Der Szenenhintergrund: Immer einen Hingucker wert!

Ich habe gerade mit meinen beiden Kindern den Film „Batman“ von Tim Burton aus dem Jahr 1989 gesehen. Die beiden hören seit einiger Zeit die alten Batman-Hörspiele rauf und runter, in denen der Joker eine ziemliche Witzfigur ist und ich hatte das Bedürfnis, ihnen auch einmal vor Augen zu führen, dass Batman durchaus ein ernsthafter Charakter ist. Obwohl meine Kleine ja eigentlich, gemessen an der FSK-Freigabe, noch zu jung ist, sah ich da keine Probleme. Sie kann das sehr gut abstrahieren, was nur Film ist, und was Realität.

Für mich war es eine Wiedersichtung nach über zehn Jahren. Eher sogar nach über fünfzehn Jahren. Natürlich konnte ich mich an die Geschichte erinnern und wusste auch noch, wie gut Jack Nicholson den Joker verkörpert, wie ruhig und besonnen Michael Keaton den Batman gibt und wie knackig Kim Basinger als Vicki Vale aussieht.

Was ich nicht mehr vor Augen hatte, war das grandiose Production Design dieses Films!

Tim Burton ist ein Regisseur, der in allen seinen Arbeiten bewiesen hat, dass er es versteht, Welten zu bauen, die mit dem bloßen Auge als etwas besonderes erkannt werden können, ohne sich gleichzeitig zwangsläufig zu sehr von der Realität zu entfernen. Und auch wenn seine erzählerische Strahlkraft in den letzten Jahren enorm gelitten hat und er langsam aber sicher dabei ist, sich sein Renommee zu zerstören, zieht sich diese Fähigkeit bis heute fort.

Das Gotham City dieses Batman ist ein Ort, an dem es überall, sogar auf einer ganz normalen Straße, etwas zu entdecken gibt. Wo die Strukturen, die man von einer Stadt erwartet, aufgebrochen und neu zusammengesetzt werden, so dass man immer beschäftigt ist, die Szene in sich aufzunehmen und mit den Charakteren, die eben doch manchmal nichts anderes als zum Leben erweckte Comicfiguren sind, in Einklang zu bringen.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang vor allem an die Freitreppe, auf der alle wichtigen Bekanntmachungen vorgetragen werden und die von Statuen flankiert wird, wie man sie eher in einem Endzeit-Film erwarten würde. Oder an das Museum, das eine Art Vision aus Stahl und Stein ist, mehr selber ein Kunstwerk, als Aufbewahrungsort dafür.

Ich ertappte mich beim Zusehen dabei, wie ich immer mehr auf den Hintergrund des Bildes achtete, als auf den Vordergrund. Und das verdeutlicht, wie schmal die Balance zwischen diesen beiden Elementen ist und wie schwierig es auch bei einem Roman ist, die Ausgewogenheit zwischen dem herzustellen, was der Leser aktiv mitbekommen soll, auch bekannt als Handlung, und dem, was er als Background einer Szene, als Handlungsort, zu sehen kriegt.

Viele Autoren haben Schwierigkeiten mit dieser Balance. Ganz besonders schlimm war es zum Beispiel bei J.R.R. Tolkien, dem Schöpfer des „Herr der Ringe“. Ihm ist von nicht wenigen Kritikern vorgeworfen worden, dass er es ohne Probleme schafft, eine Landschaftsbeschreibung über drei Seiten hinweg zu schildern, die für den Fortlauf der Handlung überhaupt keine wirkliche Relevanz hat. Außer halt, dass sie da ist.

Andere Autoren schreiben auf den Punkt, lassen ihre Figuren vor einer minimalistischen Kulisse agieren, die sehr viel Raum für den Leser lässt, sich die Dinge selber vorzustellen.

Ich sehe mich selbst irgendwo in der Mitte angesiedelt. Und wie meistens im Leben ist die Mitte eine unbequeme Position, wo von der einen Seite ebenso gequetscht wird, wie von der anderen Seite. Das Problem ist, dass ich versuche, die Erwartungen meines Lesers zu antizipieren. Und, weil man ja irgendwann gelernt hat, dass man ein Crowd-Pleaser sein soll, ich mache mir Gedanken, wie ich das Mittelmaß abliefern kann, ohne dass der Anhänger des Minimalismus gelangweilt zu gähnen beginnt, noch dass der Freund der ausschweifenden Beschreibungen wegen Spannungskopfschmerzen das Buch weg legt.

