Die Person, für die ich schreibe, liest nicht

Oftmals hört man von Schriftstellern, dass sie nicht für ein anonymes Publikum schreiben, das sie sich nicht einmal im Ansatz visualisieren können, sondern dass es da diesen einen, ganz besonderen Menschen in ihrem Leben gibt, der ihnen gleichzeitig als Muse, als Kritiker, als Stütze in schweren Zeiten und auch als moralische Instanz dient, wenn sie zur Feder oder zur Tastatur greifen. Das hilft ihnen dabei, die Qualität ihrer Texte zu überprüfen, Form und Stil auszurichten und auch, um Motivationslöcher zu überbrücken.

Als ich 2011 nach langer Schreibpause wieder damit begann, mich mit dem Schreiben von Romanen auseinander zu setzen, hatte auch ich so einen Menschen. Das kuriose an dieser Beziehung ist, dass dieser Mensch nicht liest!

Jetzt ist es nicht etwa so, dass B. nur meine Bücher nicht liest. Sie liest überhaupt keine Bücher! Ich kann solche Menschen ja immer nur schwer begreifen, aber ich weiß, dass es sie gibt.

Und so habe ich, sollte man meinen, ein kleines Problem: die Person, für die ich insbesondere in den Jahren 2011 bis 2013 geschrieben habe, liest nichts von dem, was ich schreibe.

Aber es ist kein Problem und wisst ihr auch, warum es das nicht ist?

Weil B. zwar nicht meine Romane liest, aber weil sie gefühlsmäßig sehr nah an mir dran ist. Räumlich trennen uns runde 170 Kilometer voneinander. Und wir haben auch nicht mehr so oft Kontakt, wie wir ihn früher hatten. Aber irgendwie ist B. immer noch die Person, die ich bei vielen Texten im Hinterkopf habe, wenn ich sie schreibe.

Sie ist ein sehr musischer Mensch, Sängerin. Ich glaube, dass sie deswegen auch meine hochfliegenden Ziele nachvollziehen kann. Dass sie mich deswegen nicht belächelt, wenn ich davon schreibe, veröffentlichen zu wollen.

Sie stärkt mir den Rücken darin, mich nicht zu klein zu machen. Weil sie weiß, dass ich gut darin bin, mich klein zu machen.

Als ich „Der Morgen danach“, „Der Rezensent“, „Das Haus am See“, Der Ruf des Hafens“ und „Darkride“ geschrieben habe, habe ich ihr jeden Tag eine Mail zukommen lassen, in der die Zahl der an diesem Tag geschriebenen Wörter stand, der erste geschriebene Satz und der letzte geschriebene Satz. Gefühlt war sie damit ganz dicht dran am Entstehungsprozess.

Wir haben uns oft über diese kleinen Sätze ausgetauscht, B. und ich. Es war eine ganz besondere Art der „Zusammenarbeit“.

Seit „Der Redner“ ist diese Form der täglichen Berichterstattung leider eingeschlafen. Von meiner Seite aus eingeschlafen. Ich weiß nicht, was mich davon abgehalten hat, weiß es auf der anderen Seite ganz genau. Es war die Angst, mit meinem Geschreibsel einem Menschen auf die Nerven zu gehen, von dem ich doch genau weiß, dass er diesen Roman nie lesen wird.

Und irgendwann eröffnete ich dann diesen Blog und ab da war sowieso alles anders.

Heute Abend telefoniere ich mit B. Und ich denke, wir werden uns auch über meine schriftstellerischen Pläne für dieses Jahr unterhalten. Und ich glaube, ich muss ihr noch einmal ganz deutlich Danke sagen! Danke dafür, dass sie die ganze Zeit über an mich glaubt und geglaubt hat. Auch dann, als ich mich zu doof dafür befand, mehr als drei Worte aneinander zu reihen.

Die Person, für die ich schreibe, liest nicht! Aber wenn es irgendwann, dereinst, Hörbücher zu meinen Romanen gibt, dann holen wir das alles nach :-).

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20 Gedanken zu “Die Person, für die ich schreibe, liest nicht

  1. Ich finde, es ist eine tolle Strategie, für einen bestimmten Menschen zu schreiben. Muss ich auch mal testen. 🙂

    Hab ein schönes Telefonat mit B., der auch ich gern ein bisschen Danke sage, weil deine Texte ohne sie vielleicht anders wären. Oder gar nicht wären. Und das wäre wirklich schade!

    Gefällt 3 Personen

    • Mic schreibt:

      Es geht an der Stelle ja wirklich mehr um den Aspekt der Motivation. Streng genommen soger der intrinsischen Motivation. B. kann mich sicherlich nicht dadurch motivieren, dass sie mir sagt, was für tolle Sachen ich geschrieben habe. Aber dafür habe ich ja euch ;-). Aber sie kann mich damit motivieren, dass sie vorbehaltlos an mich glaubt – etwas, was sehr wichtig für mich ist.

