This is a work of fiction

Guten Abend und ein paar nachdenkliche Grüße sende ich euch.

Ich habe gerade einen Film gesehen, der mich, wie gesagt, zum Nachdenken gebracht hat. Sein Titel lautet „Paper Man“ und die Hauptdarsteller sind Jeff Daniels, Emma Stone und Lisa Kudrow. Ach ja – und Ryan Reynolds, der sich schon zwei Jahre vor „Green Lantern“ in einem Superheldenkostüm zum Affen macht.

Es geht um den Schriftsteller Richard (Daniels), der, aus Recherchegründen, ein Haus in der Pampa angemietet hat und deswegen unterhalb der Woche von seiner Frau, der erfolgreichen Chirurgin Claire (Kudrow) getrennt lebt. Durch Zufall macht er die Bekanntschaft von Abby (Stone), die genauso ziellos durch ihr Leben zu taumeln scheint, wie er es im Moment tut. Was er nicht ahnt: auch Abby hat einen imaginären Begleiter, der ihr hilft, mit ihrem Leben klar zu kommen. Nur, dass seiner ihn schon seit über 40 Jahren begleitet, ein Superheld ist und auf den Namen „Captain Excellent“ (Reynolds) hört …

Der Film ist nicht einfach zu kategorisieren. Es ist keine Love Story, weil – zum Glück – zu keinem Zeitpunkt etabliert wird, dass Richard an Abby in solcher Weise interessiert sein könnte. So seltsam es klingt, am ehesten kann man wohl von einer Coming of age Geschichte sprechen, denn die Hauptfiguren machen trotz der seltsamen Ausgangslage Veränderungen durch, die ihren weiteren Lebensweg bestimmen und leiten werden.

Während ich den Film sah, hatte ich an verschiedenen Punkten die Worte im Hirn, die ich als Überschrift verwendet habe. Man liest sie oft am Ende amerikanischer Filme und sie sollen zum Ausdruck bringen, dass es sich um eine erdachte Geschichte handelt, die nicht zwingend etwas mit der Wahrheit zu tun hat.

Ich sehe diese Worte heute Abend nachdenklich und traurig.

Denn es weist sehr deutlich darauf hin, dass es für Menschen, für richtige, atmende Menschen, sehr schwer ist, sich in einer Weise zu entwickeln, wie es die Menschen nicht nur in diesem Film tun. Einem Film, an dessen Ende ich ein paar Tränchen verdrückt habe.

Ist euch generell schon mal aufgefallen, wie leicht es manche Film- und auch Romanfiguren haben, aus dem eigentlich „normalen“ Verhaltensmuster auszubrechen und, zum Beispiel, anderen noch einmal eine Chance zu gewähren?

Ich spoilere nicht zu viel vom Film, wenn ich sage, dass Claire irgendwann hereinplatzt und die Beziehung zwischen Abby und Richard in den vollkommen falschen Hals bekommt. Im echten Leben würde das nicht darauf hinauslaufen, dass die beiden ein Gespräch miteinander führen, in dem Claire zumindest phasenweise versucht zu verstehen, was eigentlich Richards Problem ist.

A work of fiction. Ja, wir Autoren schaffen Fiktion. Weil die Realität das ist, was jeder bei sich Zuhause hat. Diesem Wunsch ordnen wir uns unter – dem Wunsch, etwas anderes zu zeigen. Etwas besseres? Das weiß ich nicht.

Ich hoffe, das klingt jetzt nicht alles zu verworren. Aber ich hatte das Gefühl, nach diesem Film ein paar meiner Gedanken aufschreiben zu müssen. Wenn ihr die Möglichkeit habt: schaut ihn euch an! Ich denke derweil noch ein wenig über die Unterscheidung zwischen Realität, Fiktion und die ausgefransten Enden am jeweiligen Ende des Spektrums nach.

Gute Nacht, da draußen!

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6 Gedanken zu “This is a work of fiction

  1. Ich glaube, gerade die Fiktion macht Vieles sehr emotional für uns. Wenn zwei Menschen in Filmen auseinandergehen, blicken sie sich danach wirklich fast immer noch ein letztes Mal an, ehe sie sich umdrehen. Wortlos! Die sagen nicht mal Tschüss. Das gibt es im echten Leben nicht. (Und wenn es doch so ist, dass einer nicht Tschüss sagt, dann geht er nicht leise, ganz im Gegenteil.) So wie es den Weltschmerz und das Fernweh gibt, gibt es vielleicht auch so etwas wie „Fiktionsschmerz“.

