Der Blutdruck steigt …

Der Autor sitzt an seinem Arbeitsplatz. Es ist kurz vor 16 Uhr dreißig, gleich Zeit für den Feierabend. Einmal kurz will er seine privaten E-Mails checken, ob vielleicht noch eine wichtige Nachricht seiner Frau gekommen ist, dass er irgendwas auf dem Weg nach Hause besorgen soll, oder dergleichen mehr. Auch diverse Ärzte schicken hierhin schonmal Unterlagen, die sich dann noch im Vorbeigehen abklären ließen. Es macht Sinn, dies auf der Arbeit zu checken.

Und dann ist da eine E-Mail, die den Blutdruck sofort steigen lässt.

Eine E-Mail, die im Betreff ankündigt, eine Antwort auf seine im August vergangenen Jahres an eine Literaturagentur gesendete Anfrage bezüglich der Vertretung seines Manuskripts „Der Morgen danach“ zu sein.

Der Blutdruck steigt in Höhen, die sofort Schwindel im Kopf freisetzen.

Mit ein wenig zittrigen Fingern öffnet er die E-Mail. Er erkennt eigentlich schon an ihrer Größe, dass sie nichts anderes enthalten kann als …

Und da ist auch schon die Bestätigung. Leider müssen wir Ihnen mitteilen … Wir wünschen Ihnen noch viel Erfolg.

Er hat mit nichts anderem gerechnet. Nicht, weil er glaubt, dass sein Roman schlecht ist, sondern weil er nach dieser langen Zeit – über ein halbes Jahr – überhaupt nicht mehr mit einer Antwort gerechnet hat.

Der Blutdruck kommt nur langsam wieder in normale Bahnen. Ein Teil seines Körpers scheint sich nicht sicher zu sein, ob er jetzt traurig, wütend oder enttäuscht sein soll.

Enttäuschung ist schließlich das vorherrschende Gefühl. Aber es wäre wohl auch unangemessen, nicht wenigstens ein kleines bisschen enttäuscht zu sein.

Der Autor schließt die E-Mail wieder, schließt auch seine Augen, atmet ein paar Mal tief durch. Bekommt seinen Körper langsam wieder unter Kontrolle.

Es ist nicht schlimm, dass „Der Morgen danach“ von dieser Agentur abgelehnt wurde. Schlimm wäre es, wenn er wegen solcher Ablehnungen ganz aufgeben würde, das zu tun, was er liebt. Aber das hat er nicht vor.

Er selbst hätte „Der Morgen danach“ in dem damals eingereichten Zustand ja auch nicht angenommen. Deswegen die nochmalige Überarbeitung neulich.

Der Puls des Autors ist wieder da, wo er vor der Sichtung der E-Mail gewesen ist. Der Körper kommt im gleichen Maß zur Ruhe, wie der Kopf die Enttäuschung verarbeitet.

Alles ist wieder im Fluss. Alles ist wieder okay.

Der Autor hat eine weitere Erfahrung gemacht, die da lautet: Absagen sind keine Ablehnung seiner Person. Denn wenn man ihn als Person nicht leiden könnte, dann hätte man nicht nach über einem halben Jahr noch eine Absage geschickt. Er ist einfach durchs Raster gefallen, aus welchem Grund auch immer.

Langsam macht der Autor sich daran, seinen Arbeitstag zu beenden. Heute wird er nicht mehr dazu kommen, dieses Erlebnis aufzuschreiben. Aber vielleicht ist es auch besser so, wenn er dies erst am nächsten Tag macht.

Und jetzt sitze ich hier und spüre immer noch, dass es okay für mich ist. Dass ich mit den Absagen leben kann. Und ich weiß genau, dass auch beim nächsten Mal mein Blutdruck in ungeahnte Höhen schießen wird.

Aber das ist doch völlig normal, findet ihr nicht!?

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12 Gedanken zu “Der Blutdruck steigt …

  1. Hanna Mandrello schreibt:

    OMG, wo sind meine Blutdrucktabletten? Ich brauch jetzt eine. Danke für die mitreißende Beschreibung. Sie ließ auch meinen Blutkreislauf zu einem reißenden Strom anschwellen, der kurzzeitig die Herzklappen überflutete und fast aus der Verankerung riss.

    Wer so etwas nicht emotional nimmt, ist meiner Ansicht nach bereits tot ;-).

    Hm, so ein „Nachzügler“ weckt natürlich Hoffnung. Ich glaube, dass in dieser Agentur dein Manuskript wirklich gelesen wurde. Wenn es eine kleine Agentur ist, dann wäre es vielleicht in diesem Fall sogar die Überlegung wert, dort einmal anzurufen. Die Chance, eine qualifiziere Auskunft über dein Manuskript zu bekommen, ist vielleicht gegeben. Aber ob ich wirklich den Mut dazu aufbringen würde, kann ich dir auch nicht sagen. Tagesformabhängig und situationsbedingt.

    Gefällt 2 Personen

    • Mic schreibt:

      Hallo Hanna,

      das freut mich sehr, dass die Beschreibung so positiv aufgenommen wird. Ich habe sie auch wirklich nach an den Emotionen heruntergeschrieben, ohne groß darüber nachzudenken. Und das war etliche Stunden, nachdem sich das Ereignis abgespielt hatte!

      In der Mail, die ich erhalten habe, werde ich ausdrücklich gebeten, nicht per Telefon oder Mail nachzufragen, weil das Aufkommen der Manuskripte so hoch ist. Klar, das ist wahrscheinlich eine Standardfloskel, aber ich mag mich über so etwas ungerne hinwegsetzen. Man weiß ja nie, wann man mit genau dieser Agentur wieder in – positiven – Kontakt kommen möchte.

      Und die Tagesform spielt sowieso eine megagroße Rolle. Das bekäme ich im Moment wahrscheinlich nicht gebacken.

      Liebe Grüße
      Michael

      Gefällt 2 Personen

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