist und auf eine zufällige Art schnöde aneinander gereiht wird. Zumindest als Autor sollte man versuchen, jedem Wort die Sorgfalt angedeihen zu lassen, die ihm als Träger all dieser wundervollen Eigenschaften zukommt.

Man kann es aber auch übertreiben, einen Schrein um etwas bauen, das in der freien Wildbahn viel besser aufgehoben ist, weil es nur dadurch seine Lebendigkeit erhält, dass es eben nicht immer perfekt ist, dass es auch mal Slang sein darf, Umgangssprache, abgehackt oder unausgegoren.

Irgendwo zwischen diesen beiden Polen bewege ich mich gerade.

In diesem Blog schreibe ich meistens so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ich setze mich eher selten hin und zensiere mich vorher oder hinterher thematisch oder im Ausdruck. Was ich auch nicht tue ist, die Artikel lange reifen zu lassen, oder sie noch dreimal zu korrigieren oder etwas in der Art. Ich sehe diese Artikel als einen Blick auf meine Identität – auch als Autor, ja, aber zuallererst auf meine Identität als Mensch.

Und doch denke ich seit geraumer Zeit darüber nach, ob das alles so gut ist, wie ich es angehe. Es hat wieder einmal etwas mit dem Gedanken an den „professionellen“ Autor zu tun, der uns ja schon in einigen Artikeln hier begegnet ist.

Der professionelle Autor, so wie ich ihn mir vorstelle, würde jeden seiner Texte, die er veröffentlicht, erst einmal abwägen und sich genaue Gedanken darüber machen, was er mit ihnen erreicht, erreichen kann und erreichen will. Und wenn vielleicht negative Effekte dabei herauskommen könnten, dann würde er den Text bleiben lassen.

Das ist mir zum Beispiel heute Morgen passiert, als ich, wieder einmal, einen interessanten Artikel über die anstehende kommentierte Neufassung von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ gelesen habe, einem der übelsten Pamphlete sowohl in sprachlicher als vor allem auch in inhaltlicher Sicht, das je in unserer Sprache gedruckt wurde. Mir brannte es unter den Fingernägeln, etwas dazu zu schreiben, weil mich das Thema, wie mit dieser wissenschaftlichen Ausgabe umgegangen werden soll, nachgerade ärgert oder auf jeden Fall bewegt.

Ich habe aber nichts dazu geschrieben, weil ich mich fragte, ob das jetzt erstens zu diesem Blog passen würde und zweitens, ob es „professionell“ von mir wäre, mich mit einer Meinung zu exponieren, die vielleicht nicht jedem passt und dazu führen könnte, dass irgendjemand meiner Leser mich nicht mehr lieb hat (um es mal so auszudrücken).

Nun, damit, nichts über „Mein Kampf“ zu schreiben, kann ich leben. Mir passiert es aber auch, dass ich in Bezug auf meine Kurzgeschichten in einen Zwiespalt komme, ob ich diese noch so ungefiltert veröffentlichen kann und will, wie ich es bisher getan habe.

Ich habe bis jetzt jede Geschichte geschrieben, kurz durch den Korrekturlauf von Word geschickt (wenn überhaupt) und dann praktisch fünf Minuten nach Fertigstellung hier veröffentlicht. Die einzigen beiden Ausnahmen sind die Anthologiegeschichte „Fummeln verboten!“ und „Die da drüben„.

Jetzt habe ich von einer lieben Mitleserin den Rat bekommen, dass die hier veröffentlichten Geschichten eine Visitenkarte für mich darstellen, die vielleicht, vielleicht auch nicht darüber entscheidet, ob ein Leser mal einen Roman von mir kaufen wird, oder ob er es bleiben lässt, weil in den Kurzgeschichten Stilblüten, Rechtschreibfehler oder fehlende Zeichensetzung drin waren.

Ich merke, wie dieser Gedanke mich geradezu ein wenig lähmt.

Wenn ihr schon länger hier zu Gast seid, dann wisst ihr, dass ich zu dem Medium Kurzgeschichte ein zwiespältiges Verhältnis gepflegt habe. Ich war der Ansicht, dass ich das überhaupt nicht könne. Nun, die konnte ich inzwischen dank eurer netten Rückmeldungen zum Glück revidieren.

Aber kann ich jetzt weiterhin solche Schnellschüsse veröffentlichen? Ich ertappe mich dabei, dass meine Motivation zur Kurzgeschichte rapide sinkt, weil ich die Zeit, die ich in sie stecken muss, länger wird und mir für andere Dinge, wo ich sie dringend gebrauchen könnte, nimmt. An der Geschichte mit dem Mord nach dem Sexualakt schreibe ich jetzt schon über eine Woche herum. Das kenne ich von mir gar nicht. Gleichzeitig komme ich bei meinem Roman keine einzige Silbe weiter, weil ich erst diese Kurzgeschichte beenden will.

Aber danach noch die Überarbeitung …

Mit Sprache soll man und muss man sorgfältig umgehen. Davon rücke ich nicht ab. Ist das vielleicht der Moment, in dem aus Spaß der berühmte Ernst wird? Wenn ja, dann fühle ich mich augenblicklich nicht besonders gut dazu in der Lage, diese Veränderung anzunehmen und sie zu gestalten.

Wie so häufig fehlt an dieser Stelle der Königsweg, der Aha-Moment, der alle Fragen in Wohlgefallen auflöst. Es ist auch kein Schwert in Sicht, um den gordischen Knoten zu zerschlagen (bei meinem Glück würde mir das ganze Konstrukt sowieso auf den Kopf knallen).

Ich habe eine Idee, was ich eventuell mit den Kurzgeschichten anfangen könnte, um beiden Seiten in mir ihr Recht und auch ihre Beruhigung zu geben. Aber da muss ich erst noch mal ein bis drei Nächte darüber schlafen, bis ich euch die Idee, vielleicht, vorstelle.

Bis dahin danke ich euch wieder einmal fürs Zuhören, freue mich, wie immer, über Meldungen und Meinungen und wünsche euch noch einen schönen Dienstag-Nachmittag!