Am Tod vorbei gelaufen

Als Autor geht man mit offenen Augen und offenen Gedanken durch die Welt. Manchmal sieht und hört man auch zu viel davon, möchte sich abgrenzen können, schafft es aber nicht.

Vorhin hatte ich so einen Moment.


Ich mache mich, wie fast jede Mittagspause im Moment, auf den Weg zu meinem Hautarzt, um mich dort bestrahlen zu lassen. Die Sonne scheint, im Vergleich zu den letzten Tagen ist es warm. Ein richtig schöner Tag, der viele Geräusche in sich birgt. Plötzlich mischt sich ein Brummen darunter, das näher kommt. Ein zuerst leises Rauschen, das dann ansteigt und nun ungefähr wie ein unrund laufender Deckenventilator klingt. Ich kenne dieses Geräusch und weiß, dass es sich um den Rettungshubschrauber handelt. Dieser nutzt den Vorplatz vor dem lange verwaisten Musicaltheater, um dort zu landen.

Noch denke ich mir nichts dabei, gehe meines Weges. Doch dann biege ich um eine Ecke und sehe unvermittelt eine Menschentraube. Sie befindet sich auf einer Wiese, alle sehen leicht geschockt aus. Einige sind in die Hocke gegangen. Und dann sehe ich auch den Grund dafür: mitten in dem Knäuel wird ein Mann, ich glaube, dass es ein Mann ist, reanimiert. Es sind die typischen, abgehackten Stöße auf den Brustkorb, die man schon dutzendfach im Fernsehen gesehen hat.

Der Mann hatte vielleicht Glück, ist er doch direkt neben einem Krankenhaus zusammengebrochen. Aber es ist die falsche Klinik! In diesem Krankenhaus behandelt man psychische Probleme und keine wirklich schweren Krankheiten. Deswegen hat man auch einen Notarzt gerufen. Immerhin hält ein Pfleger eine Infusionsflasche hoch. Doch sieht er nicht aus, als ob er viel Vertrauen in das setzt, was er dort tut.

Ich gehe weiter, will nicht gaffen. Spüre aber den Drang, der viele Menschen zu Gaffern macht: den Wunsch zu beobachten, alles genau zu sehen. Dort auf der Wiese neben dem falschen Krankenhaus kämpfen Menschen um das Leben eines anderen Menschen. Es käme mir obszön vor, wenn ich sie dabei beobachten würde.

Wo bleibt nur der Notarztwagen?

Als ich um die beistehende Kirche herum gehe, kann ich endlich das sich nähernde Martinshorn hören. Aber es ist zu weit weg, noch viel zu weit weg! Wie lange haben sie ihn schon reanimiert, als ich an der Stelle vorbei kam? Wie lange kann man einen Menschen noch ins Leben zurückholen?

Bei meinem Hautarzt denke ich über einige Dinge nach, die mich unter anderem auch diesen Blogeintrag verfassen lassen. Ich behaupte nicht, dass mich der mögliche Tod dieses Menschen erschüttert hat. Dafür weiß ich zu gut, dass jeden Tag, überall um mich herum, Menschen auf die verschiedensten Weisen sterben. Ich kann hoffen, dass ein Großteil von ihnen es nach einem langen und erfüllten Leben im angestammten Bett hinter sich bringt. Aber ich kann es nicht beeinflussen.

Als Autor bin ich der Herr über Leben und Tod in meinem Roman. Und der Tod eines Menschen ist nur zu billig, wenn man darüber schreibt! Es ist egal, ob es das eine Opfer eines Mörders ist, oder ob es sich um ein im Rahmen eines fantastischen Krieges komplett dahingeschlachtetes Volk handelt. Wir töten und vergessen die Toten. Und eine Seite weiter ist wieder alles beim Alten.

Als ich vom Hautarzt zurückgehe, steht der Krankenwagen da und versperrt die Straße. Er hat zwar sein Blaulicht eingeschaltet, aber ich vermute, dass er das nur hat, um nicht das wütende Hupen der blockierten Autofahrer zu provozieren. Das medizinische Personal ist sehr ruhig – und hat die Seitentüre nicht geschlossen. Ich weiß, was das bedeutet. Es bedeutet, dass hier niemand liegt, der vor den Augen der Öffentlichkeit geschützt werden muss.

Einige Meter weiter sitzen mehrere Frauen auf einer Bank und werden von einem Polizisten befragt. Ich glaube, eine der Frauen, den Namensschildern nach alles Mitarbeiterinnen der Klinik, weint.

Ich gehe weiter und denke darüber nach, dass jemand, der nicht zufällig gesehen hat, was hier vor einer Viertelstunde geschehen ist, achtlos an der Szene vorbeigehen würde.

