Wie man eine Kurzgeschichte um ein Drittel kürzt

Ihr erinnert euch doch noch, wie ich davon erzählte, dass ich bei einer Kurzgeschichte ein Drittel des Umfangs zu kürzen haben würde, oder? Das war die Geschichte, die ich bei einer Anthologie einreichen möchte, bei der die Chancen auf Annahme größer sind, wenn die eingereichten Texte nicht länger als 10.000 Zeichen sind.

Und jeder, der hier schon länger als zwei Wochen mitliest weiß, wie schwer ich mich mit der Kürze von Texten tue. Ich bin Verfechter einer Sprachgewalt, die sich auch in gewaltigen Wortmengen ausdrücken darf ;-).

Trotzdem habe ich es, fast ohne Schmerzen, geschafft, die rund 15.800 Zeichen auf das gewollte Maß zusammenzustreichen. Und in diesem Beitrag möchte ich euch einmal erzählen, wie ich das gemacht habe.

Mehrere Durchläufe machen

Der beste Tipp, den ich zu geben habe, ist es wert, direkt zu Beginn genannt zu werden. Für mich hat es sich deutlich bezahlt gemacht, nicht etwa in einem Gewaltakt alle Zeichen auf einmal kürzen zu wollen, die ich kürzen musste. Ich habe gemerkt, dass es mich blockieren würde, wenn ich das versuche.

Das Kürzen einer Kurzgeschichte kann man entweder, um bildlich zu sprechen, mit dem vorsichtigen herausschneiden von einzelnen Verästelungen vergleichen – oder mit dem Text Chainsaw Massacre. Bei diesem Blutgericht des Textes würde dann der eine oder andere Textbestandteil, den man hinterher noch bitter bedauern würde, mit verloren gehen.

Ich habe mir für meine Geschichte vier Durchläufe gegönnt. Mein Ziel war es, in jedem einzelnen Durchlauf so viele Zeichen wie möglich zu entfernen, ohne dass darunter die Geschichte leiden sollte. Durch die behutsame Vorgehensweise erreichte ich, dass gar kein schlechtes Gefühl bei mir aufkommen konnte. Gleichzeitig lernte ich, als Nebeneffekt, meine Geschichte immer besser kennen und erkannte Kürzungspotenzial an anderen Stellen. Dennoch war ich nicht dazu gezwungen, wild im Text hin und her zu springen, weil ich wusste, dass ich noch einmal an dieser Stelle „vorbeikommen“ würde.

Durch die Aufteilung auf mehrere Durchläufe fühlt es sich wesentlich organischer an, die Teile aus dem Text zu lösen, die diesen (im Sinne der Ausschreibung) unnötig aufblähen. Außerdem ist es ungeheuer motivierend, wenn man sich im Laufe der Arbeit sagen kann: noch einmal 800 Zeichen weniger! Ich habe das gestern z.B. mit meiner Twitter-Timeline geteilt und auch von dort Zuspruch bekommen.

Von „richtigen“ und „falschen“ Namen

Es ist eigentlich eine Kleinigkeit, aber auf die muss man erst einmal kommen! Habt ihr euch schon einmal Gedanken gemacht, wie oft in einer Geschichte die Namen der Beteiligten genannt werden? Das hatte ich vorher auch nicht. Aber glaubt mir, es sind eine Menge!

Meine Geschichte ist ein Stück mit nur zwei Personen, aber selbst die sprachen sich dauernd mit ihrem Namen an. Und jede dieser Nennungen fraß Zeichen. Die Lösung war also, dass sie entsprechend kürzere Namen bekommen mussten!

Vergleicht das mal: Aus einem Friedrich wird ein Fritz. Aus einer Hannelore eine Lore. Kommt natürlich auf die Geschichte an. Wenn ich im Milieu einer Bank handle, dann kann es sein, dass der Geschäftsführer Dr. Müller-Riebesiehl heißt. Aber ob ich mir damit einen Gefallen tun würde, da bin ich mir nicht sicher.

Verwendet kurze Namen, das spart einiges ein!

Sprechen die Figuren richtig miteinander?

Dialoge sind das Salz in der Suppe jeder Geschichte. Aber mit ihnen kann man auch einiges falsch machen. Wobei „falsch“ in diesem Zusammenhang hier eigentlich nicht richtig ist.

