Warum verschiedene Perspektiven auf eine Figur wichtig sind

Heute Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, fuhr ich wie immer mit der U-Bahn. Ich habe nur eine kurze Strecke von zwei Haltestellen, nachdem mich der Zug über den Rhein gebracht hat, aber ich nehme dann doch lieber die Bahn, als zu laufen. Schließlich arbeite ich auf Stempelkarte ;-).

Normalerweise reicht die Zeit also kaum aus, um mehr zu tun, als sich wieder auf das Aussteigen vorzubereiten. Heute habe ich aber eine interessante Beobachtung machen können.

Schon am Bahnsteig war mir ein junges Mädel, eigentlich mehr eine junge Frau, aufgefallen, die eine ganze Reihe von Piercings spazieren trug. Das bedeutet: jeweils mehrere an beiden Ohren, durch die Nase, durch die Unterlippe. Ich habe da kein Problem mit, überhaupt nicht. Sie fiel mir eigentlich auch nur deswegen auf, weil sie eine ziemlich große Tasche bei sich hatte, die einen ganz anderen Stil vertrat. Dieser war eher bieder und schien mir so gar nicht zu ihr passen zu wollen.

Wie es der Zufall so wollte, setzte sie sich in der U-Bahn so, dass ich mehr oder weniger schon fast dazu gezwungen war, sie weiterhin im Auge zu behalten. Sie öffnete ihre Tasche und holte einen Schwung Papier heraus. Dann kramte sie nach einem Stift – einem roten. Und obwohl ich noch dachte, dass das jetzt so gar nicht passte, fing sie tatsächlich an, Mathearbeiten zu korrigieren.

Während ich mich noch wunderte, musste ich auch schon aussteigen – und kam über die verschiedenen Perspektiven ins Nachdenken, die ein Mensch für unterschiedliche Betrachter einnehmen kann.

Für mich, als Mensch etwas gesetzteren Alters *g, war die Frau jung und zeichnete sich durch die vielen Piercings als eine eher jugendliche, vielleicht sogar flippige Person aus. Wenn sie nachher die korrigierten Klassenarbeiten bei ihren Schülern abliefert, wird sie die strenge Lehrerin sein, die mal wieder viel zu schwere Aufgaben gestellt hat.

Ich überlegte, wie sich die Sache mit meinen eigenen Lehrern wohl verhalten hat, als ich noch zur Schule ging. Nun muss man sagen, dass es so etwas wie die Sache mit den Piercings zu meiner Zeit nicht gegeben hätte. Damit hätte sich der Träger oder die Trägerin gesellschaftlich einigermaßen in die linke Ecke (und damit oftmals auch ins Aus) geschossen. Undenkbar für eine Lehrkraft. Aber wie war das mit den anderen? Denen, die einem damals so unglaublich alt und teils auch unglaublich spröde vorkamen?

Ich habe gerade einmal die Homepage meiner alten Schule besucht und bin dort hängen geblieben, weil ich darauf gestoßen wurde, wie viele meiner ehemaligen Lehrer just in den letzten fünf Jahren in den, sicherlich wohlverdienten, Ruhestand gegangen sind. Das bedeutet, dass einige vielleicht ungefähr in meinem Alter waren, als sich unsere Wege trennten. Andere waren wesentlich jünger, als wir gemeinsame Schulstunden verbrachten. Aus meiner heutigen Sicht wären sie also jung, aus meiner damaligen waren sie, sorry, steinalt.

Kommen wir zurück zu unserer Lehrerin mit den vielen Piercings. Ich unterstelle, dass sie mit diesen auch im Kollegium ihrer Schule noch heraussticht – da ich zwei schulpflichtige Kinder habe, glaube ich, mir da ein Urteil erlauben zu dürfen. Also sehe ich alleine an der Schule schon mehrere Perspektiven, aus denen sie wahrgenommen werden dürfte:

  • Die Kinder sehen sie als „alte“ Frau, die vielleicht sogar „versucht“ auf „cool“ zu machen, wegen ihrer Piercings
  • Eltern nehmen sie vielleicht nicht richtig ernst, aufgrund ihrer Jugend
  • Ältere Kollegen schauen ein wenig mitleidig lächelnd auf sie herab, das junge Gemüse, das sich schon noch die Hörner abstoßen und ruhiger werden wird
  • Jüngere oder gleichaltrige Kollegen schauen zu ihr auf, weil sie sich auch gerne trauen würden, sich so zu präsentieren, wie sie es tut.

Wisst ihr, was mich neben ihrem Aussehen übrigens am meisten irritiert hat? Dass sie die Klassenarbeiten eben dort korrigiert hat, wo viele Schüler traditionell ihre Hausaufgaben machen: morgens auf dem Weg zur Schule. Wenn das nicht eine ganz besondere Würze der Ironie ist :-).

Aber was wir nicht außer Acht lassen dürfen ist, dass zu den Perspektiven, die ich gerade aufgezählt habe, ja noch viele weitere dazu kommen:

  • als Tochter
  • vielleicht als Mutter
  • als Schwester
  • als Freundin
  • als Ehefrau
  • als Nachbarin
  • als Mitglied im selben Verein
  • als Partybiest im Club
  • und, und, und!

Das alles ist aber immer noch der gleiche Mensch, die gleiche Person. Sie vereint die verschiedenen Blickwinkel auf sich und wird in der Summe zu dem, was sie in der Darstellung ausmacht.

Wenn unsere Lehrerin nun eine Romanfigur wäre, würde es Sinn machen, sich immer vor Augen zu führen, dass sie mehr ist als ein plattes Abziehbild eines realen Menschen. Zu leicht läuft man Gefahr, eindimensional zu denken. Eindimensionale und klischeebehaftete Charaktere aber bergen die Gefahr in sich, dass der Leser die Person als Ganzes nicht ernst nimmt, sie schlimmstenfalls sogar ablehnt.

