Die blaue Liste (4) Eigentlich scheint ziemlich wahrscheinlich …

… ja, was denn eigentlich?

Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser, liebe Mitautorinnen und Mitautoren und entschuldigt den etwas unorthodoxen Start in diesen Beitrag. Aber genau darum soll es gehen, dass am Ende niemand mehr so recht den Durchblick hat, was nun eigentlich wirklich Sache ist, was nur Gedankenspiel, was vielleicht auch nur eine Fiktion oder Überlegung.

Ihr seid immer noch nicht schlauer? Dann lasst euch von mir mitnehmen auf einen Exkurs in den Bereich der eindeutigen Sprache.

Wir lieben es, wenn Sprache eindeutig ist. Jeder von uns zieht eine klare Aussage einer unklaren vor. Ich jedenfalls höre viel lieber den Satz

„wir gehen ein Eis essen“

als den Satz

„wahrscheinlich gehen wir ein Eis essen“.

Während mir der erste Satz bereits das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, hat der zweite ein bitteres Hintertürchen, das jederzeit zugeschlagen werden könnte. Der Mensch sehnt sich nach Sicherheit, nach der Sicherheit, wie sie aus klaren Formulierungen gezogen werden kann. Das ist nicht nur bei der persönlichen Lustbefriedigung in Form eines großen Eisbechers so, sondern auch in fast allen anderen Bereichen des täglichen Lebens.

„Eigentlich liebe ich dich“

wird niemals den Vorrang bekommen vor

„Ich liebe dich“.

Darüber sind wir uns, glaube ich, einig. Auch hier gilt das gleiche Prinzip: das Wort „eigentlich“ bietet Ansatz zur Verunsicherung, zur Unklarheit. Das wollen wir nicht. Wir wollen uns nicht in jeder Aussage wieder neu den Kern Wahrheit heraussuchen, der hoffentlich vorhanden ist.

In einer normalen Konversation ist dies schon störend – in einem Roman kann es bei zu inflationärem Gebrauch sogar tödlich werden. Denn hier fehlen die ganzen weiteren Metainformationen, die man im persönlichen Gespräch bekommt. Wenn ich meiner Frau den ersten der beiden Liebes-Sätze sage und sie dabei frech angrinse, bekomme ich vielleicht einen Knuff auf den Oberarm, aber bestimmt auch ein Lächeln zurück. Gewiss, eine solche Szene kann ich auch im Roman schreiben, aber eben nur in gewissem Maß und in gewisser Weise.

Der Leser erwartet vom Autor des Buches, dass er sich über das, worüber er schreibt, im Klaren ist. Denn er ist der einzige Wegweiser, die einzige Instanz, die den Leser durch das Buch führen kann. Der übermäßige Gebrauch von Wörtern wie „wahrscheinlich“, „eigentlich“, „ziemlich“ und „scheint“ schwächt diese Führung.

Lesen wir einen Satz, der zum Beispiel so lautet:

„Der Turm war ziemlich groß und wahrscheinlich schon sehr alt. Er schien schwarz zu sein, aber eigentlich war Richard sich da nicht so sicher.“

Wenn ich diesen Satz (der übrigens kein Original aus meinem Manuskript ist, vielen Dank!) lese, dann bekomme ich den kaum zu widerrufenden Eindruck, dass der Autor selber keine Ahnung hat, wie dieser Turm eigentlich aussieht. Jetzt heißt es schnell sein und diesen Eindruck korrigieren, aber nichts ist so schwer gerade zu rücken wie ein erster, schlechter Eindruck.

An dem Beispiel wird auch deutlich, dass ein dosierterer Einsatz solcher Wörter durchaus auch dazu dienen kann, einen geheimnisvollen Eindruck zu hinterlassen, was bei einem Roman wie „Der Beobachter und der Turm“ ja nicht einmal schlecht ist. Es kommt eben darauf an. Mit ein wenig mehr Zurückhaltung würde sich der Satz etwa so lesen:

„Der Turm war mindestens dreißig Meter hoch und augenscheinlich sehr alt und verwittert. Die Farbe mochte schwarz sein, aber eigentlich war Richard sich da nicht so sicher.“

Ja, welche Farbe hat der Turm denn jetzt und was wird Richard tun, um es herauszufinden? Spannend, oder?

In anderen Erzählperspektiven klappt es noch weniger, den Leser an die Hand zu nehmen, wenn man sich permanent um klare Aussagen drückt. In der Ich-Perspektive geschriebene Geschichten sollten, so empfinde ich es zumindest, ganz besonders darauf abgesucht werden, ob man sich nicht durch unklare Sprache ein erzählerisches Eigentor schießt. Schlechte Beispiele wären hier Sätze wie etwa

„wahrscheinlich habe ich Hunger“ statt „ich habe Hunger“

„Eigentlich ist er nett“ statt „Ich finde ihn nett“

Natürlich kann man, wie bereits gesagt, auch die ersten Sätze verwenden. Aber bitte behutsam und nicht im Übermaß.