Die literarische Sprache neigt dazu, derart ausgefeilt zu sein, dass auch in Dialogen mehr oder weniger vollständige Worte benutzt werden. Das finde ich gut und legitim. Aber wenn die eigenen Figuren es hergeben – warum nicht ein wenig abkürzen?

In meiner Geschichte geht es um zwei junge Menschen. Und da finde ich, dass die durchaus auch schonmal in nicht 100% korrekten Sätzen miteinander reden dürfen. Nein, eigentlich nicht nur dürfen, sondern es ist absolut gerechtfertigt und steigert sogar noch den Realismus!

Oft neigt man auch dazu, in Dialogen Dinge zu wiederholen, die vorher schon im Text gestanden haben. Wenn zum Beispiel eine Haiflosse aus dem Wasser herausgeschossen kommt, ruft mit Sicherheit irgendwer: „Da kommt ein Hai!“

Ich bin mir sicher, dass sich dort Kürzungspotenzial versteckt. Der Hai kann ja genausogut einen Überraschungsangriff starten, ohne Vorankündigung!

Noch mehr unnütze Dopplungen

Aber das Phänomen der zweifelhaften Dopplungen gibt es nicht nur im Umfeld von Dialogen. Auch in Beschreibungen schleichen sie sich ein. Vor allem dann, wenn, so wie in meinem Fall, die Handlung an einem einzigen Ort stattfindet. Meine beiden Figuren sind in einem Waldgebiet. Da neigt man schnell dazu, überspitzt gesagt, fortlaufend jeden einzelnen Baum zu beschreiben oder die Art, in der die Tiere sich verhalten.

Stellt euch hier knallhart die Frage, wen das eigentlich im Zusammenhang mit der Story interessiert. Einmal kann man das bringen, um das Setting deutlich zu machen. Aber schon das zweite Mal ist, immer in Bezug auf die Länge gedacht, überflüssig. Auch auf diese Weise lassen sich einige Zeilen Text streichen. Dafür kann man lieber bei der Erstbeschreibung ein wenig (!) ausführlicher werden.

Für fast jedes Wort gibt es ein kürzeres

Und der absolute Klassiker muss hier natürlich auch erwähnt werden – auch wenn, oder gerade weil, er am wenigsten Spaß macht. Aber nicht umsonst haben unsere Textverarbeitungssysteme diese neckischen Thesaurusse eingebaut, mit denen man nach anderen Wörtern für das, was man eigentlich gerade verwenden wollte, suchen kann. Denn für fast jedes Wort gibt es ein kürzeres!

Nehmen wir gleich diesen Absatz gerade. Statt „unsere Textverarbeitungssysteme“ hätte ich auch einfach schreiben können „eure Textverarbeitung“. Oder verkürzt „hat Word“. Es kommt natürlich auch hier wieder auf den Zusammenhang an. Aber es ist schon ein starkes Argument, wenn „Textverarbeitungssystem“ dreiundzwanzig Wörter hat und „Word“ gerade mal vier.

Hier müsst ihr euch auf euer Gefühl für euren Text verlassen, weil es schwer ist, allgemeine Hinweise zu geben. Außerdem ist nicht jeder gleichermaßen bereit, seinen normalen Wortschatz auf diese Weise zu verbiegen. Aber versucht, es eben nicht als etwas zu sehen, vor dem ihr auch beugen müsst, sondern nehmt es als aktive Erweiterung eures Wortschatzes! Dann macht die Arbeit vielleicht auch wieder mehr Spaß.

Fazit

Es ist, wenn auch mit einiger Fleißarbeit, durchaus möglich, aus 16.000 Zeichen 10.000 zu machen. Und wenn ich das geschafft habe, dann kann das, so prognostiziere ich, jeder schaffen!

Habt ihr noch mehr Tipps, die ich vergessen habe? Nennt sie mir gerne in den Kommentaren!

