Den Figuren in die Augen schauen

Ich weiß nicht, wie es euch so ergangen ist, als ihr Kinder gewesen seid. Ich hatte damals, so sehe ich es heute, manchmal ein großes Problem mit der Wahrnehmung von Gesprächen und den Gesprächsinhalten. Oft bin ich sehr nah am gesprochenen Wort geblieben, ohne dass ich erkannt hätte, dass es da noch Untertöne gab.

Ich führe das darauf zurück, dass ich sehr, sehr lange den Menschen nur auf den Mund geschaut habe.

Das heißt, dass ich stark darauf geachtet habe, in welcher Weise sich der Mund meines Gegenübers bewegt hat. Fast so, als habe ich von den Lippen ablesen wollen. Das ging mir im Übrigen nicht nur mit meinen realen Mitmenschen so, sondern es passierte mir auch, dass ich den Figuren aus dem Fernsehen nur auf den Mund schaute.

Heute weiß ich, dass das nicht nur aus sehtechnischer Sicht ein ziemlich falscher Ansatz ist.

Damals führte es nur dazu, dass ich Teile der Handlung nicht mitbekam, weil die gesamte Bildkomposition nicht darauf ausgelegt ist, dass wir Menschen auf den Mund sehen. Das A und O ist der Blickkontakt, das sich in die Augen schauen. Und so wird dann auch der Kameraausschnitt gewählt, wenn der Kameramann weiß, was er zu tun hat.

Dass mir auf diese Weise aber eine komplette Ebene der Gesprächsführung abhanden kam, das habe ich erst wesentlich später realisiert. Denn die Augen sagen viel mehr über das aus, was gesprochen wird, als es der Mund tut.

Gehen wir einmal weg vom Fernsehen und seinen zum Schauspielern ausgebildeten Menschen und hin zu den Leuten, die wir auf der Straße treffen. Oder irgendwo in unserem sozialen Umfeld.

Angenommen, man würde denen nur auf den Mund sehen, dann würde man auf jeden Fall schon einmal als unhöflich angesehen werden. Schlimmer ist aber, dass man nur die Oberfläche erfasst und nicht das, was dahinter liegt.

Nicht umsonst spricht man den Augen als dem Spiegel der Seele!

Über die Augen vermitteln wir Menschen ganz viel von dem, wie wir uns eigentlich fühlen und wenn man einmal gelernt hat, darauf zu achten, dann kann man viel Nutzen für sich daraus ziehen. Der Chef spricht einen freundlich auf ein Projekt an, während die Augen wütend funkeln? Geschenkt! Die Augen eines Verkäufers zucken nervös hin und her, während er sagt, dass er gerne zur Verfügung steht? Abzug im Trinkgeld.

Seit ich gelernt habe, den Menschen in die Augen zu sehen, habe ich enorme Fortschritte darin gemacht, mich mit ihnen zu bewegen, zu unterhalten und sie auch zu verstehen.

Warum also sollten wir unseren Romanfiguren nicht dieses Wissen gönnen? Sehr oft passiert es in Dialogen, dass nur pflichtschuldig das Muster von Rede und Gegenrede abgespult wird. Es wird viel gesagt, noch mehr behauptet und das eine oder andere sogar gelogen. Das kann sogar durchaus im Sinne des Autors sein. Aber der Leser erkennt solche Unterhaltungen als das, was sie dem Grunde nach sind: unrealistisch.

Die wahre Gesprächspsychologie findet im Kopf statt und der wird nicht über das Sprachzentrum gesteuert, sondern über die Empfindungen. Wenn unsere Figuren miteinander sprechen, dann sollten sie sich verhalten, als seien sie richtige Menschen. Oder zumindest glaubhafte Abziehbilder der menschlichen Schablone. Also lasst sie den Blickkontakt untereinander halten!

