Lesetipp: Welcher Schriftsteller ist kein Kotzbrocken?

Mal Hand aufs Herz: ist das nicht ein wunderbarer Titel? Schade, dass er nicht mir eingefallen ist, sondern der Süddeutschen Zeitung. Und auch die haben ihn sich nicht ausgedacht, sondern ein Zitat aus dem Interview verwendet, das ich euch heute dringend ans Herz legen möchte.

Interviewpartner ist Raimund Fellinger, der Cheflektor des Suhrkamp-Verlags.

Nun hat Suhrkamp mit mir ja ungefähr soviel zu tun, wie eine Ameise mit dem Mount Everest. Während das, was ich schreibe, sich in den Bereich Unterhaltung einordnen lässt, steht der Name Suhrkamp für alles das, was man in Deutschland in den Bereich der gehobenen Literatur einordnet. Der Verlag ist sein eigenes Gütesiegel geworden, was dies anbetrifft und wird in diesem Sinne sowohl im positiven Sinne, als auch im abschreckenden Sinne verwendet. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang ein Zitat von Andreas Eschbach, der zugab, ganz am Anfang seiner Karriere, mit vielen Vorstellungen und Einflüsterungen, wie man „richtig“ zu schreiben habe, in akuter Gefahr geschwebt habe, „zu versuhrkampen“.

Aus diesem Grund hätte ich persönlich nie damit gerechnet, dass ich über ein Interview mit dem Cheflektor dieses Verlages sagen würde, dass es das Unterhaltsamste ist, was ich seit langem gelesen habe!

Fellinger nimmt in keiner Weise ein Blatt vor den Mund, wie das Kotzbrocken-Zitat schon andeutet. Und das schöne ist, dass sich im Zusammenspiel zwischen Interviewer und Interviewtem mehrere solcher Bonmots finden – die im Endeffekt doch nur dazu angehalten sind, Interesse an der Arbeit des Verlags wie an der Arbeit seiner Autoren zu finden.

So zum Beispiel dieses Kleinod:

Treffen Sie sich mit Autoren, um Änderungen zu besprechen?
Sehr selten. Handke ist eine Ausnahme. Er empfindet ein falsches Komma als Anschlag auf seine gesamte Existenz.

Oder auch

Sie sagen, Lektoren seien »Arschkriecher«. Warum?
Weil ich so weit wie möglich in den Autor hineinschlüpfen muss. Ich darf in einem Manuskript von Andreas Maier nicht mit einem Thomas-Mann-Komplex herumfuhrwerken. Bei Maier soll man Maier kriegen.

Es finden sich aber auch wirklich interessante Einblicke in die Arbeit eines Lektorats, etwa zu der Frage, wieso Umberto Ecos „Der Name der Rose“ nicht bei Suhrkamp veröffentlicht wurde, obwohl man schon Bücher von ihm im Portfolio hatte.

In diesem Sinne, schaut in das Interview rein, lest über Choleriker und Egomanen, über verkannte Genies und zwanghaftes redigieren. Und auch wenn ich sicherlich niemals in die Verlegenheit kommen werde, zu versuhrkampen, brauche ich ja meinen Traum nicht aufgeben, auch irgendwann einmal der Kotzbrocken eines Lektors zu sein ;-).

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