Advertisements

14 Gedanken zu “Wie man eine Kurzgeschichte um ein Drittel kürzt

  1. Klingt alles super durchdacht und so ähnlich gehe ich meine Kurzgeschichten durch, wenn ich sie geschrieben habe. Erst schreib ich sie einfach so auf, wie sie mir in den Kopf kommt, wie der Film läuft – bis sie fertig ist. Erscheint zwischendrin etwas, was ich nicht formulieren kann, dann schreib ichs einfach so, wies passt oder x-e es aus. Das kann warten.
    Dann warte ich mindestens eine halbe Stunde und lese mir den Text nochmal durch und korrigiere Schreibfehler und wenn mir Satzstellungen nicht gefallen etc. Oder wenn etwas nicht logisch erscheint. Dann warte ich nochmal und lese es nochmal gründlich durch – möglichst aus Sicht eines Lesers, der das noch nicht kennt.

    Ich muss aber zugeben, dass bei mir eher der umgekehrte Fall ist. Ich neige dazu, weniger zu beschreiben, also wie in deinem Beispiel würde ich nicht jeden zweiten Baum umschreiben oder was alle Tiere so machen. Aber ich denke, bei einem Buch ist sowas schon wichtig. Und genau darum schreib ich lieber Kurzgeschichten. *gg*
    So, jetzt muss ich wieder weiterarbeiten…
    lg kitty

    Gefällt 2 Personen

    • Normalerweise stört es mich auch nicht, wenn in einer Kurzgeschichte die Beschreibungen ausufern. Ich mag Atmosphäre und da ist ein rufendes Käuzchen hier oder der Flügelschlag eines Nachtvogels dort schon viel wert :-).

      Aber bei einer Aufgabe wie dieser, wo es nun einmal um jedes Zeichen ging, muss ich so etwas halt weglassen.

      So schnell wie du könnte ich mich übrigens nicht darauf einlassen, den Text wieder bearbeiten zu wollen. Ich brauche da (inzwischen?) deutlich mehr Abstand zu. Die Kurzgeschichte hat jetzt auch etwas über eine Woche gelegen und gereift.

      Liebe Grüße
      Michael

      Gefällt 1 Person

      • Ich glaube, das kommt auf das Ziel an. Wenn ich wie du etwas einreichen wollte, um damit zu gewinnen, dann würde ich sicherlich noch öfter drüber gucken. Dann muss man ja wirklich dem entsprechen, was vorgegeben ist. Bei den Geschichten, die ich für Forumsmitglieder geschrieben habe, habe ich auch bedeutend länger dran gesessen.. auch weil inhaltlich manches von dem abweichte, worüber ich sonst so schreibe…
        Und ich stimme dir zu, dass Atmosphäre wichtig ist und hie und da das eine oder andere mit einfliessen sollte, um einfach auch die Spannung zu erhöhen… es darf halt nur nicht zu viel sein. Wie so oft im Leben – die Dosis macht das Gift. 🙂
        liebe Grüsse
        kitty
        PS: Hast du es eigentlich schon eingereicht?

        Gefällt mir

  2. Lieber Michael,
    Vielen Dank für diesen Einblick. Deine Vorgehensweise gefällt mir sehr gut. Dass du mehrmal durch den Text gehst und nur das rausstreichst, das dir in diesem Moment nicht ganz so passend erscheint. Das klingt wirklich nach angenehmer und teils detektivischer Arbeit. Detektivisch auch das mit dem Namen oder den kürzeren Wörtern. Sicher sehr spaßig!

    Grüße,
    Kiira

    Gefällt 1 Person

  3. Hey Mic,

    das, was du da schreibst, klingt sehr vernünftig. Meine Kurzgeschichten lasse ich momentan noch liegen und überarbeite ich später, deswegen habe ich da noch keine Erfahrung. Und wie du weißt, ist meine Überarbeitungserfahrung sowieso begrenzt. 😀
    Aber genau deshalb gefällt mir dein Tipp mit den mehreren Überarbeitungsrunden so gut. Ich mache das bei meinem Roman auch so. Denn würde ich von Anfang an total streng alles streichen, was möglich wäre, würde das mein ganzes Selbstvertrauen im Bezug aufs Schreiben zerstören. Ich würde denken, dass das sowieso alles Mist ist. Darüber hattest du letztens ja auch schon berichtet, wenn ich mich nicht irre. 🙂 Also mache ich jetzt mehrere kleine Schritte. Das dauert insgesamt vielleicht länger, aber es fühlt sich nicht so schlimm an. Tatsächlich habe ich sogar das Gefühl, dass es mir jetzt leichter fällt, etwas wegzulassen. Das könnte aber auch daran liegen, dass ich mir der ausgedruckten Rohfassung und einem Bleistift arbeite. 😀
    Auch die anderen Tipps finde ich sinnvoll. Wenn ich mal eine Geschichte mit Zeichenbegrenzung schreiben sollte, werde ich mich bestimmt an den ein oder anderen erinnern. 😉

