Fakt und Fiktion (13) Ja, ich schreibe – guck nicht so!

Disclaimer: Unter dem Label ‘Fakt und Fiktion’ veröffentliche ich kleine Episoden aus meinem Leben (Fakten), die in eine etwas ausgeschmückte (Fiktion) Form gepresst sind. Der Kern der Geschichten ist allerdings ein wahrer!


Kennt ihr das ungute Gefühl, wenn ihr beobachtet werdet? Wenn ihr irgendwo sitzt und ein Schauer über eure Haut läuft, ausgehend von den Unterarmen und durchgehend bis auf den Oberkörper – wenn sich Haare aufstellen, die ihr ansonsten kaum jemals bemerkt und wenn ihr spürt, wie fremde Augen sich auf euch richten und euch beurteilen?

Nein?

Dann seid ihr entweder um ein vielfaches ruhiger und gelassener als ich, oder ihr habt nie zuvor versucht, einen Autoren- oder Schreibratgeber im öffentlichen Nahverkehr zu lesen.

Meine Erfahrungen auf diesem Gebiet reichen jetzt schon ungefähr sechzehn Jahre in die Vergangenheit. Damals hatte ich meinen ersten Schreibratgeber, „Über das Schreiben“ von Sol Stein, aus dem Katalog von Zweitausendeins bestellt. Generell war dieser Katalog, das sogenannte Merkheft, damals beinahe die einzige Bezugsquelle, um an Sekundärliteratur zum Schreiben zu kommen. Wir hatten ja nichts!

Aber als ich dann endlich was hatte, wollte ich das gute Stück natürlich auch schnell lesen. Ich erhoffte mir davon, neue Erkenntnisse zu gewinnen, wie ich mein Schreiben verbessern könnte – und muss gestehen, dass Stein mich nicht mitnehmen konnte. Vielleicht ist es seine amerikanische Sicht der Dinge (bei mir haben auch die „Wie du einen verdammt guten Roman schreibst“-Bände nicht sonderlich gut funktioniert).

Jedenfalls nahm ich meinerseits Sol Stein mit, nämlich in den Bus, mit dem ich damals fuhr. Da auf der Teilstrecke, die ich zu fahren hatte, ganze drei Linien konkurrierten, konnte ich mir meistens einen Bus aussuchen, in dem nicht so viel Betrieb und noch ein Sitzplatz zu ergattern war. Das war fürs Lesen natürlich angenehm.

Weniger angenehm war, dass irgendwann die oben beschriebenen Gefühle und Sinneswahrnehmungen aufkamen.

Ich leide nicht unter Verfolgungswahn, aber nur, weil man paranoid heißt, bedeutet das ja nicht, dass man nicht beobachtet wird. Und ich wurde beobachtet, das merkte ich deutlich! Die erste Zeit versuchte ich, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen. Sollte man mich doch ansehen, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wieso eigentlich. Für so schön hielt ich mich damals schon nicht, dass ich das als verstecktes Kompliment aufgefasst hätte. Zumal ich einerseits glücklich liiert war und darüber hinaus andererseits kein weibliches Wesen sah, dem ich auch nur die geringste Möglichkeit eingeräumt hätte, daran etwas zu ändern.

Und dann fing ich einen Blick auf und wusste, was passierte. Da schaute man gar nicht mich an, sondern der ältere Herr (der vielleicht so alt war, wie ich es heute bin *seufz*) starrte vielmehr auf den hellblauen Einband des Buches, auf dem in dunkelblau der Titel stand.

solstein

Das war meine erste Begegnung damit, dass jemand mich anschaute und sich wahrscheinlich fragte, was ich mir eigentlich einbilde, so ein Buch zu lesen, das durch seine ganze Erscheinung auch noch eine Gravitas ausstrahlte, als wäre es eher für die Mitglieder eines Geheimzirkels für gutes Schreiben gedacht, als für einen gerade einmal fünfundzwanzig Jahre alten Typen, der es noch dazu im Bus – im Bus! – las.

Damals hat mich das ganz schön beeindruckt, wie ich zugeben muss. Jedenfalls so sehr, dass ich danach einige Jahre keinen Schreibratgeber mehr mit in den Nahverkehr nahm.

