Auch bei Geschichten: Den Anschluss nicht verpassen

Wie ihr euch vielleicht anhand der eher knapp ausgefallenen Beiträge in den letzten beiden Tagen schon gedacht hattet, ging es mir leider immer noch nicht wieder richtig gut mit dieser dusseligen Erkältung. Das hat mir einerseits eine Menge Zeit geraubt, weil ich viel davon in der Horizontalen verbracht habe, andererseits aber auch Zeit beschert, wo ich sie sonst eher nicht habe. Unter anderem zum Lesen und auch zum Weiterverfolgen meiner Fernsehserie.

23 Atombomben

Wie ich in den letzten Sonntagsreporten ja schon berichtet habe, schaue ich zurzeit die Serie „Jericho“. Für die, die sie nicht kennen, sei kurz die Handlung skizziert:

An einem Septembertag explodieren in 23 Großstädten der Vereinigten Staaten von Amerika Atombomben und stellen damit das gesellschaftliche Leben des ganzen Landes vollkommen auf den Kopf. In der Kleinstadt Jericho, nicht weit entfernt vom ebenfalls ausradierten Denver, beginnt der Kampf ums Überleben. Dabei müssen die Einwohner um die Familie Green nicht nur mit den Veränderungen in ihrer Umwelt, wie unbrauchbaren Ernten und dergleichen zurechtkommen, sie sind auch Gefahren durch Straßengangs, umherziehenden Söldnertruppen und dergleichen mehr ausgesetzt. Gleichzeitig umgibt ein Geheimnis die Stadt und insbesondere einen ihrer Einwohner, den erst kurz vor den Bomben hinzugezogenen Robert Hawkins. Die Handlung folgt dabei, wie in solchen Serien üblich, einem mittelgroßen Ensemble von Figuren, die miteinander auf vielfältige Weise verflochten sind.

Es würde zu weit führen, das jetzt alles im Detail zu erzählen und ich möchte auch nicht zu viel von der Handlung spoilern, falls jemand diese Serie noch nicht gesehen hat und das eventuell nachholen möchte – was ich übrigens nur empfehlen kann.

Nicht den Anschluss verlieren

Nein, mir geht es heute um das Thema Anschlüsse – Anschlüsse, wie man sie in Serien nun einmal herstellen muss. Gerade dann, wenn es sich um mehrere Staffeln handelt.

„Jericho“ ist in zwei Staffeln produziert worden, von denen die erste 22 Folgen umfasst und die zweite gerade einmal noch 7 weitere. Eigentlich war die Serie schon nach der ersten Staffel abgesetzt, weil die Zuschauerzahlen stetig nach unten gegangen waren. In einer spektakulären Fanaktion, wie sie in den Vereinigten Staaten häufiger mal vorkommen, wurde den serienverantwortlichen Stellen bei der CBS dann doch noch eine zweite, wenn auch vorerst kurze, Staffel abgerungen.

Und meiner Meinung nach hat man in diesem Zuge so viel falsch gemacht, wie man nur falsch machen konnte (leichte Spoiler voraus, weil es ganz ohne eben doch nicht geht). Wer diese vermeiden möchte, steigt einfach nach der zweiten Linie wieder ein.


„Jericho“ – und was es alles falsch gemacht hat

Die erste Staffel endet damit, dass Jericho durch die Nachbarschaft New Bern angegriffen wird. Die beiden Parteien treffen sich auf dem Schlachtfeld. Gleichzeitig weiß der Zuschauer, dass eine Einheit des US-Militärs auf dem Weg ist, um diesen Kampf zu verhindern. Die letzte Einstellung zeigt, wie Jake Green, dessen Vater gerade gestorben ist, das Feuer eröffnet. Während des Abspanns hört man massives Gewehrfeuer.

Ich hatte nun gegenüber dem ursprünglichen Zuschauer den enormen Vorteil, dass ich direkt mit der zweiten Staffel weitermachen konnte. Ich brannte darauf zu sehen, wie der Kampf vonstatten ging, wie das Militär eingreifen, was genau passieren würde.

Und Mann – wurde ich enttäuscht!

Die Handlung setzt einige Zeit, ich würde mal sagen, mindestens einige Stunden, nach dem Kampf wieder ein. Jake Green betritt das Farmhaus, in dem sein Dad aufgebahrt war, und trifft dort auf den Sheriff von New Bern, der den Angriff geleitet hat. Ein Army-Major erklärt den Konflikt für offiziell beigelegt. Eine Tatsache, die Jake nicht auf sich beruhen lassen will.

Diese erste Folge der zweiten Staffel ist auf so viele Weisen falsch und fühlt sich verkehrt an, dass es gar nicht so leicht zusammenzufassen ist. Fangen wir mit den Anschlussfehlern an: ich denke, dass der Darsteller von Jakes Vater nicht mehr für Dreharbeiten zur Verfügung stand, deswegen verschwindet die Leiche einfach auf Nimmerwiedersehen. Genauso übrigens wie Jakes Mutter, vermutlich aus den gleichen Gründen.

Aber die beiden „alten“ Greens sind nicht die einzigen Personen, die plötzlich verschwunden sind. Da ist auch Mary Bailey, deren verbotene Romanze mit Eric große Teile des Handlungshintergrunds in Staffel 1 ausgemacht hat. Da sind die Kinder von Robert Hawkins, die beide bis zur Halbzeit der zweiten Staffel nicht aufgetaucht sind, wobei ihre Mutter nun permanent alleine zu sehen ist.

