30 Jahre danach: Tschernobyl und der Schatten des Atoms

Heute jährt sie sich zum dreißigsten Mal, jene Katastrophe, die auch dem letzten Menschen klarmachen musste, dass wir die Atomkraft niemals beherrschen werden, dass sie uns immer im selben Maße schaden wird, wie sie uns vermeintlich nutzt. Vor dreißig Jahren ist das Kernkraftwerk von Tschernobyl havariert und auch wenn man den Sowjets von damals vorwerfen kann, erst einmal lange eine Verschleierungstaktik probiert zu haben, so wären die Folgen auch ohne dieses Versteckspiel wohl nicht weniger katastrophal gewesen.

1986 war ich elf Jahre alt und hatte meine eigenen Gedanken und Gefühle zum Thema des Atoms schon ein gutes Stück weit gefestigt. Als Kind der frühen Achtziger bin ich genau in jene Phase hinein geboren, in der es theoretisch noch möglich gewesen wäre, dass irgendwann aus dem kalten Krieg ein heißer Krieg würde.

Ronald Reagan war amerikanischer Präsident geworden und präsentierte sich mit einer Rhetorik die direkt aus seinen Western zu stammen schien und Projekten wie SDI als starker Mann gegenüber dem Ostblock. Dort sollte es noch geraume Zeit dauern, bis die zarten Pflänzchen von Glasnost und Perestroika wachsen sollten. Am persischen Golf führten beide Nationen eine Art Stellvertreterkrieg miteinander, die Russen waren in Afghanistan einmarschiert und in Deutschland diskutierte man über die Stationierung von Pershing-II-Raketen.

Im wahrsten Sinne des Wortes also eine Menge Zündstoff von dem erst Jahrzehnte später bekannt wurde, dass er gefährlich nach an einer brennenden Lunte hing. Besser nicht mehr darüber nachdenken.

Als also 1986 die Nachricht durchsickerte, dass es zu einem gravierenden Störfall in einem Atomkraftwerk gekommen war, lief meine Phantasie im wahrsten Sinne des Wortes Amok. Ich malte mir die größten Folgeschäden aus, hatte Angst vor der Giftwolke, die irgendwo über uns schweben musste und schädlich für Mensch, Tier und Pflanzenwelt war. Was ich in den Nachrichten sah, machte es nicht besser. Denn auch die Erwachsenen, so wurde mir schnell klar, hatten keine wirkliche Sicherheit darüber, was nun geschehen würde. Was sich durch Tschernobyl ändern würde.

In den Nachrichten versuchte ich mich zu orientieren und was mir in Erinnerung bleiben wird, ist das auch heute immer in Zusammenhang mit dieser Katastrophe gezeigte Bild des Reaktors, der von außen eigentlich gar nicht so schlimm aussah, dem jedoch bereits Tage nach dem Vorfall eine Geisterbahnatmosphäre anhaftete.

Für mich stand fest: so oder so – irgendwann wird es das Atom und seine ungezügelte Kraft sein, die dem Menschen den Untergang bringt.

Wer weiß also, was in diesen Jahren an Geschichten entstanden wäre, wenn ich damals schon geschrieben hätte. Doch damit begann ich erst im Folgejahr. So sollte es noch fünf Jahre dauern, bis ich mich an die Aufarbeitung meiner Atomängste machte.

1991 war es, dass das zehnte Schuljahr so langsam aber sicher austrudelte. Meine damalige Lehrerin überließ es im Rahmen einer gewissen Zeitspanne, uns selber ein Projekt zu wählen, dem wir uns während der Unterrichtszeit widmen sollten. Eigentlich schrieb ich zu diesem Zeitpunkt gerade am soundsovielten Entwurf von „Angst im Perseud-Spiralnebel“, aber im Unterricht wollte ich etwas neues, frisches machen.

So entstand der Gedanke an die Trilogie „Leben nach dem Jüngsten Tag“.

Durch die geschilderten Umstände und Ereignisse hatte sich in meinem Kopf festgesetzt, dass eine Utopie der Menschheit immer mehr einer Dystopie gleichen würde. Ein Gedanke, den ich mit vielen Zeitgenossen teilte. Der Jüngste Tag war bei mir deswegen keine Frage, sondern eine Wahrscheinlichkeit. Streng genommen sogar eher eine Gewissheit.

