Was ist eigentlich mit euch Buchhändlern los?

Ich gebe zu, der Titel meines Beitrags ist verallgemeinernd und effektheischend. Aber in kurzer Folge sind mir jetzt zwei Dinge aufgefallen, die ich mir nicht wirklich erklären kann. Und beide betreffen den stationären Buchhandel. Auf den ersten Blick mögen sie nichts miteinander zu tun haben, aber in der dahinter stehenden Ebene, dem „Großen und Ganzen“, wenn man so möchte, haben sie es meiner Meinung nach durchaus.

Das erste Thema ist schon eine ganze Weile im Gespräch und ebenso lange streiche ich wie die Maus um die Mausefalle darum herum. Es geht um die kritische Neuauflage des Buchs „Mein Kampf“ von Adolf Hitler, die Anfang diesen Jahres, nach Auslaufen des 70jährigen Urheberrechtsschutz, in einer kommentierten und wissenschaftlich aufbereiteten Fassung erschienen ist.

Falls es tatsächlich jemanden gibt, der noch nichts davon mitbekommen hat, fasse ich die Fakten kurz noch einmal zusammen. „Mein Kampf“ ist die programmatische Schmähschrift, die Hitler während seiner Festungshaft verfasst hat, die auf den gescheiterten Putsch von München während der Weimarer Republik folgte. Das Buch ist angeblich der größte ungelesene Bestseller der deutschen Buchgeschichte, wurde es doch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten geschätzte 12 Millionen Mal aufgelegt. Nach dem Krieg ging der gesamte Nachlass des Diktators an den Freistaat Bayern, da Hitler bis zuletzt seinen Wohnsitz in München gemeldet hatte. Dazu zählten auch die Rechte an „Mein Kampf“ und es wurde festgelegt, dass dieses Buch nicht wieder aufgelegt werden dürfe. Verboten allerdings, wie oft behauptet wurde, war dieses Machwerk nie. Es durfte halt nur nicht gedruckt werden.

In diesem Jahr ist das Urheberrecht für „Mein Kampf“ abgelaufen, da es siebzig Jahre her ist, dass Hitler sich das Leben nahm, um sich aus der Verantwortung für das zu stehlen, was er der Welt angetan hat. Damit wurde ein Neudruck möglich. Dieser liegt nun in Form einer, wie gesagt, kommentierten, ungefähr fünf Kilo und zwei Bände schweren, Auflage vor.

Beziehungsweise – sie liegt eben größtenteils nicht vor!

Aus für mich teilweise unverständlichen Gründen haben sich viele Buchhandlungen geweigert, „Mein Kampf“ in ihr Sortiment aufzunehmen. Es werden dafür humanistische Gründe angeführt, die meines Erachtens bei einer wissenschaftlichen Aufarbeitung wie dieser nicht greifen.

Ich sehe keine Gefahr der Volksverhetzung, wie sie übrigens auch die gängige Lehr- und ja auch Staatsmeinung nie gesehen hat. Dafür ist dieses Machwerk zu krude, zu wirr, zu schlecht geschrieben und zu, ja, wahnsinnig, um es auch nur im Entferntesten ernst nehmen zu können. Und unsere modernen Neonazis wären mit der Lektüre wahrscheinlich komplett überfordert.

Bleiben wir kurz bei diesen unerfreulichen Zeitgenossen. Das schizophrene ist, dass es dem typischen Rechten leichter gemacht wird, das unkommentierte Original über Auslandsbestellungen oder auf Flohmärkten zu besorgen (denkt an die 12 Millionen Exemplare), als es sich in der Buchhandlung zu kaufen und vielleicht einmal zum nachdenken gezwungen zu werden. Was er wahrscheinlich nicht tun würde, aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.

Ich verlange nicht, dass Buchhandlungen hingehen und dieses Machwerk als besonderen Tipp gesondert ausstellen. Das wäre sicherlich mehr als über das Ziel hinaus geschossen, obgleich selbst der Zentralrat der Juden in Deutschland die kommentierte Fassung begrüßt hat. Es wird spannend sein zu sehen, wie der Handel nun auf das Erscheinen des Buches, dessen Erstauflage noch vor der Auslieferung verkauft war, in den Bestsellerlisten reagiert.

Was jedenfalls nicht der Weg sein kann, dann ist es die Vorgehensweise einiger Buchhändler, die sich vom Käufer sogar bescheinigen lassen wollten, dass dieser aus wissenschaftlichen Gründen den Kauf durchführen will.