Denn eigentlich will der Leser ziemlich wahrscheinlich eine Geschichte, in der sich der Protagonist, der Antagonist und alle anderen auch sicher zu sein scheinen, was sie tun, warum sie es tun, wie ihre Wahrnehmungen, ihre Wünsche, ihre Pläne aussehen und was sie bereit sind, dafür zu tun, um sie zu erreichen.

Gönnen wir sie ihnen, würde ich sagen, liebe Mitautoren und Mitautorinnen!

Meinem Manuskript hat es jedenfalls sehr gut getan, all diese Formulierungen aufs Korn zu nehmen und auszusortieren. Und ich war überrascht, wie oft mir Wörter wie „wahrscheinlich“ durchgerutscht sind. Seitdem versuche ich übrigens auch in meinem Sprachgebrauch darauf zu achten, diese nicht mehr so inflationär zu gebrauchen.

Wobei das wahrscheinlich noch eine ziemliche Weile dauern wird ;-).


[Nachtrag]

Ich wurde von Evanesca darauf aufmerksam gemacht, dass in Dialogen die Verwendung dieser Wörter natürlich ein wenig anders gelagert ist. Da kann es durchaus sein, dass die Figur einfach mal unsicher ist und sich deswegen so äußert. Sie kann ins Spekulieren geraten. Sie kann auch schlicht Angst vor etwas haben. Das ist legitim und sollte dann auch so beschrieben und belassen werden. Diesen Sonderfall wollte ich noch in den Beitrag mit aufnehmen, weil er ansonsten unvollständig gewesen wäre. Danke an Evanesca für den Hinweis! 🙂

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14 Gedanken zu “Die blaue Liste (4) Eigentlich scheint ziemlich wahrscheinlich …

  1. Solche Wörter sind für mich wie Salz in der Suppe. Sparsam verwendet, können sie wunderbar akzentuieren. Zu oft verwendet, schmeckt die Suppe nur noch nach ihnen und hat keinen Eigengeschmack mehr (im Russischen sagt man „Rapa“ dazu, mit Betonung auf das Ra.).
    „Eigentlich wollte Yaelle niemanden töten.“ ist dann auf einmal aggressiver als „Yaelle wollte niemanden töten“ 😛 und legt nahe, dass sie gerade in große Versuchung geführt wird. Was hat ihr Gegenüber wohl angestellt?
    (Ich schreibe über Vampire, wohlgemerkt 😀 )

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    • Da sind wir einer Meinung, dass bei sparsamer Verwendung (der Gewürzvergleich gefällt mir) der Text davon profitieren kann. Es kommt auch wirklich (mit) auf das Genre an. In einem hard-boiled Krimi würde mich das mehr stören als in deinem Vampirroman.

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      • Das ist ja bei allen Füllwörtern und Kleinigkeiten so. Man muss immer abwägen: Ist das jetzt schlechter Stil (und kann weg) oder ist es bedeutungsverändernd, dass es dort steht? Dann muss es bleiben.
        Bei wörtlicher Rede sowieso (vielleicht IST der Charakter unsicher).

        Aber ich weiß schon, was du meinst. Sinnloses Rumgeeiere in Geschichten nervt mich auch :D.

        Die beste Stelle, in der viele „Vielleichts“ vorkommen, die mir bisher untergekommen ist, war übrigens diese, in „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“, Seite 81:

        »Vielleicht ist er (Snape) krank!«, sagte Ron hoffnungsvoll.
        »Vielleicht hat er gekündigt«, entgegnete Harry, »weil er wieder nicht Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten darf!«
        »Oder sie haben ihn rausgeschmissen!«, meinte Ron begeistert. »Immerhin kann ihn ja keiner ausstehen -«
        »Oder vielleicht«, sagte eine eisige Stimme direkt hinter ihnen, »wartet er darauf, von euch zu hören, warum ihr nicht mit dem Schulzug gekommen seid.«

        Viel Erfolg beim Überarbeiten 🙂

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      • Wörtliche Rede ist noch einmal ein Sonderfall, du hast Recht. Vielleicht sollte ich das in dem Beitrag noch erwähnen, da habe ich vorhin gar nicht dran gedacht. Mit „schlechtem Stil“ tue ich mich übrigens immer ein wenig schwer. Auch da bin ich bereit, je nach Geschichte ein wenig davon zu verzeihen (natürlich nicht über die Maßen).

        Die Stelle aus HP gefällt mir!

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      • Ich bin da ganz schlicht. Etwas ist dann schlechter Stil, wenn ich es unesthätisch finde. Wodurch es natürlich was sehr Subjektives wird :D.
        HP ist generell voll von solchen Perlen. Als ich mit 13 den fünften Band auf Englisch las und daraufhin fast nur noch auf Englisch geschrieben habe, habe ich mich schamlos bei den tollen Wendungen etc. bedient.
        Hatte dann das Problem, dass ich mich auf Deutsch nicht mehr so gut ausdrücken konnte, weil auf Englisch alles irgendwie besser, eleganter klang.
        Und Englisch ist voll von Sätzen, die durch winzige Partikelchen auf einmal völlig neue Bedeutungen entwickeln.