Um die Geschichte abzukürzen: ich machte ähnliche Erfahrungen in den Jahren danach. Egal, ob es sich um das „Handbuch für Autoren“ handelte, oder um „Vier Seiten für ein Halleluja“. Gut, als ich mich durch „Erotik schreiben“ kämpfte, konnte ich die Blicke irgendwie nachvollziehen ;-).

Inzwischen sind wir viele Jahre weiter und ich habe das Gefühl, dass sich nicht nur bei mir, sondern dass sich in der Gesellschaft etwas verändert hat. Man wird nicht mehr so taxiert, wenn man zu erkennen gibt, dass man ein Autor ist. Man wird nicht mehr angestarrt – jedenfalls wurde ich das schon lange nicht mehr, wenn ich einmal mit „Drei Seiten für ein Exposé“ oder anderen Büchern unterwegs war.

Einen weiteren Hinweis darauf gibt die Tatsache, dass man inzwischen Zeitschriften wie die Federwelt, mit ihrem Claim „Zeitschrift für Autorinnen und Autoren“ im Bahnhofsbuchhandel erwerben kann. Der Autor ist in der Gesellschaft angekommen und nicht mehr Teil eines elitären Zirkels.

Ich habe daheim noch die aktuelle Auflage des „Handbuch für Autoren“ stehen – größtenteils ungelesen. Noch vor einem Jahr konnte ich mir anhand meiner früheren Erfahrungen nicht vorstellen, es wirklich von vorne bis hinten durchzulesen. Nun, das hat sich jetzt geändert.

Und wenn tatsächlich noch mal jemand starren sollte, würde ich ihm antworten:

„Ja, ich schreibe – guck nicht so!“

Mich würde interessieren, ob ihr ähnliche Erfahrungen gemacht habt – sei es, dass ihr beobachtet und abgeschätzt wurdet, oder dass die Umwelt inzwischen gelassener mit uns, euch, den Autorinnen und Autoren umgeht.

Oder war das am Ende doch nur meine ganz persönliche Paranoia!?

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6 Gedanken zu “Fakt und Fiktion (13) Ja, ich schreibe – guck nicht so!

  1. Als ich diesen Beitrag las, fiel mir auf, dass es Leute gibt, die schreiben (Schriftsteller), und Leute, die Schreibratgeber lesen. (Ja, auch in meinem Regal stehen Schreibratgeber.)
    In den ÖPNV wird mir heute idR nicht mehr aufs Buch geglotzt, weil alle mit ihrem Streichelfon beschäftigt sind. Und Schmuddelkram lese ich ja ohnehin auf dem kindle.
    Ich kann aber berichten, dass die Leute total darauf abfahren, wenn ich mich als „Hausmann und Schriftsteller“ vorstelle und immer gleich wissen wollen, was ich denn so schreibe. Mittlerweile habe ich Visitenkarten mit der URL zu meinem Blog. 😉

    Mit Paranoia habe ich keine Erfahrung, denke aber, dass meine Mitreisenden eher fasziniert als abfällig hinschauen, und das Gefühl haben, einem Promi zu begegnen und daher eher überlegen, ob ich vielleicht schon etwas geschrieben habe, das sie gelesen haben oder gerne lesen würden.

    Neulich habe ich mit einem Bekannten zusammen eine Zeitschrift durchgeblättert und die Dame, die uns gegenüber saß, meinte dann, wir sollten damit doch ins Fernsehen. Na mir solls recht sein; wenn sich mit Lesen und dummen Kommentaren zu dem Geschriebenem auch Geld verdienen lässt, muss ich mir ja nicht unbedingt die Arbeit machen, ein Buch zu schreiben und mich verreißen zu lassen.

    Ich finde, Michael, wenn Du Dich auf der Bühne nicht wohl fühlst, musst Du Dich da nicht hinsetzen. Ich fühle mich eher unwohl, wenn die Leute NICHT gucken…

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    • Hallo Lysander und danke für deinen Kommentar! 🙂

      Darf ich fragen, wo du in die Verlegenheit kommst, dich vorstellen zu müssen? Sprechen dich Menschen in der Bahn an? Das stelle ich mir, irgendwie, gruselig vor. Aber vielleicht liegt es auch an den Mitreisenden, die man so in der Gegend hat, in der man lebt ;-).

      Aber ich habe den Eindruck, dass du deutlich extrovertierter als ich bist. Meine Zeiten, in denen ich lautstark in der Öffentlichkeit Dinge kommentiert habe, sind jedenfalls schon eine Weile vorbei *seufz*.

