Das Schluss-Exposé – wie exakt, dass es Raum lässt?

Einen Beitrag zum Thema Schluss-Exposé habe ich noch, wenn ich darf. Gut, verbieten kann ihn mir ja sowieso keiner … aber ihr müsst euch melden, wenn es euch zu viel wird, ja? Ich finde da manchmal nicht das richtige Augenmaß für. Und ich sehe mich doch als serviceorientierten Blogger und Wörterschmied!

Also, das Schluss-Exposé. Wie ich gestern erzählt habe, gibt es jetzt einen Fließtext mit über 350 Wörtern, der einigermaßen genau beschreibt, was in „Die Welt der stillen Schiffe“ noch so zu passieren hat, damit die Story rund und komplett wird. Aber so ein Exposé kann ja dennoch auf unterschiedliche Arten ausführlich sein und, diesen Aspekt will ich hier aufgreifen, den Autor einengen oder seinen Gedanken freien Lauf lassen.

Meine ersten Begegnungen mit dem Phänomen Exposé hatte ich als halbwüchsiger Steppke, als ich anfing, mich mit der weltweit größten und erfolgreichsten Science-Fiction-Romanserie zu beschäftigen. Kenner der Materie wissen, dass es sich hierbei nur um „Perry Rhodan“ handeln kann. Mir fiel Anno 1986 ein schon leicht zerfleddert wirkendes Buch aus einem Wühltisch entgegen, bei dem es sich um den sogenannten Werkstattband zum 25jährigen Jubiläum der Serie handelte.

Der Werkstattband, heute würde man ihn wohl als Making-of bezeichnen, lieferte einen Überblick über die Entstehung der Serie, indem man die zu Wort kommen ließ, die den größten Anteil an ihrem Erfolg hatten – die Autoren! Und von denen erfuhr ich, dass es, zumindest zeitweise, ein ganz strenges Exposékonzept gab, an das man sich gefälligst zu halten hatte, wenn man nicht negativ auffallen wollte.

Der Herr über die Exposés hieß in den ersten Jahren Karl-Herbert Scheer. Scheer, einer der Serienerfinder, kannte nur wenig Spaß, wenn es einem der anderen Autoren einfiel, zum Beispiel eine Nebenfigur, die im Exposé überhaupt nicht oder nur mit ganz kleiner Rolle vorgesehen war, zu einem starken Charakter aufzubauen. Es gab Autoren, die sich dem offen widersetzten und ihre Schöpfungen mehr oder weniger ungeniert in den Romanen auftauchen ließen, die sie eigentlich nach den Exposés zu schreiben hatten.

Falls das Ganze jetzt zu sehr nach Diktatur klingen sollte, muss man sich in Erinnerung rufen, dass die Romane im wöchentlichen Rhythmus erscheinen und von einem ganzen Autorenstab verfasst werden. Es ist schlichtweg unmöglich, dass ein Autor jeden Roman gelesen hat, der vor seinem an die Reihe kommt. Genau das müsste er aber tun, wenn bei einer fortlaufenden Handlung gewährleistet bleiben soll, dass nicht z.B. ein Raumschiff in Roman 33 einen Durchmesser von 200 Metern hat, in Roman 35 aber auf einmal einen von 350.

Die Änderungen und Neuerungen, die von den Autoren eingebracht wurden, waren teils Versuchsballons. Wenn sie von den Lesern nicht angenommen worden wären, dann hätte es sie wohl nicht lange gegeben. Aber wenn sie von den Lesern dann angenommen wurden, dann konnte sich auch der mächtige „Expokrat“ Scheer nicht mehr gegen sie wehren. Das prominenteste Beispiel ist sicherlich die Figur des Mausbibers Gucky, der von Walter Ernsting, dem anderen Miterfinder der Serie, zu einer enorm populären Figur aufgebaut wurde, zu der es sogar Plüschtiere zu kaufen gab.

Verlassen wir aber jetzt wieder das Universum und kommen zurück auf die irdischen Sphären. Oder die, in denen es in meinem Roman geht. Eigentlich wollte ich nur aufzeigen, dass es auch in noch so ausgeklügelten Exposés immer kleine Schlupflöcher gibt, die Möglichkeiten zur Veränderung lassen. Und das halte ich für sehr, sehr wichtig! Denn auch wenn ich keinem anderen Autor Rechenschaft darüber schuldig bin, keinem Redakteur und auch (noch) keinem Leser, so bin ich ein Mensch, der sich normalerweise an die einmal festgelegten Wege hält.

Vielleicht ist es mir deswegen beim Schreiben so wichtig, nicht in diese vorgeplottete Arbeitsweise zu geraten, weil sie mir stellenweise die Luft zum Atmen nehmen würde.

Ich werde mich an mein Exposé halten, was den groben Ablauf angeht. Denn er ist in sich logisch, hat keine losen Enden und „versorgt“ jede Figur mit einem passablen Anteil an der Geschichte. Aber wenn es mir einfällt, in die Szene, die eigentlich ab Wort 175 kommen müsste, noch ein wenig mehr einzubauen, was es da vorher noch nicht gegeben hat, dann werde ich das tun. Andersherum nimmt mir niemand weg, die Szene ab Wort 310 zu streichen, wenn sie sich für mich nicht mehr richtig anfühlt.

Ich bin mein eigener Expokrat. Und ich kann machen, was ich will. Das ist das schöne daran, freischaffender Autor zu sein. Das schlechte ist, dass man manchmal viel zu sehr im eigenen Saft vor sich hin kocht.

Aber irgendwas ist ja immer.

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