Die Gottesdienst-Dramaturgie und was man als Autor daraus lernen kann

Ich bin kein wirklich religiöser Mensch. Wenn man mich fragt, ob ich an Gott glaube, dann würde ich antworten, dass es kompliziert ist. Ich sehe mich als zu sehr in der Realität verhaftet an, als wirklich daran glauben zu können, dass es ein einziges übermächtiges Wesen gibt, das, wenn es denn wollte, die Geschicke der gesamten Welt lenken könnte. Überhaupt geht es da ja schon los! Was ist denn „die gesamte Welt“? Sind das nur wir Menschen auf unserer, kosmisch völlig unbedeutenden, Erde? Wenn wir die „Krone der Schöpfung“ sind, was ist dann mit den Unmengen von anderen Planeten, Sonnensystemen, Galaxien?

Es ist in meinen Augen keine Science-Fiction, dass wir nicht alleine sind – im Universum!

Aber ich gehöre auch nicht zu denen, die von sich behaupten würden, dass sie gar nicht glauben. Ich denke, an irgendwas glaubt jeder Mensch. Und wenn es für den einen oder die andere Gott ist, oder Allah, Buddha, oder andere Inkarnationen des gleichen Geistes, dann gönne ich ihnen das vollkommen wertfrei und freue mich mit ihnen über ihren Glauben. Die religiösen Fanatiker nehme ich mal aus, aber ich denke nicht, dass ich das gesondert ausführen muss.

Eine ganz andere Sache ist die Kirche! Mit der Kirche als Institution habe ich einige geregelte Probleme. Das hat etwas damit zu tun, dass ich sie in der Hauptsache als Verwaltungsstelle sehe, die einige fragwürdige Entscheidungen in ihrer Geschichte getroffen hat und immer noch dabei ist, sie zu treffen. Ich habe hier durch langjährige Gemeindearbeit meiner Eltern einige Einblicke bekommen, die mich ernüchtert haben.

Dennoch zahle ich Kirchensteuer und ich zahle sie gerne! Denn ich weiß auch, wie viel Gutes die Institution Kirche mit diesem Geld bewirkt. Denkt an Kindergärten, denkt an Jugendgruppen, denkt an Altenhilfen!

Und deswegen habe ich auch, um langsam mal zum Thema zu kommen, über das ich eigentlich schreiben wollte, überhaupt keine Skrupel, meine Kinder zur Konfirmation zu schicken, alle Jubeljahre mal den Gottesdienst zu besuchen und – natürlich – an Heiligabend in die Kirche zu gehen.

Das gehört für mich einfach dazu und seit ich Kinder habe, ist es noch einmal wichtiger geworden. Der Gottesdienst an Heiligabend ist der Beginn der Weihnacht für mich. Ganz einfach, weil es irgendwann einen Moment geben muss, ab dem man umschaltet und aus der Hektik Besinnlichkeit wird. Ja, da ist auch einiges an Augen verschließen dabei, aber diesem Vorwurf setze ich mich zu Weihnachten gerne aus.

Und so kam es, dass ich mich gestern um fünfzehn Uhr (was für eine, im wahrsten Sinne, unchristliche Zeit für einen Familiengottesdienst!) in der Kirche unserer Gemeinde wiederfand und Zeuge des gut eine Viertelstunde dauernden Gottesdienstes wurde, der in Sachen Dramaturgie zu einer Blaupause gereichte, die man auch über viele Geschichten und Romane legen könnte.

Der Saal war brechend voll, als unser Pfarrer vor dem Altar erschien und dann erst einmal suchend die Reihen abschritt. In der Hand hielt er ein Bild auf einem Rahmen. Offenbar suchte er einen Ort, wo er diesen verstecken konnte.

Man sieht also, schon der Einstieg in den Gottesdienst war besonders. Zwar lief ein Orgelspiel, aber der oft gesehene Ernst, den der Geistliche vorne an den Tag legt, der fehlte – und wurde auch von niemandem vermisst. Im Gegenteil, der gute Mann hatte sofort die Aufmerksamkeit bei sich und uns alle in die „Geschichte“ des Gottesdienstes hereingezogen.

Was folgte, war eine Mischung aus bekannten Elementen und überraschenden Einfällen. Seit einigen Jahren ist es so, dass der Familiengottesdienst in unserer Gemeinde von einer Handpuppe, einem schwarzen Raben, begleitet wird. Und diesem Raben ging es dieses Jahr um Geschenke. Er verteilte Geschenke an Gemeindemitarbeiter (die davon offenbar nichts wussten) und wollte auch selbst ein Geschenk, eben das zuvor versteckte Bild, so dass sich das dann auch aufklärte. Das war hochgradig amüsant und teils sogar ironisch. Es brach wiederum mit meinen Erwartungen an einen Gottesdienst und hielt mich bei der Stange.