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    • Mic schreibt:

      Fiktionsschmerz ist ein tolles Wort dafür, Julia! Ja, ich glaube, ich habe mir vorhin etwas von diesem Fiktionsschmerz eingefangen. Ich weiß sogar, wofür er gut ist: in der Fiktion, im Roman, im Film, muss die Geschichte ein Ende haben. Das geht nicht (oder nur selten), indem die Protas lange miteinander in der Einfahrt quatschen, weil sie sich nicht trennen können. Es braucht den sauberen Schnitt, das wortlose Goodbye. Hier ist die Geschichte am Endpunkt angekommen. Was danach passiert, interessiert nicht mehr.

      Zwei Menschen trennen sich, sagen nicht mal Tschüss, Geschichte Ende, keinen interessiert, wann die Möbel abgeholt werden. So in der Art.

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  2. Hallo Mic!

    Den Film kenne ich nicht, packe ihn gleich auf meine „Must See“-Liste.

    Relität vs. Fiktion in kreativen Texten ist m.E. eine schwierige Sache und – öfter als man glaubt – eine Genre-Frage. Ich als Schreiberin im dunkelphantastischen Bereich löse mich oft von einer „realistischen“ Herangehensweise (außer zwischenmenschliche Beziehungen natürlich), weil das Genre mir jede erdenkliche Freiheit lässt. Nicht nur, was fantastische Figuren und Universen angeht. Nehmen wir z.B. psychologischen Horror … Dessen Darstellungen können sich auf einer Meta-Ebene sehr weit von dem Weg bewegen, was nach gängigen Maßstäben als „realistitsch“ eingestuft würde. Gerade habe ich eine großartige Geschichte gelesen, in der sich das Haus des Protagonisten in eine Art lebendes Wesen mit Augen und Mündern verwandelt hat. Ob es ein böser Zauber war, der ihm auferlegt wurde, ein übernatürliches Phänomen, ein Albtraum, oder dass er einfach wahnsinnig geworden ist, kann so nicht gesagt werden. Manchmal muss der Leser seine eigene Wahrheit finden.

    So viel zur Fantastik. Auch wenn du dich auf das Film-Genre nicht festlegen konntest, glaube ich doch darauf schließen zu können, dass nicht bekennend fantastische Inhalte im Film vorkommen – imaginative Freunde können ja real sehr einfach erklärt werden. Und du sprichst es schon an: Wir Autoren vergessen gern, dass „realistische“ Texte und Filme genauso Fiktion sind wie Fantasy, Science-Fiction etc. Wahrscheinlich liegt es in der Natur von Autoren, Dinge darzustellen, die nicht dem realen Leben entsprechen … Sei es, dass geheime Wünsche oder der Wunsch nach irgendeiner Form von Freiheit in einem Text verarbeitet werden.

    Dennoch würde ich einen Text nie als „fern von der Realität“ per se abtun. Ich kann da nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, habe das aber so schon von vielen anderen Autoren gehört: Schreiben ist auch immer ein Erfahrungsprozess. Egal ob die Geschichte nun negativ oder positiv ausgeht, es gibt immer einen Impuls, aus dem sie beginnt. Das Ende der Geschichte ist gleichzusetzen mit dem Ende des genannten Erfahrungsprozesses, der sich meist in einer „Und die Moral von der Geschicht'“ kristallisiert. Und dadurch steckt ohnehin immer ein Stück echtes Leben vom schaffenden Autor drin.

    Ich finde, das ist mitunter einer der schönsten und stärksten Eigenschaften von Literatur und Kunst: Am Ende der Reise können wir durch die Hauptcharaktere etwas herausfinden, an das wir vorher vielleicht nicht zu denken gewagt hätten – weil wir die Reise nie begonnen haben. Das gilt für Autoren und Leser gleichermaßen.

    Solche Geschichten müssen mehr erzählt werden. Denn solche Geschichten inspirieren. Aber auch nur, wenn wir ihrer Moral glauben – was bei diesem Film wohl nicht möglich war. Wenn er es nicht geschafft hat, dich zu überzeugen, dann hat ihm etwas Entscheidendes gefehlt. Letztendlich ist immer der individuelle Rezipient die entscheidende Instanz; derjenige, der für sich bestimmt: „An diesen Teil der Geschichte will ich glauben.“ Ob und wie diese Dinge existieren, ist nicht so leicht zu beantworten und meist für jedes Motiv unterschiedlich. Ich halte mir da gerne vor: „In jeder Geschichte steckt ein Körnchen Wahrheit.“ Und habe es mir noch erweitert mit: „In jeder Geschichte steckt ein Körnchen Lüge.“ 😉

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    • Mic schreibt:

      Hallo Nora,

      ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass der Film mich nicht überzeugt hätte. Es war der eine Aspekt, den ich herausgegriffen habe, der mir generell in der Film- und Romanrealität oft als „unrealistisch“ vorkommt. Datunter fällt zum Beispiel auch der komplette Bereich der notorischen Happy Ends in manchen Genres. Oder viele Umsetzungen der klassischen Drei-Akt-Struktur, bei der vor dem Happy End noch der vermeintliche Bruch miteinander kommen muss, der dann durch einen glücklichen Umstand oder die Auflösung eines Missverständnisses gekittet werden kann.