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      • Englisch ist in der Tat eine vielschichtigere Sprache, als man oftmals beim ersten Eindruck meinen würde. Natürlich kein Vergleich zur deutschen Sprache (das musste jetzt kommen *g) …

        Deine Ansicht in Bezug auf Stil gefällt mir! Ich halte nicht viel von Stilpolizisten, die an jeden Text mit dem gleichen normierten Bügeleisen herangehen. Lektoren werden/würden mich lieben! 😉

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      • Ist sie in der Tat.
        Wobei ich als Nichtmuttersprachlerin die Schönheit der deutschen Sprache durchaus zu schätzen weiß, ich habe Englisch ja nur zwei Jahre später gelernt als Deutsch und Englisch bestach für mich vor allem durch die vergleichsweise Einfachheit (und später durch die Raffiniertheit, die diese Sprache scheinbar der Einfachheit zum Trotz so an sich hat).
        Aber Deutsch hat auch so Facetten an sich, die ich mag :D.

        Öhm, ich bin freiberuflich Lektorin :D. Und ja, meine Kunden dürfen sich dann schon mal mit Kommentaren befassen, die „Der Satz ist hässlich“ lauten. Natürlich höflicher ausgedrückt 😛
        Normierte Bügeleisen sind doof. Ein unfassbar genialer Text war der Text aus der Sicht eines kleinen (Ork-)Kindes, das in Mordor lebt und in der Anthologie „Tolkiens Geschöpfe“ abgedruckt wurde. Der war bewusst mit RS- und Grammatikfehlern gespickt, als hätte es eben wirklich ein Orkkind geschrieben.
        Aber das war mit Abstand der stärkste Text der ganzen Anthologie.
        Der hätte viel von seinem Reiz verloren, wenn man ihn mit dem Normbügeleisen geglättet hätte.

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      • Ich weiß, dass du, neben allem anderen, auch Lektorin bist – deswegen habe ich das geschrieben ;-). Wobei ich ja sagen würde, dass „der Satz ist hässlich“ die Sorte Kritik ist, die bei mir eher das Kämpfergen aktivieren würde.

        Autor gegen Lektor – die Schlacht ist eröffnet! 😉

        (Und schon bin ich bei Evanesca auf die schwarze Liste gewandert)

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      • Darum sage ich ja, dass ich das nie so formulieren würde bei Kunden 😀 .
        Außer, die sind gleichzeitig gute Freunde. Die wissen, was ich damit meine und sind nicht sauer xD.

        (So schnell wandert man bei mir nicht auf die Liste. Bin ja selbst oft ein widerspenstiges Wesen 😀 )

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  2. Ehrlich gesagt habe ich mich noch nie so mit diesem Thema beschäftigt. Klar, ich bin keine richtige Autorin, sondern schreibe nur von Zeit zu Zeit die ein oder andere Kurzgeschichte. Dennoch ist das ein nicht ganz unwichtiger Aspekt. Ich bin aber generell auch ein Freund der klaren Worte. Sowohl geschrieben als auch gesprochen. Bei mir heißt es oft dann auch ‚Es war stockdunkel und ein unangenehm feucht-kühler Luftzug fuhr durch meine Haare‘
    Aber ich mag auch das Wort ’scheint‘ unfassbar gerne. Vielleicht sollte ich drauf in Zukunft etwas mehr achten 😀

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    • Hallo winterloewe und herzlich Willkommen auf dem Blog!

      Zunächst einmal: meiner Meinung nach bist du auch dann eine Autorin, wenn du nur ab und zu Kurzgeschichten schreibst. Wichtig ist doch, dass man seine Gedanken zu Papier bringt und nicht das Veröffentlichen, geschweige denn das Geld verdienen.

      Klare Worte machen vieles eben einfach klarer. Bei deinem Beispiel habe ich sofort ein Bild vor Augen. Trotzdem lohnt es sich, für sich selber einmal zu analysieren, welche Wörter man immer wieder verwendet. Welche sprachlichen Marotten sich eingeschlichen haben.

      Vielleicht veröffentlichst du ja mal eine deiner Geschichten auf deinem Blog, wie wär’s?

      Liebe Grüße
      Michael

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      • Ich bin gespannt, was ich jetzt in den Texten so finden werde, wenn ich sie so nochmal mit einem anderen Augenmerk durchlese. Solche sprachlichen Marotten schleichen sich ja leider recht schnell ein, wobei manches wohl auch einfach zum eigenen Stil gehört.
        Vielleicht werde ich das mal tun, mal sehen. Im Moment bin ich noch auf der Suche nach einer passenden Plattform für diese Geschichten. Ich scheue mich noch etwas davor, sie zu ‚zeigen‘, aber hier im Internet fällt es mir irgendwie wesentlich leichter :’D
        Liebe Grüße zurück

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      • Ja, der eigene Stil – und dann im Gegensatz dazu der sogenannte „gute Stil“. Da muss man dann schon manchmal die Faust in der Tasche machen und in den sauren Apfel beißen, wenn man nicht will, dass man wegen seiner Marotten Leser verliert.

        Ansonsten kann ich nur sagen: Trau dich! Die Menschen, die ich im Internet kennengelernt habe, sind bis jetzt alle nett zu mir gewesen! 🙂

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