Kleine und große Katastrophen. In meinen Romanen bin ich Gott!

Guten Tag zusammen!

Lasst mich meinen heutigen Beitrag damit eröffnen, dass ich hoffe, dass es euch allen gut geht! Namentlich, dass ihr nicht unter den teils unwetterartigen Regenfällen der letzten Tage zu leiden hattet, dass eure Häuser und Wohnungen nicht betroffen wurden und auch sonst niemand, den ihr kennt, ernsthaften Schaden genommen hat. Ich sagte es heute schon zu einem Arbeitskollegen: normalerweise ist der Moment, in dem man anfängt, sich über das Wetter zu unterhalten, der Moment, in dem man zugibt, sich nichts mehr zu sagen zu haben.

Nun, heute und in den letzten Tagen war das ein wenig anders.

Ich denke, ihr kennt alle die Bilder aus den Nachrichten, die Horrormeldungen aus den Zeitungen und die Schicksale der Menschen, die Hab und Gut und, schlimmstenfalls, sogar ihr Leben gelassen haben, weil die Natur wieder einmal ihre zerstörerische Seite hervorgekehrt hat.

Früher, als die Menschen noch nicht so viel über Meteorologie wussten, wie sie es heute tun (was den Wetterbericht aber nicht zwingend zuverlässiger gemacht hat), wurden Ereignisse wie diese schweren Unwetter als Gottesbotschaft oder vielleicht sogar als ein Gottesgericht angesehen. Man wusste es eben nicht besser. Und bevor man überhaupt keine Erklärung für etwas hatte, musste eben der da oben wieder einmal herhalten. Ich bin mir sicher, dass man dem armen Kerl im Laufe der Jahrhunderte ganz schön viel Verantwortung zugeschustert hat, die gar nicht bei ihm liegt.

(An dieser Stelle ein persönlicher Einschub: ich glaube nicht an einen Gott, wie er uns in der Bibel dargestellt wird. Ich denke, dass es eine Macht in der Welt gibt, die man vielleicht als „Schicksal“ bezeichnen könnte. Und falls es Gott doch gegeben haben sollte, so hat er seine Schöpfung schon lange sich selbst überlassen.)

Nun kann ich aber eine Sache nicht beiseite schieben: sofern es die Geschichten angeht, die ich schreibe, kommt mir selber die göttliche Position zu. Ich bin derjenige, welcher die Fäden zieht, an denen alle Marionetten und alle Ereignisse hängen. Ich entscheide über Freude und Leid, über Liebe und Hass, über Leben und Tod. Und diese Verantwortung kann ich an niemanden abgeben.

Jetzt kann man der Ansicht sein, dass es keine Auswirkungen hat, wenn ich zum Beispiel einen Roman schreibe, in dem die ganze Menschheit durch einen Atomkrieg zugrunde geht (so einen Roman habe ich ja wirklich einmal schreiben wollen). Es gibt keine richtigen Opfer und wenn ich darauf verzichte, Details zu beschreiben, gibt es nicht einmal fiktive Opfer. Es gibt ein Ereignis, das im Kopf des Lesers eine Phantasie auslöst – und das war es.

Mir fällt an dieser Stelle immer eine Stelle aus dem Roman „Der Schwarm“ von Frank Schätzing ein. Dort wird in einem Abschnitt detailliert ein riesiger Tsunami beschrieben, der das Leben einer der Figuren auslöscht, die dem Leser bis dahin ans Herz gewachsen sind. Es findet eine persönliche Bindung statt. Und dann, nur kurz darauf, wird von einem unterseeischen Ereignis in ganz lakonischen Worten berichtet, von dem man nach der bisherigen Handlung weiß, dass es Millionen und Abermillionen von Menschenleben kosten wird. Aber diese sind nicht mehr, als ein Schatten im Hinterkopf, eine Idee, wenn man so möchte.

Ich glaube, wenn man als Autor nicht bereit dazu ist, Gott zu spielen, dann hat man gewaltige Probleme. Was es nur manchmal so gemein macht ist, dass man ein gemeiner Gott sein muss. Denn ansonsten käme keine Handlung in gang. Stellen wir uns vor, wir schrieben eine Liebesgeschichte als gütiger Gott. Mann trifft Frau, Frau verliebt sich in Mann und umgekehrt, beide leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Das ist ein netter Lebensentwurf, bei dem wahrscheinlich kaum jemand Nein sagen würde, aber als Story ist es natürlich der totale Müll. Worüber soll ich denn schreiben, wenn den beiden nichts passiert? Nein, hier muss ich als Gott-Autor eingreifen und wenigstens eine verflossene Jugendliebe einbauen, die plötzlich wieder auftaucht. Oder eine Krebserkrankung. Eine Fehlgeburt. Irgendwas, je schmerzhafter für meine Charaktere, umso besser.