Noch einmal eine halbe Stunde später startet der Rettungshubschrauber wieder. Er fliegt langsam und in aller Ruhe in Richtung seines Flugplatzes.

Und alles ist wieder beim Alten.


 

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21 Gedanken zu “Am Tod vorbei gelaufen

  1. Mich stört sowas ja nicht mehr…sterbende oder tote zu sehen.. Man gewöhnt sich dran.
    Komisch ist manches dennoch.

    Ein alter Mensch der stirbt, okay.

    Aber wenn jemand irgendwas aus seinem Alltag macht und plötzlich tot umfällt..ja, da erinnert man sich, dass man es morgen schon selbst sein könnte..

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    • Mic schreibt:

      Ich weiß es nicht, deswegen habe ich es nicht aufgeschrieben. Aber der Mann lag auf einem Grünstück, wo am Freitag noch eifrig Gartenarbeiter zu Gange waren.

      Auf der anderen Seite des Gebäudes hantierte jemand mit einem Laubbläser. Und ich werde den Gedanken nicht los, dass die beiden Kollegen (gewesen) sein könnten.

      Ich meine: wie unheimlich ist das denn? Während der eine auf der einen Seite arbeitet, stirbt der andere auf der anderen?

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  2. Das Leben… Ich denke oft, wenn ich im Wald bin, dass in dieser friedlichen Atmosphäre irgendwo eine Leiche liegen könnte. Mitten im Vogelgezwitscher.

    Das ist übrigens einer der Gründe, warum ich fast keine Krimis lese. Ich kann es schwer ertragen, dass Dinge, die auch im wirklichen Leben geschehen, zu Spannungsmomenten verarbeitet werden. Und ein Grossteil der lesenden Menschen nichtmal mit der Wimper zuckt beim Lesen…

    Vielleicht entspringt es einem natürlichen Drang der Menschen, wie du oben beschrieben hast, das Aussergewöhnliche, das Morbide zu beobachten. Darüber lesen zu wollen. Aber stumpft uns das nicht auch fürchterlich ab?

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    • Mic schreibt:

      Das ist eine sehr gute Frage, auf die ich leider keine eindeutige Antwort geben kann. Sicherlich mag es einen Gewöhnungseffekt geben, aber ich denke, dass der sich im literarischen Bereich bewegt. Soll heißen: nur weil einer von Massenmördern liest, wird er nicht automatisch weniger emphatisch, wenn er auf einmal mit dem Mord an einem Nachbarn o.ä. konfrontiert ist. Oder nehmen wir das Thema Missbrauch.

      Selbst ein „einfacher Einbruch“ kann bei jemandem, den ich kenne, ein traumatisches Erlebnis sein. Und schon wird etwas, das ich in einem Roman vielleicht so banal ffinden würde, dass ich ihn gelangweilt weglege, zu einer für mich ganz anderen Erfahrung.

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  3. Mich stumpfen Krimis und Thriller nicht ab (auch nicht die Horrorgeschichten oder Filme, die ich früher gern gelesen oder gesehen habe). Im Gegenteil – da weiss ich, das ist fiktiv, das kann mir nichts tun. Das wirkliche Leben ist so furchtbar, dass ich manchmal wirklich Angst habe. In jedem Menschen kann ein Monster stecken – man weiss es nur nicht… Was ich dauernd lese – was andere anderen antun… ich kann es einfach nicht nachvollziehen. Vor allem wenn es Kinder betrifft. Dann ekelt es mich an, das macht mich wütend und mir wird übel dabei!
    Also abgestumpft bin ich absolut nicht – eher übersensibel…

    Sehr gut geschrieben und mir tut der Mann leid – allerdings weiss man ja gar nicht genau, was passiert ist. Wenn man es genau nimmt – vielleicht hätte es sogar ein Mensch sein können, der freiwillig aus dem Leben gehen wollte? Wer weiss das schon…

    nachdenkliche Grüsse kitty

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    • Mic schreibt:

      Das ist natürlich nicht schön, liebe Kitty, wenn das wirkliche Leben manchmal so furchtbehaftet für dich ist. Zum Glück sind nur die wenigsten Menschen wirklich Monster – nach meiner Erfahrung. Aber ich gebe dir Recht darin, dass manche Verbrechen und Gewalttaten auf dem Vormarsch sind.

      Nein, ich weiß nicht, was genau mit dem Mann gewesen ist. Das krude ist, dass ich genau dafür, um das zu erfahren, das hätte tun müssen, was man wohlbegründet nicht tun soll – herumstehen und gaffen.

