Die blaue Liste (3) Wie wollen wir sie (be-)nennen?

Bei meinem heutigen Überarbeitungsthema aus der „blauen Liste“ geht es um die Frage der Namen. Jede Figur, die in einem Roman auftaucht, braucht einen Namen oder eine Bezeichnung. Das kann ein ganz normaler Name sein, wie er etwa auf einem Türschild steht. Es kann ein Kose- oder Spitzname sein. Vielleicht ist es auch nur ein ihn bezeichnendes Attribut, wie zum Beispiel „der Postbote“ oder „der Feuerwehrmann“. Aber jede Person wird irgendwie genannt, ansonsten ist sie keine Person, sondern höchstens Teil der Menge, des Szenenbackgrounds.

In den unterschiedlichen Erzählformen geht man auch unterschiedlich mit der Benennung um. Wenn ich einen Roman aus der Ich-Perspektive schreibe, bin ich mit der Auswahl meiner Bezeichnung für andere Personen wesentlich freier und uneingeschränkter. Die Attribute, die ich benutzen kann, sind vielfältiger und können auch schon einmal ins höchst subjektive ausschlagen.

Da wird dann aus der „korpulenten Frau“ einfach „die fette Alte“. Oder aus dem „etwas begriffsstutzigen Mann“ der „debile Typ“. Beide Beschreibungen funktionieren übrigens auch andersherum, ich möchte in keiner Weise andeuten, dass Männer nicht auch fett und Frauen nicht auch debil sein können ;-).

Ein wenig anders sieht das Ganze in der, uns heutzutage am meisten vertrauten, (halb-)auktorialen Erzählform aus, in der wir perspektivisch einer Figur folgen, diese jedoch immer noch ein wenig Abstand zu uns behält, damit wir auch die restlichen Geschehnisse der Szene halbwegs ungefärbt wahrnehmen können. Auch hier kann man, etwa in Form von Gedankeneinschüben, die völlig ungefilterte Meinung des Protagonisten einbringen, es sind aber wirklich nur kurze Einschübe dessen. Oder sollten es jedenfalls sein. Hier verweise ich auch auf den zweiten Artikel dieser kleinen Serie.

Nachdem wir uns also darüber einig sind, dass es auf jeden Fall notwendig ist, Personen, aber auch Dingen, die eine gewisse Wichtigkeit besitzen, einen Namen zu geben, schauen wir kurz darauf, wieso es so wichtig ist, diesen Namen halbwegs einheitlich zu verwenden.

Das Problem für einen Leser ist, dass er nicht in der Lage ist, die Bilder, die der Autor vor seinen Augen hatte, als er seine Szene schuf, zu 100% nachzuempfinden. Es wird immer Abweichungen geben, was durchaus so gewollt ist, weil es zum einen für den Autor schwer wäre, wirklich jede Kleinigkeit einer Szenerie zu beschreiben und zum anderen es auch für den Leser einiges an Reiz wegnehmen würde, sich seine eigene Vorstellung zu machen. So kommt es, dass für jeden von uns die Details variieren, die für den Autor vielleicht (vielleicht auch nicht, bei manchen Dingen kommt man auch ohne sie aus) völlig klar gewesen sind.

Das ist ein Umstand, der sich auch gut bei Verfilmungen von Romanen ableiten lässt: es finden sich immer Menschen, die sagen, dass sie sich die Hauptperson ganz anders vorgestellt hätten. Und ebenso finden sich welche, die glauben, diese Figur sei geradewegs ihrer Phantasie entstiegen. Die Wahrheit liegt meistens irgendwo dazwischen und hat wiederum etwas damit zu tun, welches Bild der Regisseur oder der Produzent im Kopf gehabt hat.

Aber, um nicht abzuschweifen, kehren wir zur Wichtigkeit des einheitlichen Namens zurück. Wie eingangs beschrieben, kann ich eine Figur mit beinahe endlosen Attributen beschreiben. Irgendwas findet sich immer, sei es die Hühnerbrust des Mannes, die Zellulitis der Frau, die spindeldürren Finger, das schüttere Haar, … alles Attribute, die spätestens dann nicht mehr ausreichen, wenn ich mehr als eine Figur mit spindeldürren Fingern habe. Dann brauche ich wiederum den Namen.

Ich mache das Ganze einmal an einem Beispiel aus meiner momentanen Überarbeitung fest.

In meinem Roman „Der Beobachter und der Turm“ treten ungefähr zur Halbzeit zwei Polizisten auf. Diese heißen Dietmar Johannsen und Janina Lüdtke und werden den Leser in mehreren Abschnitten der Handlung bis zum Ende der Geschichte begleiten.

Untereinander nennen sich die beiden natürlich beim Vornamen. Nun habe ich aber, wie ich erst hinterher merkte, einen Fehler gemacht, als es darum ging, in den Erzähltexten eine halbwegs einheitliche Benennung durchzuziehen. Mal bezeichne ich die beiden alleine mit ihrem Nachnamen, mal mit der Kombination aus Vor- und Nachnamen und einige Male sogar nur mit ihrem Vornamen, wenn ich gerade mitten in einem Dialog zwischen ihnen war.

Ich behaupte, dass sich das für den Leser sehr komisch anfühlen würde. Selbst für mich als Autor ist es seltsam, weil es kein System gibt, nach dem ich hier eine Mischung durchgeführt hätte. Es geht, mitunter, planlos durcheinander und das führt zu Problemen mit der Identifikation. Nun habe ich noch das Glück, dass ich einen Mann und eine Frau in meiner Konstellation habe. Es ist wohl für Niemanden eine Schwierigkeit, Janina der Frau und Dietmar dem Mann zuzuordnen. Aber wie ist es bei größeren oder komplett gleichgeschlechtlichen Teams? An dieser Stelle muss ich zusehen, dass ich mich entscheide. Hin und wieder eine Abweichung kann der Leser tolerieren. Aber auch diese muss wohldosiert sein und am besten einen Sinn erfüllen.