Oder schauen wir ins Krimifach. Es gibt nur relativ wenige Krimis, die im Bereich der Wirtschaftskriminalität spielen, weil es relativ wenige Menschen gibt, die dies einem gepflegten Mord vorziehen. Und ich als Autor habe die Aufgabe, diese Gelüste zu befriedigen. Es ist fast wie bei den alten Maya oder Inka, die zu Dutzenden ihren Nachwuchs auf den Opferstein legten, weil ihre Götter ein Blutopfer verlangten. Die Leser sind die Mayas und ich bin der, der den Eindruck macht, das Blutopfer nicht nur zu verlangen, sondern auch zu erfordern.

Ich hadere nicht damit, dass ich als Autor der Überbringer schlechter Nachrichten bin. Und ich will auch nicht damit anfangen, euch oder mich mit dem sogenannten karthartischen Begriff zu langweilen, demzufolge eine gut gemachte Horrorstory nicht zuletzt auch dazu dient, eigene negative Gefühle zu verarbeiten und loszulassen.

Nein, wenn ich Bilder und Geschichten wie die aus den letzten Tagen höre, dann wird mir nur wieder einmal bewusst, wie eng Fiktion und Realität manchmal beieinander liegen! Während in der einen Ortschaft Menschen um ihr Hab und Gut und ihr eigenes Leben kämpfen, sitzen andere Menschen in kaum dreißig Kilometern Entfernung und sehen sich das ganze plätzchenkauend im Lokalfernsehen an. Sie können das tun, weil Gott beschlossen hat, dass sie heute nicht dran sind mit Sandsack-schleppen. Oder einfach auch nur, weil sie Glück hatten.

Glück ist etwas, das in fiktiven Geschichten nicht passiert. Ich richte über Charaktere, über Situationen. Alles liegt in meiner Hand, in meiner Verantwortung. Deswegen ist es so essentiell wichtig, die Rolle als Gott nachvollziehbar zu spielen!

Das mag jetzt komisch klingen, denn ein Gott ist doch per Definition erst einmal jemand, der tun und lassen kann, was er will. Das habe ich doch schließlich selbst schon so gesagt, nicht wahr? Ja, kann er machen. Aber das Problem ist, dass wir Autoren zwar die Götter für unsere Figuren sind, aber nicht für unsere Leser! Wenn unsere Handschrift, der Deus ex Machina, also der Geist aus der Maschine zu deutlich sichtbar wird, dann fühlt der Leser sich um sein Vergnügen gebracht und springt möglicherweise ab.

Ich bin also Gott und darf es doch gleichzeitig nicht zu deutlich sein. Ich habe die Allmacht und muss aufpassen, wo ich sie einsetze. Mir stehen unbeschränkte Mittel zur Verfügung, aber ich darf die Ehrfurcht vor den Kleinigkeiten nicht verlieren. Die Realität darf mir Inspiration sein, aber es darf nicht soweit kommen, dass ich mich am realen Leid der Menschen in Bayern und in Baden-Württemberg ergötze. Eine ganze Menge von „ich darf und kann“ steht gegen eine noch größere Menge von „du darfst nicht, solltest nicht und wärst schön blöd, wenns“.

Und da soll sich einer wundern, dass Gott bereits vor langer Zeit unsere Welt sich selbst überlassen hat …

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2 Gedanken zu “Kleine und große Katastrophen. In meinen Romanen bin ich Gott!

  1. Ivonne schreibt:

    Lieber Michael,

    du triffst den Nagel auf den Kopf! Aber ist es nicht genau dieser Reiz, der uns Geschichten schreiben lässt? Wir erschaffen eine Welt! Wir bestimmen die Regeln! Wir haben die Macht zu entscheiden, wem Gerechtigkeit widerfährt und wen wir in der Wüste verdursten lassen. Das nenne ich die pure Freiheit.

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Ivonne!

      Natürlich macht das auch den Reiz aus, gar keine Frage! Manchmal bekomme ich halt so philosophische Anwandlungen. Aber wenn die „dollen fünf Minuten“ dann vorbei sind, kann ich auch wieder den mal freundlichen, mal harten Gott für die Figuren in meinen Geschichten spielen. Ohne mich würde es sie schließlich überhaupt nicht geben – vielleicht wiegt das als ausgleichende Gerechtigkeit :-).

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