Es trägt einfach zur Charakterbildung bei und sorgt dafür, Personen greifbarer und realistischer zu machen. In dem Roman, an dem ich gerade schreibe, taucht auch eine junge Frau auf. Diese bewegt sich in einem Spagat zwischen ihrem Vater einerseits und einem ihr genehmen jungen Mann andererseits. Dazu kommen noch epochentypische Zwänge und Vorstellungen. Dinge wie die Piercings, welche die meisten Menschen so interpretieren dürften, wie ich es tue. Und die bei einem Vater wie dem meiner Romanfigur nicht gut ankommen dürften.

Natürlich kann und muss man nicht jede Facette der Persönlichkeit aufzeigen. Das würde den Rahmen der meisten Romane sprengen. Aber ich denke schon, dass es für den Autor gut ist, sich diese Perspektiven anzusehen und sich ihrer dort, wo es angebracht erscheint, zu bedienen. Vieles, was ich über Maria Maier weiß, werde ich meinem Leser nie verraten. Er muss es nicht wissen. Aber es schadet nicht, dass ich es weiß!

In diesem Sinne hoffe ich, dass „meine“ Lehrerin einen entspannten Arbeitstag hat, sich nicht mit den Eltern ihrer Schüler herumschlagen muss und von eben diesen Schülern vielleicht sogar als „cool“ eingeschätzt wird. Trotz der Noten, die sie bekommen haben.

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8 Gedanken zu “Warum verschiedene Perspektiven auf eine Figur wichtig sind

  1. Lieber Michael,
    Da hätte ich genauso irritiert aus der Wäsche geguckt wie du. „Da passt doch etwas nicht?“ – was zeigt, was für Lehrer wir gewohnt waren – bzw. was für Frauen mit Piercings wir gewohnt sind.

    Ich könnte mir vorstellen, dass sie im Kollegium nicht viele Probleme hat. Schließlich sieht man als Lehrer auch auf den ersten Blick, ob der andere unterrichten kann oder nicht, und falls sie zu schrecklich gewesen wäre, wäre sie durch das Refendariat durchgefallen (oder vielleicht ist sie da gerade?).
    Und dann könnte ich mir auch vorstellen, dass sie einen besseren Draht zu den Jüngeren hat. Obwohl sie sich wahrscheinlich strenger geben muss als andere, die allein schon durch ihr Aussehen Respekt erzeugen .. .

    Hmhmhmhm. Gedanken über Gedanken. Sehr spannend! Danke für’s Teilhaben lassen!
    Kiira

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    • Mic schreibt:

      Liebe Kiira,

      ja, das mit den Lehrern ist schon eine spannende Sache. Ich sehe das so, dass da im Moment scheinbar so eine Art Umbruch im Gange ist. Jedenfalls habe ich sowohl an der Grundschule meiner Kleinen als auch an der weiterführenden Schule der Großen das Gefühl, dass es „alte“ Lehrer gibt, die eher noch das Gefühl bei mir auslösen, wie meine alten Lehrer es taten, und dann die „jungen“, die eben ganz anders sind.

      Das zeigt auch, wie unsere Gesellschaft sich insgesamt verändert hat. Siehe dazu auch den Beitrag zu den Tattoos von neulich. Wenn zu meiner Zeit eine Lehrerin so ausgesehen hätte, wären die Eltern, unabhängig von ihrem Können, der Schulleitung aufs Dach gestiegen!

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      • Lieber Michael,
        Das mit dem Umbruch ist spannend. Ich glaube, der war schon während meiner Schulzeit angefangen. 30% waren junge Lehrkräfte. Wenn ich jetzt auf die Internetseite gucke, sind es bestimmt 60%. Aber mit Tattoo oder Piercing war bei mir keiner. Meine junge Kunstlehrerin war toll: richtig bunt!

        Kiira

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      • Mic schreibt:

        Du bist ja auch noch mal ein paar Jahre jünger als ich, Kiira. Du hast ja mal erzählt, dass du bei 9/11 ungefähr elf Jahre alt warst. Damit „trennen“ uns 15 Lebensjahre und das macht gerade in solchen Berufen, glaube ich, eine ganze Menge aus! Überspitzt gesagt hatte die Generation Lehrer, die in Rente ging, als ich eingeschult wurde, ja noch am eigenen Leib erfahren, dass man in der Schule eins mit dem Lineal auf die Pfoten bekommt. Ganz schön krass, eigentlich.

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      • Mic schreibt:

        Na ja, rechne mal:

        Ich bin 1981 eingeschult worden. Lehrkräfte, die da kurz vor der Rente standen waren also ungefähr Jahrgang 1921. Die dürften das noch gekannt haben. Selbst meine Eltern (Jahrgang 1949 und 1951) berichteten, dass sie das teils in der Schule noch erlebt haben.

        Wenn man das in alten Filmen sieht, scheint das immer Äonen weit weg zu sein. Aber in Wahrheit liegt es manchmal ziemlich nahe.

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      • Meine Eltern hatten das in der Grundschule auch noch, aber ich dachte, das hätte daran gelegen, dass es im Dorf war.

        Aber wo du’s sagst .. mit 1921er Jahrgängen … . Meine älteren Lehrer waren bestimmt 1947-1955

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      • Mic schreibt:

        Siehst du! Wie gesagt, alles eine Frage der Perspektive. 🙂

        Der Gedanke hat etwas faszinierendes, dass einige der Lehrer, mit denen ich es zu tun hatte, genau mein jetziges Alter hatten. Oder auch die Lehrer meiner Kinder in dem Alter sind. Es ist im Kopf schwer übereinander zu legen. So geht es mir zumindest.

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