Kurz und schmerzlos (21) Alles fährt Achterbahn

Wie gerne wäre ich jetzt in der First Row eines der schnellen Achterbahnzüge, die erst hoch hinauf gezogen oder geschossen werden, um dann umso schneller wieder hinab zu fallen. Es ist heiß in Deutschland, zumindest an diesem einen Tag. Weiter nach vorne zu schauen lohnt sich ohnehin kaum.

Aber ich bin nicht an Bord einer Achterbahn und doch fühlt es sich so an, als ob ich es sei. Meine Stimmung geht mal hoch, mal runter, immer schneller und immer radikaler. Hin und wieder setzt mein Hirn zu einem Looping an, verfängt sich in Spiralen, die immer waghalsiger werden. Eine Heartline-Roll rund um mein kreatives Leistungszentrum.

Eigentlich will ich Dinge voran bringen. Aber uneigentlich denke ich mir im nächsten Moment, dass das alles doch nur vergebliche Liebesmühe ist. Dass zumindest an einem Tag wie heute nichts verwertbares dabei herauskommen wird.

Mir ist nach Jammern, dabei habe ich keinen Grund dafür. Im nächsten Moment wieder freue ich mich, dass ich Ideen habe, die ich umsetzen kann. Und kneife dann in Gedanken vor Projekten, die ich nicht werde umsetzen können.

Ich fühle mich als Einzelkämpfer auf dieser Achterbahnfahrt, obwohl der ganze Zug gefüllt ist mit anderen Menschen, die rufen und schreien. Die Sorte Schreie, bei denen man sich nie ganz sicher ist, ob es sich nun um Schreie der Angst oder des Vergnügens handelt.

Ich habe meine Hände erhoben, als ob ich mich ergeben will – ergebe mich auch meinen Gedanken und Gefühlen, die, an die Schiene der Achterbahn gebunden, ihre Kapriolen schlagen.

Ist es einfach nur zu heiß, um etwas sinnvolles zustande zu bringen? Nein, eigentlich nicht. Ein optimaler Tag für eine Fahrt auf der Bahn. Jeder Tag ist optimal für eine Fahrt auf der Bahn.

Nur noch wenige Sekunden und dann werde ich in die Schlussbremse einfahren. Ein letzter Ruck, der Zug kommt zum Stehen. Die Bügel öffnen sich. Menschen steigen aus, Menschen steigen ein. Ich bleibe sitzen. Ich werde hier sitzenbleiben, bis es den Zug aus seiner Bahn schleudert oder bis ich den Mut gefunden habe, auszusteigen und auf meinen dann sicherlich wackligen Knien zu stehen.

Ich spüre keine Angst. Ich spüre die Hitze nicht mehr. Ich spüre nur das wohlige Kribbeln, als der Zug die Station verlässt, in die Höhe steigt und am höchsten Punkt für einen Moment zu schweben scheint, bis das Gewicht der nachfolgenden Wagen ihn in die Tiefe katapultiert.

Ich spüre, ich bin am Leben. Mit allem, was dazu gehört. Der nächste Looping löst den Knoten. Ich schreibe, überarbeite, bin kreativ.

Alles fährt Achterbahn – und in diesem einen Augenblick ergibt alles einen Sinn.

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3 Gedanken zu “Kurz und schmerzlos (21) Alles fährt Achterbahn

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