      So nah sind da die Begrifflichkeiten beieinander zwischen Gaffen und Anteilnahme …

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      • Stimmt absolut! Und man kann einem Menschen nicht ansehen, ob er gerade nur sensationsgierig ist oder wirklich wissen will, was los ist…
        Ja, ich habe manchmal regelrecht Angst vorm Leben und um meine Kinder. Da kann ich nur manchmal versuchen, das zu verdrängen. Ich sage immer, in Jedem steckt ein Mörder (sogar in mir), denn man muss nur einen genug reizen und die entsprechenden Knöpfe drücken (wehe dem, der den Kindern einer liebenden Mutter etwas antut).
        Darum wohl liebe ich Bücher so sehr… da bin ich immer in Sicherheit. 🙂

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      • Mic schreibt:

        So habe ich das mit den Büchern noch nie betrachtet. Aber es ist etwas wahres daran: was in einer Geschichte geschieht kann noch so grausam sein, man kann es mit einem einfachen Zuklappen des Buches aussperren. Ich will jetzt nicht so weit gehen zu sagen, dass das schon was kathartisches hat (wenn ich gewusst hätte, dass ich dieses Wort noch einmal jenseits meines Deutsch-LK benutzen würde …). Aber es geht in die Richtung.

        Doch ob wirklich in jedem ein Mörder steckt? Ich weiß, dass in mir einer steckt. Und dass ich den Mistkerl am besten durchs Schreiben im Zaum halten kann. Auch wenn das Schreiben die Erscheinungsform ist, in der er sich am ehesten zeigt.

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      • Genau!
        Und ich bin überzeugt davon, dass wirklich in Jedem ein Mörder steckt – zumindest die halbwegs erwachsenen Menschen, auch wenn Kinder ihre eigene Grausamkeit haben…
        Du musst nur den Schalter finden – schau dir Thriller bzw. Krimis von früher an, wo z. B. mit Hypnose erreicht wird, dass einer mordet. Selbst das geht nur, wenn das Unterbewusstsein bereit ist.^^ Es muss Jemandem wichtig genug sein.
        Soldaten z. B. sind ja auch gewissermassen bereit zu töten – aber auch, sich töten zu lassen (sofern es einigermassen freiwillig geschieht, aber auch da gibt es ja Gehirnwäsche etc.). Ein sehr weitgreifendes Thema…
        Wenn du durch den Mistkerl in dir tolle Bücher schreiben kannst, ist das doch gut. Weisst du, woher der Mistkerl gekommen ist? (brauchst nicht ins Detail zu gehen)
        liebe Grüsse
        kitty 🙂

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      • Mic schreibt:

        Ja, ich habe eine sehr genaue Vorstellung, woher der Mistkerl stammt. Jedenfalls bei einer Vielzahl seiner Facetten. Einige gibt es, denen ich noch auf den Grund gehen muss. Ins Detail zu gehen wäre mir an dieser Stelle, zugegeben, auch etwas zu delikat ;-).

        In der Tat ein sehr weitgreifendes Thema. Alleine über die Rolle von Soldaten könnte man tagelang diskutieren. Ach was, darüber wird ja seit Jahren und Jahrzehnten gestritten. Ich erinnere an die „Soldaten sind Mörder“-Affäre von vor ein paar Jahren.

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      • Ja, das glaub ich dir, dass das sehr delikat wäre. 🙂
        Zu Soldaten fällt mir immer ein, dass es ohne Krieg keinen Frieden geben kann… bescheuert oder? Und dann fällt mir da so eine Geschichte ein, weiss nicht mehr wie sie heisst, wo eine Insel nur von Kindern bevölkert wird. Es bilden sich dann zwei Gruppen und eine Gruppe tyrannisiert die andere, knechtet und unterwirft sie. Die „Herrscher“ werden fett und weich und kraftlos und die „Arbeiter“ immer stärker und erheben sich dann… finde ich immer wieder faszinierend sowas… hat immer zwei Seiten… Auch bei der Soldaten bzw. Mördersache. Es gibt Mörder, die kann ich sogar verstehen. Todesstrafe wäre da auch noch so ein Thema, was man von vielen Seiten betrachten kann … und dazu gehört.
        Der Tod ist wirklich sehr vielschichtig. Und das kurz nach dem Frühstück vor der Arbeit. 🙂 Dabei bin ich noch so müde. *gähn*

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      • Mic schreibt:

        Die Geschichte, die du meinst, ist „Herr der Fliegen“, ein ganz wunderbarer Stoff.

        Und müde bin ich auch. Die letzte Nacht war irgendwie eine Katastrophe *mitgähn*.

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