Ein Tag des Gedenkens

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diesen Artikel schreiben soll. Deswegen kommt er auch erst so spät am Tag. Denn ich wage mich damit einerseits in ein Thema vor, das eigentlich auf einer eher der leichten Unterhaltung dienenden Website wie dieser keinen rechten Platz zu haben scheint. Andererseits muss ich, um ihm trotzdem gerecht werden zu können, Dinge aus meinem aktuellen Romanprojekt spoilern, was ich eigentlich auch nicht wollte. Aber irgendwie ist mir dieser Tag, unter den gegebenen Umständen, zu wichtig, um einfach zu schweigen.

Heute ist der Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus. Er wurde auf ein symbolträchtiges Datum gelegt, auf den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, dessen Bedeutung als Mordfabrik des Dritten Reiches ich hoffentlich niemandem erläutern muss.

An diesem Tag gedenken wir der vielen Toten, den sinnlos einer Ideologie geopferten, einem Verbrechen zum Opfer gefallenen Männer, Frauen und Kinder. Die meisten Menschen werden sich denken, dass sie mit etwas, das vor über siebzig Jahren war, nichts mehr zu tun haben. Ich sehe das ein wenig anders. Vor allem vor dem Hintergrund der neuen rechten Elemente in unserer Gesellschaft, deren Namen ich hier, denke ich, nicht nennen muss.

Aber welche Relevanz hat der Holocaust heute noch für uns? Ist er mehr als historisches Schreckgespenst, das immer wieder aus seiner Truhe befreit wird, um „uns“ ein schlechtes Gewissen zu machen?

Ich lenke an diesem Tag immer meinen Blick nach Israel, ein Land, das sicherlich auch nicht alles so macht, wie man es sich wünschen würde und in dem es sicherlich auch Strömungen gibt, die man zumindest mit einem Augenkneifen bedenken kann. An diesem Tag heulen in Israel die Sirenen, halten die Menschen inne und gedenken jenen, auf deren Schultern dieses Land teilweise heute noch steht. Es ist schwer, diese Bilder zu sehen und nicht zu glauben, dass es noch eine Relevanz des Holocaust gibt.

Jedes Jahr werden es weniger Menschen, die noch Zeugnis darüber ablegen können, wie es damals gewesen ist, als man ja nicht ausschließlich Juden, sondern auch Sinti, Roma, Andersgläubige, Schwule, körperlich und geistig Beeinträchtigte oder schlicht sogenannte unerwünschte Elemente im großen Stil umgebracht hat. Ich halte es für wichtig, diesen Menschen zuzuhören und ihre Geschichten zu bewahren.

Ich selber habe keine direkten Beziehungen zum Holocaust, derer ich mir bewusst wäre. Es gibt Spekulationen darüber, was meine Großväter genau im Krieg getrieben haben. Da wäre vielleicht einiges aufzuarbeiten – wie es in so vielen Familien Dinge gäbe, die aufgearbeitet werden müssten! Alleine, wir tun es nicht, denn diese Dinge sind ja so weit weg von uns.

Und doch braucht es nur so etwas profanes wie die Wiederveröffentlichung von Hitlers Schmähschrift „Mein Kampf“, um gleich einen mittelprächtigen Skandal auszulösen.

Gerade habe ich geschrieben, dass ich keine Beziehungen zu Holocaust habe, die über das hinausgehen, dass ich X Bücher zum Thema gelesen und mir, glaube ich, eine recht fundierte historische Grundlage angeeignet habe. In diesem Jahr, dem 71. seit der Befreiung des KZ Auschwitz, hat sich das ein wenig geändert. Es hat sich durch meinen Roman „Die Welt der stillen Schiffe“ geändert.

Vielleicht erinnert ihr euch noch, dass ich einmal davon schrieb, dass sich in jener seltsamen Welt die Besatzung eines deutschen Schiffes und eines britischen Kriegsschiffes treffen. Wir sind in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Also sind Spannungen vorprogrammiert. Hinzu kommt, dass es in der damaligen Zeit natürlich nicht nahezu selbstverständlich war, dass Deutsche Englisch sprechen konnten. Ich hatte die entsprechenden Sprachverwirrungen ja benannt.