Für meinen Roman steht also auf der blauen Überarbeitungsliste, dass ich die Bezeichnung speziell dieser beiden Figuren dort anpassen muss, wo sie zu stark uneinheitlich ist. Ich grüble schon geraume Zeit darüber nach, welches Modell mir am besten gefällt. Und weil das hier eine demokratische Website ist, würde mich eure Meinung interessieren, wie ihr vorgehen würdet, wenn ihr in eurer Geschichte vor diese Sorte Problem gestellt wärt.

Ich hoffe, meine Meinung und meine Ansichten zum Thema Benennung von Figuren im Roman haben euch ein wenig gefallen. Für Fragen und Kommentare stehe ich euch natürlich sehr, sehr gerne zur Verfügung!

Ich bedanke mich fürs Lesen und würde mich freuen, wenn ihr mir kurz eure Meinung zur Umfrage da lassen könntet! 🙂

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7 Gedanken zu “Die blaue Liste (3) Wie wollen wir sie (be-)nennen?

  1. Ich habe gerade „Die Blutlinie“ ausgelesen und muss sagen, manchmal kam ich ganz schön durcheinanders. Barrett, Barry, Banks.. Alles Namen aus dem Buch (wenn ich mich jetzt recht entsinne ;D). Also finde ich, sie müssen sich grundsätzlich schonmal im Klang unterscheiden! 😉

    Ansonsten sollte es der Situation angemessen sein, wie man jemanden nennt, denke ich. Wenn du als Erzähler über sie sprichst und sie beim Vornamen nennst, baust du mehr Nähe für den Leser auf, als wenn du sie beim Nachnamen nennst. Letzteres ist eher kühl und professionell, Ersteres eben eher persönlich und nah. Allerdings würde ich nicht mal den Vornamen und mal den Nachnamen nehmen (wörtliche Rede ausgeschlossen), sondern nur Vor- oder Nachnamen. Und um die Gefühle des Lesers zu lenken, dann auch gerne mal beides zusammen, aber nicht mal hier Vorname und da Nachname, sondern nur eins von beidem und hin und wieder zusammen. Immer Vor- und Nachname gleichzeitig zu nennen, wäre nervig.

    Gefällt 2 Personen

    • Hallo Jule,

      danke für deine Meinung! Das mit dem unterschiedlichen Klang ist ein guter Punkt! Wenn ich einen Roman mit großem Ensemble schreibe, muss ich mich auch immer am Riemen reißen, um da nicht in die Falle zu tappen. Aber ich schaue auf jeden Fall noch einmal nach, wie es sich hier verhält!

      Und auch mit dem Rest deines Textes kann ich etwas anfangen :-).

      Gefällt 1 Person

  2. Hallöchen! Mein bescheidener Senf dazu (hab das Voting schon abgeschlossen): Ich würde mich bei der Benennung deiner Figuren immer fragen, wie du sie für dich und den Leser in der Geschichte verorten willst.

    Manchmal braucht ein Charakter nicht mehr, als „die fette Alte“ (alternativ auch „der fette Alte“) zu sein, um dem Leser lebhaft im Gedächtnis zu bleiben. Wogegen ein großer Charakterpool mit zig unübersichtlichen Namen zu Ratlosigkeit, und nicht zu Individualit#t führen kann.

    Vom Lesen her habe ich diese Erfahrungen: Personennamen, am besten nicht allzu 08/15 (außer, es passt zur Story natürlich) für die Protagonisten. Nachnamen für Nebencharaktere, die in einem formellen Umfeld auftreten, z.B. bei Polizeiermittlungen. Berufs- und Charakterbezeichnungen (der Geiger, die fette Alte) für Charaktere aus dem persönlichen Umfeld, die jetzt nicht zu den engsten Freunden gehören, aber als bunte Figuren (oft auch mit Comedy oder leichter Unterhaltung angereichert) die Welt der Protagonisten bereichern.

    Letzteres hat oft einen märchenhaften Effekt, da wir eine solche Namensverwendung aus der Märchenliteratur gewohnt sind (allen voran Gewinn). Man muss natürlich bedenken, dass jene Figuren dann vor allem auf ihre Primäreigenschaften zugeschnitten sind, aber das ist gar nicht so schlecht für den Leser, einen simplen Anker hier und da in der Geschichte zu haben. Bedingt kann man das auch für den öffentlichen Bereich verwenden, in einer leichteren Krimigeschichte haben wir es vielleicht nur mit „dem Polizeipräsidenten“ zu tun, und nicht mit Herr XXX.

    Das so als kleiner Exkurs aus meinen linguistischen Studien 🙂 Kann sonst nur Jule unterstreichen.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für den Exkurs, Nora!

      Sehr interessant und ich denke auf jeden Fall darüber (mit) nach. Ich habe jetzt aktuell nicht so die typischen „Sidekicks“, aber wenn ich an eine andere Geschichte von mir denke, da würde das schon passen. Und ich lerne ja mit jeder Frage, die ich mir und/oder euch stelle, dazu – auch für die Zukunft :-).

      Gefällt 1 Person

  3. Ivonne schreibt:

    Hallo Michael,

    ich habe brav abgestimmt 🙂 In diesem konkreten Fall bevorzuge ich die Kombination aus Vor- und Nachnamen. Ausnahme: Die Kollegen sprechen untereinander – Also im Dialog.

    Gefällt 1 Person

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