„Batman“ hat mir gezeigt, dass zumindest im Film beide Elemente co-existieren können. Ich glaube kaum, dass meine Mädels mitbekommen haben, dass sich der Film unglaublich schwer auf eine bestimmte Epoche datieren lässt, weil futuristische Elemente wie das Batmobil auf anachronistische Fotoapparate treffen, an denen noch die Birne des Blitzes ausgetauscht werden muss. Dies ist einfach eine zusätzliche Ebene, die ein wenig mehr Tiefe in die Comichandlung bringt.

Beim Schreiben versuche ich, zumindest in den Romanen, in denen es sich anbietet, das auch zu tun. Es gibt eine Haupthandlung, die man, wenn man alle Schnörkel weglassen würde, wahrscheinlich recht schmucklos und komprimiert auf zwei- bis dreihundert Seiten runtertippen könnte. Es ginge nichts verloren.

Aber dort, wo ich denke, dass es der Atmosphäre dienlich ist, da hole ich dann auch gerne aus und zeige dem Leser, dass die Welt, von der er da gerade liest, auch das eine oder andere Detail zu bieten hat, das er im ersten Moment wahrscheinlich gar nicht gesehen hat.

Manche Romane bieten hierfür mehr Gelegenheit, andere weniger. Ich denke, je realistischer ein Stoff wird, desto ernsthafter und stringenter sollte man ihn auch verfolgen. Ich muss in einem Thriller nicht über mehrere Seiten lesen, wie ein Haus aussieht und wie alt es wahrscheinlich ist, was sich an der gerissenen Farbe oder dem herunterhängenden Fensterladen absehen lässt. Das kann der Autor gerne schreiben, aber es ist für den Moment, in dem der Protagonist hinein geht, um den Antagonisten zu erledigen, der immer noch zwei Frauen als Geiseln hält, etwas fehl am Platz.

Das gleiche Haus in einer Geistergeschichte, in der eine Frau auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester ist, sollte natürlich so richtig schön creepy beschrieben werden. Das Eintreten ist dann fast schon eine Anti-Klimax – es sei denn, dass sich sofort ein Höllenhund auf die Frau stürzt, was wir der Armen ja nicht wünschen wollen.

Es ist immer gut, bei so etwas auf sein Bauchgefühl zu achten. Denn meistens weiß der Bauch schon vor dem Kopf, ganz intuitiv, was er wie zu schreiben hat. Schade für die Kopfschreiber, die sich ganz schön viel dazu einfallen lassen müssen. Besser für die Bauchschreiber, die einfach mal machen.

Als Autor hat man eine Vision, der man folgen sollte. Meine ist es, selbst mit beiden Ebenen, der Handlung und dem Handlungshintergrund, zufrieden zu sein. So gestalte ich meine Szenen.

Ich hoffe nur, dass es mir besser ergeht als Tim Burton und mir beizeiten jemand sagt, wenn es einfach zu viel des Guten wird …

Habt noch einen schönen Sonntagabend!

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2 Gedanken zu “Der Szenenhintergrund: Immer einen Hingucker wert!

  1. Ah! Tim Burton! Ein wunderbarer Welten- und Hintergrund-Erschaffer!
    Ich liebe so etwas. (In Comic oder Graphic Novel empfehle ich dahingehend übrigens Shaun Tan.) Entsprechend habe ich Tolkiens Schilderungen genossen. Mir tun die Leute immer leid, die beim Lesen ihre Sinne nicht mehr schweifen lassen können, immer nur nach der vordergründigen (sic!) „Relevanz“ von Szenen & Szenerien suchen.
    Allerdings ist es nicht ganz einfach, mit Worten zu malen und dann des Guten nicht zu viel zu tun (oder an der falschen Stelle).

    Gefällt 1 Person

    • Mic schreibt:

      Oh ja, da sagst du was! Es ist wirklich nicht einfach, die richtige Mischung zu finden, es nicht auf der einen Seite zu überfrachten oder auf der anderen zu puritanisch zu gestalten.

      Ganz besonders schwer fällt es mir, zumindest im ersten Entwurf, eine einheitliche Handhabung über den gesamten Text zu finden. Da schwankt das teilweise ganz schön.

      Gefällt 1 Person

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