Alleine am Schreibtisch sitzen

Vielleicht lest ihr zum Einstieg den Beitrag „Alleine am Schreibtisch sitzen“ beim „Institut für Selbstversunkenheit und Kreation“, der den Anlass zu diesem Artikel hier gab.

Was für ein Titel für einen Beitrag – und was für ein gewaltiger Trigger, um euch die Geschichte meines Schreibtischs zu erzählen. Denn für mich war es über viele Jahre ganz und gar nicht selbstverständlich, dass ich so etwas besessen habe, also einen Platz, an dem ich mich ausbreiten, konzentrieren und ausleben konnte, wie ich wollte.

Meine ersten drei Romane entstanden in meinem alten Kinderzimmer bei meinen Eltern. Dieses teilte ich mir bis zuletzt, also bis ich ausgezogen bin, mit meinem fünf Jahre jüngeren Bruder. Das bedeutete, dass nicht nur der Fernseher, die Stereoanlage und sonst alles heiß umkämpft war, sondern auch der Platz vor dem PC. Der gehörte nämlich nicht explizit mir, sondern war von meinen Eltern generös zur Verfügung gestellt worden.

Wenn ich gemein wäre, würde ich behaupten, dass ich nur deswegen immer länger brauchte, um meine Romanentwürfe zu schreiben, weil mein Bruder mich dabei gestört hat. Aber Tatsache ist, dass es manchmal gar nicht so leicht war, kreativ zu sein. Zumal dazu noch die nicht weg zu diskutierende Tatsache kommt, dass ich so dermaßen verschüchtert war, dass ich es am liebsten gehabt hätte, wenn niemand überhaupt liest, was ich schreibe. Und dies dann direkt von den Augen von jemand anderem zu tun, auch wenn den das so gar nicht interessierte, war für mich verdammt schwer.

Meine erste eigene Wohnung war ein auf 32m² aufgeblasener Schuhkarton, in dem der PC – mein erster eigener! – im Schlafzimmer stand. Das war in der Planung kein Problem, bis dann unverhofft meine Freundin und heutige Frau bei mir einzog. Meine Frau ist Krankenschwester und hatte damals die ganz normalen Schichtdienste. Das bedeutete, dass ich zu verschiedensten Zeiten überhaupt nicht an den PC herankam, um zum Beispiel zu schreiben, wenn mich die Muse küsste.

Es folgten drei Wohnungen, in denen der PC im Wohnzimmer stand. Das war weitgehend okay, verfasste ich in diesen Jahren doch mehr kürzere Texte für das Internet, als lange Romanentwürfe. In der Zwischenzeit war auch das erste Kind eingetroffen und veränderte sowieso einiges in meinem Leben.

Irgendwann aber schlich sich ein Gefühl ein, das ich nur schwer beschreiben kann. Es war das Gefühl, mit meinem Schreiben immer nur ein mehr oder weniger geduldeter Zaungast zu sein. Dazu muss man wissen, dass ich das Schreiben in einem vier bis fünf-Fingersystem auf einer sehr hartgängigen Tastatur gelernt habe. Das bedeutet, dass ich bis heute etwas lauter in die Tasten haue. Daneben fern zu sehen ist nicht unbedingt zumutbar. Und so blieb die Tastatur oft kalt, wenn meine Frau sich etwas anschauen wollte.

Irgendwann zogen wir in unsere letzte Wohnung vor dem Umzug ins Haus ein. Und diese Wohnung hatte eine Nische im Schlafzimmer, die wie geschaffen dafür war, um einen Eckschreibtisch hinein zu stellen! Das Schlafzimmer bot sich deswegen an, weil meine Frau inzwischen nicht mehr so viel arbeitete, wir in der Zwischenzeit ein zusätzliches Notebook angeschafft hatten und meine Frau ein eigenes, wirklich sehr kleines, Nähzimmer hatte. Wir kamen uns also so oder so nicht mehr in die Quere.

Und dann bekam ich ihn: meinen ersten eigenen Schreibtisch! Oh mein Gott, wie ich diesen Moment heute noch nachfühlen kann! Ich konnte die Tür hinter mir zuziehen und war mit mir, meinen Gedanken und den Welten in meinem Kopf alleine! Niemand störte mich und wenn ich mir die Kopfhörer aufsetzte, versank ich für eine Stunde oder so in meiner Phantasie.

An diesem Schreibtisch und in dieser Konstellation schrieb ich meinen Roman „Es zwingt einen dazu“. Ganz konzentriert und mit fünf Seiten pro Abend, die ich auf dem nun ebenfalls direkt dabei stehenden Laserdrucker ausdruckte und beim Drucker gestapelten Manuskript verwahrte!

Dann kam Kind 2 und mein Schreibtisch musste der Wickelkommode weichen. Für geraume Zeit war ich wieder ins Wohnzimmer verbannt – und das machte sich in meiner Kreativität bemerkbar.

Aber dann der Umzug ins Haus und, nach 37 Jahren, mein erstes eigenes Zimmer! Der erste Raum, der nur mir gehört und nur nach meinen Bedürfnissen gestaltet ist! Und so zog mein Schreibtisch wieder ein, der Eckschreibtisch. Und hier kann ich schreiben, mich treiben lassen, Dinge tun, die ich mag. Ich habe alles um mich herum, was ich brauche. Vieles, was ich nicht brauche. Aber der Schreibtisch ist das zentrale Möbelstück.

Seitdem schreibe ich viel produktiver – und fange an, meine Träume zu verwirklichen.

Alleine am Schreibtisch sitzen – das ist es, was ich brauche, um mich in die Welt wagen zu können. Weil nur so, im Stillen, im Verborgenen, die Kraft wachsen kann, um den Mut zu erzwingen, um genau dies tun zu können.

Ich danke dem „Institut für Selbstversunkenheit und Kreation“ dafür, den Anlass zu diesem Artikel zu geben, der schon lange in meinem Kopf herumgeistert!