Ich muss gestehen, dass ich in meinen Romanen manchmal denselben Fehler mache. Dann stehen sich zwei oder mehrere Charaktere gegenüber und reden, als ob es nichts außer Worten gäbe. Um wie viel lebendiger ist eine solche Szene gleich, wenn auch die über den Blick (man könnte auch die gesamte Mimik hinzunehmen, die m.E. aber wiederum zentral über den Blick mit gesteuert wird) Berücksichtigung findet!

Aber Vorsicht: in manchen Szenen kann es auch schlicht ausbremsend wirken, wenn man zu viel Augenmerk auf die Augen 😉 richtet. Etwa in schnellen Handlungssequenzen wirkt es bei lesen bremsend, wenn zwischendurch immer wieder der Blick des Antagonisten analysiert wird. In solchen Szenen soll es geradezu Schlag auf Schlag gehen. Im Film wurden hieraus die sogenannten „Oneliner“, griffige, meist kurze und prägnante Sätze, geboren. Das berühmteste Beispiel ist sicherlich Arnold Schwarzeneggers „I’ll be back!“. Gut, aus dessen Blick als Terminator etwas zu lesen, dürfte ohnehin schwergefallen sein.

Ich denke, dass mein Ansatz nachvollziehbar geworden ist – achtet doch mal bei euch selber darauf, ob ihr bei euren Gegenübern auch auf den Mund oder doch mehr auf die Augen achtet. Ich behaupte, dass es für den Kopf einfacher ist, die Augen zu wählen. Es sei denn, euer Gegenüber spricht einen hammerharten Dialekt. Aber das ist dann ja fast wie Lippenlesen …

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4 Gedanken zu “Den Figuren in die Augen schauen

  1. Lieber Mic,

    ich bin sehr auf die Augen fixiert, wenn ich mit anderen rede. Mein Gesprächspartner lässt dann meist ein wenig den Blick schweifen oder schaut woanders hin, weil ich ihm so sehr in die Augen schaue, dass es unangenehm sein muss. Denn wenn man mal darauf achtet, sehen die Leute einem zwar eher in die Augen, aber nicht durchgängig. Bei kurzen Sätzen, ja, aber wenn sie längere Geschichten erzählen müssen oder das Gespräch länger dauert, wandert der Blick. Mittlerweile habe ich mir das auch angewöhnt, um meinem Gesprächspartner nicht auf die Pelle zu rücken. Grundsätzlich schaue ich aber lieber in die Augen, weil ich der Person dann näher bin. Man versteht den Menschen dahinter so einfach besser. Ich kann besser interpretieren, was er sagt und meint – und auch, ob es wahr ist oder nicht.

    Geschichten bekommen meiner Meinung nach immer einen besonderen Touch und eine angenehme Tiefe, wenn der Autor die Dialoge mittels Körpersprache anreichert. Ich mag das, wenn Kleinigkeiten eingebaut werden wie „Er rieb sich über die Augenbraue“. Eine eher unrelevante Info, aber es macht die Charaktere authentischer. 🙂

    Liebe Grüße
    Lisa

    Gefällt 1 Person

    • Mic schreibt:

      Liebe Lisa,

      natürlich, der Augenkontakt darf nicht ins Starren ausarten. Wenn ich mir vorstelle, wir alle würden einander nur und unverwandt in die Augen blicken – dann gäbe es zwar wahrscheinlich wesentlich weniger Lügen auf der Welt, aber deutlich mehr Menschen in psychiatrischer Behandlung, weil sie dem Dauerstress nicht standhalten könnten.

      Aber wer sagt denn, dass das Reiben über eine Augenbraue unrelevant ist? Mörder haben sich schon durch ganz andere Kleinigkeiten verraten *hinterhältig kicher*

      Liebe Grüße
      Michael

      Gefällt mir

  2. Hanna Mandrello schreibt:

    Ich tue mich sehr schwer, jemand unentwegt in die Augen zu schauen. Gerade wenn derjenige eine längere Rede hält. Automatisch wandert mein Blick zum Mund zu meiner geistigen Entlastung. Sonst fühle ich mich irgendwann hypnotisiert und das lähmt meine Gedanken.

    Gefällt 1 Person

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