Die blaue Liste (2) Die Macht der Gedanken

Guten Morgen zusammen!

Heute wollen wir uns mal ein wenig mit Schreibtheorie beschäftigen. Aber keine Sorge, ich versuche, es nicht zu trocken zu gestalten. Und eine Klassenarbeit schreiben wir auch nicht darüber ;-).

Eine Geschichte funktioniert immer auf mehreren Ebenen – jedenfalls dann, wenn sie gut konstruiert ist. Sie packt uns mit ihrer Handlung, sie fesselt uns mit ihrem Einfallsreichtum und sie fasziniert uns mit ihren Charakteren. Und genau darum soll es heute gehen, um diese Charaktere.

Eine der grundlegenden Eigenschaften jedes Menschen ist es, dass er permanent denkt. Manchmal denkt er große Gedanken, manchmal sich auch nur seinen Teil. Das kommt immer auf die Situation an und auch auf seinen persönlichen Erfahrungshorizont. Größere Geister denken nicht unbedingt mehr als kleinere. Sie machen sich auch nicht unbedingt bessere Gedanken. Gedanken sind erst einmal, wie der alte Spruch es zutreffend sagt, frei. Und das sind sie auch bei Romanfiguren – worin eine große Macht liegt!

Wie schafft man es nun als Autor, die Gedanken seiner Figuren an den Leser zu bringen? Dazu gibt es verschiedene Methoden, von denen ich euch die drei, mit denen ich in der Hauptsache arbeite, an dieser Stelle vorstellen möchte.

Eingebundene Gedanken

Die, wie ich denke, häufigste Methode ist, dass Gedanken und Gefühle des Protagonisten, in diesem Fall gleichbedeutend mit dem aktuellen Perspektivträger, einfach in die Handlung eingebunden werden. Dies geschieht im wahrsten Sinne des Wortes nebenbei, nicht von den anderen Aktivitäten zu trennen, wie das Beispiel illustriert:

Sam lief die Straße entlang und holte gleichzeitig seine Dienstwaffe hervor. Irgendwo musste der Mistkerl stecken, der es gewagt hatte, auf ihn zu schießen. Und sobald er herausgefunden hatte, wo das war, würde dieser sein blaues Wunder erleben!

Wir haben hier keine gesonderte Darstellung der Gedanken. Sie werden uns nicht in der Form präsentiert, dass Sam wirklich einzelne Gedanken denkt, sondern wir erleben sie in einer komprimierten Form, die uns ausreichend über seine Absichten und auch Gefühle informiert, aber eine gewisse Distanz aufrecht erhält.

Diese Darstellung hat sich, so glaube ich, deswegen durchgesetzt, weil sie erlaubt, das Tempo einer Szene hoch zu halten. Wir sind bei Sam, aber nicht das, was in ihm vorgeht, steht im Vordergrund, sondern seine Handlungen, seine Aktionen. Aus diesem Grund bietet sich diese Technik meines Erachtens vor allem für aktionsreiche Szenen an.

Innerer Monolog

Der Gegenteil der aktionsreichen Szene ist die, in der anscheinend gar nicht viel passiert – jedenfalls äußerlich. Innerlich allerdings geschieht bei der Person, bei der wir uns gerade aufhalten, eine ganze Menge. Es passiert sogar so viel, dass der ganze Abschnitt, den wir als Leser verfolgen können, im Prinzip nichts anderes ist als ein einziger langer Gedankengang, oft in Form eines inneren Monologs.

Wenn Sam über die Morde nachdachte und wie er ein ums andere Mal zu spät gekommen war, wurde ihm übel. Er erinnerte sich an jedes Detail, ging sie immer wieder in Gedanken durch. Das Blut, die Spuren, die toten Augen. Sam wusste, dass er davon in der kommenden Nacht träumen würde. Er träumte immer von seinen Fällen, wenn es nicht gut lief. Und hier lief gar nichts gut. Es machte ihn fertig!