Jake und sein Bruder Eric werden in dieser ersten Folge als rachsüchtige Cowboys auf ihrer privaten Vendetta gezeigt, was insbesondere der Zeichnung von Eric bis jetzt absolut widerspricht. Doch auch Jake verhält sich ganz anders, als wir ihn kennengelernt haben und es wird bis in die dritte Episode der zweiten Staffel hinein dauern, bis er wieder anfängt, sich bekannt anzufühlen.

Und das große Finale der ersten Staffel? Wird in Form von schlechten Grafikeffekten kurz aufgegriffen, wobei ich bis jetzt nicht weiß, ob die zu sehenden Kampfjets jetzt wirklich die Angreifer aus New Bern mit Brandbomben in die Luft gejagt haben, oder ob ich da etwas falsch interpretiere.


Der Anschluss ist immer eine Frage des Gefühls

Das Hauptproblem ist allerdings, dass sich die Serie in der zweiten Staffel vollkommen anders anfühlt. War es in der ersten Staffel noch ein Kampf um das nackte Überleben der Stadt gegen Hunger, Kälte, Krankheit, so verkommt sie jetzt mehr und mehr zu einer Serie, in der es sich um eine Verschwörungstheorie dreht. Diese nahm zwar in Staffel eins ihren Anfang, allerdings nicht so raumgreifend wie hier.

Man könnte sagen, dass sich der Fokus verschoben hat und damit auch die Glaubwürdigkeit. Alles, was in Staffel eins in Jericho passierte, passierte dort zwangsläufig. Was nun dort passiert, ist zu einem gewissen Teil beliebig. Es werden Szenarien durchgespielt, die (mit Ausnahme des aus Staffel 1 mitgeführten Geheimnisses), auch in jeder anderen amerikanischen Stadt stattfinden könnten. Da sind Auftritte wie die des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten, der – natürlich – ausgerechnet nach Jericho kommt, eher unglaubwürdig und schädlich für die Handlung, als dass sie sie weiterführen.

Ich finde, dass sich daraus ganz allgemein etwas für Anschlüsse lernen lässt, was auch bei Romanserien von Wichtigkeit ist: Man muss den Leser da wieder abholen, wo man ihn am Ende des Vorgängers zurückgelassen hat. Der Leser hat Erwartungen, die er an die neue Geschichte stellt. Er erwartet, bekannten Figuren wieder zu begegnen, die dann aber bitte auch wie Bekannte agieren. Und wenn sie es nicht (mehr) tun, dann will er, zurecht, eine plausible Erklärung dafür lesen.

Man kann versuchen, dem Leser einfach zu sagen, dass Figur XY sich auf diese und jene Weise verändert hat, weil es eben so ist. Aber das ist nicht glaubwürdig und Unglaube ist das Schlimmste, was eine Geschichte betreffen kann. Andererseits ist es natürlich legitim, auch Weiterentwicklungen zu zeigen. Aber sie müssen fließend geschehen, nicht mit der Brechstange eingeführt werden.

Dasselbe gilt, natürlich, auch für das gesamte Setting der Geschichte. Wenn mein erster Roman an einer Schule für Zauberer gespielt hat, dann kann ich nicht im zweiten Roman auf einmal, wie selbstverständlich, eine angeschlossene Hexenakademie aus dem (vielleicht sogar sprechenden) Hut zaubern und so tun, als sei die immer schon da gewesen, nur weil Hexen sich gerade gut verkaufen.

Vorteile und Herausforderungen für den Autor

Nun hat der Autor allerdings gegenüber dem Drehbuchschreiber den Vorteil, dass er weder auf ein Budget zu achten hat, noch dass ihm einige Figuren wegen ausgeschiedener Schauspieler nicht mehr zur Verfügung stehen. Dieses Vorteils sollte man sich bewusst sein, wenn man Serien oder Reihen schreibt. Denn ich denke, dass der Erfolg von Buchreihen ganz ähnlich dessen ist, der Fernsehserien populär werden lässt: man will in eine Welt abtauchen, die in sich konsistent ist, die man sich erarbeiten und in die man mit jedem neuen Band wieder hineinschlüpfen kann – nur größer, besser und spannender.

Wie ist die Sache nun im Falle „Jericho“ ausgegangen? Ich fürchte, wie es zu erwarten war: Die Einschaltquoten sanken auch während der zweiten Staffel drastisch weiter und führten somit zu einer endgültigen Absetzung nach insgesamt nur 29 Folgen. Ich habe die letzte Folge noch nicht gesehen und kann mich daher nur darauf verlassen, dass das Ende nicht ganz so offen und dramatisch ausfällt, wie es nach der ersten Staffel der Fall gewesen wäre. Aber eins weiß ich jetzt schon: es werden entweder Fragen offen bleiben müssen, oder die Brechstange kommt zum Einsatz. Anders wird es in der Kürze der Zeit nicht gehen.

Es erfordert Arbeit, Umsicht und Übersicht, wenn man mit seinen Romanen ein Universum für den Leser schaffen möchte, in das er sich gerne auch ein zweites, drittes oder viertes Mal begibt. Und es lohnt sich zwingend, auf den richtigen Anschluss zu achten. Der Leser ist eher noch sensibler, als es die Zuschauer von Fernsehserien sind – und er vergibt nicht so schnell. Eine abgesetzte Fernsehserie ist ärgerlich für alle Beteiligten, aber sie verbrennt im Normalfall weder den Regisseur, noch die Schauspieler, noch den Drehbuchautor.

Im Fall eines Romanautors ist man all dies zusammen – und trägt auch das ganze Risiko. Dessen muss man sich bewusst sein und die Herausforderung annehmen!