      Und der Gedanke an die Bühne ist bei mir wirklich ein gaaanz klein wenig ambivalent ;-).

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      • Hallo Michael,
        ich wohne seit einigen Jahren in Hamburg und hier ist es – anders als im Rheinland, wo ich herkomme – üblich, dass es in vielen Gruppen Vorstellungsrunden gibt. Davon abgesehen gibt es ja überall so Smalltalk-Fetischisten, die gerne als eine der ersten drei Fragen nach der Berufstätigkeit fragen.

        Mein schlimmstes Erlebnis in der S-Bahn war bisher, dass mich jemand ansprach, der offensichtlich kein Gespür für Privatsphäre hatte:
        – Bist Du ein Mann oder eine Frau?
        – (Ich ziehe die Kapuze runter und präsentiere meine Koteletten.)
        – Ach, ich dachte eben Du wärst ne Frau.
        – (Ich starre konzentriert in mein Buch und versuche auszustrahlen, dass ich nicht zu Gesprächen aufgelegt bin.)
        – Bist Du transsexuell?
        – (Ich fühle mich ertappt und glotze ihn an, schaffe es aber, den Kopf zu schütteln.)
        – Intersexuell?
        – (Wieder schüttle ich den Kopf.)
        – Was gibts denn noch? Zwitter?
        – Nein.
        – Oh, Du hast aber eine hohe Stimme.
        – Ich bin ein Mann.
        – Bist Du transsexuell?
        – Nein. Ich habe eine Geschlechtsangleichung hinter mir. -.-
        […]
        Es kostete ihn wenige Sätze, mich zu meinem Genital zu befragen. Und das ist eine Art von Aufmerksamkeit, die ich überhaupt nicht schätze. Vor allem dann, wenn ich einfach bloß von A nach B reisen will.

        Ja, ich bin teils intro-, teils extravertiert. Nennt sich ambivertiert.
        Doch, auch ich habe Intim- und Privatsphäre.^^

        Ich habe aber das Glück, dass ich für verrückt erklärt worden bin und seitdem keinen Ruf mehr zu verlieren habe. Das ist überhaupt der Grund, warum ich es nun über mich gebracht habe, mit meinen sehr persönlichen Geschichten auch an die Öffentlichkeit zu gehen bzw. gehen zu wollen.

        Diesen Sommer will ich mein Manuskript mal endlich fertigstellen und an einen Verlag senden. Deshalb habe ich ja auch Dein Blog abonniert, damit ich ein gutes Vorbild habe mit einem, der an der Sache dranbleibt.
        Wenn ich es mit der Kurzgeschichtensammlung einmal durchexerziert habe und weiß, was mit einer Veröffentlichung auf mich zukommt, dann setze ich mich vllt. mal an einen Roman…
        Und bis dahin blogge ich. 😉

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      • Hallo Lysander,

        das was du erzählst klingt … upps! Also nicht „deine Geschichte“, sondern die Reaktionen, die du teilweise in der Öffentlichkeit von wildfremden Leuten bekommst. Privatsphäre kannte diese Person offensichtlich wirklich überhaupt nicht. Für mich wäre das der Horror, auf einmal angequatscht zu werden … jedenfalls, bis ich irgendwann um Autogramme gebeten werde. Dann muss ich das mit einem Personal Trainer irgendwie in den Griff bekommen ;-).

        Was meinst du mit „ich wurde für verrückt erklärt“? Wer hat denn so etwas getan?

        Ich drücke dir auf jeden Fall alle Daumen für dein Vorhaben mit dem Manuskript und dem Verlag. Ich hoffe, dass ich einigermaßen ein Vorbild sein kann, auch wenn ich nicht immer ein Ausbund der Konsequenz bin, wie ich selber leider zugeben muss.

        Ich bin jedenfalls gespannt!

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      • Mit „für verrückt erklärt“ meine ich, dass ich nach einem halb-freiwilligen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik vor vier Jahren mit einer F-Diagnose da wieder rausging, über die ich heute noch nicht ganz glücklich bin.

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      • Kann ich verstehen, das mit der unglücklichen Diagnose. Aber ich würde es nicht so schwer sehen, dass man dich damit gleich für verrückt erklärt hat. Höchstens für „krank“. Und das muss man ja niemandem auf die Nase binden :-).

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