Erleben aus zweiter Hand

Ich fürchte, dies wird ein Beitrag, der sehr am eigentlichen Thema des Blogs vorbei geht. Aber ich habe gerade mal wieder etwas gesehen, was mich dazu bringt, den Kopf zu schütteln. Und wenn ich den Kopf schütteln muss, dann fallen mir dabei nicht nur ein paar Schuppen aus den Haaren, sondern auch ein paar Worte in die Tastatur.

Meine jüngere Tochter geht zur Zeit in die erste Klasse. An der Grundschule, an der sie ist, hat vor kurzem ein Zirkusprojekt stattgefunden. Ihr kennt das vielleicht, wenn ihr selber Knirpse in dem Alter habt oder jemanden kennt, bei dem das der Fall ist. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Projekten dieser Art, in denen unter fachkundiger Anleitung im Rahmen einer Projektwoche ein wirklich manegenreifes Programm auf die Beine gestellt wird. Eine Sache, an der die Kinder eine Riesengaudi haben.

Meine Tochter hat auch teilgenommen. Sie war eine der kleinen Trapezkünstlerinnen. Und weil sie dort einen Auftritt hatte, war es für uns auch klar, dass wir auf das Angebot der Schule zurückkommen würden, eine semiprofessionell gefertigte Videoaufzeichnung der entsprechenden Aufführung zu erwerben. Das ganze Programm dauerte übrigens an die zwei Stunden.

Einen weiteren Grund hatte der Kauf auch noch: die Sporthalle, in der die Aufführung stattfand, ist wie die meisten Schulturnhallen eher klein. Es ist schon eine Besonderheit, dass es überhaupt so etwas wie eine Zuschauerempore gibt. Aber auch die ist so klein, dass nur eine sehr begrenzte Anzahl von Personen darauf passt. Deswegen hatte die Schule schon im Vorfeld darauf hingewiesen, dass es aus Gründen der Fairness leider nicht möglich sei, mehr als eine Eintrittskarte pro Kind zu verkaufen.

Man sollte also meinen, dass diejenigen, die hinterher dort saßen, ein echtes Interesse an der Veranstaltung haben.

Aber wieso, verdammt nochmal, zeigen sie dieses Interesse dann nicht? Wieso beschneiden sie sich selbst im Erleben dieses wirklich mit viel Herz auf die Beine gestellten Events, indem sie dauernd in ihre vermaledeiten Smartphones starren?

Ich unterstelle nicht, dass den allen langweilig geworden ist. Wenn schon mal ins Publikum geschwenkt wird, sieht man, dass die meisten (aber nicht alle) ihr eigenes Video von der Aufführung drehen. Ob man das bei einem Preis von fünf Euro für die DVD wirklich tun muss, sei mal dahin gestellt belassen.

Es ist dasselbe Verhalten, das man bei so ziemlich jeder größeren Veranstaltung heutzutage sieht. Egal, ob es sich um Sportevents handelt, um Konzerte oder um sonstige Veranstaltungen, dadurch dass inzwischen jeder seine eigene Videokamera dauernd mit sich herumträgt, ist hier eine Gesellschaft entstanden, die viele Dinge nur noch aus zweiter Hand erlebt.

Wenn ich, als Beispiel, auf einem Konzert bin, dann gehört für mich zum Erlebnis auf jeden Fall dazu, dass ich mitklatsche, dass ich mich bewege, dass ich das tue, was ein Greis von vierzig Jahren für „tanzen“ hält. Wenn ich dann Jungs und Mädels sehe, die weder das eine, noch das andere oder das dritte tun, sondern nur ihr Smartphone hochhalten, um dann hinterher irgendwem (und sei es ein paar Dutzend Followern auf YouTube) sagen zu können, dass sie auch da gewesen sind, dann frage ich mich ernsthaft, was die da wollen!

Kommen wir zurück zur Aufführung der Grundschule meiner Tochter. Was gehört zu einer Zirkusvorstellung dazu wie Clowns und Akrobaten? Natürlich: das große Finale! Und weil so richtig viele Helfer an der Veranstaltung teilgenommen haben, fiel das große Finale auch wirklich im Wortsinne aus.

Was sollte man dann tun, wenn Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren, die gerade richtig etwas geleistet haben, winkend durch den Vorhang treten? Na, irgendeine Idee?

Richtig: Klatschen sollte man! Und zwar nicht zu wenig und nicht nur für das eigene Kind.

Und das war der Moment, wo mir die Smartphones richtig, richtig auf die Nerven fielen. Denn was kann man nicht, wenn man ein Smartphone mit beiden Händen quer in der Hand hält?

Richtig: Klatschen kann man nicht! Und nicht mal ein bisschen und nicht mal für das eigene Kind.

Ehrlich, ich verstehe es nicht und wenn ich an dem Tag dort gewesen wäre, ich bin mir nicht sicher, ob ich meinen Mund hätte halten wollen. Ich kann verstehen, dass man eine Erinnerung an diese Momente haben will. Aber jedem war vorher bekannt, dass es Filmaufnahmen geben würde. Und nein, bei drei (!) Kameras, die mitfilmten, zieht auch das Argument nicht, dass die Aufnahmen ja vielleicht nichts werden könnten.

Ich hoffe für die Kinder, dass sie das nicht so mitbekommen haben. Und für die Eltern würde ich mir wünschen, dass die noch mal für sich reflektieren, ob sie nicht mehr, viel mehr von so einer Veranstaltung haben würden, wenn sie nicht alles aus zweiter Hand, durch den 5″-Bildschirm eines Smartphones erleben würden, sondern direkt, mit ihren eigenen Augen und Ohren.

Wäre das nicht ein richtiger Schritt zurück nach vorn?

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9 Gedanken zu “Erleben aus zweiter Hand

    • Mic schreibt:

      Stimmt, die Japaner bildeten da sozusagen die Speerspitze dieses Verhaltens. Aber bei denen ist es ja die eigene Entscheidung, Tausende von Yen auf den Tisch zu legen und dann Europa nur durch den Sucher einer Kamera zu sehen. Soll machen, wer will …

      Aber die Kinder – wirklich schade!

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  1. *seufz* Da stimme ich dir voll zu! Das fängt aber auch schon am Sandkasten an, wo sich Mütter treffen. Die gucken auch nicht, was ihre Kinder machen…
    Ich mach lieber ab und zu ein Foto zur Erinnerung, aber zum Filmen habe ich weder das richtige Handy noch die Lust dazu. Da kann ich mich gar nicht konzentrieren…
    Hat es deinem Kind denn gefallen?

    Gefällt 1 Person

    • Mic schreibt:

      Meine Tochter war begeistert, sowohl vom Mitmachen, als auch von dem ganzen Projekt. Und ich war ehrlich gesagt überrascht, wie toll die ganze Veranstaltung war. Auch wenn ich jetzt noch nicht den ganzen Film gesehen habe. Ich war gestern einfach nicht auf zwei Stunden Zirkus eingestellt ;-).

      Am Sandkasten finde ich das mit den Müttern ja noch einigermaßen okay. Da ist es mir lieber, die lesen, quatschen oder spielen von mir aus mit dem Handy, als dass sie die ganze Zeit hinter ihren Sprösslingen herjagen. Kinder müssen auch mal einfach so herumtoben können!

      Gefällt 1 Person

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