Fakt und Fiktion (10) Die Angst des Schriftstellers vor dem leeren Blatt

Kennt ihr das alte Klischee vom Schriftsteller, der Angst davor hat, vor einem leeren Blatt zu sitzen? Von dem, der sich mühevoll ein Wort um das andere abringt, um vielleicht dem Blatt einen Sinn geben zu können, letztlich seiner Existenz als Schriftsteller einen Sinn geben zu können? Habt ihr schon mal von so jemandem gehört?

Hier kommt die (nicht ganz ernst gemeinte) Geschichte von einem, der weiß, wie man es sich selbst noch schwerer machen kann!


Michael B. ist verzweifelt. Seit etwa einer halben Stunde zermartert er sich das Hirn darüber, was er heute schreiben soll. Er muss etwas schreiben, denn ansonsten ist er kein Autor™. Autoren sind Menschen, die jeden Tag schreiben. Und im Zeitalter des Internets reicht es nicht, wenn sie sich ein paar Zeilen ihres aktuellen Projekts herauswringen, sie müssen sich als Autor 2.0™ beweisen. Sie müssen die Leser – und solche, die es werden sollen – mit den Möglichkeiten des Social Media auf dem Laufenden halten.

35 Minuten. Schon wieder sind 5 Minuten ins Land gezogen und Michael B. hat keine Ahnung, wo sie geblieben sind. Zurückbekommen wird er sie niemals, das ist eine der Binsenweisheiten, die er kennt. Aber aus so einer Binse macht man eben keinen Artikel.

Einen Artikel aber will, oder vielmehr muss er heute schreiben, denn ansonsten bleibt sein Blog heute ohne aktualisierten Inhalt und wenn er keinen aktualisierten Inhalt bietet, dann kommen keine Leser und wenn keine Leser kommen, dann bekommt er keine Kommentare und wenn er keine Kommentare bekommt, dann hat er keine Ahnung, ob das, was er da tut, eigentlich gut so ist und dann …

Michael B. bekommt Schnappatmung. Mühsam klammert er sich an seinem Asthmaspray fest. Fest entschlossen, das Problem ohne Medikamente zu lösen, schaut er aus dem Fenster. Die vorbeifliegenden Vögel erinnern ihn daran, dass er auch schon lange nichts mehr getwittert hat!

Das Spray fällt ihm aus der Hand, weil ihm schwummrig wird. Twitter, dieser so niedlich aussehende Vogel, der farblich fast eine Friedenstaube sein könnte, ist fast noch schlimmer, als der Blog. Weil man da sofort sieht, wie sich die Follower-Zahlen entwickeln. Und jeder Follower weniger ist ein Frontalangriff auf das gepeinigte Seelenleben des fragilen Autors™!

Wenn er wenigstens endlich wüsste, worüber er den Blogartikel schreiben könnte, dann würde der automatisch auch auf Twitter erscheinen. Sowie auf Facebook und bei Google+. Über die beiden darf er gar nicht nachdenken, weil er da ansonsten sowieso nichts schreibt.

Ruhig, sagt Michael B. sich. Ganz ruhig!

Wieso, fragt er sich nicht zum ersten Mal, tue ich mir das eigentlich an? Früher einmal, da hatten Autoren™ Angst vor einer leeren Seite. Und die hatten sie, wenn es gut lief für sie, nur alle paar Tage mal, wenn sie in ihrem aktuellen Manuskript an eine neue Weiche kamen, von der aus sie sich wegbewegen mussten. Gut, da gibt es noch die dicke, fette Schreibblockade. Aber wenn er die bekäme, dann müsste er sich sowieso stationär einweisen lassen.

Nein, bei seinen Manuskripten kennt er die Angst vor dem leeren Blatt eigentlich nicht. Und auch die meisten anderen Autoren (ich lasse das ™ jetzt mal weg), die er so kennt, haben diese nicht (mehr).

Aber dieser vermaledeite Blogartikel!

Natürlich, er könnte drauf pfeifen und es einfach mal für einen Tag bleiben lassen, aber dann … siehe oben!

Michael B. fragt sich, ob es nicht ein Akt der Selbstfolter ist, dass viele Autoren, er nicht als letztes, sich so davon vereinnahmen lassen, was das Social Media, das Web 2.x und die Vernetzung untereinander erfordern. Statt einfach zu schreiben sitzt er regelmäßig vor der leeren Seite in seinem Blog, hat regelmäßig die Angst!

Michael B. denkt noch ein wenig darüber nach.

Und kommt dann zu dem Schluss, dass er da eigentlich mal einen Blogartikel drüber schreiben könnte. Schließlich hat er heute ja noch keinen geschrieben …

Advertisements

4 Gedanken zu “Fakt und Fiktion (10) Die Angst des Schriftstellers vor dem leeren Blatt

  1. Hanna Mandrello schreibt:

    Mein lieber Mic, nicht nur du hast Schnappatmung. 😉 Ich heute auch. Ich habe mein Mailpasswort geändert und jetzt fällt es mir nicht mehr ein. Ich finde es aber sicher noch heraus, dann antworte ich dir. 🙂 Bis dahin …. keep cool! (Wo ist MEIN Asthmaspray? Wie kann ich nur so doof sein?)

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s