„Mein Kampf“ ist sicher kein Buch, das man gelesen haben muss. Weder in seiner kommentierten und schon gar nicht in seiner unkommentierten Fassung. Aber wenn fast alle Parteien sich einig sind – Historiker, Zentralrat der Juden, Verfassungsschutz -, dass es in der vorliegenden Fassung keine gefährliche Wirkung besitzt, dann sollte man es dem interessierten Leser auch zugänglich machen. Lieber diese Edition als irgendeine der unzähligen Raubkopien, die ja nun, durch Ablauf des Urheberschutzes, ebenfalls legal im Sinne des Urheberrechts geworden sind.

„Mein Kampf“ ist gemeinfrei, der Deckel ist vom Topf und den Geist bekommt man nicht mehr in die Flasche zurück, indem man ihn ignoriert. Deswegen meine ich: Macht diese Fassung zugänglich und zwar möglichst niederschwellig. Sie muss nicht auf Buchstapeln im Eingangsbereich ausliegen, aber sie sollte im Regal mit den Geschichtsbüchern stehen. Gleich neben den passenden Biographien und weiteren historischen Aufarbeitungen!

Die zweite Ungereimtheit, auf die ich jetzt gestoßen bin, ist noch ganz aktuell. Es geht darum, dass der Verlag Bastei-Lübbe den Bestseller „Illuminati“ von Dan Brown als E-Book verschenkt hat. Und zwar an alle Benutzer von Amazon, die sich die Kindle-App heruntergeladen haben.

Dazu muss man wissen, dass Bastei sich im Bereich der E-Books als einer von wenigen großen Verlagen zeigt, die durchaus versuchen, in Form von Appetizern, erweiterten Leseproben, deutlichen Preisspannen zum Printbuch und eben solchen Aktionen, die ähnlich auch schon mit der Tolino-Allianz gelaufen sind, dem Markt Impulse zu geben.

Man kann sicherlich darüber streiten, ob es opportun ist, einen ganzen Roman zu verschenken, der diesen großen Stellenwert hat. Bastei selbst sagt dazu, dass „Illuminati“ inzwischen in über 40 Auflagen vorliegt und damit im Printsektor alle potenziellen Neukäufer weitgehend erreicht sein dürften.

Manche Buchhändler sehen das anders. Was ich verstehen kann. Was ich nicht verstehe ist, dass als Reaktion darauf das gesamte Programm von Bastei ausgelistet, nicht mehr präsentiert und/oder keine Gespräche über die Novitäten geführt werden sollen.

Es sind zu wenige Buchhandlungen, um von einem Boykott zu sprechen. Aber zu viele, um mich nicht mit einem ehrlich gemeinten „wie bitte!?“ zurück zu lassen.

Ich weiß nicht, was man sich davon verspricht, sich in den Schmollwinkel zurückzuziehen. Es geht wohl darum, dass den bösen, bösen Internethändlern nun auch noch aktiv Kunden zugeschanzt werden könnten. Das Argument wäre nur dann stichhaltig, wenn Amazon bevorzugt behandelt worden wäre. Aber, wie gesagt, für Tolino gab es schon Vergleichbares und das ist ein Projekt der Buchhändler!

Am Ende könnte sich diese Reaktion als Bumerang herausstellen. Denn was macht Otto-Normalverbraucher heute, wenn er im Geschäft nicht findet, was er sucht? Genau, er bestellt es sich im Internet. Wie praktisch, wo er sich doch gerade erst ein neues Amazon-Konto angelegt hat, um kostenlos „Illuminati“ lesen zu können …

Ich komme also in der Gesamtbetrachtung nicht umhin, wirklich die Eingangsfrage zu stellen: Was ist los mit euch? Ich weiß, dass es euch nicht gut geht und es tut mir auch leid um euch. Aber wieso macht ihr euch mit diesen an den Kunden vorbei gehenden Aktionen das Leben noch zusätzlich schwer?

Hey – ich zähle darauf, dass ihr noch da seid, wenn ich irgendwann meinen eigenen (Verlags-)Roman am Start habe! Enttäuscht mich nicht!

Und vor allem: Enttäuscht eure Kunden nicht. Denn die stimmen immer noch gnadenlos mit den Füßen – oder dem Mausklick – ab.

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3 Gedanken zu “Was ist eigentlich mit euch Buchhändlern los?

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