    Liebe Grüße
    Lisa

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Lisa,

      genau, meine Erfahrungen in Bezug auf den Roman waren da eher negativ. Aber ich fände es auch für mich eher unrealistisch, ein 550-Seiten-Werk so akribisch in mehreren Durchgängen durchzugehen, wie ich es mit der Kurzgeschichte gemacht habe. Kannst du das? Das ist sicherlich toll!

      Ich habe seinerzeit ja auch einen Durchlauf auf Papier gemacht. Mit meinen verschiedenfarbigen Stiften. Das hat sich für mich bewährt und ich werde das wohl so weitermachen, denke ich.

      Es freut mich, dass du mit den Tipps was anfangen kannst! Ich habe immer so ein komisches Gefühl, wenn ich mich hinstelle und Ratschläge erteile – ich bin doch selber letztendlich nur jemand, der an seinen eigenen Texten bestmöglich herumstümpert ;-)!

      Liebe Grüße
      Michael

      Gefällt mir

      • Lieber Mic,

        oh, ob ich das kann, wird sich noch herausstellen! Noch habe ich die zweite Überarbeitungsrunde für FFAT nicht gestartet. Es ist alles offen. Aber ich hoffe, dass Papyrus mir als Frischling auch ein wenig unter die Arme greifen kann – in Überarbeitungsrunde 3 oder so. ;D

        Ich habe mit verschiedenfarbigen Stiften angefangen. Leider gehöre ich zu den Leuten, die das ablenkt – und die ständig vergessen, wofür welche Farbe steht. ^-^“ Außerdem sind bunte Stifte in der Regel permanent. Bei Bleistift habe ich das Gefühl, überarbeitet zu haben, ohne meine Geschichte zu zerstören. Ist unlogisch, aber ich bin einfach ein Sensibelchen.

        Genau wegen dieses Gefühls schreibe ich keine Schreibratgeber bzw. Texte, die man als solche verstehen könnte. Ich scheue mich vor der Verantwortung. Das ist eigentlich Schwachsinn, denn jeder muss selbst überlegen, entscheiden und ausprobieren. Aber als Ratgeber hat man dennoch immer eine Art Verantwortung, finde ich. Außerdem habe ich nicht mal einen fertigen Roman, wem soll ich da weiterhelfen können?

        Liebe Grüße
        Lisa

        Gefällt 1 Person

      • Liebe Lisa,

        ich fange mal mit der Antwort auf deine letzte Frage an – auch, wenn ich jetzt mit einer Plattitüde um die Ecke komme. Schau dich mal um, wie viele Autoren von Schreibratgebern eigentlich Bestseller geschrieben haben. Stephen King, okay. Danach wird es dünn. Oder wie viele Autoren von Börsenratgebern ihr Glück an der Börse gemacht haben. Es gibt eigentlich kaum einen Bereich, in dem Theorie nicht auch losgelöst von der selbst erlebten Praxis in Tipps, Tricks und, ja, auch einen Rat einfließen kann. Zumal gerade auch in dem, was wir als unser persönliches Defizit bezeichnen würden, Ratschlag für jemand anderen liegen kann. So halte ich es jedenfalls bei meinen Beiträgen und bis jetzt hat mir noch niemand geschrieben, dass ich gefälligst aufhören soll, kluge Tipps zu verteilen (was jetzt keine Aufforderung sein soll …).

        Ansonsten denke ich, dass Papyrus eine gute Hilfe sein kann, was das (schreib-)technische anbelangt. Jedenfalls macht es auf mich, ebenso Frischling in diesem Programm, ganz den Eindruck. Nur auf eines musst du dich jetzt schon einstellen: spätestens in der Stilanalyse wird es auch da ganz schön bunt werden … 😉

        Liebe Grüße
        Michael

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s