Die Antwort auf dieses Problem lautete: es muss ein Übersetzer her, der sich an Bord des britischen Schiffes befindet.

Dieser Übersetzer stellt sich im Laufe der fortschreitenden Ereignisse als Jude heraus. Und zwar als ein Jude, der alles Recht hat, auf die Deutschen an sich einen gewaltigen Hass zu entfalten.

Es war nicht so geplant, ganz ehrlich nicht. Wie ihr wisst, passieren mir solche Dinge manchmal einfach. Und so habe ich jetzt einen jüdischen Übersetzer, der meinen Protagonisten verständlicher Weise feindselig gegenüber steht. Gleichzeitig sind diese aber auf ihn angewiesen, weil sie ansonsten nicht mit den Engländern kommunizieren können, was aber dringend nötig ist um etwas zu tun, was ich euch natürlich, mal wieder, nicht verrate.

Am heutigen Tag des Gedenkens habe ich mich gefragt, ob es eigentlich rechtmäßig von mir ist, eine jüdische Figur einzusetzen, nur um einen Effekt zu erzielen – und sei es der Effekt, die Spannungsschraube noch ein wenig anzuziehen.

Meine Antwort lautet: Ja! Es ist rechtmäßig, wenn ich mich an Fakten halte. Sofern ich der Figur eine nachvollziehbare Vergangenheit und damit auch Motivation gebe. Wenn sie eben nicht nur eine Attraktion auf dem Altar der Spannungsliteratur ist, sondern eine echte, bewusst handelnde Figur. Eine Figur, die mir sicherlich noch das eine oder andere Mal Kopfzerbrechen bereiten wird, weil sie sich naturgemäß ganz anders verhalten wird, als es mir in der Sekunde passen würde.

Ich gehe nicht so weit zu sagen, dass es mir wichtig ist, aufgrund der immensen Bedeutung, die ich den Ereignissen von damals immer noch beimesse, eine jüdische Figur in meiner Geschichte zu haben. Aber jetzt, wo sie einmal da ist, kann und will ich es auch nicht bagatellisieren.

Heute ist, oder bald kann man schon sagen „war“, der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Ich habe mich einen Moment ganz bewusst hingesetzt und meiner Figur, meinem jüdischen Übersetzer gelauscht. Habe mir von ihm einen Teil seiner Geschichte erzählen lassen. Und danach habe ich ihn in den Arm genommen und wir haben zusammen ein paar Tränen verdrückt.

Weil ich finde, dass das, was vor über siebzig Jahren war, auch heute noch wichtig ist und auch heute noch eine Relevanz für unsere Gesellschaft besitzt.

Lesetipp: Der zweite Teil von Torsten Dewis Artikel

Nur für den Fall, dass ihr nicht selbst und von alleine schon voll Spannung auf den zweiten Teil von Torstens Artikel gewartet habt, möchte ich euch an dieser Stelle darauf hinweisen, dass dieser inzwischen online ist.

Der (vor-)letzte Absatz ist zu schön und leider auch wahr, um ihn nicht an dieser Stelle bereits zu zitieren:

Ich will nicht – wie mir fälschlicherweise unterstellt wurde – dem klassischen Verlagssystem das Wort reden und/oder Selfpublishing schlecht machen. Aber wenn man ein (zugegeben verknöchertes) Konstrukt mit klaren Verantwortlichkeiten und Prüfmechanismen aufgibt, um die schöne neue Buchwelt in totaler Freiheit zu gestalten, darf man sich nicht wundern, wenn manche Leute nicht nur Literatur schaffen und Gehör suchen, sondern vor allem nach Profit und Ruhm schielen.

Nach dem, was man über dubiose „Verlage“ in diesem Artikel lesen kann, ist man mehr als geneigt, dem zuzustimmen.

Also, lange Rede, kurzer Sinn – ‚rüber zum Wortvogel, Artikel lesen und vielleicht auch dort ins Gespräch kommen!