Der Protagonist reflektiert über Dinge, die er gesehen hat, genauso wie über sein normales Verhalten. Wir erfahren nicht, wo genau er sich aufhält, was er dort genau tut, aber wir sehen tief in ihn hinein und erleben so, wie er sich dazu aufmacht, von einem bloßen Abziehbild zu einer Figur zu werden. Ich wette, wenn wir den Abschnitt ganz bis zu seinem Ende verfolgen würden, wüssten wir wesentlich mehr über Sam, als wir dies vorher taten.

Deswegen ist diese Technik meines Erachtens bestens für die Charakterbildung zu empfehlen und klappt, das nur nebenbei, auch sehr gut, wenn die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt wird!

Flankierende Gedanken

Das ist die Sorte Gedanken, die ich besonders gerne einsetze, wenn ich an Dialogen sitze. Das hat damit zu tun, dass meines Erachtens wenig den Denkapparat zu anregt, wie es eine Unterhaltung tut. Wenn man mit einem anderen Menschen spricht, wird, zumindest bei mir, parallel eine alternative Unterhaltung im Kopf geführt. Die einen versuchen, die kommenden Sätze zu antizipieren, um sich vielleicht einen Vorteil zu verschaffen. Andere taktieren damit, bloß nichts falsches zu sagen. Wieder eine andere Situation könnte sein, dass man die Unterhaltung, die man führt, eigentlich stinklangweilig findet und deswegen in Gedanken Schäfchen zählt. Soll alles schon da gewesen sein ;-).

„So, jetzt erzählen Sie mir mal, wann Sie Baker das letzte Mal gesehen haben“, sagte Sam und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. In Gedanken ergänzte er: Nicht, dass ich dir auch nur irgendein Wort glauben würde, du Stück Dreck!

Die direkte Aussprache des Gedanken schafft eine Nähe zum Charakter und führt die Unterhaltung auf eine zweite Ebene. Sam glaubt der Person, mit der er spricht, kein Wort. Ohne den Gedanken würden wir dies nicht wissen. Gut, man könnte es auf andere Weise einbinden und erkennbar machen, aber das direkte, das eindringliche von Sams deutlichen Worten würde verloren gehen.

Ich arbeite genau aus diesem Grund sehr gerne mit dieser Technik. Allerdings muss man sie sparsam einsetzen, weil ansonsten die Gefahr besteht, sich auf den verschiedenen Ebenen zu verzetteln – sowohl für den Autor, wie auch für den Leser. Und das gilt es schließlich unbedingt zu vermeiden!

Wenn du denkst …

In welcher Weise auch immer die Gedanken der Figuren in eurem Roman deutlich gemacht werden, es kann der Geschichte nur gut tun, wenn auf diese Weise noch ein wenig mehr der Motivation, des Antriebs und der Persönlichkeit zum Vorschein gebracht werden. Ob ihr euch für eine der Methoden entscheidet, oder ob ihr einen Stilmix anwendet, ob ihr flankierende Gedanken kursiv setzt oder nicht, das ist letztlich eine Formfrage, die ihr für euch selber beantworten und vielleicht einfach mal austesten müsst.

Ich hoffe, dass mein kleiner Artikel euch gefallen hat. Ich bin nicht der beste Theoretiker, was Sprache angeht – dafür handle ich zu oft aus dem Bauch heraus. Deswegen erhebt dieser Beitrag weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf absolute Allgemeingültigkeit.

So mache ich es – und so denke ich es. Und vielleicht denkt ihr ja in einer ähnlichen Richtung wie ich. Ich freue mich wie immer, von euch zu hören!

Habt einen angenehmen Tag!

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8 Gedanken zu “Die blaue Liste (2) Die Macht der Gedanken

  1. Entschuldige, dass ich lache. Es hat gar nichts mit dem Thema zu tun – das habe ich nur am Rand gelesen und nicht richtig verstanden, weil… Ja weil mir immer der Gedanke: Wir von Gottes Gnaden im Kopf herumspukte. Dieser Artikel klingt, in meinen Ohren, sehr oberlehrerhaft.

    Aber bitte versteh mich nicht falsch – ich möchte dir nicht vorschreiben, wie du was zu schreiben hast. Wäre es aber nicht besser, wenn du in der Ich-Form schreiben würdest?

    Gefällt 1 Person

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