„Die Mächte des Wahnsinns“ – Die Macht eines Autors

Gestern, als ich kopfschmerzbedingt einen Tag frei von meinen schriftstellerischen Aktivitäten genommen habe, habe ich mir abends einen Film angeschaut, den ich schon lange einmal wiedersehen wollte: „Die Mächte des Wahnsinns“ von John Carpenter mit Sam Neill und Jürgen Prochnow.

In diesem Film wird der Versicherungsdetektiv John Trent (Neill) auf die Suche nach dem Bestsellerautor Sutter Cane geschickt, dessen Verlag lange nichts mehr von ihrem lukrativsten Pferd im Stall gehört hat. Cane ist Autor von Horrorromanen, die – dessen rühmt man sich an oberster Verlagsspitze – bei gewissen Lesern zu Symptomen wie Desorientierung, paranoider Schizophrenie und dergleichen lustiger Dinge mehr führen können.

Eigentlich sollte der neueste Cane schon längst im Handel sein, aber da der Verlag nicht liefern und die Händler nicht verkaufen können, brechen auf der ganzen Welt Unruhen aus, die in heftigen Gewaltausbrüchen explodieren. Trent selber wird Zeuge, als ein Mann mit einer Axt auf ihn losgeht und in letzter Sekunde von Polizisten mit mehreren Schüssen (leicht übertrieben) gestoppt werden kann.

Trent erfährt, dass es sich bei dem Mann um den Manager von Sutter Cane gehandelt hat. Durch einen Zufall entdeckt er, dass die Cover der letzten paar Romane, alle vom Autor selbst gestaltet, einen Wegweiser in die Stadt Hobb’s End darstellen, über die Cane in seinem Werk häufiger geschrieben hat.

Zusammen mit der Lektorin Linda Styles macht Trent sich auf den Weg, um den Autor ausfindig zu machen. Doch schon auf der Fahrt geschehen seltsame Dinge, die darin gipfeln, dass sowohl der Ort Hobb’s End, den es auf keiner Karte gibt, als auch seine Bewohner direkt aus einem Roman zu stammen scheinen. Und als sie Cane (Prochnow) in einer entweihten Kirche finden, offenbart dieser ihnen eine Wahrheit, die zu unglaublich klingt, um Realität sein zu können.

Wird Trent wirklich wahnsinnig, wie der Prolog des Films es suggeriert, oder verbirgt sich hinter der kleinstädtischen Fassade in Wahrheit ein Tor in eine Dimension des Schreckens?

Ohne zu viel verraten zu wollen: der Film ist viel besser, als ich ihn von meiner ersten Sichtung her in Erinnerung hatte. Er spielt gekonnt mit den verschiedenen Bewusstseinsebenen, die einen Menschen in verschiedenen Stadien seiner Existenz ausmachen können.

Die Werke, die Sutter Cane schreibt, erinnern nicht von ungefähr an das Wirken eines H.P. Lovecraft. Sehr viel ist von Seiten der Mythologie und der Entitäten, die eine Rolle in ihr spielen, an die Romane des amerikanischen Autors angelehnt, der uns Klassiker wie die Werke um die Großen Alten und den Cthuluhu-Mythos hinterlassen hat.

Ganz diese Fallhöhe erreicht „Die Mächte des Wahnsinns“ zu keinem Zeitpunkt, dafür ist die Breite des Films nicht episch genug. Aber für mich als Autor brachte sie dennoch einige sehr interessante Gedankenspielchen mit sich.

Lassen wir einmal außen vor, ob es wirklich auch nur ansatzweise realitätsnah sein kann, dass Menschen so sehr auf das Erscheinen eines neuen Romans fixiert sind, dass sie zu Gewalttätigkeiten neigen, wenn sich die Auslieferung verzögert.

Aber im Kleinen hat es solche Dinge ja durchaus gegeben und gerade im Horrorgenre ist es ein beliebtes Feld sich auszumalen, zu was „der verrückte Fan“ alles in der Lage ist. Das muss nicht gleich zu einem Mord führen wie im Fall John Lennons, aber auch andere unangenehme Begegnungen sind zum Beispiel von Stephen King überliefert, der schon mal „Fans“ auf seinem Grundstück überraschen musste.

Die schönste These, die „Die Mächte des Wahnsinns“ in den Raum stellt ist sicherlich die, dass gewisse Dinge Realität werden können, wenn nur genügend Menschen daran glauben. Ein hervorragendes Bild, das durch den aberwitzigen Vergleich mit der Bibel nur noch runder wird.

Die Menschen glauben an das, was Cane schreibt, also wird es Realität. An dieser Stelle begibt sich der Film endgültig auf eine Metaebene, wenn er auch die handelnden Figuren zum Bestandteil des Romans werden lässt. Eine Nebenfigur bringt es auf den Punkt, indem sie kurz vor ihrem Selbstmord sagt: „Ich kann nicht anders, er hat mich so geschrieben.“

Wir Autoren tun unseren Figuren, unseren Helden, unseren Bösewichtern, den Nebenfiguren und der Staffage im Hintergrund auch permanent Dinge an. Und wenn wir gut sind, dann überzeugen wir vielleicht nicht unsere Leser davon, dass das, was wir da geschrieben haben, die reine Wahrheit ist – aber wir nehmen sie mit auf eine Reise, auf die sie sich gerne einlassen und in deren Verlauf sie mit diesen erfundenen Personen mitfiebern, als ob es sich um echte Menschen handeln würde.

Selbst wenn wir nicht ganz so gut sind, dann bekommen wir erst einmal einen entsprechenden Vertrauensvorschuss. Ohne den geht nichts. Was wir dann daraus machen, das ist die entscheidende Frage. Und ja, ich denke, dass auch in der Realität ein Autor Macht über seine Leser besitzt.

Wenn ich eine Gruselgeschichte lese und danach nicht schlafen kann, ohne unters Bett gesehen zu haben, dann ist das die Macht des Autors.

Wenn ich einen Krimi lese und danach kontrolliere, ob alle meine Fenster und Türen gut verriegelt sind, dann ist das die Macht eines Autors.

Wenn ich eine erotische Geschichte lese und danach überlege, wie ich gewisse Szenen mit meinem Partner nachspielen kann, dann ist auch das die Macht eines Autors.

Und so weiter, und so fort, in jedem Genre, an jedem Ort.

Ich finde, dass dieser Film mit seinen Verschachtelungen und Verwirrungen, abgesehen von dem einen oder anderen Effekt aus der Geisterbahn, zum Nachdenken über diese Macht des Autors anregt. Und ich kann ihn deswegen durchaus empfehlen. Wobei man ein klein wenig Ekelresistenz durchaus mitbringen sollte.