      Die Prämisse des Films, nämlich den Schriftsteller, der es nicht „geschafft“ hat, erwachsen zu werden, habe ich dagegen sehr wohl geglaubt. Ein Stück weit habe ich mich sogar mit ihm solidarisiert. Ich habe zwar keinen Superhelden, der mit mir spricht, aber ich identifizier(t)e mich schon sehr mit einigen meiner Romanfiguren.

      Zu deiner These, dass Realität vs. Fiktion auch eine Genrefrage ist: welches Genre würdest du denn von dieser Frage ausnehmen wollen? Selbst bei Krimis und Thrillern geht es inzwischen doch in Bereiche, die tendenziell eher nicht mehr die „Wirklichkeit“ abbilden. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass diese ganzen misanthropischen Kommissare in der Realität an ihre Funktionsstellen gekommen wären ;-).

      Wie dem auch sei: Der Film ist auf jeden Fall eine Empfehlung. Alleine schon wegen der hervorragenden Chemie zwischen Jeff Daniels und Emma Stone.

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      • Hm, da habe ich einiges falsch gedeutet … kann ich alles zurücknehmen und das Gegenteil behaupten? *lach*

        Nee, also dann nochmal aufgerollt: Ich würde dir total zustimmen mit den genre-internen „Must“-Aspekten. Ich bin auch kein Fan notorischer Happy Ends … zumindest, wenn ich als Rezipient merke, dass sie mir richtig aufgedrückt werden.

        Ich erkläre mal meine Idee von Realität vs. Fiktion anhand von Genres tiefer: Erstmal ist es etwas, woran ich persönlich gar nicht glaube. Für mich sind alle Genres gleich fiktiv und im selben Maße unrealistisch, irgendwo. Als Phantastik-Schreiberin bin ich aber immer wieder auf diesen Satz bei bestimmten Lesergruppen gestoßen: „Ich kann Phantastik einfach nicht lesen … für mich muss es schon realistisch sein.“ Manchmal haftet dem auch die Kritik an, dass Phantastik als Genre zu tagträumerisch, ergo unerwachsen ist. Märchen sind ja auch nur für Kinder (nein, wie wir wissen … aber für andere eben doch).

        Das hat mir immer wieder gezeigt, dass es eine Gruppe von Rezipienten gibt, die „realistische“ Texte – Liebesgeschichten, Krimis, Thriller – mehr oder weniger als bare Münze nehmen wollen. Im Grunde unseres Herzens wissen wir natürlich alle, dass diese Geschichten sind nicht wahr sind, aber manche Lesergruppen sind auf jeden Fall empfänglicher dafür, an „realistische“ Geschichten glauben zu wollen. Sie stellen dann auch den Anspruch an ihr Genre, dass es so realistisch wie möglich sein soll – wobei genau die Dinge, die du aufgezeigt hast (die klassische Drei-Akt-Struktur, das Happy End) eher für einen gewollten denn „realistischen“ Plot sprechen.

        Fantastische Texte sind (bis auf zwischenmenschliche Beziehungen, die Leser immer mit den eigenen vergleicht) komplett aus diesem Spannungsfeld genommen. Daher der Gedanke, es sei auch eine Genre-Frage.

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      • Mic schreibt:

        Ah, okay, gut, das klingt alles sehr einleuchtend, was du schreibst. Gerade der Aspekt der Realität. Ich übertrage das mal wieder kurz zurück ins Filmgeschäft. Ich stelle da zum Beispiel fest, dass Menschen, die sehr an der Realität festhalten, große Probleme mit Stories haben, die noch irgendeine Form von Twist bereithalten. Denn an der Stelle verknotet es ihnen so ein Stück weit das Hirn ;-). Oft haben genau diese Menschen auch nicht viel mit fantastischen Texten zu schaffen.

        Dabei hat die Fantastik so viel mehr zu bieten als unerwachsene Geschichten. Sie ist ein weites Feld, kann auch manchmal nur in Teilen in eine eigentlich als Thriller angelegte Handlung hineinreichen. Oder nehmen wir die Love Stories, den ganzen Bereich der „Urban Fantasy“.

        Ach, über Genre-Fragen könnte man sich sicherlich Stunden unterhalten! 🙂

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