Die Trilogie sollte sich daher wie folgt entwickeln:

  1. Teil: Ausbruch eines verheerenden Atomkriegs. Die Angehörigen der privaten Organisation ENDZEIT versuchen, den nuklearen Holocaust in speziell hierfür errichteten Hochsicherheitsanlagen zu überdauern. Die Handlung folgt den Überlebenden im sogenannten „Fort Apocalypse“, die letztendlich trotz aller Bemühungen den widrigen Umständen einer vollkommen vernichteten Welt zum Opfer fallen.
  2. Teil: Aus den Überresten der Menschheit formt sich Jahrhunderte/Jahrtausende später eine neue kulturelle Keimzelle, die allerdings alle Gedanken an Technik vergessen hat. Der Roman folgt den Erkenntnissen, die eine Handvoll Menschen auf Grundlage der vereinzelt noch erhaltenen Artefakte der „Alten“ macht. Er schildert das Wiedererwachen des modernen Menschen und seine Loslösung vom Aberglauben.
  3. Teil: Weitere Jahrhunderte später steht der Mensch an der Schwelle zum Weltraum. Er muss diesen Weg beschreiten, da die Erde selbst ihm immer feindseliger gegenüber tritt. Geschildert wird der Exodus der Menschheit und der Neubeginn unter fremden Sternen.

Es gab sogar schon einen vollständigen Kapitelplan für alle drei Bände. Das Ding musste nur noch geschrieben werden – und wurde es dann doch nie, weil es Opfer meiner berühmt-berüchtigten „ich fange alles an und schließe nichts ab“-Phase wurde. Ein zweiter Anlauf im Jahr 1993 scheiterte bereits nach wenigen Seiten.

Allerdings wohnt der Geschichte dieses Scheiterns auch Positives inne: Denn als Grundlage der Ereignisse, die im ersten Teil zum Ausbruch des Atomkriegs führen, hatte ich die politischen Realitäten des Jahres 1991 aufgenommen, überspitzt, radikalisiert und dann in eben jenen Krieg, mit dem passend das neue Jahrtausend begann, münden lassen.

Aber 1993 war nicht mehr 1991! Die globalpolitischen Realitäten hatten sich auf breiter Ebene verändert. Und zwar in einer solchen Weise, dass es für mich nicht mehr vorstellbar war, wie es binnen weniger Jahre zu einer derartigen Verschlechterung der Situation kommen sollte, dass ein Atomkrieg im gleichen katastrophalen Ausmaß ausbrechen konnte. Und bei aller Schwarzmalerei: ich sehe diese Möglichkeit bis heute nicht. Alleine das hat bislang verhindert, dass der Gedanke aufgekommen wäre, „Leben nach dem Jüngsten Tag“ noch einmal neu aufleben zu lassen.

Dreißig Jahre ist der GAU von Tschernobyl jetzt her und Ereignisse aus jüngerer Vergangenheit haben uns gezeigt, dass der Mensch immer noch nicht vollständig aus der zerstörerischen Kraft des Atoms gelernt hat. Fukushima lässt grüßen. Oder auch der mutmaßlich marode Reaktor in Belgien, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Ganz zu schweigen von säbelrasselnden Figuren wie dem Oberkim von Nordkorea.

Und dennoch – für meine Kinder ist der heutige Tag nicht mehr oder weniger als ein Jahrestag für eine Katastrophe, die weit, weit entfernt und vor langer, langer Zeit stattgefunden hat. Das ist gut so! Und, wie gesagt, sie verbinden eventuelle Probealarme auch nicht mehr, so wie ich es in meiner Kindheit getan habe, mit dem Ausbruch des Dritten (und dann wahrscheinlich letzten) Weltkriegs, sondern mit irgendeiner allgemeinen Gefahr, wie z.B. einem Brand, bei dem Schadstoffe ausgetreten sind.

Manchmal denke ich zurück an die Zeit, in der ich mir Gedanken über diese Romantrilogie machte. Eine Zeit, in der ich als Autor noch vollkommen undefiniert war, noch nie einen Roman abgeschlossen hatte. Aber in mancherlei Hinsicht doch schon den Elan und den Anspruch an mich mitbrachte, wie ich ihn heute an guten Tagen feststellen kann. Und ich erinnere mich an das erste Kapitel des ersten Romans, in dem fünf Menschen an Bord des Versorgungsschiffes Singapur in die Antarktis reisen, um dort den Jüngsten Tag zu überleben.

Den Jüngsten Tag, der dann zum Glück weder in meinen Romanen, noch in der Realität jemals stattgefunden hat.

Ich schließe diesen Artikel mit einem Lied. Dem wahrscheinlich passendsten Lied zum Thema überhaupt. Und ich bin mir sicher, wenn ich den Michael von 1991 sehen könnte, wie er an seinem Entwurf arbeitet, dass dieser zu den Klängen dieses Songs ganz sacht seinen Kopf bewegen würde.

