Das Kind muss einen Namen haben!

Wisst ihr, welches Gefühl ich beim Schreiben so richtig, richtig, richtig hasse? Das Gefühl, entweder überhaupt keinen oder nur einen schlecht passenden Titel für eine Geschichte zu haben. Das passiert mir zum Glück nicht besonders häufig, aber wenn es dann einmal vorkommt, dann wurmt es mich mehr, als einen Apfel, der wirklich von so einem Tier befallen ist.

Gerade jetzt habe ich wieder das Problem. Ich habe die Kurzgeschichte zu Hannas letzter Schreibaufgabe – ihr wisst schon, die, wo aus Eros ganz schnell Thanatos wird – in der Mittagspause fertig gestellt und sie mir nach Hause geschickt. Das Kind hat einen Namen, der mir absolut nicht gefällt und der sich auch nicht richtig anfühlt.

Dumm ist nur, dass ich, wenn ich erst einmal einen Namen an so einen Text getackert habe, gedanklich nur noch sehr schwer von ihm lassen kann. Das Extrembeispiel ist da sicherlich mein im ersten Halbjahr diesen Jahres fertig gestellter Roman „Der Redner“ (altgediente Blogleser erinnern sich), der sich zwischendurch in eine Richtung entwickelte, die so gar nicht mehr zu dem Titel passte, was mich trotzdem nicht daran hinderte, diesen nicht los zu werden.

Nun kann ich mir beim „Redner“ alle Zeit der Welt lassen. Ich weiß, dass dieser erst einmal nicht zur Veröffentlichung ansteht. Da habe ich andere Kandidaten im Blick. Aber diese Kurzgeschichte, die möchte ich euch gerne noch in diesem Jahr kredenzen. Und bis dahin sollte sie dann auch einen Titel haben, mit dem ich nicht nur irgendwie leben kann, sondern der mich auch ausreichend zufrieden stellt.

Ich fürchte, ich werde da erst noch einmal eine Nacht drüber schlafen müssen. Hoffentlich nicht „wachen“, denn auch das ist schon vorgekommen, in der Vergangenheit. Es kann doch nicht so schwer sein, einen passenden Namen für eine kleine Geschichte von knapp 4.400 Worten zu finden, meint ihr? Ich schreibe gerne noch einmal 4.400 Worte, wenn mir dafür hinterher jemand einen passenden Titel nennt.

Aber die Geschichte so ganz titellos lassen? Hm, klingt wie ein Experiment. Und gegen Experimente habe ich eigentlich nie etwas. Was meint ihr – hättet ihr Lust, einem armen, titellosen Autor unter die Arme zu greifen?

🙂

Die programmierten Musen, oder: Der NaNoGenMo

Was der NaNoWriMo ist, das haben aufmerksame Leser dieses Blogs im November bis zum Exzess erfahren können, denn meine Teilnahme an diesem „50.000 Wörter in 30 Tagen“-Wahnsinn ist, denke ich, einigermaßen gut dokumentiert worden.

Aber wusstet ihr, dass zeitgleich auch ein NaNoGenMo abgehalten worden ist? Immerhin auch schon zum dritten Mal?

Ich habe es auch nicht gewusst, bevor ich die Meldung bei e-book-news.de gelesen habe.

Die Abkürzung steht für „National Novel Generating Month“ und bedeutet genau das: Ein Text in der Länge von 50.000 Wörtern wird generiert. In diesem Fall durch Computeralgorithmen. Dabei kommen meistens natürlich nur völlig krude Wortaneinanderreihungen heraus, manchmal aber durchaus „lesbare“ Stücke Prosa, von denen einem aber nach mehr als zwei Seiten der Kopf so sehr dröhnen dürfte, dass man auf ein weiteres Lesen verzichtet.

Was meiner Meinung nach im Moment nur ein Proof of Concept sein kann, wurde aber in der Science-Fiction-Literatur schon mindestens einmal als Zukunftsvision dargestellt. Denn als ich diesen Bericht las, kam mir sofort der Roman „Die programmierten Musen“ von Fritz Leiber in den Sinn, den ich schon mindestens ein halbes Dutzend Mal gelesen habe und den ich dringend mal wieder hervorkramen sollte.

In den „Musen“ schildert Leiber eine Welt, in der Autoren nichts anderes mehr sind, als sich extravagant kleidende, ansonsten eigentlich funktionslose Bewacher von riesigen Elektronengehirnen, die statt ihrer die immer gleichen, nur leicht abgewandelten Bücher schreiben, die auf eine beinahe mit Drogen vergleichbare Weise die Rezeptoren der Leser so ansteuern, dass ihre Sprache süchtig macht. Kein Mensch liest mehr wirklich selbstausgedachte Texte. Nur die Maschinen schreiben anhand ihrer Algorithmen und ironischer Weise sind es ausgerechnet die Roboterautoren, die in ihrer Literatur für „Artgenossen“ noch auf die Arbeitsweise klassischer Autoren zurückgreifen.

Der Super-GAU passiert nun, als in Leibers Roman die Autorengewerkschaft die großen Maschinenhallen stürmt und die Wortprozessoren mit Flammenwerfern vernichtet. Der Nachschub an „neuen“ Geschichten kommt zum Erliegen, weil die Autoren feststellen müssen, dass keiner von ihnen in der Lage ist, zwei Worte aneinander zu reihen.

Nur Gaspard de la Nuit, einer der wenigen Autoren, die mit ihrem Dasein eigentlich ganz zufrieden waren, stellt sich auf die Seite der Verleger, die noch ein kleines Geheimnis in petto haben. Denn es gibt sie durchaus noch, die kreativen Gehirne, die in der Lage sind, Geschichten zu erfinden. Und das ist jetzt nicht unbedingt metaphorisch gemeint. So machen sich Gaspard und eine Gruppe von Freunden, wie dem begnadeten Roboterautor Zane Gort, auf den Weg, um im Alleingang den menschlichen Literaturbetrieb zu retten.

Natürlich ist Leibers Roman eine Satire auf eben diesen Literaturbetrieb und seine Auswüchse von (vermeintlicher) Gleichschaltung und Unterdrückung von Autoren. Ernst nehmen kann man das zu keinem Zeitpunkt, vor allem, weil insbesondere die rebellierenden Autoren sich so gar nicht in das Bild einfügen lassen.

Das ändert aber nichts daran, dass es sich bei „Die programmierten Musen“ um einen, gerade für Autoren, sehr unterhaltsamen kleinen Roman handelt, der heute leider nur noch antiquarisch zu bekommen ist – was aber in Zeiten von eBay und Amazon Marketplace nun wirklich kein Hindernis mehr darstellt.

Bleibt natürlich die Frage: Was wird sein, wenn der NaNoGenMo zum dreißigsten Mal abgehalten werden sollte? Wird irgendwann eine Maschine in der Lage sein, einen lesbaren Text zu produzieren, der vielleicht auch noch Elemente wie Spannungsbogen, Drei-Akt-Struktur und Showdown berücksichtigt? Ich habe da so meine berechtigten Zweifel. Aber vor allem habe ich, und das ist sehr gut so, meine Zweifel daran, dass der Mensch sich irgendwann komplett die Literatur, das geschriebene Wort, aus der Hand nehmen lassen würde. Nicht, solange das Schreiben noch so viel Spaß macht, wie es das nun einmal tut.

Und auch nicht, solange es Menschen wie euch da draußen gibt, für die zu schreiben ein Vergnügen darstellt.

In diesem Sinne: Vielen Dank!