Ein Elfmeter nach dem anderen

So, seit gestern ist die Fußballeuropameisterschaft für das deutsche Team offiziell Geschichte. Die Helden sind am Ende ihrer Heldenreise angekommen, der Feind hat gesiegt, man wird, sich die Wunden leckend, nach Hause fahren und dann doch irgendwann, nach dem Ende einer gewissen Rekonvaleszenz wieder aufstehen und die Sache von Neuem in Angriff nehmen.

Das Ende der EM bedeutet für mich aber auch, dass ich endlich wieder Fußballvergleiche ziehen kann, ohne mich in Gefahr zu begeben, ebenso wie Mehmet Scholl oder Oliver Kahn mit Häme bezüglich meiner Kommentare überzogen zu werden. Auch, wenn ich schon aus Gründen der Ehrlichkeit nicht verhehlen möchte, vielleicht auch manchmal an Gehirnschluckauf zu leiden ;-).

Lasst uns heute einmal auf das Elfmeterschießen schauen. Ein Vorgang, mit dem die deutsche Mannschaft ja nun eifrige Erfahrungen während des Turniers sammeln konnte. Ich denke da nicht nur an das Drama gegen die Italiener, sondern auch schon an die gegebenen Strafstöße, welche „Die Mannschaft“ vorher und nachher für oder gegen sich kassiert hat. So leitete ja auch ein verwandelter Strafstoß der Franzosen die gestrige Niederlage ein.

Ein Elfmeter ist im Fußball immer eine Frage von „alles oder nichts“. Es treten zwei Personen gegeneinander an: Eine, die unbedingt das Tor treffen will und eine, die das auf jeden Fall verhindern muss. Im Sinne des Vergleichs könnte man auch sagen, dass sie der Protagonist und der Antagonist einer ganz speziellen, auf Spannung zugeschnittenen Szene sind.

Diese Szenen sind wichtig für eine Romanhandlung ebenso, wie sie es für ein Fußballspiel sind. Denn im größten Teil des Handlungsverlaufs verlieren sich die Beteiligten in einem großen Ensemble einerseits und in einem großen Zeitstrahl andererseits. Ein Spiel dauert, das wusste schon Sepp Herberger, 90 Minuten und ein Roman dauert irgendwas zwischen 200 Seiten und Ende offen. Und auch, wenn der Vergleich vielleicht an den Haaren herbeigezogen erscheint, so haben diese beiden Dinge doch mehr gemeinsam, als man zunächst glauben sollte.

Zuerst einmal ist es wichtig, dass sich sowohl der Fußballer, als auch der Autor seine Energie einteilt. Ein Spieler kann nicht das ganze Spiel hinweg von der eigenen Grundlinie bis zu der des Gegners rennen. Mal ganz davon abgesehen, dass es ein komisches Spiel würde, wenn alle 22 Mann das so machen würden. Er braucht auch Ruhephasen. Das kann man schön beobachten, wenn ein Spieler nach einem Sprint erst einmal ganz langsam wieder anläuft. Er hält mit seinen Kräften haus, passt auf, sich nicht zu sehr zu verausgaben.

Ein Romanautor sollte seinen Figuren dieselbe Behandlung angedeihen lassen. Sicherlich ist es in einem Roman weniger schwierig, eine Actionszene an die nächste Actionszene zu reihen. Was man allerdings bedenken sollte ist, dass das für den Leser schnell unglaubwürdig wird – es sei denn, man schreibt das Äquivalent zu einem 80er-Jahre-Actionfilm. Und wir wissen alle, wie glaubwürdig die waren!

Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass das Ensemble sowohl einer Fußballmannschaft als auch eines Romans nicht ausnahmslos aus Personen bestehen kann, die sich für den Leitwolf halten. Es gibt immer und muss immer geben ein paar herausragende Akteure, zum Beispiel den Kapitän einerseits und den Protagonisten andererseits. Aber beide können ihren Job nur dann halbwegs erfolgversprechend machen, wenn sie ihrerseits auch wieder die Zuarbeiter haben – das sind die, die man im Sport als mannschaftsdienlich bezeichnen würde.

Aber noch eines lehrt uns das Elfmeterschießen: Helden können ganz schnell auch zu tragischen Helden werden. Wer erinnert sich nicht an die Qualen eines Thomas Müller, als er (nicht einmal, wie einige Kommentatoren süffisant bemerkten) seinen Elfmeter nicht im Gehäuse von Buffon unterbringen konnte? Oder man denke an den vorher hart und akribisch arbeitenden Bastian Schweinsteiger, der dann, in einem kurzen Blackout, den vorentscheidenden Handelfmeter im Halbfinale gegen sein Team verursacht hat.

Solche Missgeschicke und Fehler machen Heroen menschlich. Sowohl im Sport, als auch in der Fiktion. James Bond wäre nicht James Bond, wenn er nicht immer mal wieder auf die falsche Frau hereinfallen würde. Rocky wäre nicht Rocky, wenn er nicht immer mal wieder mächtig auf die Nase gehauen bekäme. Und „die Mannschaft“ wäre nicht „die Mannschaft“, wenn sie nicht auch aus den bitteren Momenten dieser EM die Lehren ziehen und dann, vielleicht mit leicht verändertem Personal, wieder weitermachen würde.

In einer Fortsetzung. Und vielleicht mit neuen Highlights vom Elfmeterpunkt aus. Es ist die Sache des Dramaturgen, dafür zu sorgen, dass diese Highlights sich passend in den Spielverlauf einpassen. Im Sport ist hierfür der Fußballgott zuständig. Und in der Literatur der Autor.

Ich überlasse euch die Entscheidung, an wen von beiden ihr mehr glauben wollt ;-).

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4 Gedanken zu “Ein Elfmeter nach dem anderen

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