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8 Gedanken zu “30 Jahre danach: Tschernobyl und der Schatten des Atoms

  1. Hallo Michael,
    Hab vielen Dank für diesen interessanten Einblick in dein Weltverständnis von damals. Ich hatte nicht mal mehr gewusst, dass Tschernobyl heute war. Mein Vater hat damals in Berlin gelebt und erzählt, dass es dort wohl auch eine verstrahlte Wolke gab. Das ist meine einzige „ernsthafte“ Begegnung, die andere ist die Karte vom verlassenen Tschernobyl mit dem Riesenrad und dem Schwimmbad aus dem Spiel Call of Duty. ^^‘

    Sehr interessant, wie einen solche Ereignisse prägen. An Nine Eleven war ich so alt wie du damals und hab bei einer Freundin später übernachtet. Wir hatten solche Angst, dass ein Flugzeug in unser Haus fliegen würde und lagen extra nebeneinander auf dem Boden, weil weiter weg vom Himmel.

    Liebe Grüße,
    Kiira

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    • Mic schreibt:

      Liebe Kiira,

      ich danke dir für dein Interesse!

      Dass du Tschernobyl nicht in jener Weise auf dem Schirm hast/hattest ist ja klar, wenn du erst deutlich danach geboren wurdest. Man hat um den ganzen Komplex ja einen Sarkophag errichtet und den dann erst einmal stehen lassen. Jetzt gerade ist man ja wohl dabei, da eine neue Schutzhülle zu errichten, die dann vielleicht wieder dreißig Jahre hält. Au weia, kann man da nur sagen.

      Bei Nine Eleven war ich ja schon wesentlich älter, auch wenn das, egal für welches Alter, ein ebenso einschneidendes Ereignis gewesen ist. Mir war damals sofort klar, dass das Krieg geben würde. Ich wusste noch nicht, gegen wen und wie, aber die Tatsache stand fest. Angst hatte ich allerdings keine, ich stand mehr unter Schock. Ich habe mal gelesen, dass 9/11 sich in eine Reihe von anderen Ereignissen stellen lässt, von denen die Menschen hinterher immer wissen werden, wo sie waren und was sie taten, als sie davon erfuhren. Beispiele sind die Mondlandung oder die Ermordung von JFK.

      Ich erfuhr vom Einschlag des ersten Flugzeugs aus dem Autoradio, als ich mit meiner Frau auf dem Weg zum Einkaufen war. Das zweite Flugzeug sahen wir dann im Laden schon live in den Tower rasen.

      Ja, so war das damals. Auch schon 15 Jahre her in diesem Jahr …

      Liebe Grüße
      Michael

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      • Lieber Michael,
        Vielen Dank für deine ausführliche interessante Antwort.

        Der Sarkophag ist aber auch gut in den privaten Haushalten angekommen, wenn Eltern nicht viel darüber reden.

        Ja. Diese Liste mit den Ereignissen .. . Ich hatte dazu mal einen psychologischen Artikel gelesen, dass Schock-Ereignisse generell dazu führen können, dass man sich bis ins kleinste Detail an unrelevante Sachen dazu erinnern kann. Wir saßen übrigens allesamt im Wohnzimmer. Hatten die Nachricht vom ersten gesehen und haben auch voller Entsetzen den Einschlag des zweiten Flugzeuges live gesehen.

        Als ich von Fukushima erfuhr, war ich gerade im Bahnhof und auf dem Weg nach Hause.

        Paris aus letztem Jahr .. normaler gemütlicher Abend und plötzlich zieht Männe mich rüber und zeigt mir die Nachrichten. Ne Arbeitskollegin hatte besagtes Fußballspiel live gesehen… .

        + zwei böse Unwetter

        … zum Glück ist meine Liste nicht so lang. 🙂

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      • Mic schreibt:

        Hallo Kiira,

        meinst du, dass über den Sarkophag gar nicht geredet wurde und deswegen die ganze Situation in Tschernobyl unklar war? Oder, dass nicht klar war, dass der demnächst (so die Prognosen) in sich zusammenbrechen wird?

        Bei „richtigen“ Schocks ist das so, wie du schreibst. Ob da jetzt Ereignisse dazuzählen, die man mit Abstand am Fernseher gesehen hat, das weiß ich nicht.

        Bei Fukushima ging mir das, wie ich zu meiner Schande sagen muss, wie der japanischen Regierung: ich hab das erst gar nicht für so schlimm gehalten … ansonsten führe ich über solche Ereignisse keine Liste. Ist auch besser so, dass man keine führt :-).

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      • Mic schreibt:

        Hast du denn gefragt, Kiira? Weil ich gerade so überlege: von alleine erzählen wir unseren Töchtern auch eher wenig von solchen Dingen. Die Große fragt jetzt schon mal nach. Die Kleine ist wohl noch genau das: zu klein :-).

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