      Und die Sache mit den Hörbüchern haben wir gestern zumindest schon mal vorbesprochen :-).

      Gefällt 1 Person

    • Mic schreibt:

      Und hast du nie den Wunsch gehabt, dass sie es lesen würde?

      Ich frage deswegen, weil das gestern Abend in meinem Telefonat auch Thema war und mir erst einmal nicht geglaubt wurde, dass das wirklich rückhaltlos in Ordnung für mich ist.

      Gefällt 2 Personen

      • So ein bisschen ist der Wunsch vielleicht da. Manchmal stelle ich mir vor, was dieser Mensch wohl zu dem was ich schreibe sagen würde.

        Aber in Wahrheit möchte ich das doch nicht wissen. Meine Muse lebt und ließt quasi in der Phantasie. Und das ist in Ordnung.

        Irgendwie wird so eine Welt geschaffen, die weder wahr, noch falsch ist. Eine schwebende Welt, doch mit Hand und Fuß.

        Selbst wenn dieser Mensch doch einmal lesen würde, so würde ich das nicht erfahren wollen.

        Gefällt 2 Personen

      • Ich habe das nicht nur mit dem Schreiben. Oft mache ich Dinge „für“ eine bestimmte Person, weil sie es gut fände. Und nach und nach wird ihre Meinung zu meiner und ich mache es will ich es gut finde. So war es zb mit dem perfekt sein. Das war anstrengend. Person x fand das schrecklich und wollte ein unpefektes angenehmes Leben. Also versuchte ich es bei meinem Leben auch, für Person x. Und irgendwann fing ich leider auch an zu spät zu kommen oder ähnliches. ABER: mein Leben war nicht mehr so anstrengend. Ich war nicht mehr so perfekt. Ich habe das Person x nie erzählt 😉 das ist in etwa so wie nie lesen.

        Ich schreibe auch mit bestimmten Personen im Kopf. Das ist beim Bloggen schwer. Einen Beitrag musste ich löschen, da mir Freunde Mails schickten. Dr Blog Eintrag war nicht für die passend. Die Blogger fanden es gut aber meine Freunde nicht.

        Hah ich könnte noch mehr dazu sagen 😉

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  2. Für Jemanden schreiben… hmmm… grad drüber gestolpert. Ich schreibe eigentlich immer nur für mich – und wenn ich es veröffentlichen möchte, dann ist natürlich mein Ziel, dass es den Lesern gefällt. Aber so eine Muse? Hmm… einen, der Korrektur liest? Sowas habe ich nicht. Aber bisher waren es auch immer nur Kurzgeschichten. Vielleicht wär es anders bei einem Thriler bzw. Krimi, denn dann braucht man einen guten Kritiker.
    *kopfkratz* Berühmtheiten haben ja auch oft Musen, die sie inspirieren. Frage mich gerade, warum das so ist und wo sie herkommt?! Hmm…

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    • Da hast du was falsch verstanden: meine „Muse“ (sie würde, glaube ich, in der Erde versinken, wenn ich sie so nennen würde) liest nicht Korrektur. Sie liest ja mehr oder weniger gar nicht.

      Sie war für mich da, als ich glaubte, nie wieder ein Wort schreiben zu können, meine Schriftsprache für immer verloren zu haben. Wenn es die Aufgabe einer Muse ist, den „Künstler“ zu inspirieren, dann hat sie das getan.

      Und auch heute noch genügen wenige Worte von ihr, um mich in meinem Schreiben zu bestärken, meinen Traum weiter zu träumen. Nicht aufzugeben.

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      • Aber kam sie denn von allein oder hast du nach Hilfe gesucht?
        Ich finde es aber toll, einen Menschen zu haben, der einen darin bestärkt.
        Mein Schatz liest meine Kurzgeschichten nicht, freut sich aber, wenn ich Erfolg habe und bestärkt mich so darin. Wobei ich es schön fände, wenn er sie mal lesen würde.^^ Er will ja immer eigentlich mal irgendwann, wenn er Zeit hat…

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      • Wir haben einander zufällig getroffen – wobei es Schicksal war und kein Zufall. Wir waren beide auf der Suche nach Bestätigung und Mut – und haben uns dies gegenseitig geben können.

        Kurzgeschichten – da war was (duck und versteck) …

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      • Ja, oh ja, da war was *hinterherrenn*
        Aber ist doch super, wenn ihr euch gegenseitig geben konntet, was ihr brauchtet. Das war vielleicht dann nicht zufällig, sondern wirklich so gewollt vom Schicksal, wie du schriebst.

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