Aber auch die ruhigen Momente kamen nicht zu kurz. Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark ich auf manche Lieder anspreche, die zu singen eben auch dazu gehört. Dann schlägt die feierliche Stimmung durch und, ich schäme mich nicht, es zu sagen, ich könnte auch einfach losheulen.

Nur, um im nächsten Moment wieder einen Gegenpunkt zu setzen und eine neue spannende Idee zu verwirklichen.

Ich weiß, dass es viele dröge und langweilige Gottesdienste gibt und dass diese auch immer vom Geschick oder Ungeschick des jeweiligen Pfarrers oder Pastors abhängen. Wir haben in dieser Beziehung auch wirklich großes Glück gehabt.

Aber betrachten wir es noch einmal von der dramaturgischen Seite aus. Ein Weihnachtsgottesdienst besteht, grob gesagt, aus folgenden Elementen: Begrüßung, Lied, Predigt, Lied, Krippenspiel oder Weihnachtsgeschichte, Lied, Fürbitten, Vater unser, Segen, Lied, Nachspiel.

Aber was anderes ist denn mit vielen Genres der Unterhaltungsliteratur? Besteht nicht ein Liebesroman auch ganz oft aus den Elementen: unglückliche junge Frau, Trennung von ihrer momentanen Beziehung, tiefes Tal, neuer Schwarm, Anbahnungsphase, Erfüllung, Beziehungsknick wegen eines Missverständnisses, neues tiefes Tal, Klärung, Happy End? Mindestens die Hälfte aller Hollywood-Schnulzen funktioniert so.

Was kann man also aus einem Gottesdienst wie dem gestern lernen? Es braucht nicht die radikalen Veränderungen. Es muss nicht auf das Vater unser verzichtet oder „O du föhliche“ in einer Rapversion dargeboten werden. Es reicht schon, wenn die bekannten Elemente ein wenig individualisiert und aufgepeppt werden. Spiele mit den Erwartungen des Publikums, erfülle sie insofern, wie es sein muss, um sie nicht nachhaltig zu verstören – und gebe ihnen etwas, das sie mit nach Hause nehmen, um darüber nachzudenken, sich weiterhin daran zu erinnern.

Schaffe einen Anreiz für sie, auch im nächsten Jahr wieder zum Familiengottesdienst zu erscheinen (oder optimaler Weise auch noch öfter).

Bist du Autor, dann tue das Gleiche! Spiele mit deinem Genre, biete Variationen, setze Anreize. Dann kommen deine Leser auch gerne wieder zurück zu dir!

Ich wünsche euch allen einen schönen ersten Weihnachtsfeiertag!

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6 Gedanken zu “Die Gottesdienst-Dramaturgie und was man als Autor daraus lernen kann

    • Mic schreibt:

      Da bin ich ganz deiner Meinung! Es gibt ja viele Menschen, die mit etwas progressiveren Geistlichen Probleme haben – leider. Aber ich finde, es gehört in einer Kirche auch dazu, dass mal gelacht werden kann und dass man überrascht wird!

      Ich bin froh, dass wir ihn haben. Ich habe genügend andere kennengelernt.

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  1. in unserer Gemeinde gibt es 2 Pfarrer, sie ergänzen sich sehr. Einer ist eher dröge, der andere sehr politisch – beide haben ihre Fangemeinde.Gestern durfte ich sie beide erleben und fand es toll die Gegensätze zu sehen.

    Carsten mag bei dem einen seine Langsamkeit und Fabulierkunst – fürs Krippenspiel haben wir den Jugendreferenten – ich mag es politisch. Langweilig wird es in unserer ganz normal evangelischen Gemeinde nie. Sie lebt mit den Menschen und die Menschen gestalten den Gottesdienst mit.

    Gefällt 1 Person

    • Mic schreibt:

      Das klingt auch nach einer guten Aufteilung. Aber wie steht es mit dem Humor? Humor ist für mich wirklich ein ganz essentieller Bestandteil eines guten Gottesdienstes. Unser Pfarrer, der den Gottesdienst vorgestern gemacht hat, hat zum Beispiel auch meinen Schwiegervater unter die Erde gebracht. Und selbst da gab es augenzwinkernde Stellen. Wobei es ja immer die Mischung macht.

      Ich kann mich an eine Predigt erinnern, die ich besucht habe (weil meine Große nächstes Jahr konfirmiert wird, bin ich im Moment öfter als sonst in der Kirche), da ging es um die Flüchtlingsproblematik. Wieder derselbe Pfarrer. So etwas pointiertes, einfühlsames und gleichzeitig „in your face“iges habe ich bislang in keiner Talkshow zum Thema gehört.

      Aber Langeweile wäre wirklich das Schlimmste. Und Schema F.

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